{"id":10416,"date":"2005-03-07T19:49:12","date_gmt":"2005-03-07T18:49:12","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10416"},"modified":"2025-05-15T11:13:46","modified_gmt":"2025-05-15T09:13:46","slug":"psalm-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/psalm-22\/","title":{"rendered":"Psalm 22"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong><b><span style=\"color: #000099;\">Predigtreihe &#8222;Psalmen der Passionszeit&#8220; | Palmarum | 20. M\u00e4rz 2005 | Psalm 22 | Tom Kleffmann |<\/span><\/b><\/strong><\/h3>\n<p><strong>Erl\u00e4uterung: <\/strong><\/p>\n<p>Die Predigt ist f\u00fcr die G\u00f6ttinger Jacobikirche gedacht. Im Chorraum ist dort ein Altarbild von 1402 zu sehen, auf dessen Sonntagsseite in der Predigt hingewiesen wird. Au\u00dferdem sind im n\u00f6rdlichen Kirchenschiff Fenster zu sehen, die Johannes Schreiter zu Psalm 22 gestaltet hat. Sie wurden 1997 eingesetzt.<\/p>\n<p><strong>Predigt:<\/strong><\/p>\n<p>Passionszeit. Klingt schwerm\u00fctig. Erinnert uns an etwas, an das wir nicht erinnert werden wollen. Mu\u00df das sein?<br \/>\nAn Schmerz werden wir erinnert. An ausweglose Angst. Aber wir wollen doch leben!<\/p>\n<p>Schauen sie sich das Altarbild an. Die H\u00e4lfte des Lebens Jesu ist dort seine Leidensgeschichte, die ganze untere H\u00e4lfte: die Einsamkeit. Die Gefangenschaft. Das Urteil. Die Gei\u00dfelung. Das Kreuz und die Kreuzigung. Das Grab. Mu\u00df das sein? M\u00fcssen wir daran erinnert werden? Geht uns das was an?<\/p>\n<p>Alles geht es uns an! All deine Gedanken kreisen darum, ob du es wei\u00dft oder nicht. Es ist deine eigene Angst. Es ist deine eigene Einsamkeit. All das, was wir von Gott hoffen, wissen, ahnen, erfahren, beten, schweigen \u2013 erst hier f\u00e4ngt es an zu sprechen. Oder es w\u00e4re alles nichts.<\/p>\n<p>Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.<\/p>\n<p>Ich predige heute \u00fcber Psalm 22, Jesu Leidenspsalm.<br \/>\n<em>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?<br \/>\n<\/em><em>Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.<br \/>\n<\/em><em>Mein Gott, ich rufe, doch du antwortest nicht.<\/em><\/p>\n<p>Wer schreit? Wer ruft? Der Mensch, der stirbt. Der Mensch, der Angst hat. Der Mensch, der Gott nicht sieht, sondern nur den Staub vor ihm auf dem Boden, die Fratzen des Todes, und dahinter die Menschen, die schon wieder vergessen, die essen, trinken, streiten, als w\u00e4re nichts.<\/p>\n<p><em> Mein Gott, ich rufe, doch du antwortest nicht.<\/em><\/p>\n<p>Wo bist du? Bist du unendlich fremd und kalt? Bist du hinter den Sternen, bist du im Grund der Molek\u00fcle? Wo bist du? Bist du ganz nah?<\/p>\n<p><em> Seht, ein Mensch<\/em> ! Ein Mensch, f\u00fcr den Gott ein Vater war. Ein Mensch, der Gottes Ewigkeit kommen sah: im Licht, in der Morgenr\u00f6te, im Rascheln der Bl\u00e4tter im Wind. In denen, die Leid tragen, in den Sanftm\u00fctigen, in den Barmherzigen, in den Friedfertigen, in den Verfolgten, in den Einf\u00e4ltigen, in den Kindern. Und indem er es sagte, war es so. Gott kommt! Er gibt euch ein neues Herz!<\/p>\n<p>Aber jetzt ist alles verklungen. Der Tod und seine Menschen-Einsamkeit ist noch nicht besiegt. Die Macht der Lebensl\u00fcgen. Das milliardenfache \u00dcberma\u00df verlorener Menschen. Gott war noch nicht in unserer Angst. Gott war noch nicht in unserer Einsamkeit. Gott war noch nicht in unserem Sterben.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das, was Paulus sagt: <em>Er hat den, der keine S\u00fcnde kannte, f\u00fcr uns zur S\u00fcnde gemacht<\/em>? (2.Kor.5,21)<\/p>\n<p>Und Jesus betete allein unter dem Nachthimmel im Garten Gethsemane. <em>Meine Seele ist traurig bis an den Tod.<\/em> Und es bleibt nur der dunkle Weg. Und die Welt wird ihm zu eng. Aber er bekennt seinen Gott vor Pilatus. Und sie kreuzigen ihn. Es gibt kein Zur\u00fcck. Sein Leib wird zum Schmerz: die H\u00e4nde, die Brust, der Atem. <em>Und sie teilen seine Kleider unter sich und werfen das Los<\/em>. Und die, die selbst nur wie Schatten leben, verspotten ihn: <em>hilf dir nun selber und steig herab<\/em>. Und er schreit zu seinem Gott, den er nicht sieht, und der doch allein das Leben sein kann, das Licht.<\/p>\n<p><strong> Lesung Ps.22, 2-9 .