{"id":10417,"date":"2005-03-07T19:49:12","date_gmt":"2005-03-07T18:49:12","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10417"},"modified":"2025-05-15T11:16:22","modified_gmt":"2025-05-15T09:16:22","slug":"markus-14-17-26-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-14-17-26-3\/","title":{"rendered":"Markus 14, 17-26"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Gr\u00fcndonnerstag | 24. M\u00e4rz 2005 | Markus 14, 17-26 | Lothar Grigat |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Albrecht D\u00fcrer hat 1523 einen Holzschnitt zum Thema \u201eAbendmahl\u201c vollendet: an einem massiven Tisch sitzt eine au\u00dferordentlich bewegte J\u00fcngerschar; es ist der Augenblick im Bild festgehalten, da Jesus seine Ank\u00fcndigung vom bevorstehenden Verrat gemacht hat; in der rechten Bildh\u00e4lfte diskutieren erregt die J\u00fcnger diese ungeheuerliche Ansage, zwei wenden sich direkt an Jesus, sie k\u00f6nnen es einfach nicht glauben; die linke Bildh\u00e4lfte ist bestimmt durch eine Gruppe von drei J\u00fcngern, die sprachlos und mit deutlichem Entsetzen ins Leere starren; einer verbirgt sein Gesicht in der Hand, mit der anderen Hand stochert er wie verloren mit seinem Brotmesser auf der Tischplatte; er erweckt den Anschein, als sei er der aufgeregten J\u00fcngerschar entr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig, dass nur noch elf J\u00fcnger auf dem Bild zu sehen sind: der Verr\u00e4ter selbst hat ganz offenbar den Raum schon verlassen; zur\u00fcck bleibt eine verst\u00f6rte und zutiefst verunsicherte Gemeinschaft. \u2013<\/p>\n<p>So zeichnet D\u00fcrer das Abendmahl. Anders ist es in der Regel bei uns: f\u00fcr uns ist das Abendmahl ja eine Feier, die von Stille und friedlicher Gelassenheit oder auch feierlichem Ernst gekennzeichnet ist. Der h\u00f6chst dramatische Hintergrund seiner Einsetzung verliert sich in der eher formelhaften Wendung \u201ein der Nacht, da er verraten ward\u201c oder in ganz vergleichbaren Formulierungen aus den Abendmahlsberichten. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Gemeinschaft der J\u00fcnger mit ihrem Herrn und Rabbi am intensivsten sein sollte \u2013 nun, da sein Leidensweg bevorsteht &#8211; , da belastet schwere Schuld diese Gemeinschaft, so dass sie zerbricht. Und alles dr\u00e4ngt auf die Frage zu: Wie soll es blo\u00df weitergehen?<\/p>\n<p>Auch in dem f\u00fcr heute vorgeschlagenen Predigttext aus dem 14. Kapitel des Markusevangeliums ist das so; genau diese Situation wird geschildert:<br \/>\n(Textlesung Markus 14, 17-26)<\/p>\n<p>So weit der Text. Auch er gipfelt in der unausgesprochenen Frage: Wie soll es weitergehen?<\/p>\n<p>Und, sehen Sie, genau das fragen sich viele unserer Mitb\u00fcrger heute auch, angesichts der Verunsicherungen im sozialen und gesellschaftlichen Bereich, wo doch ganz offensichtlich die Politik die gew\u00fcnschten Antworten nicht mehr geben kann! Darum auch ist auf der Suche nach Antworten bei vielen Menschen eine Sehnsucht nach Gemeinschaft anzutreffen: da bilden sich Gruppen, in denen das Gef\u00fchl der Zusammengeh\u00f6rigkeit, der W\u00e4rme und Geborgenheit, von Zuwendung und Freundschaft, von Unterst\u00fctzung und Halt erlebt werden soll und oft ja auch erlebt wird. Das kann zum Beispiel in Hauskreisen oder Gebetsgemeinschaften sein. Mir fallen da aber auch die Gruppen auf, die am rechten Rand unserer Gesellschaft anzusiedeln sind. Das sind alles Gruppen, die sich aus weitgehend Gleichgesinnten bilden: Sympathie und wechselseitiges Vertrauen, aber vor allem das gemeinsame Ziel sind das Gemeinschaft stiftende Element. St\u00f6rungen der Gemeinschaft werden mit drastischen Sanktionen belegt, so wie wir das auch kennen mit dem unehrenhaften Abschied aus der Armee oder beim Ausschluss aus einer Partei. Und so sehr das Funktionieren einer Gemeinschaft gewollt wird, so sehr lassen aber auch die Sanktionen gegen Verst\u00f6\u00dfe erkennen: der Zusammenhang von Gemeinschaft und Schuldigwerden an ihr ist nur zu offensichtlich.