{"id":10427,"date":"2005-03-07T19:49:16","date_gmt":"2005-03-07T18:49:16","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10427"},"modified":"2025-05-15T11:39:18","modified_gmt":"2025-05-15T09:39:18","slug":"lukas-2333-49","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2333-49\/","title":{"rendered":"Lukas 23,33-49"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Karfreitag | 25. M\u00e4rz 2005 | Lukas 23, 33-49 | Ekkehard Lagoda |<\/span><\/h3>\n<p><em>33 Und als sie kamen an die St\u00e4tte, die da hei\u00dft Sch\u00e4delst\u00e4tte, kreuzigten sie ihn dort und die \u00dcbelt\u00e4ter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. 35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserw\u00e4hlte Gottes. 36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden K\u00f6nig, so hilf dir selber! 38 Es war aber \u00fcber ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden K\u00f6nig. 39 Aber einer der \u00dcbelt\u00e4ter, die am Kreuz hingen, l\u00e4sterte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du f\u00fcrchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. 44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis \u00fcber das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels ri\u00df mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine H\u00e4nde! Und als er das gesagt hatte, verschied er. 47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: F\u00fcrwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! 48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. 49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galil\u00e4a nachgefolgt waren, und sahen das alles.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nnun h\u00e4ngt er, abgeurteilt nach r\u00f6mischem Recht, gefoltert und gedem\u00fctigt am Kreuz zwischen zwei Straft\u00e4tern. Das ist die Gerechtigkeit, die auf Erden gilt. Wer die Macht hat, setzt das Recht. Der Tod hat das Sagen. Das soll Gerechtigkeit sein?<\/p>\n<p>Die Frage nach Gerechtigkeit ist keine Ansichtssache; sie entz\u00fcndet sich an Unrechtserfahrungen: an einer als ungerecht empfundenen Benotung der Seminararbeit, an einer als ungerecht erlebten Examenspr\u00fcfung, an einer als kr\u00e4nkend erfahrenen Kritik eines Mitmenschen .<br \/>\nSolche Unrechtserfahrungen rufen Protest hervor, r\u00fctteln auf, sensibilisieren, aktivieren mein Gerechtigkeitsempfinden. Die Erfahrung von Ungerechtigkeit ist im eigenen Erleben meist viel st\u00e4rker als die von Gerechtigkeit. Denn selbst um Gerechtigkeit bem\u00fcht, erwarte ich auch gerechtes Handeln von anderen.<br \/>\nDoch wie kommt es zu einer solchen Ungerechtigkeit, die ein Gemeindemitglied erf\u00e4hrt, das sich vom Freistaat Bayern im Rahmen der \u00fcblichen G\u00fcnstlingswirtschaft um sein Grundst\u00fcck geprellt sieht. Weil der Wurstfabrikant zugleich Fu\u00dfball- und Gesch\u00e4ftsfreund des B\u00fcrgermeisters und des Ministerpr\u00e4sidenten ist, wird nun eine Wurstfabrik das Gel\u00e4nde zieren.<br \/>\nSo ist das halt im Leben. Eine Hand w\u00e4scht die andere. Gemeinsam bringen wir es einfach weiter, auch, wenn dies &#8211; wie im beschriebenen Fall &#8211; einer ungerechten Sache dient: Aus diesem Grund sind Kooperationen nicht nur unter Menschen und im Gesch\u00e4ftsleben verbreitet, sondern es gibt sie auch im Tierreich. Dagegen legt sogar der in S\u00fcdamerika beheimatete Faunaffe ein richtig \u201efaires\u201c Verhalten an den Tag: Hat er Beute gemacht, w\u00e4hrend sein Partner leer ausging, wird geteilt. Vor allem wenn der andere beim Fang mitgeholfen hat. Eine Hand w\u00e4scht die andere. Aber die Kooperation und das faire Verhalten gilt nur \u2013 hier wie auch oft genug unter Menschen &#8211; f\u00fcr die Helfer und Helfershelfer, nicht f\u00fcr die, die unter die R\u00e4uber fielen und zur Beute wurden.