{"id":10331,"date":"2005-02-07T19:49:15","date_gmt":"2005-02-07T18:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10331"},"modified":"2025-05-14T09:26:34","modified_gmt":"2025-05-14T07:26:34","slug":"joel-212-18-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/joel-212-18-2\/","title":{"rendered":"Joel 2,12-18"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Aschermittwoch | 9. Februar 2005 | Joel 2,12-18 | Christian-Erdmann Schott |<\/span><\/b><\/h3>\n<p><em>12 Der Herr spricht auch jetzt: Bekehret euch zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen!<br \/>\n<\/em><em>13 Zerrei\u00dfet eure Herzen und nicht eure Kleider, und bekehrt euch zu dem Herrn, euerm Gott! Denn er ist gn\u00e4dig, barmherzig, geduldig und von gro\u00dfer G\u00fcte, und ihn reut bald der Strafe.<br \/>\n<\/em><em>14 Wer wei\u00df, es mag ihn wiederum gereuen und er mag einen Segen hinter sich lassen, zu opfern Speisopfer und Trankopfer dem Herrn, euerm Gott.<br \/>\n<\/em><em>15 Blaset mit Posaunen zu Zion, heiligt ein Fasten, ruft die Gemeinde zusammen!<br \/>\n<\/em><em>16 Versammelt das Volk, heiliget die Gemeinde, sammelt die \u00c4ltesten, bringet zuhauf die jungen Kinder und die S\u00e4uglinge! Der Br\u00e4utigam gehe aus seiner Kammer und die Braut aus ihrem Gemach.<br \/>\n<\/em><em>17 Lasst die Priester, des Herrn Diener, weinen zwischen Halle und Altar und sagen: Herr, schone deines Volks und lass dein Erbteil nicht zu Schanden werden, dass Heiden \u00fcber sie herrschen! Warum willst du lassen unter den V\u00f6lkern sagen: Wo ist nun euer Gott?<br \/>\n<\/em><em>18 So wird denn der Herr um sein Land eifern und sein Volk verschonen. <\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, in der alten Fastnachtshochburg Mainz bedeutet der Aschermittwoch noch immer einen deutlich erkennbaren Einschnitt. W\u00e4hrend in den vier Tagen davor \u2013 Fastnachtssamstag, -Sonntag, Rosenmontag und Fastnachtsdienstag \u2013 das n\u00e4rrische Treiben das gesamte \u00f6ffentliche Leben lahm legt, Schulen und Gesch\u00e4fte geschlossen bleiben, ist mit dem Aschermittwoch alles vorbei. In den Fr\u00fchmessen der katholischen Kirche erhalten die Gl\u00e4ubigen zum Zeichen des Beginns der Fastenzeit das traditionelle Aschenkreuz auf die Stirn und am Rhein wird die Fastnacht symbolisch beerdigt: Junge M\u00e4nner versammeln sich in den fr\u00fchen Morgenstunden in schwarzen Anz\u00fcgen oder Gehr\u00f6cken, auf dem Kopf einen schwarzen Zylinder, um einen mit Steinen beschwerten Sarg in den Fluten des Rheins zu versenken.<\/p>\n<p>Nach diesen Zeremonien ist es streng verp\u00f6nt, weiterhin \u201eHelau\u201c zu rufen, sich zu verkleiden, Fastnachtslieder zu singen oder zu Fastnachtsveranstaltungen einzuladen. \u201eDie Fassenacht ist um, des sind wir froh \u2013 die Narren sind jetzt im B\u00fcro\u201c hie\u00df es vor einigen Jahren nicht ohne Hintersinn in der \u201eAllgemeinen Zeitung\u201c von Mainz.<\/p>\n<p>Heute werden diese und \u00e4hnliche Traditionen immer mehr in die Vor\u00f6ffentlichkeit abgedr\u00e4ngt. In den meinungsbildenden Medien, vor allem Presse, Funk, Fernsehen, hat der Aschermittwoch als Beginn der Fastenzeit\/Passionszeit nicht mehr die Bedeutung eines Einschnittes. Entertainer und Spa\u00dfmacher treten nachher wie vorher auf. Die Passionszeit ist auf die drei Tage von Gr\u00fcndonnerstag bis Ostersamstag zusammengeschmolzen. Etwas anderes m\u00f6chten die Programmmacher der Spa\u00dfgesellschaft, die so von ihnen freilich auch erzeugt wird, nicht mehr zumuten.<\/p>\n<p>In dieser Situation kann die Besinnung auf den Predigtabschnitt aus dem Propheten Joel hilfreich sein. Dazu muss man freilich wissen: Joel, Sohn des Petuel, \u00fcber den sonst nichts bekannt ist, lebte in der ersten H\u00e4lfte des vierten Jahrhunderts vor Christus. Zusammen mit seinen Volksgenossen litt er unter einer sehr schlimmen Heuschreckenplage, die das Land verw\u00fcstete, die Grundlagen des Lebens von Tieren (Wasser und Weiden f\u00fcr die Herden) und Menschen zerst\u00f6rte. Joel sah in dieser Plage eine Strafe Gottes. Damit Gott inneh\u00e4lt, sich erbarmt und das Volk nicht v\u00f6llig der Vernichtung preisgibt, ruft er zu einer radikalen Bekehrung auf. \u2013 vielleicht wird Gott daraufhin gegen die Plagen \u201eeifern und sein Volk verschonen\u201c (V.18).