{"id":10423,"date":"2005-03-07T19:49:13","date_gmt":"2005-03-07T18:49:13","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10423"},"modified":"2025-05-15T13:34:47","modified_gmt":"2025-05-15T11:34:47","slug":"lukas-23-33-49-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-23-33-49-5\/","title":{"rendered":"Lukas 23, 33-49"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Karfreitag | 25. M\u00e4rz 2005 | Lukas 23,33-49 | Martin Hein |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Heute ist Karfreitag, der Tag der schonungslosen Wahrheit, liebe Gemeinde. Heute erfahren wir Grundlegendes, Entscheidendes \u00fcber uns Menschen und \u00fcber Gott.<\/p>\n<p>Wir erfahren Grundlegendes \u00fcber uns <em>Menschen<\/em>, \u00fcber die Abgr\u00fcnde, die sich auftun, wenn das B\u00f6se erst einmal seinen Lauf genommen hat. Dann scheint es kein Halten mehr zu geben. Dann vollziehen die Henkersknechte routiniert und ohne viel Aufhebens ihr schmutziges Handwerk. Befehl ist Befehl, und Sold ist Sold. Was z\u00e4hlt schon ein Menschenleben!?<\/p>\n<p>Und die anderen ringsum, die \u00fcblichen Gaffer? Sie erleben die Kreuzigung als schauriges Schauspiel. Kein Wort des Protests, keine Silbe der Abscheu, noch nicht einmal, da\u00df sie sich abwenden von diesem blutigen Geschehen. Sie stehen da und schauen zu \u2013 innerlich scheinbar unbeteiligt, aber erf\u00fcllt von der Sensationsgier, einen Menschen sterben zu sehen.<\/p>\n<p>Doch damit nicht genug. Da sind auch jene, die keinen Hehl daraus machen, da\u00df sie sich an den Qualen eines Unschuldigen weiden: die Oberen, die ihrem Spott freien Lauf lassen, die Soldaten, die voller Ironie \u00fcber die erb\u00e4rmliche Gestalt am Kreuz herziehen, ja selbst einer der Verbrecher, der dort h\u00e4ngt, stimmt kurz vor seinem Lebensende noch in den Chor der Verachtung ein.<\/p>\n<p>Das B\u00f6se hat eine m\u00e4chtige, unb\u00e4ndige Anziehungskraft, und sich mit Worten und Taten an einem Wehrlosen zu vergreifen, scheint eine ungeheure Befriedigung zu verschaffen.<\/p>\n<p>Wir blicken auf das Kreuz Jesu und erkennen: Der Mensch ist der M\u00f6rder seines Bruders. Die alte Wahrheit von Kain und Abel am Anfang der Menschheitsgeschichte wiederholt sich. Es geht nicht um Einzelf\u00e4lle menschlichen Versagens. Wenn wir all jene vor unseren Augen Revue passieren lassen, die am Tod Jesu beteiligt sind oder sich daran erg\u00f6tzen, kommt schnell zum Vorschein, wie anf\u00e4llig wir als Menschen gegen\u00fcber dem B\u00f6sen sind und wie leicht wir ihm nachgeben.<\/p>\n<p>Vor bald zweitausend Jahren jenseits der Tore Jerusalems war das so, und ist es bis heute geblieben \u2013 und das keineswegs blo\u00df in krimineller Umgebung, wo ein Menschenleben oft wenig z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>In vielen L\u00e4ndern dieser Erde existiert die Todesstrafe weiterhin und wird exekutiert. Menschen werden unter unw\u00fcrdigen Bedingungen und ohne Aussicht auf ein faires Gerichtsverfahren gefangen gehalten \u2013 selbst durch L\u00e4nder, die ein Vorbild an Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Freiheit sein wollen. Bilder von Dem\u00fctigungen und Qu\u00e4lereien haben wir im vergangen Jahr zu gen\u00fcge anschauen m\u00fcssen. Aus Gr\u00fcnden der Staatsr\u00e4son wird kr\u00e4ftig gehobelt, und da m\u00fcssen eben auch Sp\u00e4ne fallen; das hat man in zu Kauf nehmen, hei\u00dft es.<\/p>\n<p>Es war nur eine kleine Minderheit, die \u00fcberhaupt eine innere Anteilnahme gegen\u00fcber Jesus auf seinem Weg zum Kreuz zeigte. Die meisten hatten ihn l\u00e4ngst im Stich gelassen. \u00c4hnlich r\u00fchrt sich heute der Widerspruch nur m\u00e4\u00dfig gegen alle Willk\u00fcr und Anma\u00dfung, \u00fcber Leben und Tod anderer entscheiden zu wollen. Das ist Anla\u00df genug, uns selbstkritisch zu pr\u00fcfen, wie es mit unserem Mut, mit unserem Mitleid und Eintreten f\u00fcr die Schwachen und Gedem\u00fctigten steht \u2013 in der N\u00e4he und in der Ferne. Die Bilanz sieht, glaube ich, nicht gut aus. Wir sind jenen Menschen, die den Tod Jesu zu einem grausigen Ereignis machen, doch viel n\u00e4her als wir meinen.