{"id":10335,"date":"2005-02-07T19:49:18","date_gmt":"2005-02-07T18:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10335"},"modified":"2025-05-14T09:42:53","modified_gmt":"2025-05-14T07:42:53","slug":"genesis-3-1-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-3-1-19\/","title":{"rendered":"Genesis 3, 1-19"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Der S\u00fcndenfall oder: Die Erfindung der Freiheit | Invokavit | 13. Februar 2005 | Genesis 3, 1-19 |\u00a0Ulrich Braun |<\/h3>\n<p>Predigttext: Genesis 3, 1-19<\/p>\n<p><em>Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen B\u00e4umen im Garten? <\/em><\/p>\n<p><em>Da sprach das Weib: zu der Schlange: Wir essen von den Fr\u00fcchten der B\u00e4ume im Garten; aber von den Fr\u00fcchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, r\u00fchrte sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! <\/em><\/p>\n<p><em>Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott wei\u00df: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und b\u00f6se ist. <\/em><\/p>\n<p><em>Und das Weib sah, dass von dem Baum gut essen w\u00e4re und dass er eine Lust f\u00fcr die Augen w\u00e4re und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und a\u00df und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er a\u00df. <\/em><\/p>\n<p><em>Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenbl\u00e4tter zusammen und machten sich Schurze. Und sie h\u00f6rten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag k\u00fchl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes, des Herrn, unter den B\u00e4umen im Garten. <\/em><\/p>\n<p><em>Und Gott, der Herr, rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich h\u00f6rte dich im Garten und f\u00fcrchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? <\/em><\/p>\n<p><em>Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich a\u00df. Da sprach Gott, der Herr, zum Weibe: Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, dass ich a\u00df. <\/em><\/p>\n<p><em>Da sprach Gott, der Herr, zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, versto\u00dfen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. <\/em><\/p>\n<p><em>Und zum Weibe sprach er: Ich will dir M\u00fchsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter M\u00fchen sollst du Kinder geb\u00e4ren. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. <\/em><\/p>\n<p><em>Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen \u2013, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit M\u00fchsal sollst du dich von ihm n\u00e4hren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schwei\u00dfe deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. <\/em><\/p>\n<p><strong><em>Mythische Anfangsgr\u00fcnde <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es ist eine Geschichte aus den mythischen Anfangsgr\u00fcnden des Menschlichen. Und weil es mythische Anfangsgr\u00fcnde so an sich haben, vor, also au\u00dferhalb aller Zeit zu sein, sind sie allen Zeiten gleicherma\u00dfen gegenw\u00e4rtig. Anders und viel einfacher gesagt: Jeder von uns kennt diese Geschichte aus dem Garten Eden.. Und die meisten kennen sie so gut, weil wir sie selber erlebt haben \u2013 und zwar im Moment, da unsere Kindheit endete.<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlt von dem denkw\u00fcrdigen ersten Mal, wo ein Mensch sp\u00fcrt, etwas getan zu haben, das er nicht h\u00e4tte tun sollen. Sie erz\u00e4hlt von der Sehnsucht, etwas ungeschehen zu machen. Sie l\u00e4sst die Einsicht heraufd\u00e4mmern, dass genau das unm\u00f6glich ist, l\u00e4sst die Scham aufgl\u00fchen in dem Versuch, sich zu verkriechen und zu verbergen. Nicht ohne Humor entlarvt jene Erz\u00e4hlung aus der Gegenwart unserer mythischen Anfangsgr\u00fcnde dann die beliebtesten Ausfl\u00fcchte.