{"id":10349,"date":"2005-02-07T19:49:22","date_gmt":"2005-02-07T18:49:22","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10349"},"modified":"2025-05-14T15:17:46","modified_gmt":"2025-05-14T13:17:46","slug":"matthaeus-1521-28-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1521-28-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 15,21-28"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Reminiszere | 20. Februar 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 15,21-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Kirsten B\u00f8ggild |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>DAS BEHARREN DES GLAUBENS<\/p>\n<p>\u201eWeib, dein Glaube ist gro\u00df!\u201c, sagte er. In diesem formelhaften Ausruf liegt eine ganze Welt: die Welt des Glaubens. Eine Welt mit einem gro\u00dfen Register von T\u00f6nen, Farben und Nuancen, Gef\u00fchlen, Worten und Taten. In der kurzen Erz\u00e4hlung von der kanaan\u00e4ischen Frau lernen wir die St\u00e4rke des Glaubens kennen. Wir folgen ihrer Bewegung von Ohnmacht zu Macht in ihrem schlie\u00dflichen Sieg. Und wir k\u00f6nnen, wenn wir wollen, uns selbst und unseren eigenen Glauben oder Mangel an Glauben in dieser Bewegung spiegeln.<\/p>\n<p>Die kanaan\u00e4ische Frau hat alle Chancen gegen sich. Ihre Tochter ist sehr krank und hilflos. Sie selbst ist eine Fremde und geh\u00f6rt zu den Ausgesto\u00dfenen und Verachteten im Verh\u00e4ltnis zu den Leuten und der Religion, zu denen Jesus und seine J\u00fcnger geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Es beginnt in Not und Ohnmacht. Der Schmerz einer Mutter, ihrem kranken Kind nicht helfen zu k\u00f6nnen. Eine Notsituation wie viele andere. Gemeinsam ist ihnen die Verzweiflung, nichts unternehmen zu k\u00f6nnen. Die Liebe, die will, dass der andere gl\u00fccklich ist \u2013 und dann kann sie nur zusehen, wie der andere leidet und Tag f\u00fcr Tag immer ungl\u00fccklicher wird. \u2013 Der Glaube entsteht merkw\u00fcrdigerweise in der Ohnmacht. Wir sollten meinen, er entst\u00fcnde als Reaktion auf etwas Wunderbares und Starkes. Das geschieht gewiss auch. Aber ebenso oft entsteht er als ein Notschrei, ein Ruf um Hilfe. Weil die Liebe nicht resigniert. Weil die Liebe am Ende nicht verzweifelt. Die Liebe gibt nie die Hoffnung auf. Und wenn alles hoffnungslos scheint, dann gibt es nichts anderes als zu glauben. Zu glauben gegen alle Widrigkeiten.<\/p>\n<p>Vielleicht wusste die Frau selbst kaum, was sie tat, als sie Jesus anrief und ihn um Barmherzigkeit bat. Getrieben von ihrer tiefen Verzweiflung ging sie spontan dorthin, wo Hoffnung auf Hilfe sein konnte. Hin zu dem Mann, den sie gesehen und geh\u00f6rt hatte und der besa\u00df, was sie n\u00f6tig hatte: die Macht zu helfen. Gro\u00dfe Selbst\u00fcberwindung war n\u00f6tig, denn das Wahrscheinlichste war doch, dass sie abgewiesen w\u00fcrde. Ich glaube nicht, dass sie lange \u00fcberlegt hat, ehe sie hinging. Ich glaube, sie lie\u00df sich von einer inneren Kraft zu ihm f\u00fchren, ohne dass sie sich dessen bewusst war. Sie hatte sich selbst und ihren Stolz vergessen, das Ungl\u00fcck ihrer Tochter erf\u00fcllte sie ganz und trieb sie vorw\u00e4rts. Ob sie gedem\u00fctigt und ausgescholten w\u00fcrde, das war ihr v\u00f6llig gleich. Was bedeutete das im Verh\u00e4ltnis zu dem, was sie vielleicht erreichen konnte, wenn sie all ihre Aufmerksamkeit auf den Mann richtete, der die Macht \u00fcber Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck besa\u00df? Was bedeutete es schon, dass sie sich in den Augen anderer dem\u00fctigte und sich in aller \u00d6ffentlichkeit der Gefahr aussetzte, abgewiesen zu werden? War das nicht total gleichg\u00fcltig \u2013 angesichts dessen, was sie wollte? Die Selbst\u00fcberwindung, die so n\u00f6tig schien, wurde ihr, glaube ich, kaum bewusst, so stark war der Drang in ihr, Hilfe zu bekommen, und ihr Glaube, dass sie Hilfe bekommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Aber