<\/p>\n<p>Nun reden wir ja an diesem Gr\u00fcndonnerstagabend von der Stiftung des Abendmahls und der Abendmahlsgemeinschaft unter Christen. Dazu fordert ja unser Predigttext geradezu auf. Wie ist aber Gemeinschaft unter Christen und mit Gott m\u00f6glich, wenn doch immer wieder die Schuld dazwischen tritt, wenn das offenbar in jeder Gemeinschaft so ist? Geht es dabei also auch um Sanktionen? Sind Vorbedingungen zu erf\u00fcllen, ehe der Mensch in die Gemeinschaft aufgenommen werden kann? Also: wie soll es weitergehen?<\/p>\n<p>Sehen Sie, ich glaube, dass es in der Abendmahlsgemeinschaft immer um eine Gemeinschaft von Schuldigen geht; und sie ist nicht abh\u00e4ngig von der Qualit\u00e4t derer, die sich da zusammenfinden, weil sie zur\u00fcckgeht auf den, der sein Leben gegeben hat f\u00fcr die \u201eVielen\u201c. Sondern im Abendmahl der christlichen Gemeinde geht es um eine Gemeinschaft, in der Schuld nicht mehr belastend und zerbrechend wirkt, sondern ausgel\u00f6scht ist! Christus ist derjenige, der die Gemeinschaft untereinander m\u00f6glich macht, und gerade so ist er in Brot und Wein stets gegenw\u00e4rtig. Weil er es ist, der die Gemeinschaft stiftet und will, darum ist Gemeinschaft der Verschiedenartigen m\u00f6glich; die Grenzen von Rasse, Kultur, Nationalit\u00e4t und sozialer Herkunft spielen genauso keine Rolle mehr wie auch die religi\u00f6sen Unterschiede.<\/p>\n<p>Oder sollte ich ehrlicher sagen: es sollte so sein \u2013 zumindest nach dem Willen dessen, der diese Gemeinschaft zu seinem Ged\u00e4chtnis gestiftet hat. Es sollte so sein, auch wenn die gegenw\u00e4rtige Wirklichkeit unserer Abendmahlspraxis dem nun allzu oft ja gerade nicht entspricht. Ich denke da beispielsweise nur an die Unterschiede und das Trennende in unseren beiden gro\u00dfen Kirchen: nicht zuletzt beim \u00f6kumenischen Kirchentag in Berlin vor zwei Jahren ist das ja erneut ganz deutlich geworden, und die Sp\u00e4tfolgen davon spielen ja bis heute eine Rolle bis hin zu noch immer wirkenden Suspendierungen vom Dienst.<\/p>\n<p>Und doch gibt es auch immer wieder hoffnungsvolle Anzeichen f\u00fcr ein anders erfahrenes Gemeinschaftserleben. Ich erinnere mich zum Beispiel gern daran, was wir allj\u00e4hrlich mit unseren Konfirmanden erlebt und welche Erfahrungen sie gemacht haben, wenn wir auf unseren gro\u00dfen Sommerfreizeiten regelm\u00e4\u00dfig das Thema Abendmahl behandelt und miteinander gefeiert haben. Eine Konfirmandin hat das einmal folgenderma\u00dfen beschrieben: \u201eChristus ist der Gastgeber; wir sind seine G\u00e4ste. Er l\u00e4dt uns ein, wie er vor 2000 Jahren seine J\u00fcnger eingeladen hat. Er gibt uns an seinem Tisch, was wir brauchen. Beim Abendmahl wird f\u00fcr uns vieles wirklich: Christus l\u00e4sst uns h\u00f6ren, sehen und greifen. Das Brot und der Wein ist nicht f\u00fcr irgendjemand bestimmt, sondern f\u00fcr uns als seine G\u00e4ste. Wir m\u00fcssen nichts mitbringen. Es ist bei uns sonst so \u00fcblich, dass man zu einer Einladung etwas mitbringt \u2013 Blumen, Pralinen oder ein anderes kleines Gastgeschenk. Wie ist das nun mit uns Abendmahlsg\u00e4sten? Was m\u00fcssen wir mitbringen? Etwa: einen festen Glauben, einen klugen Kopf, viel Geld oder \u00e4hnliches? Es kann sein, dass uns alle diese Dinge gegeben sind. Voraussetzung sind sie jedoch nicht. Christus m\u00f6chte <em>uns<\/em> beschenken. Er wartet auf uns ohne Vorbehalte!