{"id":10389,"date":"2005-03-07T19:49:22","date_gmt":"2005-03-07T18:49:22","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10389"},"modified":"2025-05-15T09:26:46","modified_gmt":"2025-05-15T07:26:46","slug":"lukas-146-56","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-146-56\/","title":{"rendered":"Lukas 1,46-56"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Mariae Verk\u00fcndigung | 13. mars 2005 | Lukas 1,46-55 | Birgit Hesselager |<\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung, in D\u00e4nemark ist dieser Sonntag Mariae Verk\u00fcndigung)<\/p>\n<p>Eine der Fragen, die man zu beantworten hat, wenn man eine Predigt schreibt, ist die, was das Wort des Evangeliums der Gegenwart zu sagen hat \u2013 man hat also die biblischen Berichte in einem Licht der Gegenwart zu sehen, so da\u00df man hoffentlich daraus erschlie\u00dfen kann, was das Evangelium uns heute sagt.<\/p>\n<p>Und in dem Zusammenhang mu\u00df man wohl sagen: angesichts der Diskussion, die gegenw\u00e4rtig in Zeitungen, Radio und Fernsehen dar\u00fcber rast, wer Kinder haben soll und warum, ist der Bericht von der Ank\u00fcndigung der Geburt des Herrn eine \u00e4u\u00dferst bedenkliche Angelegenheit \u2013 hier haben wir eine junge Frau ohne Ausbildung, die in sehr unsicheren sozialen Verh\u00e4ltnissen lebt, n\u00e4mlich Maria, und diese Frau l\u00e4sst sich \u2013 in der Sprache der Reproduktionstechnologie ausgedr\u00fcckt \u2013 k\u00fcnstlich befruchten, und zwar obendrein mit dem, was man als einen fremden Samenspender bezeichnen mu\u00df!<\/p>\n<p>Und damit noch nicht genug, sie protestiert nicht einmal, nein, sie stimmt einen Lobgesang dar\u00fcber an!<\/p>\n<p>Und dann h\u00f6ren wir auch noch von ihrer Kusine Elisabeth, die mit Zacharias verheiratet ist; und sie beide sind, wie es hei\u00dft, vorger\u00fcckten Alters, und die sollen nun ein Kind bekommen! Und haben sie deshalb ein schlechtes Gewissen? oder sind sie wenigstens in angemessener Weise besorgt? Nein, Zacharias verschl\u00e4gt es die Sprache aus Ergriffenheit, und Elisabeth ist nicht im Zweifel: das ist nichts Geringeres als ein g\u00f6ttlicher Eingriff, der das erm\u00f6glicht hat.<\/p>\n<p>Was da geschieht, erregt doch Ansto\u00df. Es endet denn auch damit, da\u00df das eine Kind gek\u00f6pft und das andere an ein Kreuz geschlagen wird. Unter den Leserbriefschreibern der letzten Monate werden sicherlich so manche sein, die der Meinung sind, das h\u00e4tte man doch voraussehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So etwas k\u00f6nnen wir heutzutage wirklich nicht zulassen. Hier mu\u00df der Staat wirklich eingreifen und Gesetze erlassen und Regeln festlegen, die derartige Unordnung unterbinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber nun ist es ja nicht so, dass Maria auf Grund ihres unordentlichen und auf jegliche Weise merkw\u00fcrdigen Empf\u00e4ngniserlebnisses zu einem Beispiel des Schreckens und der Warnung geworden w\u00e4re \u2013 ganz im Gegenteil \u2013 keine Frau ist als Bild der sch\u00f6nsten Fr\u00f6mmigkeit, Tugend und erhabenen Geistigkeit mit gr\u00f6\u00dferem Eifer verehrt worden als Maria \u2013 und das geschieht selbstverst\u00e4ndlich in allererster Linie, weil es der Sohn Gottes war, dessen Mutter sie wurde, und zwar wohl nicht so sehr auf Grund eigener, im Voraus bekannter Eigenschaften, sondern weil sie auserw\u00e4hlt wurde \u2013 der Gedanke war wohl der: wenn Gott ausgerechnet sie gew\u00e4hlt hat, dann mu\u00df sie im Besitz ganz au\u00dferordentlicher Eigenschaften gewesen sein. Und diese Eigenschaften sind allm\u00e4hlich vor allem zu erhabener Geistigkeit geworden. Ich sage mit Absicht \u201dallm\u00e4hlich\u201d, denn das Bild der Maria hat sich im Lauf der Zeit gewandelt \u2013 nat\u00fcrlich ist sie zu allen Zeiten ein Bild der Fr\u00f6mmigkeit und er Gottergebenheit gewesen \u2013 das geht klar aus dem biblischen Text hervor, aber allm\u00e4hlich entfernt sie sich zunehmend von dem Bild eines frommen und gottergebenen Menschen, der mit Schmerzen und Blut sein Kind gebiert und es mit all der Liebe, Besorgnis im Gro\u00dfen wie im Kleinen, wie es nun einmal im Menschenleben ist, erzieht, und sie wird mehr und mehr zu einer fernen, geistigen Gestalt, die \u00fcber alles Menschliche erhaben ist. Es ist schade, aber diese Entwicklung verl\u00e4uft parallel dazu, dass sich das Christentum \u00fcberhaupt im Laufe der Zeit zu einer Religion wandelte, die sich vom Leben, vom sinnlichen Leben entfernte.