<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist nun, dass der Prophet diese Bekehrung in zwei Richtungen wirksam werden lassen m\u00f6chte: Einmal auf der traditionell-institutionellen Ebene. Mit Posaunen soll ein allgemeines Fasten ausgerufen werden; die Gemeinde, auch Alte, Kinder, ja S\u00e4uglinge sollen zusammen kommen; die Priester sollen Klagepsalmen und Bittgebete anstimmen; es soll ein \u00f6ffentlicher Bu\u00df- und Bettag stattfinden.<\/p>\n<p>Zum anderen soll sich aber auch jeder einzelne \u201evon ganzem Herzen\u201c (V. 12) zu Gott bekehren und nicht nur im Rahmen der offiziellen Ma\u00dfnahmen und Institutionen (Tempel, Priester, Gottesdienst, Totenklage, Fasten) seine innere Abkehr vom B\u00f6sen und die Hinwendung zu Gott vollziehen: \u201eZerrei\u00dfet eure Herzen und nicht (nur) eure Kleider\u201c (V. 13). Das eine nicht ohne das andere. Die allgemeine und die pers\u00f6nliche, die institutionelle und die individuelle Bekehrung werden nicht gegeneinander ausgespielt. Sie werden zusammen gesehen, sich gegenseitig st\u00fctzend und erg\u00e4nzend.<\/p>\n<p>Hier ist aber auch der Punkt, an dem Joel f\u00fcr uns hilfreich sein kann: Dem Abdr\u00e4ngen der kirchlich begangenen Passionszeit mit ihrem Gedenken an das Leiden und Sterben Jesu Christi aus dem \u00f6ffentlichen Bewusstsein zugunsten einer zunehmenden Banalisierung und Ver\u00f6dung des geistig-geistlichen Lebens k\u00f6nnen wir nicht nur mit einer privat-pers\u00f6nlich-individuellen Haltung im Stillen und im Herzen, aber auch nicht ausschlie\u00dflich mit institutionellen Angeboten (Gottesdiensten, Andachten) begegnen. Vielmehr werden wir beides glaubhaft miteinander verbinden m\u00fcssen \u2013 im Sinn einer Neuentdeckung und der verinnerlichten (Wieder-)\u00dcbernahme guter Traditionen aus unseren Kirchen.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte etwa bedeuten, dass wir \u2013 warum nicht auch durch die Medien? \u2013 aufmerksam machen auf Fastenaktionen wie \u201eSieben Wochen ohne Alkohol, ohne Zigaretten, ohne Fernsehen usw.\u201c Besser noch \u201eSieben Wochen mit Gottesdienst (Kirchgang), mit Blick auf den kranken Nachbarn, mit Gebet\u201c. Vor allem aber \u201eSieben Wochen mit Blick auf das, was uns das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus zu sagen hat\u201c f\u00fcr unser Leben und f\u00fcr das Sterben. Gerade die Vertiefung in das Wort und die geistlichen Gaben Gottes k\u00f6nnen uns im Glauben gewisser und zuversichtlicher machen.<\/p>\n<p>Dazu rechne ich auch die gute protestantische Tradition des Auswendiglernens von Gesangbuchversen, Psalmen, Bibelworten oder Abschnitten aus dem Katechismus. Diese Gepflogenheit ist jahrzehntelang als unmodern ver\u00e4chtlich gemacht worden und schlie\u00dflich fast ausgestorben. Wenn man, auch als Erwachsener, etwas <em>in<\/em>wendig besitzen will, um es stets abrufbar bei sich zu haben, dann sollte man es <em>aus<\/em>wendig k\u00f6nnen. Das trainiert den Geist und den Glauben und st\u00e4rkt au\u00dferdem die Konzentrationsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Die Heuschreckenplage, mit der Joel zu tun hatte, ist irgendwann einmal dann auch an ein Ende gekommen. Das Leben hat sich wieder normalisiert. Aber der Hinweis auf die Bewahrung, die Gnade und den Segen, den wir Menschen aller Notzeiten durch die Wiederbelebung und pers\u00f6nliche Aneignung frommer Traditionen, durch institutionelle und individuelle Hinwendung zu Gott erfahren k\u00f6nnen, bleibt eine hilfreiche Mahnung auch f\u00fcr uns. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer em. Dr. Christian-Erdmann Schott<br \/>\nElsa-Braendstroem-Stra\u00dfe 21<br \/>\n55124 Mainz-Gonsenheim<br \/>\nTel.: 06131-690488<br \/>\nFAX 06131-686319<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:ce.schott@surfeu.de\">ce.schott@surfeu.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aschermittwoch | 9. Februar 2005 | Joel 2,12-18 | Christian-Erdmann Schott | 12 Der Herr spricht auch jetzt: Bekehret euch zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen! 13 Zerrei\u00dfet eure Herzen und nicht eure Kleider, und bekehrt euch zu dem Herrn, euerm Gott! 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