{"id":10419,"date":"2005-03-07T19:49:25","date_gmt":"2005-03-07T18:49:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10419"},"modified":"2025-05-15T11:23:14","modified_gmt":"2025-05-15T09:23:14","slug":"markus-14-17-26-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-14-17-26-2\/","title":{"rendered":"Markus 14, 17-26"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Gr\u00fcndonnerstag | 24. M\u00e4rz 2005 | Markus 14,17\u201326 | Reinhard \u00dcberr\u00fcck |<\/h3>\n<p>17 Als es Abend geworden war kam Jesus mit den zw\u00f6lf J\u00fcngern.<br \/>\n18 Und als er mit ihnen bei Tische war und a\u00df, sagte Jesus: \u201eIch sage euch, es ist sicher, einer von euch, der jetzt mit mir i\u00dft, wird mich verraten.\u201c<br \/>\n19 Sie wurden tief betroffen dar\u00fcber und sagten zu ihm einer nach dem anderen: \u201eDoch nicht etwa ich?\u201c<br \/>\n20 Jesus antwortete:\u201eEiner von euch Zw\u00f6lfen, der mit mir aus einer Sch\u00fcssel i\u00dft!<br \/>\n21 Das geschieht, damit der Menschensohn stirbt, wie \u00fcber ihn in der Heiligen Schrift geschrieben steht. Wehe dem Menschen, der den Menschensohn ausliefert. Es w\u00e4re besser, er w\u00e4re nicht geboren worden.\u201c<br \/>\n22 Als sie mit ihm a\u00dfen, nahm er das Brot, dankte, brach es in St\u00fccke und gab es ihnen und sprach: \u201eNehmt, das ist mein Leib.\u201c<br \/>\n23 Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und gab ihn herum und alle tranken daraus.<br \/>\n24 Und er sagte zu ihnen: \u201eDas ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird f\u00fcr Viele.<br \/>\n25 Ich sage euch, es stimmt, dass ich nicht mehr trinken werde von diesem Erzeugnis des Weinstocks bis zu jenem Tag, wo ich es neu trinken werde im Reich Gottes.<br \/>\n26 Und den Lobpsalm singend gingen sie zum \u00d6lberg.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Die bekannteste szenische Darstellung unseres Predigttextes ist wohl Leonardo da Vincis \u201eLetztes Abendmahl\u201c. Unz\u00e4hlige Male ist dieses Wandgem\u00e4lde aus einer Mail\u00e4nder Kapelle kopiert worden. Das Original ist leider vom Zahn der Zeit etwas unansehnlich geworden, aber in vielen christlichen H\u00e4usern h\u00e4ngt es, als mehr oder weniger gelungene Replik, aufgefrischt, versilbert, vergoldet, in Kupfer getrieben oder als Holzrelief.<\/p>\n<p>In einer Ausstellung mit religi\u00f6ser Gebrauchsgrafik aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts habe ich mal eine ganze Wand mit mindestens 50 verschiedenen Kopien des \u201eLetzten Abendmahls\u201c gesehen. Das wirkte fast erschlagend, aber auch erheiternd, weil durchaus nicht jeder K\u00fcnstler das Niveau von Leonardo erreichte. Auch heute kann man Leonardokopien noch in jedem christlichen Devotionalien-Laden kaufen.<\/p>\n<p>Viele K\u00fcnstler hat es zu Bildbearbeitungen animiert. Es gibt eine CD zu kaufen mit 150 Varianten. Frauen kann man da am Abendmahlstisch versammelt sehen oder Schauspieler, Jesus als Schwarzer, Asiate, Indio, als Parteivorsitzender oder als Karikatur. Geben Sie mal im Internet bei Google in der Bildsuche \u201eAbendmahl\u201c ein. Sie werden viele dieser Bilder dort finden.<\/p>\n<p>Sie machen deutlich: dieses Bild und die Geschichte dahinter l\u00e4sst Menschen nicht los. Regt sie immer wieder an zum Nachdenken, Weiterphantasieren und Aktualisieren.