<\/p>\n<p><strong><em>Verteidigungslinien <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Da es sich nun einmal nicht leugnen lasse; ja, er habe, gesteht unser aller Adam, von jener Frucht gegessen. Was ihm an sich und in der Sache ganz und gar fern gelegen habe. Und so habe er, was sich leicht denken l\u00e4sst, nat\u00fcrlich nicht aus eigenem Antriebe gehandelt.<\/p>\n<p>Wir wollen an dieser Stelle freundlich in Rechnung stellen, dass die Ausrede etwas holperig angelaufen sein d\u00fcrfte. So sehr diese Kunst dem Menschen angeboren zu sein scheint; hier \u00fcbt sich unser aller Adam zum aller ersten Mal darin. Normale Menschen und Juristen werden Jahrtausende brauchen, diese Kunst zu verfeinern. Unser aller Adam muss \u2013 dabei noch weitgehend seinem Instinkte folgend \u2013 hier die ersten Schneisen schlagen.<\/p>\n<p>Das Wichtigste ist einmal festgestellt: er hat nat\u00fcrlich nicht aus eigenem Antrieb gehandelt. Im zweiten Schritt gilt es, diejenigen Kr\u00e4fte geltend zu machen, die ihn so gezwungen haben. Ja, gezwungen. Gezwungen ist gut. Das Wort bringt schon mal einen Sicherheitsabstand zwischen ihn und die b\u00f6se Tat. Als echter T\u00e4ter w\u00fcrde er gar nicht mehr in Betracht kommen, wenn er nur solchen Zwang \u00fcberzeugend genug darstellen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Also weiter: Einen Befehlsnotstand wolle er den Sachverhalt in Anbetracht der Umst\u00e4nde nicht nennen. Auch habe im Falle einer Weigerung, zu der er sich unter normalen Bedingungen gewiss aufgerafft h\u00e4tte, gerade keine unmittelbare Gefahr f\u00fcr Leib und Leben bestanden. Aber darauf sei auf das Nachdr\u00fccklichste hingewiesen, dass er, dem ein solcher Frevel im Wesensgrunde fremd sei, allein durch \u00dcberrumpelung f\u00fcr winzige Augenblicke seiner inneren Widerstandkraft beraubt gewesen sein muss.<\/p>\n<p>Das ist noch besser, aber noch zu umst\u00e4ndlich. Jetzt muss er z\u00fcgig zur Pointe seines Pl\u00e4doyers fortschreiten, muss die Sache auf den Punkt bringen. Also kurz und gut: er sei verf\u00fchrt worden. Ach, das Wort schickt der Himmel. Das w\u00fcrde er sich merken m\u00fcssen. Das k\u00f6nnte ihm in Zukunft noch \u00fcberaus gute Dienste erweisen. Verf\u00fchrung. Der rettende Gedanke. Das Weib habe ihm, die Frucht gereicht und dann habe er eben \u2026 Na gut, die Rolle, in die er sich da hinein man\u00f6vriert, ist auch nicht sehr vorteilhaft, aber dies ist nicht der Moment, kleinlich zu sein.<\/p>\n<p>Der Gedanke ist so famos, dass im \u00dcberschwang sogar noch Zeit f\u00fcr eine kleine Unversch\u00e4mtheit am Rande bleibt. Schlie\u00dflich, so erlaubt sich unser aller Adam am Rande zu bemerken, habe er sich dies Weib, durch dessen Bezirzung es zu jenem dummen und bedauerlichen Vorfall gekommen sei, nicht einmal selbst ausgesucht. Sie sei ihm schlie\u00dflich, ohne dass er \u00fcberhaupt gefragt worden sei, einfach so zugesellt worden. Er wolle da nicht deutlicher werden, aber schlie\u00dflich m\u00fcsse Gott der Her sich auch selber nach seiner Verantwortung fragen. Aber zur\u00fcck zur Hauptlinie seiner Verteidigung. Die hei\u00dft: Pl\u00e4doyer auf deutlich geminderte Schuld, da er ja verf\u00fchrt worden sei.<\/p>\n<p>Die Linie ist ebenso plump wie genial. In jedem Falle scheint sie zu funktionieren. Gott, der Herr, l\u00e4sst von Adam ab und wendet sich an die von ihm Beschuldigte. \u201eWarum hast du das getan?