<\/p>\n<p>Die Trennung von Leib und Seele wurde tiefer und tiefer \u2013 der Geist wurde zum Feinen und der Leib zum H\u00e4\u00dflichen \u2013 das Ganze zeigt sich in einer Sexualangst, und ist es denn nicht so, dass sie vor allem entsteht, weil eben der Sexualtrieb so unlenksam und zugleich gef\u00e4hrlich ist. Es ist ja gef\u00e4hrlich, wenn man einander nahekommt. In einer unsinnlichen Kirche wird Maria zum Zeichen des Allerunsinnlichsten. Sie wird zu der Unber\u00fchrten.<\/p>\n<p>Aber was hei\u00dft das eigentlich, unber\u00fchrt zu sein? Es ist, wie wenn man sich in der Kirche auf das Unber\u00fchrte in sexueller Hinsicht nahezu die Augen ausgestarrt hat. Aber unber\u00fchrt sein ist ein mehrdeutiger Begriff. Und es ist nicht unbedingt positiv. Es kann sein, dass dem Unber\u00fchrtsein etwas Beruhigendes anhaftet \u2013 aber es ist auch eine Versuchung. Im Unber\u00fchrtsein gibt es nichts, was uns ber\u00fchrte. Nichts, was an uns herankommen k\u00f6nnte. Im Unber\u00fchrtsein k\u00f6nnen wir hinter unseren beruhigenden Glasw\u00e4nden sitzen und die Welt und das Leben betrachten, ohne dass wir daran teilnehmen m\u00fcssten. Im Unber\u00fchrtsein gleitet das Leben an uns vorbei wie auf einem Fernsehschirm \u2013 es ist wie ein Film, den man abschalten kann, wenn er einem nicht zusagt, denn er hat ja sowieso nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Deshalb ger\u00e4t man auch in Panik, wenn das Leben pl\u00f6tzlich aufdringlich wird. Wenn die Situationen eintreten, in denen uns pl\u00f6tzlich klar wird, dass da etwas ist, das uns unwiderstehlich fordert. Etwas, das uns aus dem sicheren und bequemen Alltag herausrei\u00dft. Und ich glaube, dass wir gerade an diesem Tag der Verk\u00fcndigung Marias sagen k\u00f6nnen, dass genau dies niemals mit gr\u00f6\u00dferer \u00fcberw\u00e4ltigender Kraft geschieht, als wenn man ein Kind bekommt.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit der Verantwortung und F\u00fcrsorge f\u00fcr das neue Leben erwacht ein Wissen \u2013 ein sowohl wunderbares als auch erschreckendes Wissen \u2013 darum, dass das Leben dich jetzt zu fassen bekommen hat. Jetzt sind Unverletzlichkeit und Sorglosigkeit, Freiheit und Selbst\u00e4ndigkeit von etwas anderem \u00fcberschattet. Alles bekommt unendlich viel gr\u00f6\u00dfere Bedeutung \u2013 das Gute wie das B\u00f6se. Die Freude, nat\u00fcrlich, aber auch die Angst vor der Zukunft wird eine andere, weil sie jetzt eine Angst davor wird, was dem Kind zusto\u00dfen kann. Und die Hoffnung auf die Zukunft wird eine andere \u2013 sie wird mit einem Gebet f\u00fcr dieses neue Leben verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr uns alle, M\u00e4nner wie Frauen, geschieht, wenn das Leben uns ruft, ist dies, dass es etwas gibt, das wichtiger ist als wir selbst. Und das verwandelt uns. Das gilt von einer jeden Liebe und Sorge f\u00fcr einen anderen Menschen: wenn man von ihr ergriffen wird, dann erh\u00e4lt das Leben pl\u00f6tzlich einen unendlichen Wert gelebt zu werden, es wird unendlich kostbar, aber auch furchtbar gef\u00e4hrlich. Es ist eine mit Schmerz vereinte Freude in der Liebe \u2013 man ist unendlich verletzbar geworden. Daher kommt auch die Versuchung, sich au\u00dfen vor zu halten und kein Risiko einzugehen. Sich mit dem bequemen Leben, dem \u00fcber\u00adschaubaren Leben zu begn\u00fcgen. Ein Versuchung, die sich wirklich bemerkbar macht in unserer modernen kalten Zeit, weil es eine reelle M\u00f6glichkeit ist, sich das Leben vom Leibe zu halten.