<br \/>\n<\/strong><strong>Lied 381,1 <\/strong><\/p>\n<p><em> Seht, ein Mensch<\/em> ! Kann man sagen, da\u00df er an seinem Gott zweifelt, am Gott der V\u00e4ter? Er sp\u00fcrt die Dunkelheit. Er ruft, aber Gott ist nicht zu sehen. Der Blick wird eng. Haben wir nicht an den Gott geglaubt, der immer heraushilft, der immer rettet, der allem einen Sinn gibt \u2013 auch dem Sinnlosen: dem Unfall, der unheilbaren Krankheit, dem fr\u00fchen Tod? <em>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?Ich rufe, aber du trohnst heilig <\/em>\u00fcber allem, und unendlich fern. Es gibt hier kein Wunder, keine Rettung in letzter Sekunde. Es ist Ernst. Es ist unser wirkliches Leben.<\/p>\n<p>Wer bist du, Gott? Bist du ein Spieler? Warum wirfst du unsere Erde in ein Meer von Leere und Sternenfeuer? Ist es dir gleich, da\u00df wir sterben, da\u00df wir schreien? Urknall und letzter Tod \u2013 ist das alles?<\/p>\n<p>Aber wir sind doch von dir! Es war doch dein Geist, der unsern Geist ber\u00fchrte. Es war doch dein Geist, in dem unser Geist sich erkannte. Du warst es doch, zu dem unser Jubel aufstieg. Du warst es, dem wir dankten, f\u00fcr den freien Atem, f\u00fcr die Kinder. Und von dir kam die gute Tiefe.<\/p>\n<p><strong> Lesung Ps.22, 10-12<br \/>\n<\/strong><strong>Lied 381,2 <\/strong><\/p>\n<p>Halten wir es aus? Eigentlich wollen wir nicht erinnert werden. Nicht freiwillig. Aber es geht ja nicht um ein schreckliches Ungl\u00fcck, um etwas, was nur die Andern trifft, und wir stehen am Grab.<\/p>\n<p>Sicher, wir wollen leben, wollen lachen, wollen stark sein, wollen gewi\u00df sein. Manchmal wissen wir selbst nicht, woher die herrliche Kraft kommt, der Lebenskitzel, der die Seele \u00fcberflutet.<\/p>\n<p>Aber die Angst, in der wir verloren sind, der Zweifel an Gott, das ist die einsamste Mitte. Gibt es einen Menschen, der dem ausweichen kann? Im Grunde kann dem keiner ausweichen \u2013 auch dem Zweifel nicht, kein Heiliger, kein Christ, kein Pastor. Der Verstand sieht Gott nicht. Er kann ihn nicht ausrechnen. Er rechnet mit Atomen, Galaxien, mit den Gesetzen von Kraft und Masse. Er sieht die Zeit. Er sieht die Gr\u00e4ber. Sicher, wir wissen auch, da\u00df er begrenzt ist, der Verstand. Es ist nicht viel, was er wirklich versteht. Aber wo er aufh\u00f6rt, werden wir sprachlos.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns den Glauben ja nicht einreden, um uns selbst zu beruhigen.<br \/>\nDein Geist, Gott, nur der kann Glauben sein.<br \/>\nWir rufen in die Stille. Wir h\u00f6ren in die Stille. &#8211; &#8211; &#8211;<\/p>\n<p><strong> Lesung Ps.22, 15-20<br \/>\n<\/strong><strong>Lied 381,4 <\/strong><\/p>\n<p>Kein M\u00e4rchen mit einem gl\u00fccklichen Ende \u2013 und w\u00e4re es das, w\u00fcrde es uns nichts angehen. Die ganze Last, die ganze Todesw\u00fcrde des Menschenlebens wird bis zum Schlu\u00df getragen: Alle Angst. Aller Schmerz. Die Lebensl\u00fcge der ganzen Welt wird hier geb\u00fc\u00dft. All das, was wir von Gott hoffen, was wir beten in der Nacht, hier findet es seinen Grund \u2013 oder es w\u00e4re alles nichts, ein Haschen nach Wind.<\/p>\n<p>Wir rufen in die Stille. Wir h\u00f6ren in die Stille. &#8211; &#8211; &#8211;<\/p>\n<p>Aber verliebe dich nicht in die Stille. Wenn der Geist Gottes kommt, dann spricht er wie ein Mensch; und h\u00f6her als aller Verstand.<\/p>\n<p>Gott f\u00fcr uns: ein Mensch in unserm Tod. Der gekreuzigte Gott. Gott in unserm Leiden. Gott, der den Zweifel auf sich nimmt. Der ein Gesicht hat. Der mit uns in die Tiefe geht.<\/p>\n<p>In diesem Menschen ist Gott sich selbst gegen\u00fcber, verstehst du das? In diesem Tod beweist er seine Liebe, glaubst du das?<\/p>\n<p>Wo ist seine Ewigkeit? Wann kommt seine Ewigkeit? &#8211; Du Narr!<\/p>\n<p><strong> Lesung Ps.22, 23-25.28-32 <\/strong><\/p>\n<p>Sein Frieden, welcher h\u00f6her ist als aller Verstand, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>PD Dr. Tom Kleffmann<br \/>\n<a href=\"mailto:tkleffm@gwdg\">tkleffm@gwdg <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe &#8222;Psalmen der Passionszeit&#8220; | Palmarum | 20. M\u00e4rz 2005 | Psalm 22 | Tom Kleffmann | Erl\u00e4uterung: Die Predigt ist f\u00fcr die G\u00f6ttinger Jacobikirche gedacht. Im Chorraum ist dort ein Altarbild von 1402 zu sehen, auf dessen Sonntagsseite in der Predigt hingewiesen wird. 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