\u201c, fragt er. Nun, muss sich Eva gedacht haben, was Adam recht war, wird mir billig sein, und was einmal funktioniert hat, kann auch ein zweites Mal seinen Zweck erf\u00fcllen. Auch ich habe nat\u00fcrlich nicht aus freien St\u00fccken, aus \u00dcbermut oder sonst wie niederen Motiven gehandelt.<\/p>\n<p>An zwei Merkmalen wird uns an dieser Stelle noch einmal vor Augen gef\u00fchrt, wie tief uns die Geschichte in die mythischen Anfangsgr\u00fcnde hinabtauchen l\u00e4sst. Erstens wird Eva ihren Namen streng genommen erst am Ende der Geschichte bekommen. \u201eHauch\u201c bedeutet er \u00fcbersetzt. Lebenshauch. Adam, der Mensch, und Eva, der Hauch, der Lebenshauch oder auch: die lebendige Seele. Ein an sich sch\u00f6nes Paar. Und es d\u00fcrfte in dem Lebenshauch der Eva auch etwas von dem Aufatmen liegen, das Adam und sie dar\u00fcber empfunden haben m\u00fcssten, dass Gott ihnen ihre Entschuldigungen und Ausreden nicht samt und sonders um die Ohren gehauen hat.<\/p>\n<p>Besonders bei Eva kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, sie habe doch auch von einigem Gl\u00fcck sagen k\u00f6nnen. Bei ihr bekommt die Verteidigungsstrategie mit der Verf\u00fchrungshypothese etwas Halsbrecherisches. Auch f\u00fcr sie gelte im Prinzip das vom Vorredner Gesagte, wird sie behaupten, nur eben, dass ihr von der Schlange eingefl\u00fcstert worden sei, so \u00fcberzeugend, ja so zwingend, wie es eben nur Schlangen fertig br\u00e4chten.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist jedenfalls, dass Gott, der Herr, die Sache mit der Schlange nicht so sonderbar zu finden scheint, wie sie uns jetzt vorkommen muss. An den mythischen Anfangsgr\u00fcnden von unser aller Seelengeschichte ist eben allerlei m\u00f6glich. Immerhin werden die Dinge in der Folge solcherma\u00dfen geordnet, dass der Schlange eine durchaus unerfreuliche Rolle in der Sch\u00f6pfung zugewiesen wird.<\/p>\n<p>Adam und Eva werden dagegen nicht verflucht. Sie werden mit den M\u00fchsalen, Schmerzen und Grenzen des Lebens vertraut gemacht. Dar\u00fcber hinaus wird es ihre Aufgabe sein, unter den neu entdeckten und bisweilen eben schmerzhaften Bedingungen der Freiheit ihren Garten zu bestellen. Auch das ist unser aller Geschichte und Erfahrung.<\/p>\n<p><strong><em>Anfang vom Ende der Kindheit <\/em><\/strong><\/p>\n<p>In unseren eigenen Geschichten vom Ende der Kindheit geht es dann etwas seichter zu \u2013 in meiner jedenfalls. Sie handelt von der Zerst\u00f6rung eines Vogelh\u00e4uschens. Das ist zugegebenerma\u00dfen an sich noch kein Kapitalverbrechen. Gleiches gilt allerdings auch f\u00fcr das Entwenden und Verspeisen bestimmter Fr\u00fcchte.<\/p>\n<p>Jenes Vogelh\u00e4uschen also befand sich auf der gemauerten Einfassung unserer Terrasse. Man stieg ein paar Stufen hoch, und vorn auf dem M\u00e4uerchen stand es. An manchen Wintertagen hatte ich von meinem Kinderzimmer aus die Meisen und Spatzen darin beobachtet. Dieses Vogelh\u00e4uschen also haben ein Freund und ich von jenem Mauersims hinunter auf den Rasen gesto\u00dfen. Es war aus Borkenst\u00fcckchen gearbeitet und wies einige Flexibilit\u00e4t auf. Es ging nicht sofort kaputt.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte nicht einmal sagen, ob dieser erste Sturz des Vogelh\u00e4uschens vors\u00e4tzlich herbeigef\u00fchrt wurde, oder ob es einem von versehentlich abgest\u00fcrzt war. Sicher wei\u00df ich nur, dass wir die Stufen hinunter liefen, das Vogelh\u00e4uschen aus dem feuchten Gras klaubten, um es wieder und wieder hinunter zu sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich aber noch sehr genau an den Moment des Erwachens, in dem mir der Schaden bewusst wurde \u2013 nicht nur der Schaden an dem Vogelh\u00e4uschen. Mein Vater hatte das Vogelh\u00e4uschen selbst gebaut \u2013 aus Borkenst\u00fcckchen, weil ihn Kiefernborke immer an die Seen und W\u00e4lder in seiner masurischen Heimat erinnerte. Und wir hatten es nun kaputt gemacht. Mutwillig.