{"id":10404,"date":"2005-03-07T19:49:19","date_gmt":"2005-03-07T18:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10404"},"modified":"2025-05-15T10:25:58","modified_gmt":"2025-05-15T08:25:58","slug":"markus-14-3-9-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-14-3-9-3\/","title":{"rendered":"Markus 14, 3-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Palmarum | 20. M\u00e4rz 2005 | Markus 14,3-9 | Alois Schifferle |<\/span><\/h3>\n<p>Die Perikope Mk 14,3-9 handelt von der Salbung Jesu in Betanien. Sie muss im Gesamtduktus von Mk 14,1-25 gesehen werden, wo es letztlich um Jesu Leiden und Verherrlichung geht. Das 14. Kapitel beginnt mit den Versen 1 und 2 die den Todesbeschluss des Hohen Rates zum Inhalt haben. In den Versen 3 bis 9 befindet sich Jesus im Hause Simons des Auss\u00e4tzigen, als eine Frau mit einem Gef\u00e4\u00df von Alabaster, das kostbares \u00d6l beinhaltet, auftritt. Sie l\u00e4sst es nicht dem Auss\u00e4tzigen zukommen, sondern zerbricht das Gef\u00e4\u00df und salbt Jesu Haupt damit. Ihr Handeln ruft Unruhe bei den Umstehenden hervor. Sie muss sich den Vorwurf der Verschwendung gefallen lassen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang, so meine ich, sind die Verhei\u00dfungen des Glaubens gr\u00f6\u00dfer als das Leid, das uns Menschen treffen kann. Die Verhei\u00dfungen des Glaubens zielen ja immer auf Leben schlechthin<em>. \u201eWer glaubt, steht in dem Gespr\u00e4ch mit Gott, das Leben ist und den Tod \u00fcberdauert\u201c<\/em> (Kardinal Ratzinger).<\/p>\n<p>Sicherlich ist es schwieriger geworden, von dieser Verhei\u00dfung zu sprechen. Es gab eine Zeit, in der die Menschen vornehmlich ihren Blick auf das Jenseits richteten und nach ihrem ewigen Heil fragten. Die Antwort, die sie auf diese Frage erhielten, half ihnen, ihr Leben auch im Diesseits zu bestehen. Heute hingegen blicken wir Menschen vornehmlich auf unser irdisches Leben und besch\u00e4ftigen uns best\u00e4ndig damit, wie wir es am besten bestehen und einrichten k\u00f6nnen. Die Glaubenden unter uns aber sind gewiss, dass die Antworten, die sie finden und lieben auch im Angesicht von Leiderfahrung und Tod standhalten. Diese neue Richtung kann stimmen, wenn wir daran denken, dass Jesus selbst die Frage nach dem Ewigen Leben mit dem Hinweis auf den N\u00e4chsten beantwortet hat. Der Vorwurf hier im Text &#8211; kostbares \u00d6l zu verschwenden &#8211; hat eine egoistische Komponente, die durchbrochen werden muss.<\/p>\n<p>Der Perikopen-Abschnitt Mk 14,3-9 steht inmitten der Perikope Mk 14,1 &#8211; 15,47, das hei\u00dft der Geschichte um die Passion Jesu, also eine Geschichte um Leben und Tod.<\/p>\n<p>Jedes Drama bezieht bekanntlich seine Spannung aus einem Konflikt. Den Konflikt, der Jesus letztendlich den Tod bringt, haben wir hier schon im Blick: Es w\u00e4re besser darum &#8211; so die eine Seite &#8211; dieses \u00d6l zu verkaufen und den Erl\u00f6s den Armen zu geben, als es einfach \u00fcber das Haupt eines Jesus von Nazareth auszugie\u00dfen. Wir sehen, wie hier polare Gegens\u00e4tze aufeinander prallen: Es geht um die bessere Wahl. Wenn wir es im \u00fcbertragenen Sinn verstehen wollen, geht es um Leben und Tod. Selbst der Zuschauer ist im Drama immer am Geschehen beteiligt. Das Drama enth\u00e4lt aber eine Spannung, die durch die Worte Jesu wieder aufgel\u00f6st werden, denn er sagt voraus, was auf ihn zukommt: Verrat, Verleugnung, sogar seine Auferweckung. Zudem gibt es beim Abendmahl einen Sinn: Hier steht nicht nur das Leben eines Unschuldigen auf dem Spiel, sondern es geht um die Erkenntnis, dass dieser Jesu der gesalbte Gottes ist! Die Salbung hat somit etwas Heiliges, etwas Ausersehenes an sich, etwas Kostbares. Im \u00fcbertragenen Sinn bedeutet dies, dass der Gesalbte mit \u00fcberragender Kraft ausgestattet ist, wobei der H\u00f6hepunkt der Dramaturgie da erreicht ist, wo ihn sp\u00e4ter die Hohen Priester und Schriftgelehrten verurteilen und ihn noch am Kreuze als Messias und K\u00f6nig Israels herausfordern &#8211; welch ein Missverst\u00e4ndnis! Und nach Jesu Kreuzestod, (Mk 