<\/p>\n<p>Aber der Bericht von Jesu Kreuzigung und Tod h\u00e4lt uns nicht nur einen Spiegel vor, in dem wir uns selbst mit unserer Verstrickung in das B\u00f6se erkennen. Wir erfahren Grundlegendes \u00fcber <em>Gott<\/em>. Der Unmenschlichkeit von uns Menschen steht eine tiefe Menschlichkeit Gottes gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>F\u00fcr sie war Jesus zeit seines Lebens eingestanden; sie hatte in ihm sichtbare Gestalt gewonnen \u2013 in der Zuwendung zu den Ausgesto\u00dfenen und Verachteten, zu denen, die nichts zu lachen hatten. Nun wird er in der Ohnmacht, der Folter und dem Tod ausgeliefert zu sein, selbst einer von ihnen. Aber er verliert auch hier, in der \u00e4u\u00dfersten Not, nicht seine Gr\u00f6\u00dfe und Souver\u00e4nit\u00e4t: Noch in den letzten Atemz\u00fcgen bittet Jesus liebevoll um Vergebung f\u00fcr jene, die ihn mi\u00dfhandeln, und verhei\u00dft einem der beiden Mitopfer das ewige Leben. Liebe und ewiges Leben: Darin entpuppt sich mitten in der Sinnlosigkeit der schrecklichen Kreuzigung ein geheimer Sinn.<\/p>\n<p>Wir blicken auf das Kreuz Jesu und erkennen durch das blindw\u00fctige Geschehen hindurch: Gottes Liebe setzt sich dem B\u00f6sen aus, aber sie h\u00e4lt ihm stand.<\/p>\n<p>Gott verweilt nicht in Distanz zur Welt und zu uns Menschen, sondern begibt sich in die Niederungen hinein, mitten in das menschliche Elend. Von Weihnachten bis zum Karfreitag spannt sich dieser Bogen. Gott gibt sich uns hin, nimmt in Jesus die Qualen auf sich, wird gedem\u00fctigt, ja scheut nicht den gewaltsamen Tod am Kreuz. Gott wird in Jesus Opfer und leidet mit den Opfern der Ungerechtigkeit und des Hasses zu allen Zeiten. Seit jenem ersten Karfreitag hat die Christenheit diesem furchtbaren Ereignis die allerh\u00f6chste Bedeutung zugelegt. Das Kreuz als Zeichen des Todes wandelt sich in das Zeichen grenzenloser, bedingungsloser Hingabe an uns Menschen.<\/p>\n<p>Das kann unser Bild von Gott nachhaltig ver\u00e4ndern und uns ein neues Verh\u00e4ltnis zu ihm er\u00f6ffnen. Gott ist Liebe, und im Tod Jesu gibt er sich uns preis. \u201eAus Liebe will mein Heiland sterben\u201c, so beginnt eine Arie in Bachs Matth\u00e4us-Pas\u00adsion, um in die Worte einzum\u00fcnden: \u201eDa\u00df das ewige Verderben \/ und die Strafe des Gerichts \/ nicht auf meiner Seele bliebe.\u201c Darum geht es am Karfreitag!<\/p>\n<p>Gottes Liebe heilt den Ri\u00df zwischen uns und ihm, und sie schenkt Freiheit \u2013 von der Verf\u00fchrung, sich stets nur anzupassen und mit den anderen W\u00f6lfen zu heulen, Freiheit vom Zwang des B\u00f6sen, ja von der Macht des Todes.<\/p>\n<p>So gesehen ist Gottes Liebe \u2013 wie alle Liebe \u2013 konkret: Sie ersch\u00f6pft sich nicht in Harmonie und Konfliktfreiheit. Im Gegenteil! Sie ver\u00e4ndert alles, denn sie begibt sich auf den Weg des Leidens, der Verachtung und der Finsternis. Keinen Ort gibt es auf dieser Welt, wo Gott nicht w\u00e4re, selbst dort ist er, wo die Grausamkeit jeden Gedanken an ihn zu verbieten scheint! Gottes Liebe begrenzt sich nicht auf die Sonnenseiten des Lebens; er ist uns Menschen gerade in schweren Stunden, in Krisen, Einsamkeit und Ausweglosigkeit nahe. Er begleitet uns bis an unser Ende, um uns das Tor zum Leben zu \u00f6ffnen. Wir k\u00f6nnen uns darauf verlassen: \u201eWahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.\u201c Karfreitag ist der Tag der schonungslosen Wahrheit, liebe Gemeinde. Aber diese Wahrheit tut unendlich gut!<\/p>\n<p>Wir blicken auf das Kreuz Jesu \u2013 voll Dankbarkeit: Gott \u00fcberwindet das B\u00f6se mit Gutem, er vergibt uns unsere Schuld und macht uns heil. Er bef\u00e4higt uns, mitten in der Welt mit ihrem Leid und ihrer Gewalt als Menschen zu leben, die sich nach seinem Willen ausrichten.<\/p>\n<p>Wir blicken auf das Kreuz Jesu \u2013 voll Hoffnung: Am Karfreitag ist die Liebe Gottes nicht ans Ende gelangt. Seine Wege reichen weiter als die Grenze des Todes. Davon ist \u00fcbermorgen, an Ostern, zu predigen und zu h\u00f6ren. Aber es k\u00fcndigt sich schon heute an: Mitten im grausamen Geschehen dieses Tages, mitten im Angesicht des Todes finden wir den Grund des Lebens: Gottes Liebe. Das ist die grundlegende, entscheidende Wahrheit \u2013 f\u00fcr uns und f\u00fcr die ganze Welt. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Dr. Martin Hein, Kassel<br \/>\n<a href=\"mailto:martinhein@gmx.de\">martinhein@gmx.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag | 25. M\u00e4rz 2005 | Lukas 23,33-49 | Martin Hein | Heute ist Karfreitag, der Tag der schonungslosen Wahrheit, liebe Gemeinde. Heute erfahren wir Grundlegendes, Entscheidendes \u00fcber uns Menschen und \u00fcber Gott. Wir erfahren Grundlegendes \u00fcber uns Menschen, \u00fcber die Abgr\u00fcnde, die sich auftun, wenn das B\u00f6se erst einmal seinen Lauf genommen hat. 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