{"id":10421,"date":"2005-03-07T19:49:22","date_gmt":"2005-03-07T18:49:22","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10421"},"modified":"2025-05-15T11:30:28","modified_gmt":"2025-05-15T09:30:28","slug":"lukas-23-33-49-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-23-33-49-3\/","title":{"rendered":"Lukas 23, 33-49"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Karfreitag | 25. M\u00e4rz 2005 | Lukas 23, 33-49 | Martin Reyer |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Karfreitag in Jerusalem, ganz nahe bei Golgatha. Was f\u00fcr ein Tag. Man meint, die Sch\u00f6pfung m\u00fcsse den Atem anhalten. Man sieht Himmel und Erde zusammen, Tod und Leben ineinander verstrickt. G\u00f6ttliches Drama, Tragik des Lebens, eingefangen in einem Symbol: das Kreuz auf der Sch\u00e4delst\u00e4tte.<\/p>\n<p>In dieser Szene aber konzentriert sich nicht nur allein das Grauen eines qualvollen Todes \u2013 aus diesem Bild haben viele Menschen aus vielen Generationen Trost gesch\u00f6pft, Hoffnung und Mut, auch in finsterster Zeit. Das Kreuz auf der Sch\u00e4delst\u00e4tte, obwohl Zeichen sinnlosen Sterbens, das Kreuz ist auf geheimnisvolle Weise zum Symbol geworden, dass eben diese Macht des Todes gebrochen ist.<\/p>\n<p>Sich zu \u00f6ffnen f\u00fcr dieses Kreuz, Leben und Tod in einem, das bringt uns in Verbindung mit dem Geheimnis der Welt schlechthin. Dieses hoch aufgerichtete Folterinstrument, das zum Lebenszeichen geworden ist, das spricht zu uns.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind wir von Leiden, Schmerzen und Tod umgeben. Wohin wir auch blicken, es ist ein st\u00e4ndiges Vergehen. Wer sensibel genug ist f\u00fcr die Bewegungen des Lebens, der wird das kennen, wie \u2013 pl\u00f6tzlich! \u2013 die Erfahrung des Absurden mitten im Allt\u00e4glichen uns \u00fcberf\u00e4llt. Fr\u00f6hlich zur Schau getragener Optimismus hilft da im Grunde wenig. Sich hinzugeben an scheinbar ach so wichtige Aufgaben hat pl\u00f6tzlich auch keinen Wert. R\u00fcckzug in Stille und Einsamkeit \u2013 wozu eigentlich? Ja, manchmal kann nicht einmal eine gute Predigt von der Gnade Gottes dieses tief in uns sitzende Wissen um unsere eigene Verg\u00e4nglichkeit und Vergeblichkeit tr\u00f6sten. Wir alle, wir, obwohl Gesch\u00f6pfe Gottes, sind doch Gefangene der Zeit, Gefangene der Endlichkeit und letztlich des Todes.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es gerade diese fatale Endlichkeit des Menschen, die der Grund ist f\u00fcr alles, was er an Gutem und Bewunderungsw\u00fcrdigem hervorgebracht hat. Denken wir nur an die Pyramiden, die Erfolge der Medizin, die Kunst. \u2013 Und das B\u00f6se geh\u00f6rt eben auch in diesen Rahmen. Im Grunde kann man jede menschliche Lebens\u00e4u\u00dferung \u2013 zum Edlen oder H\u00e4sslichen \u2013 als Auflehnung gegen die Zeitlichkeit verstehen. Jedes menschliche Handeln, und nat\u00fcrlich auch die Liebe, im Grunde sinnlose Rebellion gegen den Tod.<\/p>\n<p>Mit diesen Gedanken wollen wir uns dem Geheimnis von Karfreitag n\u00e4hern. Es ist tats\u00e4chlich so erschreckend. Die Bedingung alles Menschlichen ist der Tod. Genauer noch: das Wissen um den Tod.<\/p>\n<p>Und jetzt sagt der Glaube, der sich von Karfreitag her versteht: mitten in diesem \u2013 t\u00e4glich bek\u00e4mpften, t\u00e4glich gestorbenen \u2013 Tod, da beginnt der Tod des Todes. Denn das ist der Karfreitag: Dass Gott, der ewige Gott selber, den Tod, die Grundbedingung seiner Gesch\u00f6pfe, auf sich nimmt. &#8222;O gro\u00dfe Not, Gott selbst liegt tot&#8220;, hei\u00dft es in einem alten lutherischen Lied. Oder, in einem anderen Lied &#8222;Es war ein wunderlich Krieg, \/ da Tod und Leben rungen, \/ das Leben behielt den Sieg, \/ es hat den Tod bezwungen. \/ Die Schrift hat verk\u00fcndet das, \/ wie ein Tod den anderen fra\u00df. \/ Ein Spott aus dem Tod ist worden.&#8220;<\/p>\n<p>Karfreitag: Der Tod hat seine Bannkraft verloren. Und es beginnt die Verhei\u00dfung, dass Gottes Gesch\u00f6pfe in Gottes Ewigkeit, jenseits von Zeit und Raum aufgehoben und geborgen sind. Aller Verg\u00e4nglichkeit zum Trotz. Jesus im Johannes Evangelium: &#8222;Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.&#8220;<\/p>\n<p>Mitten in dieser vom Tod bedingten Welt beginnt die an keine menschliche Grenze gebundene Liebe. Wenn man den Karfreitag als die Mitte des Todes in dieser Zeit bezeichnen will, dann ist er aber zugleich auch Anfangspunkt der Liebe in dieser Welt, die ihren Ursprung in der Ewigkeit hat und deshalb der Endlichkeit nicht mehr unterworfen ist. Mitten unter dem so verstandenen Kreuz beginnt Ostern.