{"id":10407,"date":"2005-03-07T19:49:23","date_gmt":"2005-03-07T18:49:23","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10407"},"modified":"2025-05-15T10:34:18","modified_gmt":"2025-05-15T08:34:18","slug":"markus-14-3-9-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-14-3-9-2\/","title":{"rendered":"Markus 14, 3-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Palmarum | 20. M\u00e4rz 2005 | Markus 14,3\u20139 | Walter Meyer-Roscher |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>In den ersten Monaten dieses Jahres erinnern wir uns an die schrecklichen Tage des zu Ende gehenden Krieges vor 60 Jahren. Wir gedenken des Untergangs alter deutscher St\u00e4dte wie Dresden \u2013 einmal als \u201eElbflorenz\u201c bezeichnet \u2013 oder Hildesheim, das man das \u201eN\u00fcrnberg des Nordens\u201c nannte. Wir gedenken der unz\u00e4hligen Opfer, die dieser Krieg damals gefordert hat.<\/p>\n<p>Wir erinnern uns, und diese Erinnerung ist schmerzhaft, weil wir nach den Ursachen kaum begreifbarer Gewalt und Brutalit\u00e4t fragen m\u00fcssen, die sich vor 60 Jahren ausgetobt und unsere Welt k\u00e4lter gemacht haben. Sollen wir nicht lieber vergessen und die Vergangenheit ruhen lassen?<\/p>\n<p>Unsere Gesellschaft tut sich gegenw\u00e4rtig schwer mit dem Erinnern. Die Gegenwart ist gefragt. Traditionen bedeuten nicht mehr viel. Sie verstellen nur den Blick nach vorn, sagen diejenigen, die ohne jede Bindung an fr\u00fchere Lebens- und Gemeinschaftsformen unser Zusammenleben nach ihren heutigen Ideen von St\u00e4rke, K\u00f6nnen und Erfolgsorientierung gestalten wollen. Die Vergangenheit blenden sie dabei aus. Nat\u00fcrlich wollen sie auch die Last und die Schrecken der dunkelsten Jahre unserer j\u00fcngsten Geschichte f\u00fcr immer vergessen.<\/p>\n<p>Wer sich nicht erinnern will, lebt nur aus dem Augenblick heraus. So aber ist doch keine Orientierung auf dem Weg in die Zukunft m\u00f6glich. Gerade die Erinnerung kann uns helfen, den weiten Horizont eines menschenw\u00fcrdigen Miteinanderlebens im Blick zu behalten. Und die Erinnerung an Hass und Gewalt, die vor 60 Jahren so viele Menschenleben in den Abgrund gerissen und so viele Kulturg\u00fcter zerst\u00f6rt haben, kann heute unser Gewissen sch\u00e4rfen. Sie will uns zur Wachsamkeit gegen\u00fcber neuem Hass und neuer Gewalt mahnen. Die Erinnerung an das Grauen inmitten zusammenbrechender Lebenswelten und an die Leiden unschuldiger Opfer damals kann uns heute ermutigen, das hohe Gut des Friedens durch unser Engagement f\u00fcr Mitmenschlichkeit, Verst\u00e4ndigung und Vers\u00f6hnung zu bewahren und, wo es wieder notwendig wird, zu verteidigen.<\/p>\n<p>Erinnerung bleibt nie abstrakt, auch wenn sie sich auf V\u00f6lker und L\u00e4nder umfassende Ereignisse bezieht, wird sie sich immer wieder an einzelnen Menschen festmachen \u2013 an ihren Untaten oder ihrem mutigen Handeln, an ihren schuldhaften Vers\u00e4umnissen oder an ihrem tapferen Widerstand, an den sie leitenden \u00dcberzeugungen, an ihren \u00c4ngsten und an ihren Hoffnungen.