<\/p>\n<p>Diese G\u00fcnstlingswirtschaft wird als Ungerechtigkeit erfahren, ist aber weit davon entfernt eine Frage des \u00dcberlebens zu sein. Ganz im Gegensatz zum weltweiten Freihandel um jeden Preis, in dem die Handelspolitik die Ern\u00e4hrungssicherheit von Millionen von Menschen nicht im Auge beh\u00e4lt und die Menschenrechte mit F\u00fc\u00dfen tritt.<\/p>\n<p>Ein Mensch, der die Ungerechtigkeit und die Ohnmacht seines Volkes erlebte und sich mit feinem Gesp\u00fcr gewaltfrei widersetzte war und &#8211; in gewisser Weise &#8211; ist Oscar Arnulfo Romero. Dieser Mann lebt noch heute in seinem Volk weiter, obgleich er vor 25 Jahren drei Jahre nach seiner Wahl zum Erzbischof von San Salvador von einem rechtsradikalen Killer w\u00e4hrend der Eucharistiefeier in der Kapelle des Krebshospitals der Karmeliterinnen ermordet wurde.<br \/>\nIn einer Reihe von \u201ePassionsfilmen\u201c sahen wir in unserer Gemeinde aus Anlass seines 25. Todestages den Film \u201eRomero\u201c.<br \/>\nAls ein konservativer Kandidat der herrschenden Kreise hatte sich Romero zu einem engagierten F\u00fcrsprecher der Armen ver\u00e4ndert, der t\u00e4glich gegen Ungerechtigkeit und Terror ank\u00e4mpft. Als moralistischer Glaubenshirte, dem die Rettung der Einzelseele am Herzen lag, schien er anfangs kein gro\u00dfes Interesse an der Bew\u00e4ltigung sozialer Krisen in seinem Land gehabt zu haben. Aber er fand immer deutlichere Worte und lehnte die Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele ab, predigte jedoch passiven bzw. gewaltfreien Widerstand.<strong><br \/>\n<\/strong>Er wurde zum Schweigen gebracht, weil er wirtschaftliche Ausbeutung, Rechtlosigkeit und Unterdr\u00fcckung in El Salvador nicht hinnahm. Mit seinem Engagement f\u00fcr die Armen stellte er sich gegen das von den Herrschenden begangene Unrecht. Er sagte: \u201eDie Kirche w\u00fcrde ihre Liebe zu Gott und ihre Treue zum Evangelium verraten, wenn sie aufh\u00f6rte, die Stimme derer zu sein, die keine Stimme haben\u201c, oder er rief den Soldaten in der vom Rundfunk \u00fcbertragenen Predigt zu: \u201eKein Soldat ist verpflichtet, einem Befehl zu gehorchen, der wider das Gesetz Gottes gerichtet ist.\u201c<\/p>\n<p>Romero ist zu einem Symbol f\u00fcr Gerechtigkeit und Solidarit\u00e4t geworden. Sein Denken und Handeln macht auch heute noch Mut, Ungerechtigkeit offen anzuprangern und f\u00fcr die Armen, Entrechteten und Schwachen einzutreten.<br \/>\nDarum lebt er in seinem Volk bis heute weiter.<\/p>\n<p>Das im Film beschriebene Leiden des Volkes unter den Machthabern und das Martyrium des Erzbischofs erinnerten uns sehr stark an den Bericht \u00fcber die Kreuzigung Jesu nach dem Evangelisten Lukas. Dieser arbeitet fein heraus, da\u00df Jesus ein M\u00e4rtyrer ist, der sich als der Gerechte so konsequent gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt ausspricht, da\u00df er daf\u00fcr mit seinem Leben bezahlen musste.