es kam zu einer massiven Ablehnung. Schockierende Dem\u00fctigung. Zuerst begegnete man ihr mit Schweigen. Als ob sie gar nicht da w\u00e4re. Als ob sie Luft f\u00fcr ihn w\u00e4re. Als ob sie es nicht wert w\u00e4re, auch nur ein einziges Wort an sie zu richten. Eine Eisesk\u00e4lte war die Antwort auf ihren Hilferuf. Sie geh\u00f6rte ja nicht dazu. Ja, und als auch das sie nicht zum R\u00fcckzug bewegen konnte, bekam sie zu wissen, dass sie nicht besser sei als ein kleiner dummer Hund. Welch ein Spott! Welch eine Scham! Wie er sie in den Schmutz trat! Jesus erscheint hier als ein ungem\u00fctlich harter Mann \u2013 bei weitem nicht der weiche, gutherzige, umherwandernde Prophet, den wir uns so oft vorstellen. Aber in diesem Geschehnis entwickelt sich der Glaube der Frau. An die Stelle eines nahezu unbewussten Drangs, der sie in die Arme des g\u00f6ttlichen Mannes treibt, tritt allm\u00e4hlich ein bewusster Kampf gegen die v\u00f6llige Ablehnung und die Hoffnungslosigkeit, die daraus zu folgen pflegt. M\u00f6glicherweise ist die schreckliche Attitude, die Jesus an den Tag legt, eine bewusste Probe seinerseits. Eine Probe, wieviel ihr Glaube zu tragen vermag und zu welcher St\u00e4rke er sich entwickeln mag. Glaube w\u00e4chst durch Widerstand \u2013 war es das, was er mit ihr vorhatte? Und wenn sie nun schreiend fortgelaufen w\u00e4re und ihn weit weggew\u00fcnscht h\u00e4tte wegen seiner K\u00e4lte und seiner Verachtung f\u00fcr sie, was w\u00e4re dann aus ihrer ungl\u00fccklichen Tochter geworden? Was w\u00e4re aus der Verzweiflung der Mutter geworden? Und was w\u00e4re aus dem Glauben geworden, der sie trotz allem aus ihrem eigenen geborgenen Heim und hinaus in die \u00d6ffentlichkeit getrieben hatte, wo sie auf f\u00fcrchterliche Weise gekr\u00e4nkt und gedem\u00fctigt worden war?<\/p>\n<p>Nicht besser als ein dummer kleiner Hund! Das hatte er gesagt: \u201eEs ist nicht recht, der Kinder Brot zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen!\u201c Man sollte meinen, eine solche Grobheit h\u00e4tte ihr den Mund verschlossen. Aber Glaube und Hoffnung und Liebe machen erfinderisch. Anstatt ihm ins Gesicht zu schlagen \u2013 was eine nat\u00fcrliche Antwort auf die Beleidigung gewesen w\u00e4re \u2013 geht sie auf das Wortspiel ein: \u201eGewiss, Herr, aber auch die Hunde fressen ja von den Brosamen, die von ihrer Herren Tische fallen!\u201c<\/p>\n<p>Nicht sie ist gel\u00e4hmt, sondern er ist gel\u00e4hmt. Er dem\u00fctigt sie, aber sie spielt ihn an die Wand. Er hat keine Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Ablehnung mehr. Indem sie auf die Dem\u00fctigung eingeht und sie in ihr Gegenteil verkehrt \u2013 n\u00e4mlich in Stolz \u2013 gewinnt sie den Kampf durch Findigkeit und Selbst\u00fcberwindung. Von einer weinenden, schreienden, verzweifelten Mutter hat sie sich zu einer mutigen, klugen und situationsbewussten Frau entwickelt, blitzschnell und entschlossen. Glaube ist nicht nur ein unbestimmtes und folgenloses Gef\u00fchl. Glaube ist Kampf. Findigkeit und Intelligenz. Wenn das n\u00f6tig ist. So w\u00e4chst er von einem verzweifelten Notschrei um Hilfe zu einer Selbstverteidigung und Argumentation. Alle Kr\u00e4fte des Gem\u00fcts und des Gehirns werden mobilisiert.<\/p>\n<p>Wenn der Glaube auf dem besteht, was er will, muss er sich den Weg durch alle Barrieren hindurch ertrotzen. Das ist ein Wissen, das uns ermuntern kann.