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig bewegt viele Menschen ein Film \u00fcber die letzten Tage von Sophie Scholl, die gegen nationalsozialistisches Unrecht und gegen inhumane Gewalt aufbegehrte und f\u00fcr ihre \u00dcberzeugung sterben musste. Eine junge Frau, die sich nicht scheute, offen vor der \u201eDiktatur des B\u00f6sen\u201c, wie sie es genannt hat, zu warnen und zur Mitmenschlichkeit aufzurufen. In der damaligen Situation ein aussichtsloses, zum Scheitern verurteiltes Unterfangen! Aber heute erinnern wir uns, halten in der Hektik unseres Lebens und in den Problemen unseres Zusammenlebens f\u00fcr einen Augenblick inne und begreifen pl\u00f6tzlich: Diese Frau hat etwas getan, dessen Sinnhaftigkeit weit \u00fcber ihr kurzes Leben und \u00fcber ihre Zeit hinauswirkt. Sie hat beispielhaft gehandelt und darf deshalb nicht vergessen werden \u2013 ebenso wenig wie die vielen namenlosen unbekannten Menschen, die damals trotz massiver Bedrohung den Opfern von Intoleranz und Gewalt mit N\u00e4chstenliebe beigestanden haben und manchmal deshalb selbst zu Opfern geworden sind. Das Beispiel von Sophie Scholl und das Beispiel der vielen Unbekannten k\u00f6nnen heute an unser Gewissen appellieren und die richtigen Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr unser Handeln wieder erkennbar machen. Ich meine die Ma\u00dfst\u00e4be, die Jesus selbst gesetzt hat: Zuwendung, Barmherzigkeit und Vers\u00f6hnungsbereitschaft, wo sonst nur Hass und Gewalt drohen.<\/p>\n<p>Auch der Predigttext f\u00fcr den heutigen Palmsonntag, mit dem die Karwoche beginnt, mahnt diese Ma\u00dfst\u00e4be an: Erinnert euch! Haltet die Erinnerung an eine namenlose Frau wach, die auf ungew\u00f6hnliche Weise Jesu Liebesgebot aufgenommen hat! In dem Bericht des Markus von einem der letzten Abende vor seinem gewaltsamen Tod sagt Jesus selbst: Diese Frau ist des Erinnerns wert, wo immer das Evangelium verk\u00fcndigt wird.<\/p>\n<p>Was hat sie Besonders getan? Markus schreibt: Sie hatte ein Glas mit einem sehr kostbaren \u00d6l, und sie zerbrach das Glas und goss es auf Jesu Haupt. Wir denken unwillk\u00fcrlich an den 23. Psalm, in dem der Beter von Gott, dem guten Hirten, sagt: \u201eDu salbst mein Haupt mit \u00d6l\u201c \u2013 in einem Land, das D\u00fcrre, Hitze und Staub, Hunger und vor allem Durst kennt, eine besondere Wohltat! So bringt diese Frau ihre Achtung und ihre Liebe in \u00fcberschw\u00e4nglicher Weise zum Ausdruck. Die es miterlebt haben, sagten allerdings spontan: Sie hat unn\u00f6tig etwas verschwendet, was man h\u00e4tte besser verwenden k\u00f6nnen. Das kostbare \u00d6l, das sie \u00fcber Jesus ausgegossen hat, h\u00e4tte sie lieber verkaufen und den Erl\u00f6s wohlt\u00e4tigen Zwecken zuf\u00fchren sollen.<\/p>\n<p>Ja, so denken diejenigen, die alle Lebensl\u00e4ufe rational betrachten. So denken die Realisten, und die beherrschen die Welt \u2013 damals wie heute.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die F\u00fcrsorge f\u00fcr die Armen, die sozial Benachteiligten, die schw\u00e4chsten Glieder der Gesellschaft unbestreitbare Pflicht aller, besonders derer, die das mitmenschliche Zusammenleben verantwortlich zu gestalten haben. Ohne Frage hat der Kampf gegen die Armut Priorit\u00e4t, und wir haben, wie Jesus es prophezeit hat, immer noch und wieder mehr Arme bei uns. Das Gebot der Barmherzigkeit abzuschw\u00e4chen, l\u00e4sst Jesus selbst nicht zu. Schlie\u00dflich steht er mit seinem ganzen Leben f\u00fcr die Hinwendung zu denen, die am Rande der Gesellschaft leben. Schlie\u00dflich ist er immer ein Anwalt der Armen gewesen und nach unseren Ma\u00dfst\u00e4ben bis zum Ende selbst ein armer Wanderprediger geblieben.