<br \/>\nIn eindr\u00fccklicher Weise zeigt der Film, wie sich Romero, gespielt von Raul Julia, zu einer international bekannten moralischen Autorit\u00e4t entwickelt. Nach meinem Geschmack wird mir im Film die Grausamkeit des Geschehens mit den Mittel des politischen Thrillers zu deutlich vor Augen gef\u00fchrt. Lukas dagegen kommt in seiner Darstellung des M\u00e4rtyrertodes mit anderen Mitteln aus und notiert nur sehr knapp den Kreuzigungsvollzug. Er scheint keinerlei Wert auf das \u201eWie\u201c der Kreuzigung zu legen (V. 33). Ihm geht es offenbar nicht so sehr um den Tod und den Vorgang des Sterbens.<\/p>\n<p>Fast einer Bildkomposition vergleichbar gruppiert er die Menschen, mit denen Jesus kurz vor seinem Tod noch vom Kreuz her spricht.<\/p>\n<p>Doch schauen wir uns diese Begegnungen Jesu mit dem Straft\u00e4ter am Nebenkreuz, dem wachhabenden Hauptmann und den zuschauenden Menschen n\u00e4her an, um zu sehen, was dem Evangelisten wichtig war:<br \/>\nDer Straft\u00e4ter am Kreuz neben Jesus sieht sich wie den Kollegen zurecht verurteilt. Er empfindet seine Strafe als gerecht und erkennt in Jesus einen, der nichts Unrechtes getan hat. Er bittet Jesus:\u201c Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.\u201c Und Jesus spricht ihm zu: \u201eWahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.\u201c<\/p>\n<p>Hier steht nicht der Tod Jesu in der Mitte, sondern die Vergebung f\u00fcr den \u00dcbelt\u00e4ter neben ihm. Angesichts der Sinnlosigkeit stellt sich Sinn ein, wird diesem eine Lebensperspektive zuteil. Da ergreift einer das Leben, obwohl er nur noch Minuten zu leben hat. Im Angesicht des gekreuzigten Jesus ordnet er sich neu ein; mehr noch, wird er sich neu geschenkt. Da z\u00e4hlen Augenblicke mehr als ein ganzes Leben.<br \/>\nHier wird ihm nicht eine Unsterblichkeit der Seele oder irgendetwas anderes versprochen. Ihm wird zugesprochen, da\u00df er sein Leben nicht umsonst gelebt hat. Er hat, wenn auch sehr sp\u00e4t, den erkannt, der sinnvolles Leben ansagt und m\u00f6glich macht. Er stirbt \u2013 aber er stirbt nicht umsonst. Verzweiflung hat bei ihm nicht das letzte Wort, sondern Friede, Friede, den er in der Begegnung mit dem sterbenden Jesus gefunden hat<strong>.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Selbst angesichts der Menschen, die sich das Recht herausnehmen, Recht zu setzen und den religi\u00f6sen Autorit\u00e4ten wie den politischen Machthabern, die ihn mit seinen friedensstiftenden Gedanken eliminieren m\u00f6chten, geht Jesus sch\u00f6pferisch um.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Schauen wir nach dem Straft\u00e4ter auf den Hauptmann . Er erlebt mit, wie Jesus stirbt und wie sein Tod durch ein kosmisches Geschehen begleitet wird. \u201eEine Finsternis kam \u00fcber das ganze Land\u201c und \u201eder Vorhang im Tempel ri\u00df mitten entzwei\u201c. Der Blick auf das Allerheiligste im Tempel wurde freigegeben.<br \/>\nDer Hauptmann sieht, in welcher Weise sich Jesus dem Straft\u00e4ter zuwendet .<br \/>\nEr sieht, da\u00df Jesus kein b\u00f6ses Wort f\u00fcr die \u00fcbrig hat, die ihn ans Kreuz gebracht haben, die um ihn herstehen und ihn herausfordern, indem sie ihn verspotten. Aus der Verspottung spricht Verzweiflung, Sinnlosigkeit . Jesus, der exemplarische Gerechte, der seine Predigt der N\u00e4chsten- und Feindesliebe durchh\u00e4lt, Gottes Gerechtigkeit erf\u00fcllt, selbst unter schlimmem Martyrium und Spott treu und um die Gegner besorgt bleibt, jede Gewalttat gegen Henker und Autorit\u00e4ten ablehnt, dieser Jesus war und ist Hoffnungstr\u00e4ger. Und ein Hoffnungstr\u00e4ger, der sich nicht selbst rettet, erscheint den Menschen unter dem Kreuz undenkbar und unertr\u00e4glich. Aber sie stehen auf der Seite der Machthaber und meinen, Recht setzen zu k\u00f6nnen. Jesus schweigt zu den Frechheiten und Verspottungen und betet zu Gott: \u201eVater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.