<\/p>\n<p>Die kanaan\u00e4ische Frau ist eine Freundin im Glauben. Ein Beispiel f\u00fcr einen Menschen, der nicht aufgibt, wie gro\u00df der Widerstand auch sein mag. Und das haben wir n\u00f6tig. Wir selbst. Wenn wir in einer \u00e4hnlichen Situation sind. Wenn uns aller Glaube, alle Hoffnung und zuletzt alle Liebe verloren gehen. Wie nahe l\u00e4ge es, nachzugeben und sich niederzulegen und nur festzustellen, dass nun nichts mehr zu machen ist! Es d\u00e4mpft unseren Protest und unsere gepeitschten Gef\u00fchle, einfach die Waffen zu strecken und sich passiver Resignation hinzugeben. Das w\u00e4re am leichtesten \u2013 und w\u00fcrde vielleicht sogar eine Art Frieden mit sich bringen? Aber nein \u2013 das w\u00e4re Selbstaufgabe, und das w\u00fcrde bedeuten, die im Stich zu lassen, die wir lieben. Was w\u00e4re aus der ungl\u00fccklichen Tochter geworden, wenn die Mutter aufgegeben h\u00e4tte? Wir erhalten durch die kanaan\u00e4ische Frau den Mut, darauf zu beharren, dass unsere Liebe Recht hat. Dass wir nie resignieren. Dass wir beharren \u2013 auch wenn nichts so aussieht, als wollte es gelingen. Glaube ist Trotz gegen alle Formen des Abgelehntwerdens. Und er kommt im Innersten aus einem Vertrauen auf Gott, das so urpr\u00fcnglich ist, dass niemand es mit etwas anderem begr\u00fcnden kann als mit ihm selbst oder mit Gott.<\/p>\n<p>Der Widerstand gegen das Beharren des Glaubens kommt sowohl von au\u00dfen als auch von innen. Komm jetzt zur Vernunft! Sieh den Realit\u00e4ten in die Augen, sagen wir uns selbst und zueinander. Da ist keine Hoffnung mehr. \u2013 Aber der Glaube ist trotzig. Er h\u00e4lt nicht nur einen kleinen Augenblick. Er h\u00e4lt lebensl\u00e4nglich. Wenn er erst einmal sich \u00fcber sich selbst im Klaren ist und wei\u00df, was er will. Wenn Liebe Glaube ist und Glaube Liebe ist, gibt es nichts, was ihn abweisen k\u00f6nnte, weder von au\u00dfen noch von innen. Die Frage ist, ob Liebe und Glaube eins geworden sind, oder ob sie zwei geschiedene Dinge in einem Menschen sind. Sind sie zu einem geworden, dann sie sind auf gewisse Weise un\u00fcberwindlich, aber wenn sie zweierlei sind, jedes f\u00fcr sich und getrennt voneinander, dann sind sie nicht stark genug. Denn was w\u00e4re die Liebe der Frau ohne Glauben? Und was w\u00e4re der Glaube der Frau ohne Liebe? \u2013 Aber genau dies ist so oft das Problem, dass wir uns Liebe sentimental ohne Glauben vorstellen und Glauben allzu rational denken, ohne Liebe mitzudenken. Nur wenn Liebe und Glaube zwei Seiten ein und derselben Sache sind, ist der Glaube trotzig und ausharrend bis in den Tod.<\/p>\n<p>Dass Liebe und Glaube vereint unabweislich und un\u00fcberwindlich sind, kommt zum Ausdruck, als Jesus sagt: \u201eWeib, dein Glaube ist gro\u00df! Dir soll geschehen, wie du es willst!\u201c Ihr Ruf um Hilfe wurde erh\u00f6rt. Der Glaube hatte sich von Ohnmacht zu Macht \u00fcber den Gegner bewegt, so dass er Frucht trug in der Erh\u00f6rung eines Gebets. Was der Glaube wollte, geschah \u2013 allerdings erst nach einem langen und z\u00e4hen Kampf.<\/p>\n<p>Ist diese Frau wie eine Freundin im Glauben? Ein Beispiel zur Ermunterung f\u00fcr jedermann? Ja, so ist sie ja wohl gedacht und beschrieben. Es ist ein Mysterium, dass der Glaube seine eigene Erf\u00fcllung bewirkt. Der Glaube an den Sohn Gottes. Und zwar auch in unserem Leben.<\/p>\n<p>Ein Mysterium will ich es nennen, dass das, was der Glaube will, auch geschieht. Denn das steht nicht in unserer Macht. Es geschieht durch die Gnade Gottes. Die Gnade, f\u00fcr die der Sohn Gottes lebendiger Ausdruck war. Er konnte also das Beharren der Frau so beantworten, wie er es tat.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Sognepr\u00e6st Kirsten B\u00f8ggild<br \/>\nThun\u00f8gade 16<br \/>\nDK-8000 \u00c5rhus C<br \/>\nTel.: +45 86 12 47 60<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:kboe@km.dk\">kboe@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzt von Dietrich Harbsmeier<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reminiszere | 20. Februar 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 15,21-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Kirsten B\u00f8ggild | DAS BEHARREN DES GLAUBENS \u201eWeib, dein Glaube ist gro\u00df!\u201c, sagte er. In diesem formelhaften Ausruf liegt eine ganze Welt: die Welt des Glaubens. Eine Welt mit einem gro\u00dfen Register von T\u00f6nen, Farben und Nuancen, Gef\u00fchlen, Worten und Taten. 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