<\/p>\n<p>Es hat zum Beispiel nie so viele Menschen gegeben, die es vorziehen, allein zu leben, wie heute. Und es ist tats\u00e4chlich m\u00f6glich, sich in gewissem Umfang gegen die \u00dcbergriffe des Lebens in Gestalt von Armut und Krankheit zu versichern, jedenfalls hier in D\u00e4nemark, und wir sorgen f\u00fcr die Sicherheit und Geborgenheit und Vorhersagbarkeit und versuchen uns selbst einzubilden, dass das h\u00f6chste Gl\u00fcck darin liegen muss, dass wir alles lenken k\u00f6nnen. Aber wir erleben doch auch, dass das Leben kalt wird, wenn wir es nicht wagen, uns im Verh\u00e4ltnis zueinander zu engagieren. Wie z.B. wenn man sich auf ein Liebesverh\u00e4ltnis mit dem Vorbehalt einl\u00e4sst, \u201dwir k\u00f6nnen ja sehen, wie es geht\u201d. Die Wahrheit ist ja nur dort zu erreichen, wo man sich selbst zu riskieren wagt. Wird man von der gro\u00dfen Liebe ergriffen, muss man immer am Rande der tiefsten Angst und des gr\u00f6\u00dften Schmerzes leben. Der Angst, zu verlieren, der Angst davor, dass das B\u00f6se den treffen kann, den man liebt. Wer liebt, hat sein Zentrum au\u00dferhalb seiner selbst, n\u00e4mlich bei dem, den er liebt. Dann ist man nicht mehr der Herr seines eigenen Schicksals, nein, aber da erst kann das Leben Leben werden. Darum ist Maria gerade nicht unber\u00fchrt, als sie ihren Lobgesang singt. Sie ist vom Leben selbst ber\u00fchrt, \u2013 vom Heiligen Geist \u2013 von Gott selbst.<\/p>\n<p>Sie mu\u00df ihre Unber\u00fchrtheit aufgeben und sich dem Leben, dem Neuen und Unbekannten, anvertrauen. Und sie tut es. Aber in dem Augenblick, da sie es tut, sieht sie auch, dass eben dieses Leben das Leben aus der Hand Gottes ist.<\/p>\n<p>Denn <em>das<\/em> ist ja der Sinn des Lebens, unsere Hoffnung und unser Heil, dass Gott uns ruft, dass er uns ber\u00fchrt, uns ruft und uns braucht. Dass er uns nicht auserw\u00e4hlte, weil wir stark sind und selbst handeln k\u00f6nnen, sondern vielmehr unsere Macht beiseite schiebt und uns die St\u00e4rke und die verborgenen Kr\u00e4fte in dem Leben zeigt, das in Liebe auf das Wort Gottes h\u00f6rt. Das gew\u00f6hnliche Leben. Dein und mein Leben \u2013 wenn wir es wagen. Dann sehen wir, da\u00df auch unser Leben in Gottes liebevollen H\u00e4nden ruht, und dann k\u00f6nnen auch wir den Lobgesang anstimmen: Meine Seele erhebet den Herrn! Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Propst Birgit Hesselager<br \/>\nS\u00f8borg Pr\u00e6steg\u00e5rd<br \/>\nBygaden 40B<br \/>\nDK-3250 Gilleleje<br \/>\nTel.: + 45 48 39 17 25<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:bhas@km.dk\">bhas@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzt von Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mariae Verk\u00fcndigung | 13. mars 2005 | Lukas 1,46-55 | Birgit Hesselager | (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung, in D\u00e4nemark ist dieser Sonntag Mariae Verk\u00fcndigung) Eine der Fragen, die man zu beantworten hat, wenn man eine Predigt schreibt, ist die, was das Wort des Evangeliums der Gegenwart zu sagen hat \u2013 man hat also die biblischen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":13292,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,1,727,185,157,853,1736,114,262,349,907,1105,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10389","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-aktuelle","category-archiv","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-bibel","category-birgit-hesselager","category-deut","category-kapitel-01-chapter-01","category-kasus","category-pr-maria","category-mariae-verkuendigung","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10389"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10389\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24297,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10389\/revisions\/24297"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13292"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10389"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10389"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10389"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10389"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}