\u201c<\/p>\n<p>Dies mu\u00df den Hauptmann so beeindruckt haben, da\u00df er in Jesus den Zeugen f\u00fcr Gottes Gerechtigkeit sieht, so wie im Jesajabuch steht, da\u00df der Gerechte den Vielen Gerechtigkeit schaffen wird (Jes 53,11; 11,4f). D er Hauptmann wird zu einem Bekenntnis bewegt und spricht preisend, bevor er den Ort verl\u00e4\u00dft: \u201eDieser Mensch war wirklich ein Gerechter\u201c. Er bleibt selbst unter schlimmem Martyrium und Spott treu und um die Gegner besorgt; er lehnt jede Gewalttat gegen Henker und Autorit\u00e4ten ab. Bis zu seinem Tod setzte er nicht auf Bestrafung, Rache und Vergeltung, denn Gott ist ein Gott der Liebe. Keine Aggressivit\u00e4t gegen\u00fcber den Gegnern, keine Beschimpfung oder Bedrohung der Henker, sondern Vergebung und Feindesliebe: \u201eVater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun\u201c. Die im Namen Jesu angebotene Generalamnestie. Wem wird vergeben (V.34)? Alle unter den Kreuzen Versammelten sind gemeint. Das ist sein Testament, sein Verm\u00e4chtnis f\u00fcr uns. Der Hauptmann sieht in diesem Gerechten die Gerechtigkeit gekreuzigt.<\/p>\n<p>Schauen wir drittens auf die Menschen unter dem Kreuz. Sie empfinden nicht einmal mehr den Nervenkitzel einer grausigen Schau. Auch sie werden anger\u00fchrt von dem Geschehen am Kreuz. Sie schlagen sich an die Brust.<br \/>\n\u201eUnd als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um(V. 48).\u201c<br \/>\nMir ist bisher die Redewendung vom \u201cSich an die Brust schlagen\u201c nicht sonderlich aufgefallen, aber sie gef\u00e4llt mir. Die Menschen schlagen sich an die Brust, weil darunter das Herz sitzt. Wie schnell kann das Herz zum Sitz b\u00f6ser Gedanken und zur Quelle verwerflichen Tuns werden! Die Menschen reden nicht. Auch ohne Worte geben sie ein Zeichen der Reue.<br \/>\nIm katholischen Gottesdienst war es bis vor kurzem \u00fcblich, sich am Anfang des Gottesdienstes und beim allgemeinen Schuldbekenntnis als Zeichen der Reue mit der Faust gegen die Brust zu schlagen, nur ganz leicht nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Die Kreuzigung Jesu hat seine Wirkung nicht nur auf den Hauptmann gehabt, sondern auch auf die Menschen in der N\u00e4he Jesu. Sie erkennen, wie in Jesus die vorurteils- und grenzenlose Liebe gekreuzigt wird und Heuchelei und Selbstgerechtigkeit die Oberhand gewinnen.<br \/>\nAlle Menschen in der Umgebung des Kreuzes machen jeweils eine Erfahrung durch, die ihre Haltung und Einstellung zu dem Gekreuzigten ver\u00e4ndert. Sie denken \u00fcber ihre Einstellung zum Gekreuzigten und ihre Anteile an dessen Kreuzigung nach.<\/p>\n<p>So wie der Evangelist Lukas erz\u00e4hlt, entsteht hier keine Karfreitagstrauer.<br \/>\n&#8211; Der eine Straft\u00e4ter erlebte Jesu Zuwendung und durfte in Frieden in Gott hinein-sterben.<br \/>\n&#8211; Der Hauptmann sah, was da geschah und pries Gott.<br \/>\n&#8211; Und die Menschen, die dabei waren und zuschauten, sahen, was da geschah.