<\/p>\n<p>Bei mir selber ist das Leonardo-Bild mit meiner Konfirmandenzeit verbunden. Wir haben damals einen Schwarz-Wei\u00df-Film aus den 60er Jahren von J\u00f6rg Zink gesehen, der Leonardos Abendmahl auf unvergleichliche Weise erkl\u00e4rte. Dabei machte er vor allem die Spannung deutlich, die in dieser Szene in der Luft liegt, als Jesus sagt: \u201eEiner von euch, der mit am Tisch sitzt, wird mich verraten.\u201c Diese Sekunden sind es ja, die Leonardo festgehalten hat. Wie die J\u00fcnger aufspringen, die Entr\u00fcstung, der \u00c4rger. Das kann doch nicht sein.<\/p>\n<p>Es ist aber so: Der Verr\u00e4ter sitzt mit am Tisch &#8211; das ist die Botschaft des Leonardo Abendmahls und auch das Anst\u00f6\u00dfige, das Menschen immer wieder an der Schilderung vom letzten Abendmahl fasziniert h\u00e4ngen bleiben l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Das letzte Abendmahl Jesu ist keine heile Welt, keine idyllische Szene. Wer es sich &#8211; wie das Kreuz auch &#8211; ins Zimmer h\u00e4ngt, h\u00e4ngt sich damit ein \u00c4rgernis ins Zimmer und nicht einen Traum von einem gelungenen Festmahl, einer gelungenen Fete im Kreis der Familie oder der Freunde.<\/p>\n<p>Und es gibt ja auch keine Aufl\u00f6sung der Spannung, dieses Krimis. Der Verr\u00e4ter wird nicht entlarvt, zumindest jetzt noch nicht und nicht beim letzten Mahl mit Jesus. Nat\u00fcrlich kennen wir als Bibelleser die Vorgeschichte und wie es weitergeht, aber eben in diesem Moment noch nicht. Und so ist denn die brennende Frage der J\u00fcnger: \u201eDoch nicht etwa ich?\u201c eine, die herausstrahlt. Herausstrahlt aus Bild und Szene auf uns selber, zu uns heute hin.<\/p>\n<p>Und wenn wir in diesem Gottesdienst gemeinsam das Abendmahl feiern, dann legt uns unser Predigttext heute ganz besonders diese Frage vor, einem jeden von uns.<\/p>\n<p>Die Geschichte des Abendmahls ist weitergegangen. F\u00fcr Christen ist es zum gro\u00dfen Hoffnungs- und Heilszeichen geworden. In besonderer Weise f\u00fchlen wir uns im Abendmahl, wenn wir es feiern, verbunden mit Gottes Heilsgeschichte und mit seiner Vergebung.<\/p>\n<p>Wenn ich mich im Gottesdienst auf das Abendmahl einlasse, dann ist das eine andere Situation als die beim letzten Abendmahl mit Jesus. Wir wissen mehr als die Zw\u00f6lf, kennen Ostern schon. Darum kann ich nach dem Gang zum Altar beim Zur\u00fcckgehen in die Kirchenbank durchaus ein befreiendes gl\u00fcckliches Gef\u00fchl haben und ein wenig Kribbeln im Bauch.<\/p>\n<p>Den J\u00fcngern beim letzten Abendmahl Jesu ging es wahrscheinlich anders. Sie gingen vermutlich nicht fr\u00f6hlich in Richtung \u00d6lberg, auch wenn unser Predigttext von einem Lobpsalm auf ihren Lippen berichtet. Das war vermutlich nur der Abschlu\u00dfgesang des Passahmahls, zu dem sie eigentlich zusammengekommen waren. Ritual und Liturgie eben, aber in ihrem Inneren wird es anders ausgesehen haben. Selbstzweifel, entt\u00e4uschte Hoffnungen, Ersch\u00f6pfung, Trauer, das Gef\u00fchl von kaputter Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Das letzte Mahl mit Jesus wirft mehr Fragen auf als es f\u00fcr die J\u00fcnger beantwortet.<br \/>\nF\u00fcr mich geh\u00f6rt das \u201esich selber Fragen\u201c beim Gang zum Abendmahl dazu. Auch wenn es vielleicht etwas hart klingt. Letztlich ist es die Frage: \u201eBin ich\u2019s, der Verr\u00e4ter?