<\/p>\n<p>Wir, das waren Dirk Schliephake, der Sohn des Schuhmachermeisters im Dorf, und ich. Dirk Schliephake war ein Jahr \u00e4lter als ich, damals vielleicht acht, ich wohl sieben Jahre alt. Er hat sp\u00e4ter \u00fcbrigens auch Theologie studiert und ist Pastor geworden. Ob das irgendwie mit unserem S\u00fcndenfall zu tun hatte, wei\u00df ich nicht. Wir haben uns aus den Augen verloren. Vielleicht erz\u00e4hlt er die Geschichte aber auch gelegentlich von einer Kanzel.<\/p>\n<p>Nach dem Moment des Erwachens habe ich eine Weile von meinem Kinderzimmerfenster aus das kaputte Vogelh\u00e4uschen betrachtet. Lange habe ich es nicht ausgehalten. Nicht nur, dass kein Vogel so lebensm\u00fcde war, in der Ruine nach K\u00f6rnern zu suchen. Ich wusste vor allem, dass mein Vater mich fragen w\u00fcrde, was passiert ist und wie. Vielleicht w\u00fcrde er sogar fragen, warum ich das getan habe. Und ich w\u00fcrde splitterfasernackt vor dieser Frage stehen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich habe ich mir irgendeine Besch\u00e4ftigung gesucht, in die ich, als mein Vater heimkam, vorgab, unheimlich vertieft zu sein. Er hatte den Weg \u00fcber die Terrasse genommen. Als er nach dem Vogelh\u00e4uschen fragte, tat ich erst ahnungslos, dann \u00fcberrascht, dann wieder ahnungslos. Dann werde ich wohl erz\u00e4hlt haben, es sei uns versehentlich heruntergefallen, Dirk mehr als mir, also \u00fcberhaupt nat\u00fcrlich Dirk. Ich h\u00e4tte dagegen noch versucht \u2026<\/p>\n<p>Na ja, mir werden schon ein paar Entlastungsgr\u00fcnde eingefallen sein. Das ist dem Menschen wohl mehr oder weniger angeboren. Und je mehr wir wissen, dass die mildernden Umst\u00e4nde alle nicht wahr sind, desto mehr fallen uns ein.<\/p>\n<p>An meine Entlastungsgr\u00fcnde kann ich mich gottlob nicht mehr im Einzelnen erinnern. Sie werden nicht sehr viel \u00fcberzeugender gewesen sein, als die von Adam, und nicht sehr viel weniger absurd als die von Eva. Aber darauf war es ja schon an den mythischen Anfangsgr\u00fcnden unserer Geschichten offenbar gar nicht so sehr angekommen.<\/p>\n<p>Wenn wir mit unserem Adam gemeinsam nach mildernden Umst\u00e4nden suchen und damit gegebenenfalls scheitern, haben wir so ganz nebenbei doch auch etwas geleistet: wir haben ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Freiheit entwickelt. Daf\u00fcr n\u00e4mlich, dass der Mensch grunds\u00e4tzlich f\u00fcr das, was er tut verantwortlich ist \u2013 au\u00dfer eben, wenn sehr starke Gr\u00fcnde uns von dieser Verantwortung entlasten: jegliche Form von \u00e4u\u00dferem Zwang, Notwehr, Unwissen \u00fcber ein Verbot, zeitweilige Unzurechnungsf\u00e4higkeit, Schuldunf\u00e4higkeit aufgrund Gott wei\u00df welcher Bedingungen, Verf\u00fchrung und so weiter. Juristen und wir ganz normalen Menschen haben unendliche Sorgfalt auf die Verfeinerung dieser Faktoren von Schuldentlastung verwendet. Aber alle unsere Bem\u00fchungen beginnen mit dem Moment des Erwachens und des Bewusstseins, dass wir im Grundsatz frei und folglich f\u00fcr unsere Taten verantwortlich sind.<\/p>\n<p><strong><em>Die Moral von der Geschicht <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Moral von der Geschichte aus den mythischen Anfangsgr\u00fcnden ist schnell erz\u00e4hlt. Manchmal vielleicht auch zu schnell. Dann klingt sie so, als w\u00fcrde der Mensch eben immerzu nur alles ruinieren, was Gott so sch\u00f6n angefangen hat. Das Wort vom S\u00fcndenfall steht daf\u00fcr, dass der Mensch wie unser aller Adam dazu neigt \u2013 oder geradezu dazu verdammt ist \u2013, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter das Konto seines Verm\u00f6gens und seines Zustehens zu \u00fcberziehen.