<br \/>\n&#8211; Auch die Frauen, die ihm aus Galil\u00e4a nachgefolgt waren, sahen das alles. Alle haben es gesehen und von niemandem wird berichtet, wie er den Tod eines Unschuldigen betrauert. Und die Trauer f\u00e4llt nicht aus, weil die Menschen so herzlos sind. Sondern das Gesehene und Geschehene macht die Menschen hoffen.<\/p>\n<p>In Lukas\u2019 Bericht \u00fcber die Kreuzigung Jesu lernen wir also nichts \u00fcber den Tod. Wir lernen etwas f\u00fcr das Leben, denn das Erleiden von Gewalt und Folter ist nichts Besonderes am Geschehen um Jesus. Viele andere Menschen mussten und m\u00fcssen heute in gleicher Weise leiden oder noch schlimmere Folter erdulden. Was wir an Karfreitag f\u00fcr das Leben lernen: Jesus ist die Barmherzigkeit Gottes. Sein konsequenter Lebensstil hat ihn ans Kreuz gebracht. Da\u00df Jesus das bei Gott aufgehobene und bewahrte Leben bei Gott am Kreuz hingab und konsequent bei dem blieb, was er als den richtigen Weg nach dem Willen Gottes ausmachte, das ist entscheidend, nicht die Masse des geflossenen Blutes.<br \/>\nDer Evangelist misst eigentlich dem Leiden Jesu und seiner Kreuzigung keine Heilsbedeutung zu. Erst seine Auferweckung setzt Jesus ins Recht, erweist ihn als den Christus f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Der polnische K\u00fcnstler Eugeniusz Stankiewicz hat ein Werk geschaffen, das uns provoziert, auf den Plan ruft. Er zeigt eine Montage aus vier Elementen:<br \/>\nAuf einer mit hellem Leinen bespannten R\u00fcckwand ist ein schlichtes Holzkreuz angebracht. Links neben dem Kreuz liegt eine Christusfigur in der Haltung eines Gekreuzigten, wie wir sie gew\u00f6hnlich in der Haltung eines Gekreuzigten finden. Die Figur ist dunkel aus Metall oder Holz. Rechts neben dem Kreuz liegen ein Hammer und drei N\u00e4gel. Die Montage fordert mich als den Betrachter auf: ich solle nach Art des Bausatzprinzips mit Hilfe des Hammers und der drei N\u00e4gel den Corpus Christi selber an das Kreuz nageln.<br \/>\nUnd schon hat das Kunstwerk seine besondere Wirkung erzielt.<br \/>\nSelbst ist der Mann, selbst ist die Frau.<br \/>\noder: Do it yourself !<\/p>\n<p>Wo lebt eigentlich heute Jesus unter uns und wo ger\u00e4t er wieder ans Kreuz?<br \/>\nWo werden wir selber am Tod Jesu schuldig, weil wir uns bei unseren Mitmenschen im Ton selbstgerecht vergreifen? Wo handle ich nach dem Prinzip \u201eAuge um Auge\u201c, vergelte und kann nicht \u00fcber meinen eigenen Schatten springen.<br \/>\nWo sind wir in unserem Leben so herausgefordert, da\u00df wir aus unserer \u00dcberzeugung und unserem Glauben sagen: Bis hierher und nicht weiter!<br \/>\nWir sind eingeladen bei der globalen Aktionswoche f\u00fcr gerechten Welthandel mitzumachen oder wenigstens genau hinzuh\u00f6ren, wenn in zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen (10.-16. April 2005 in der Schweiz) \u00fcber die Forderungen diskutiert wird: Schlu\u00df mit ungerechten Handelsabkommen und Privatisierungen auf Kosten der Armen. Ja zum Recht aller auf Nahrung, Wasser, Gesundheit, Bildung, eine lebenswerte Umwelt und w\u00fcrdige Arbeit.<\/p>\n<p>Wissen wir, was wir tun? Wieviel Bewusstlosigkeit regiert uns und l\u00e4sst uns teilnehmen an zahllosen Kreuzigungen?<br \/>\n\u201eNein, nein, nein: wir kreuzigen doch nicht. Die Todesstrafe ist doch \u201aGott sei Dank&#8216;, zumindest in unseren Breiten, abgeschafft.