<\/p>\n<p>Mitten im Tod vom Leben umfangen. \u2013 Karfreitag hei\u00dft dann: in der Gewissheit zu leben, dass der Tod nicht das letzte Wort behalten wird in der Geschichte Gottes mit seiner Sch\u00f6pfung und mit seinen Gesch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Drei letzte Worte Jesu am Kreuz hat uns der Evangelist Lukas \u00fcberliefert. Drei Worte, in denen die \u00dcberwindung des Todes offenkundig wird. Das erste ist die F\u00fcrbitte Jesu f\u00fcr seine Feinde: &#8222;Vater vergibt ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.&#8220; Das Schuld vergeben wird, das ist das erste Kennzeichen jener Liebe, die sich aus der Ewigkeit speist. Unser Menschenherz schreit so oft nach Rache, die letzten vier Jahre in diesem Land waren der blutgetr\u00e4nkte Beweis, wie Tod mit Tod bezahlt wird, die h\u00e4rteste W\u00e4hrung der Welt. Aber haben die wirklich alle sterben m\u00fcssen, nur damit die Situation heute so ist wie sie ist? Das Wort Jesus er\u00f6ffnet die Dimension einer Liebe, die nicht abrechnet, sondern heilt, und aus dem Verderben rei\u00dft. So lange schien es unsinnig und aberwitzig, der Situation hier im Lande mit Liebe begegnen zu wollen. Und doch: wie anders soll denn Friede werden in diesem geschundenen Land.<\/p>\n<p>Das zweite Wort Jesu richtet sich an den Gekreuzigten neben ihm: &#8222;Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.&#8220; Der hatte sich zu seiner Schuld bekannt und ihn gebeten: &#8222;Herr, gedenke mein, wenn du in dein Reich kommst.&#8220; Geschichten vom Verlorenen hatte Jesus erz\u00e4hlt, vom verlorenen Sohn, vom verlorenen Schaf, verlorenen Groschen. Die Verlorenen seiner Zeit hatten zu ihm gefunden. Nun, im Tode am Kreuz, noch einmal der Verlorene. Und Jesus f\u00fchrt heim, was verloren ging, heim f\u00fcr immer und \u00fcber die Grenze des Todes hinaus. Dorthin, wo die Liebe des Vaters von Ewigkeit her alles erf\u00fcllt. Das ist das zweite Kennzeichen der Liebe, die sich aus der Ewigkeit speist: sie f\u00fchrt uns zu unserer ewigen Bestimmung.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich, dem Ende nahe, betet er mit Psalm 31: &#8222;Vater, ich befehle meinen Geist in deine H\u00e4nde.&#8220; Wir d\u00fcrfen froh sein \u00fcber jeden Menschen, der so sterben kann. Sich in die H\u00e4nde Gottes geben. So wird ganz ernst und wahr, dass wir Gottes Eigentum sind, und eben nicht der Verg\u00e4nglichkeit anheim fallen. Fallen in Gottes Hand, dass ist das dritte Kennzeichen jener Liebe, die sich aus der Ewigkeit speist.<\/p>\n<p>Das Sterben Jesu hat die Menschen ersch\u00fcttert: &#8222;Und alles Volk, das dabei war und zusah, dass sie sahen, was da geschah, schlugen sich an ihre Brust und kehrten wieder um.&#8220; Sie verlie\u00dfen Golgatha nicht als Sieger, die den Untergang des Feindes bejubeln, oder als Gerechte nach Vollzug eines Urteils, sondern selber als Geschlagene. Sie ahnen: hier hat tats\u00e4chlich ein Kampf stattgefunden und Jesus ist der Sieger geblieben. Ein Tod den andern fra\u00df und der Sieg wurde errungen \u00fcber alles, was Menschen in Verzweiflung st\u00fcrzt, bis hin zum Tod. Dieser Mensch, den seine Feinde wie einen gef\u00e4hrlichen Agenten f\u00fcr immer ausschalten wollen, dieser Mensch hat in Wirklichkeit die Liebesmacht Gottes zum Sieg gef\u00fchrt. Was da geschah, das gilt f\u00fcr alle Zeiten und f\u00fcr alle Menschen und auch f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Und deshalb sagt der Heide unter dem Kreuz, der Hauptmann: Dieser Mensch war wirklich ein Gerechter. Bekenntnis zu Jesus, zu der von ihm verk\u00fcndeten und gelebten Liebe Gottes. Bekenntnis zu Jesus in unserer durch den Tod bedingten Welt. So wird es ein segensreicher Karfreitag f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-family: Arial; font-size: 16px;\"><strong>Propst Martin Reyer<br \/>\nErl\u00f6serkirche, Jerusalem<\/strong><\/span><strong><br \/>\n<a href=\"mailto:propst.reyer@redeemer-jerusalem.com\">propst.reyer@redeemer-jerusalem.com<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag | 25. M\u00e4rz 2005 | Lukas 23, 33-49 | Martin Reyer | Karfreitag in Jerusalem, ganz nahe bei Golgatha. Was f\u00fcr ein Tag. Man meint, die Sch\u00f6pfung m\u00fcsse den Atem anhalten. 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