<\/p>\n<p>Das ist wohl auch so. Aber die Geschichte von der verbotenen Frucht bel\u00e4sst es nicht bei dieser resignierenden Einsicht. Indem der Mensch mit seiner Seele auf die Suche nach Entschuldigungen und Ausreden gehen, entwickelt er einen Begriff der Freiheit: dass er grunds\u00e4tzlich f\u00fcr seine Taten verantwortlich ist, ist darin vorausgesetzt. Und dass es starke Gr\u00fcnde braucht, jemanden auch nur von ganz kleinen Teilen dieser Verantwortung zu entlasten, wird darin ersichtlich. Indem der Mensch mit seiner Seele nach Ausfl\u00fcchten sucht, ist er, ohne es recht zu wollen, innerlich erwachsen geworden und hat schmerzlich erfahren, was es hei\u00dft, gut und b\u00f6se unterscheiden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und noch etwas erz\u00e4hlt die Geschichte vom S\u00fcndenfall oder besser von den mythischen Anfangsgr\u00fcnden im Drama der Freiheit: dass das Leben, das sich in Schuld verstrickt, nicht vollends und auf immer verloren ist. Adam und Eva werden nicht ums Leben gebracht. Sie werden mit seinen M\u00fchsalen, Schmerzen und Grenzen vertraut gemacht. Aber es wird auch weiter ihre Aufgabe sein, ihren Garten zu bestellen.<\/p>\n<p>Die Liste der S\u00fcndenf\u00e4lle der Menschheit ist lang. Kreuzz\u00fcge und Inquisition sind nur zwei S\u00fcndenf\u00e4lle des Christentums. Die Entwicklung der Atombombe wird der S\u00fcndenfall der modernen Naturwissenschaft genannt. Der millionenfache Mord an den Juden ist gewiss der S\u00fcndenfall des deutschen Volkes. Die Bombardierung Dresdens tr\u00e4gt alle Z\u00fcge eines S\u00fcndenfalls der Alliierten im zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Die Geschichte von unseren mythischen Anfangsgr\u00fcnden erz\u00e4hlt aber nicht nur die Geschichte vom tiefen Fall des Menschen, der wie Gott sein will. Sie tr\u00e4gt auch die Verhei\u00dfung in sich, dass die Menschengeschichte damit nicht enden wird. Sie wird weitergehen. Mit dem Moment des Erwachens endet nicht nur der monstr\u00f6se Versuch, wie Gott zu sein. Es beginnt auch der Weg des Erwachsen-Werdens. Dabei gilt es die Momente des Erwachens auszuhalten. Auszuhalten, was es hei\u00dft, f\u00fcr seine Taten verantwortlich zu sein.. Und es gilt zu realisieren, was die Voraussetzung all dessen ist: das Geschenk der Freiheit.<\/p>\n<p>Jede und jeder kennt die Geschichte von der verbotenen Frucht aus dem Paradies. Und die meisten kennen sie deshalb so gut, weil wir sie selber erlebt haben \u2013 in dem Moment n\u00e4mlich, da unsere Kindheit endete. Mit dem Ende der Kindheit aber beginnt der Teil des Lebens, f\u00fcr den wir selbst verantwortlich sind.<\/p>\n<p>Ganz nebenbei, und ohne es wohl recht zu wollen, hat unser aller Adam eine kleine Theorie der Freiheit und der Verantwortung entworfen. Davon n\u00e4mlich, dass nur sehr ausnahmsweise sehr starke Gr\u00fcnde einen Menschen aus seiner Verantwortung entlassen k\u00f6nnen. Der n\u00e4chste Schritt ins Erwachsensein wird hei\u00dfen, Abschied von den falschen Ausreden zu nehmen und endlich seinen Garten zu bestellen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Ulrich Braun<br \/>\nPastor in G\u00f6ttingen-Nikolausberg<br \/>\neMail: <a href=\"mailto:ulrich.braun@nikolausberg.de\">ulrich.braun@nikolausberg.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der S\u00fcndenfall oder: Die Erfindung der Freiheit | Invokavit | 13. 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