\u201c<\/p>\n<p>Fr\u00fcher war es in vielen Gegenden Brauch, nur einmal im Jahr zum Abendmahl zu gehen, am Gr\u00fcndonnerstag oder Karfreitag. Die Reduzierung sollte die Hochachtung vor dem Abendmahl ausdr\u00fccken. Sogar die Anmeldung zum Abendmahl gab es und spezielle Beichtfeiern, damit deutlich wurde: ich habe mich auch richtig vorbereitet, um an den Tisch des Herrn zu kommen. Ich wei\u00df: Auch ich schleppe Schuld mit mir rum, habe meine schwarzen Flecken, Belastungen, Schwierigkeiten und Probleme, die nur Gott mir nehmen kann. Auch ich werde immer wieder zum Verr\u00e4ter an meinem Glauben.<\/p>\n<p>Heute wird in den Gemeinden das Abendmahl h\u00e4ufiger angeboten, einmal im Monat etwa, und die Schwelle zur Teilnahme ist nicht mehr so hoch, man kann auch spontan zum Abendmahl gehen. Und das ist auch gut so, denn sich der Vergebung Gottes zu vergewissern, kann nicht nur einmal im Jahr richtig und wichtig sein.<\/p>\n<p>Aber die Frage: \u201eBin ich\u2019s, der Verr\u00e4ter?\u201c geh\u00f6rt immer mit dazu. Nur wer etwas von dieser Spannung wei\u00df, die \u00fcber der Geschichte vom letzten Abendmahl liegt und die uns mit einbeziehen will, wird offen f\u00fcr Befreiung und Vergebung, wenn er sie mitnimmt beim Gang zum Abendmahl.<\/p>\n<p>Es bleibt die ganz konkrete Frage: \u201eWo bin ich\u2019s denn nun, der Verr\u00e4ter?\u201c Da mu\u00df nat\u00fcrlich jeder f\u00fcr sich die Antworten finden. Hierbei ist jeder ganz allein vor Gott.<br \/>\nEs hilft vielleicht, die einzelnen Lebensbereiche durchzugehen, in denen wir stehen.<\/p>\n<p>Mit unserem Glaubensleben f\u00e4ngt es an. Wie sieht es damit aus? Welchen Stellenwert hat Gott in meinem Leben? Wann habe ich das letzte Mal mit ihm gesprochen, gebetet?<\/p>\n<p>Mit unseren Beziehungen k\u00f6nnte es weitergehen, Freundschaften, Ehen, Familie: Was l\u00e4uft da schief? Wo werden wir den Anderen nicht gerecht oder lassen jemanden links liegen, der dringend unsere Hilfe braucht?<\/p>\n<p>Das N\u00e4chste k\u00f6nnten unsere Sozialkontakte sein an der Arbeitsstelle, in den Vereinen, in der Kirchengemeinde, da, wo wir uns engagieren. Was l\u00e4uft da falsch, an dem ich mitschuldig bin? Wo werden durch mich eher Beziehungen zerst\u00f6rt als aufgebaut? Wo mache ich Gemeinschaft und Frieden kaputt?<\/p>\n<p>Wenn man damit erst einmal anf\u00e4ngt fallen einem eine Menge Fragen ein. Man mu\u00df sich nur mal Zeit daf\u00fcr nehmen.<\/p>\n<p>Die m\u00f6chte ich uns jetzt geben. Unser\/e Organist\/in wird nun etwas ruhige Orgelmusik spielen. Stellen Sie sich die Fragen, die f\u00fcr Sie n\u00f6tig sind.<\/p>\n<p><em>Orgelmeditation<\/em> \u2013<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, die J\u00fcnger Jesu beim letzten Abendmahl waren wahrscheinlich zu tief betroffen und gefangen in Fragen, in Selbstzweifeln und Verd\u00e4chtigungen untereinander, um wirklich zu begreifen, was damals noch passierte beim gemeinsamen Mahl.<\/p>\n<p>Wir wissen um das Geheimnis, das geschah, als doch alle miteinander das Brot brachen und aus einem Kelch tranken. Wir wissen, dass darin Gottes neue Wirklichkeit aufscheint, die auch allen Verr\u00e4tern gilt und allen mit offenen Fragen.<\/p>\n<p>Gottes neue Wirklichkeit l\u00e4\u00dft auch Sie nicht verzweifeln und schenkt neue Anf\u00e4nge.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Reinhard \u00dcberr\u00fcck<br \/>\nEv. Seelsorger in der Bundeswehr<br \/>\nEschenweg 3<br \/>\n59423 Unna<br \/>\nTel: 02303\/256276<br \/>\nEmail: <a href=\"mailto:rueberrueck@t-online.de\">rueberrueck@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gr\u00fcndonnerstag | 24. 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