16,8) von fruchtenden S\u00e4tzen umgeben, gehen sie hinaus um einem Toten einzubalsamieren. Das hei\u00dft, sie gehen hier daran, in ihrer Trauer die get\u00f6tete Hoffnung zu mumifizieren, um wenigstens die H\u00fclle ihrer Hoffnung zu erhalten. Aber erst sp\u00e4ter wird deutlich und klar, wem Gott an Ostern G\u00fcltigkeit verliehen hat: dem Leben Jesu, wie es sich in Galil\u00e4a abgespielt hat und wie es in Jerusalem am Kreuz zur Vollendung gekommen ist. Der Auferstandene ist nun der Gekreuzigte und Gesalbte zugleich. Er tr\u00e4gt die Stigmata seiner Vergangenheit in Galil\u00e4a &#8211; auch mancher Fehlerwartungen und Fehlinterpretationen der damaligen Verantwortlichen. Jesus von Nazareth hat in seinem Verk\u00fcnden und Verhalten, in seinem Leben und Sterben die Liebe Gottes als die letzte Macht \u00fcber unser Dasein offenbar gemacht, durch die Dunkelheit und Unverst\u00e4ndlichkeit seines Leidens und Sterbens. Der Glaube des Gesalbten Jesus von Nazareth an seinen Vater enth\u00e4lt im Tod seine endg\u00fcltige Gestalt &#8211; im Tod in der Liebe Gottes geborgen zu sein. F\u00fcr Markus ist auch das Sterben des Gesalbten Jesu Evangelium; ein von Gott gewolltes Ereignis, von Jesus bewusst akzeptiert. Denn dadurch stellt er sich in die Leidenstradition seines Volkes Israel hinein. Gerade das Evangelium der markinischen Passionsgeschichte (Kartage und Osternacht) k\u00f6nnte hilfreich sein, die Wahrheit Jesu zu erschlie\u00dfen: Dass Jesus Gottes Sohn ist, entdeckt jeder, der sich &#8211; gleich ihm &#8211; dem notwendigen Leiden nicht entzieht, sondern es annimmt und nach Jesu Beispiel durchtr\u00e4gt. Hier ber\u00fchren sich n\u00e4herhin Palmsonntag und Karfreitag &#8211; und er kommt uns entgegen beim Brotbrechen, wo sie ihn erkannten.<\/p>\n<p>Von einem eigentlichen Zweikampf, einem Duell zwischen Tod und Leben handelt ja gerade die Sequenz der katholischen Osterliturgie. Das Vorr\u00fccken des Todes unserer Welt und im eigenen Leben, geschieht leise und weniger dramatisch. Ebenso verhallen unauff\u00e4llig die Versuche des Widerstandes und des Aufstandes gegen den Tod unserer Zeit. Aber solche Zeichen und Signale des Lebens wider den Tod werden doch gesetzt. Eine Erinnerung nach r\u00fcckw\u00e4rts, zur geschehenen Auferstehung &#8211; aber ebenso eine Erinnerung nach vorw\u00e4rts zur Auferstehung, die immer neu geschehen soll und geschehen muss, bleibt eine Erinnerung, die man alleine f\u00fcr sich selbst gar nicht festzuhalten vermag, sondern die einem von anderen zugerufen und zugesprochen werden muss. Ich m\u00f6chte diese \u00dcberlegungen schlie\u00dfen mit einem Gedanken von Dorothee S\u00f6lle: \u201eAuferstehung\u201c<em>: \u201eSie fragen mich nach der Auferstehung. Sicher, geh\u00f6rt habe ich davon, dass ein Mensch dem Tod nicht mehr entgegenrast, der Tod, hinter einem sein kann, weil vor einem die Liebe ist. Dass die Angst hinter einem sein kann, die Angst, verlassen zu bleiben &#8230; Ach, fragt nicht nach der Auferstehung. Ein M\u00e4rchen nach uralten Zeiten, das kommt dir schnell aus dem Sinn. Ich h\u00f6re denen zu, die ich austrockne und klein mache; ich richte mich ein auf die langsame Gew\u00f6hnung ans Todsein in der geheizten Wohnung; den gro\u00dfen Stein vor der T\u00fcr. Ach, frag du mich nach der Auferstehung, ach, h\u00f6r nicht auf mich zu fragen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Unsere Welt soll daher nicht nur die Spuren der Gewalt und die Narben angetanen Leids tragen. Die Erde soll schlie\u00dflich nicht von Salzmeer und W\u00fcstensand \u00fcberflutet werden, sondern deutliche und unverwischbare Spuren von geschwisterlichen und freien Menschen erhalten. Oder im Sinne Berthold Brechts gedeutet: Die am Horizont der Zukunft erhoffte neue Welt liegt in gro\u00dfer Ferne. Er will darauf hinweisen, wer die ihm auf der Erde gegebene Zeit n\u00fctzt, l\u00e4sst sie uns dennoch n\u00e4her r\u00fccken. Aus dem Verm\u00e4chtnis an die Nachgeborenen Berthold Brechts betont er darin: <em>\u201eIn die St\u00e4tte kam ich zur Zeit der Unordnung, als der Hunger herrschte. Unter die Menschen kam ich zur Zeit des Aufruhrs und ich emp\u00f6rte mich ihnen. So verging meine Zeit, die auf Erden mir gegeben ward. Mein Essen a\u00df ich zwischen den Schlachten. Schlafen legte ich mich unter die M\u00f6rder. Der Liebe pflegte ich achtlos. Und die Natur sah ich ohne Geduld. So verging meine Zeit, die auf Erden mir gegeben ward. Die Stra\u00dfen f\u00fchrten in den Sumpf zu meiner Zeit. Die Sprache verriet mich, den Schl\u00e4chter. Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden sa\u00dfen ohne mich, sicherer, das hoffte ich. So verging meine Zeit, die auf Erden mir gegeben ward. Die Kr\u00e4fte waren gering, das Ziel lag in gro\u00dfer Ferne. Es war deutlich sichtbar, wenn auch f\u00fcr mich, kaum zu erreichen. So verging meine Zeit, die auf Erden mir gegeben ward.\u201c <\/em>In diesen Gedanken wird deutlich, dass durch alle Unterschiede hindurch eine neue, \u00fcberraschende Gemeinsamkeit aufleuchtet: Verbunden sind Menschen nicht durch zeitliche oder r\u00e4umliche Nachbarschaft, sondern durch ihre Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Sterben und Leben. So wie sie es in ihrem je eigenen Leben, in ihrer menschlichen Begegnung und in ihrer Gesellschaft erfahren. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich nicht abstumpfen lassen gegen die tragischen Verwundungen und noch weniger gegen die schuldhaften Verhinderungen des Lebens. Sie warnen alle vor dem leisen Vorr\u00fccken des Todes und sehen ihm nicht tatenlos zu. Gemeinsam ist ihnen eine nicht auszutreibende Liebe zum Leben zu allem Lebendigen und zu allem, was lebendig macht. Sie nehmen daf\u00fcr den Mund nicht voll mit den gro\u00dfen Worten des Glaubens. Sie pr\u00e4gen nicht aufdringlich und demonstrativ \u00fcberall das Symbol des Kreuzes und der Auferstehung Christi ein. Ihre Schl\u00fcssel sind oft ohne religi\u00f6se Markenzeichen, ohne kirchlichen Firmennamen &#8211; aber vielleicht ist gerade dies, ihre einzige und entscheidende Konfession im w\u00f6rtlichen Sinn: Sie bekennen sich gegen den offenen und getarnten Tod und &#8211; sie erschlie\u00dfen uns das Leben!<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Alois Schifferle<br \/>\n<\/strong><strong>Lehrstuhl f\u00fcr Pastoraltheologie<br \/>\n<\/strong><strong>Katholische Universit\u00e4t Eichst\u00e4tt-Ingolstadt<br \/>\n<a href=\"mailto:alois.schifferle@ku-eichstaett.de\">alois.schifferle@ku-eichstaett.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Palmarum | 20. M\u00e4rz 2005 | Markus 14,3-9 | Alois Schifferle | Die Perikope Mk 14,3-9 handelt von der Salbung Jesu in Betanien. Sie muss im Gesamtduktus von Mk 14,1-25 gesehen werden, wo es letztlich um Jesu Leiden und Verherrlichung geht. Das 14. Kapitel beginnt mit den Versen 1 und 2 die den Todesbeschluss des [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":13427,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[37,1,1250,727,157,853,114,273,349,3,699,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10404","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-markus","category-aktuelle","category-alois-schifferle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-14-chapter-14","category-kasus","category-nt","category-palmsonntag","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10404","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10404"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10404\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24325,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10404\/revisions\/24325"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13427"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10404"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10404"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10404"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10404"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10404"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10404"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10404"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}