\u201c<\/p>\n<p>Kann man das eigentlich viel sch\u00f6ner formulieren?<\/p>\n<p>Und noch ein letztes: Das, was im Abendmahl an Gemeinschaft gestiftet ist, das will sich im allt\u00e4glichen Lebensvollzug bew\u00e4hren. Brot und Wein sind die Wegzehrung der Christenheit auf ihrem Weg durch die Geschichte: die Gemeinschaft am Altar will sich im Alltag, im vers\u00f6hnenden Handeln der Christen fortsetzen; eine Gemeinde, die miteinander das Abendmahl feiert, geht nicht mehr achtlos vor\u00fcber an den Leidenden und Ausgesto\u00dfenen, an den Fremden und Verachteten, an den Zukurzgekommenen und sozial Benachteiligten. Und tut sie es dennoch, dann ist sie aus der Gemeinschaft mit ihrem Herrn ausgetreten, denn er will dass <em>alle<\/em> Menschen sich in dieser Gemeinschaft geborgen f\u00fchlen. Ich denke, dies sollten wir uns bewu\u00dft machen, wenn wir nun nachher zum Tisch des Herrn kommen.<\/p>\n<p>Klar: dabei werden jeden von uns ganz unterschiedliche Gedanken, Gef\u00fchle und Hoffnungen bewegen, je nach der Situation, aus der er kommt. Da bedr\u00fcckt den einen m\u00f6glicherweise, dass er seinem Ehepartner nicht immer mit ausreichender Liebe und genug Verst\u00e4ndnis begegnet ist und so sein Teil dazu beigetragen hat, dass man sich immer mehr fremd geworden ist; kann der darauf hoffen, dass die im Mahl geschenkte Vergebung auch ihm die Kraft schenkt, seinem Partner wieder mit neuem Vertrauen zu begegnen? Und so mancher fragt sich vielleicht: Sind das nicht doch blo\u00df nur gro\u00dfe Worte, wenn davon die Rede ist, in diesem Mahl w\u00fcrde Gemeinschaft gestiftet, die auch im allt\u00e4glichen Leben erfahrbar und sichtbar wird? Die Erfahrung: Du bist allein, die anderen \u2013 auch aus der Gemeinde \u2013 gehen freundlich, aber gleichg\u00fcltig an dir vorbei \u2013 sie steht doch dagegen! Oder ein anderer \u00fcberlegt vielleicht, ob dieses von kleinen allt\u00e4glichen Sorgen und banalen Verpflichtungen ausgef\u00fcllte, aber an begl\u00fcckenden Ereignissen arme Leben wirklich anders wird, wenn er Brot und Wein im Mahl empf\u00e4ngt? Ist am Dienstag nach Ostern nicht alles wieder so wie es heute auch war?<\/p>\n<p>All solche Fragen, liebe Gemeinde, und solche Sorgen habe ich auch! Und dazu besch\u00e4ftigt mich, dass in einer durch wirtschaftliche, politische, rassische und ideologische Gegens\u00e4tze zerrissenen Welt so wenig von der Kraft der Gemeinschaft unter uns Christen zu sp\u00fcren ist, die anderen doch so viel Hoffnung machen k\u00f6nnte. Und trotzdem halte ich mich an die Verhei\u00dfung, die in dieser Einladung enthalten ist: \u201eKommt her zu mir alle, die ihr m\u00fchselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.\u201c In der Geschichte der Christenheit haben so viele vor mir dieser Verhei\u00dfung nicht vergebens vertraut. Sie haben erfahren, was ihnen da versprochen wurde. Das sind lockende Beispiele. Und vielleicht sind wir heute ja zu \u00e4ngstlich, zu skeptisch geworden! Viele triftige Gr\u00fcnde k\u00f6nnen wir anf\u00fchren, warum wir uns so verhalten und nicht anders. Aber vielleicht werden wir erst dann die Erfahrung der befreienden, froh und Mut machenden Gemeinschaft erleben, wenn wir wirklich v\u00f6llig vorbehaltlos dieser Einladung folgen. Darum ist es gut, wenn Jesu Einladung immer wieder erfolgt &#8211; und eben nicht nur an Gr\u00fcndonnerstag. Ich m\u00f6chte versuchen, ihr zu folgen. Sie auch?<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Lothar Grigat<br \/>\n<a href=\"mailto:Pfarrverein-ekkw@t-online.de\">Pfarrverein-ekkw@t-online.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gr\u00fcndonnerstag | 24. 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