\u201c<br \/>\nJesus aber sagt: \u201eWas ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan\u201c (Mt. 25,40) und \u201eWas ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan\u201c (Mt 25,46). B\u00fcrgerliche Selbstgerechtigkeit kann nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, da\u00df Kreuzigungen noch nicht aus der Mode gekommen sind. Immer wird die Liebe ans Kreuz geschlagen. So bleibt die Frage nach der Gerechtigkeit eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr das Verhalten von uns Christinnen und Christen. Die G\u00fcter dieser Erde sind weiterhin ungerecht verteilt. Wir haben das Gef\u00fchl f\u00fcr das rechte Ma\u00df verloren. Die ungleiche Verteilung der Lebenschancen bringt die Welt aus dem Gleichgewicht. Aber dieser Zustand ist kein blo\u00dfes Schicksal, sondern kann ver\u00e4ndert werden.<br \/>\nWann mischen wir uns endlich ein, um nicht erneut die Kreuzigung zu vollziehen?<\/p>\n<p>Nehmen wir ernst, was wir bisher \u00fcber die Liebe gegen die Vergeltung geh\u00f6rt haben, so werden wir im Pers\u00f6nlichen wie im weltpolitischen Ma\u00dfstab feststellen, da\u00df die Beantwortung des Fundamentalismus durch Fundamentalismus eine verheerende Reaktion hervorbringt. Wir die Guten, dort die B\u00f6sen; wir die zivilisierte Welt und dort die Barbaren. Wir k\u00f6nnen Gott nicht f\u00fcr unsere Seite reklamieren und einen neuen Kreuzzug ausrufen.<\/p>\n<p>Doch noch einmal kurz zur\u00fcck zur Kreuzigungsszene. Was da im Namen menschlicher Rechtsprechung geschieht, wissen wir alle.<br \/>\nIn einer Situation, in der uns wahrscheinlich \u201edas Hemd n\u00e4her als die Jacke\u201c gewesen w\u00e4re, h\u00e4tten wir vermutlich erst einmal \u201eunser Sch\u00e4fchen ins Trockene\u201c gebracht. Wir h\u00e4tten ver-handelt oder ge-handelt, um unsere \u201eHaut zu retten\u201c. Jesus wird im Lukasevangelium als einer beschrieben, der nicht an sich denkt, sondern noch vom Kreuz her zugunsten der Anderen handelt.<br \/>\nEr \u00f6ffnet dem Straft\u00e4ter die Augen f\u00fcr die Vergebung Gottes.<br \/>\nEr l\u00e4sst den Hauptmann erkennen, was Gerechtigkeit und wer der Gerechte ist. Er l\u00e4sst die Menge begreifen, was vorurteilslose- und grenzenlose Liebe ist.<\/p>\n<p>Doch wo und wie sorgt Jesus f\u00fcr sich selbst?<br \/>\nJesus rief laut: \u201eVater, ich befehle meinen Geist in deine H\u00e4nde!\u201c (V. 46a) Jesus braucht nicht selbst f\u00fcr sich zu sorgen, denn er wei\u00df sich aufgehoben in der Liebe Gottes und stirbt mit einem Wort des Vertrauens aus dem j\u00fcdischen Abendgebet (Ps 31,16): \u201eVater, ich befehle meinen Geist in deine H\u00e4nde!\u201c Amen.<\/p>\n<p>Und der Friede<br \/>\nund die Liebe Gottes,<br \/>\ndie h\u00f6her, weiter und tiefer greift<br \/>\nals alle menschliche Vernunft,<br \/>\nbewahre deine Seele und deinen Geist<br \/>\nin Jesus Christus. AMEN.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Ekkehard Lagoda<br \/>\nEvangelisch-Lutherische Kirche in Genf<br \/>\n20, rue Verdaine<br \/>\nCH-1204 Gen\u00e8ve<br \/>\nTel 0041 22 310 41 87<br \/>\nFax 0041 22 310 41 51<br \/>\ne-mail\u00a0: <a href=\"mailto:pfarrer@luther-genf.ch\"> pfarrer@luther-genf.ch<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.luther-genf.ch\/\"> www.luther-genf.ch<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag | 25. M\u00e4rz 2005 | Lukas 23, 33-49 | Ekkehard Lagoda | 33 Und als sie kamen an die St\u00e4tte, die da hei\u00dft Sch\u00e4delst\u00e4tte, kreuzigten sie ihn dort und die \u00dcbelt\u00e4ter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! 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