<\/p>\n<p>Aber diese spontane Verschwendungshandlung einer unbekannten Frau hat Jesus sich gefallen lassen. Ihre Tat hat gegen allen Augenschein einen besonderen Wert. Die Namenlose wendet sich mit ihrer Zuneigung dem Mann zu, \u00fcber dem schon der Schatten von Gewalt, Leiden und Tod liegt. Ja, f\u00fcr die Realisten eine ganz und gar aussichtslose Verschwendung von F\u00fcrsorge und Liebe! Aber f\u00fcr Jesus selbst und f\u00fcr alle, die heute in der Erinnerung seinen Weg in den Gottesdiensten der Passionszeit zu begleiten versuchen, eine Botschaft des Lebens im Angesicht des Todes. Diese Frau begegnet dem schon bald Gewalt und Brutalit\u00e4t Ausgesetzten, dem Todgeweihten mit einer Liebe, die nicht Ausdruck von Resignation ist, sondern Hoffnung aufscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die Frau muss etwas von dem besonderen Weg Jesu und von seiner schrankenlosen Liebe geahnt, vielleicht sogar selbst erfahren haben. Sie kann nur mit ihrer Liebe reagieren, die sich nicht rechnet und vor den Schatten der Gewalt und des Todes auch keine Aussicht auf Erfolg hat. Sie ahnt das nahende Ende. Sie kann Jesus nicht retten. Insofern ist ihre Tat f\u00fcr alle Realisten aussichtslos. Aber sie ahnt, dass es etwas gibt, das st\u00e4rker ist als Hass, Gewalt und Tod. Ihr Zeugnis f\u00fcr Liebe und Mitmenschlichkeit kann ein Hinweis auf Gottes Liebe sein, die Jesus im Tod erfahren und die Ostern m\u00f6glich gemacht hat. So hat sie schon am Beginn seines letzten Weges gegen Angst und Einsamkeit, gegen die Resignation der J\u00fcnger Hoffnung gesetzt.<\/p>\n<p>Es gibt Stunden, in denen Gewalt und Tod das Feld beherrschen und nichts anderes mehr z\u00e4hlt als der Hass, auch keine andere Sprache mehr verstanden wird. In solchen Stunden k\u00f6nnen nur der Widerstand gegen Hass und Gewalt und Taten der Mitmenschlichkeit \u00fcber den Tod hinaus weisen, kann die Sprache der Liebe Hoffnung machen.<\/p>\n<p>Darum sagt Jesus: Diese Frau sollt ihr in Erinnerung behalten. Und wir erinnern uns ihrer bis heute. Ich denke, seine Mahnung zur Erinnerung geht weiter. Sie schlie\u00dft alle ein, die sich dem Hass entgegen stellen und Mitmenschlichkeit gegen Gewalt setzen.<\/p>\n<p>So erinnern wir uns auch an Sophie Scholl, die in aussichtsloser Situation den Mut fand, gegen Gewalt aufzustehen und auf ihre Weise f\u00fcr Mitmenschlichkeit einzutreten. Diesen Mut nahm sie aus ihrem Glauben.<\/p>\n<p>Die Frau, von der Markus berichtet, und die Widerstandsk\u00e4mpferin, deren Taten und deren Schicksal uns in diesen Tagen wieder nahe gebracht werden, d\u00fcrfen nicht vergessen werden. Wir sollten uns aber auch nach 60 Jahren all der namenlosen Unbekannten und oft schon Vergessenen erinnern, die in der Zeit schrecklicher Gewalt den Opfern mit Liebe und Mitmenschlichkeit begegnet sind und daf\u00fcr selbst Opfer bringen mussten, manchmal sogar das Opfer des eigenen Lebens. Die Erinnerung an sie kann heute unser Gewissen sch\u00e4rfen und uns wieder die Ma\u00dfst\u00e4be erkennen lassen, die Jesus gesetzt hat. So kann Erinnerung zur Hoffnung werden, dass die Liebe am Ende nicht verlieren wird, weil Jesus selbst ihre Kraft erwiesen hat.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Walter Meyer-Roscher<br \/>\n<\/strong><strong>Landessuperintendent i.R.<br \/>\n<\/strong><strong>Adelogstra\u00dfe 1<br \/>\n<\/strong><strong>31141 Hildesheim<br \/>\n<a href=\"mailto:meyro-hi@t-online.de\">meyro-hi@t-online.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Palmarum | 20. M\u00e4rz 2005 | Markus 14,3\u20139 | Walter Meyer-Roscher | Liebe Gemeinde, In den ersten Monaten dieses Jahres erinnern wir uns an die schrecklichen Tage des zu Ende gehenden Krieges vor 60 Jahren. 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