{"id":10428,"date":"2005-03-07T19:49:12","date_gmt":"2005-03-07T18:49:12","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10428"},"modified":"2025-05-15T11:42:53","modified_gmt":"2025-05-15T09:42:53","slug":"lukas-2333-47","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2333-47\/","title":{"rendered":"Lukas 23,33-47"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Karfreitag | 25. M\u00e4rz 2005 | Lukas 23,33-47 | Reinhold Morath |<\/h3>\n<p><em>33 Und als sie kamen an die St\u00e4tte, die da hei\u00dft Sch\u00e4delst\u00e4tte, kreuzigten sie ihn dort und die \u00dcbelt\u00e4ter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.<\/em><br \/>\n<em>35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserw\u00e4hlte Gottes. 36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden K\u00f6nig, so hilf dir selber! 38 Es war aber \u00fcber ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden K\u00f6nig.<\/em><br \/>\n<em>39 Aber einer der \u00dcbelt\u00e4ter, die am Kreuz hingen, l\u00e4sterte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du f\u00fcrchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!<\/em><br \/>\n<em>43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.<\/em><br \/>\n<em>44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis \u00fcber das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine H\u00e4nde! Und als er das gesagt hatte, verschied er.<\/em><br \/>\n<em>47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: F\u00fcrwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! 48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. 49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galil\u00e4a nachgefolgt waren, und sahen das alles.<\/em><br \/>\n<em><strong><br \/>\n<\/strong><\/em> Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>\u201eIch sehe die Tiefe, aber ich kann nicht auf den Grund kommen.\u201c So hat der Kirchenvater Augustinus einmal gesagt, das Meer vor Augen.<\/p>\n<p>Die Tiefe sehen und den Grund ahnen \u2013 das k\u00f6nnen wir heute am Karfreitag. Die Tiefe dieses geheimnisvollen Geschehens am Kreuz \u2013 wir k\u00f6nnen sie sehen; aber das Geheimnis wird bleiben, wenn wir uns vom Evangelisten in die Tiefe geleiten lassen. Und das ist viel.<\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p><em>Und als sie kamen an die St\u00e4tte, die da hei\u00dft Sch\u00e4delst\u00e4tte, kreuzigten sie ihn dort und die \u00dcbelt\u00e4ter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Wenige sachliche Worte gen\u00fcgen hier, um die grausamste Hinrichtung im R\u00f6mischen Reich zu beschreiben. Angewandt gegen unliebsame Aufr\u00fchrer, des r\u00f6mischen B\u00fcrgers selbst unw\u00fcrdig, aber zur Abschreckung wohl geeignet. Ein \u00f6ffentliches qualvolles Sterben, f\u00fcr alle anzuschauen \u2013 Zeichen f\u00fcr die Macht der St\u00e4rkeren. Die blutigen Bilder von Mel Gibsons Film \u00fcber das Leiden und Sterben Jesu aus dem vergangenen Jahr, die blutigen Bilder der Opfer aus dem Irak, aus Spanien, Israel und anderswo \u2013 sie sind uns gel\u00e4ufig. Wie Unschuldige leiden und grausam zu Tode kommen, das kennen wir zur Gen\u00fcge.<br \/>\n\u201eSie kreuzigten ihn dort\u201c, das gen\u00fcgt, um in die Tiefe zu schauen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die, die man aufs Kreuz legte und dann festband oder anheftete, hie\u00df es: no return! Sie waren festgenagelt bis zum Ende, fixiert auf das, was sie getan oder gesagt hatten.<br \/>\n\u201eSie kreuzigten ihn dort\u201c \u2013 Jesus inmitten zweier Aufr\u00fchrer, eingebunden auch hier am Ende in das Schicksal anderer Menschen. Festgelegt auf das, was er getan hat: \u201eEr hat uns allen wohlgetan. Den Blinden gab er das Gesicht, Betr\u00fcbte hat er aufgericht\u2019. Er nahm die S\u00fcnder auf und an. Sonst hat mein Jesus nichts getan!\u201c So singt es das Arioso in J.S.Bachs Passion. \u201eAndern hat er geholfen\u201c, nur: jetzt darauf endg\u00fcltig fixiert, wird er zum Spott: \u201eEr helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserw\u00e4hlte Gottes!\u201c<\/p>\n<p>So sehen wir von Anfang an drei Kreuze. Sie sind wie ein Siegel auf diesem Geschehen. Und noch heute sagen wir: \u201eWir machen drei Kreuze\u201c, wenn etwas Schwieriges vorbei ist, wir noch einmal davon gekommen sind.<br \/>\nGolgatha, das sind drei Kreuze, und Jesus in der Mitte.<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p><em>Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Der Tod selbst ist stumm. Man sieht es dem Leiden und Sterben nicht an, was es bedeutet. Und unz\u00e4hlige Menschen fragen bis heute angesichts des Todes lieber Menschen, was eben dieser Tod f\u00fcr einen Sinn, eine Bedeutung habe, meist ohne Antwort.<br \/>\nWenn auch das ganze Volk auf Golgatha zusah, wenn Millionen heute Jesusfilme sehen, wenn ein Einzelner in einer Kirche, auf einem Friedhof oder beim Spazierengehen auf den Fluren einem Kreuz begegnet, wenn ein M\u00e4dchen ein Kreuz als Schmuck um den Hals tr\u00e4gt, so wird daraus noch keine tiefere Bedeutung des Kreuzes erkennbar. Dabei ist das doch die wichtigste Frage am Karfreitag, was denn dieser Tod des einen Unschuldigen mit mir und meinem Leben zu tun habe.<\/p>\n<p>\u201eVater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!\u201c Dieses Wort Jesu steht wie ein erster Deuteschl\u00fcssel \u00fcber der dunklen Stunde von Golgatha.<\/p>\n<p>Unglaublich \u2013 weder Galgenhumor noch Spott als letzte Waffe der Todgeweihten finden wir bei Jesus. Der Unschuldige bittet f\u00fcr die M\u00f6rder und ihre Handlanger. Er beendet den Kreislauf von Gewalt und Vergeltung, von Abrechnung und Rache. \u201eVater, vergib!\u201c Nun aber nicht unter Berufung auf Gottes Gnade, sondern auf die Unwissenheit der T\u00e4ter. \u201eDenn sie wissen nicht, was sie tun.\u201c<\/p>\n<p>Sie wussten es wirklich nicht, sie konnten es nicht wissen.<br \/>\nEiniges konnte ihnen schon bewusst sein: dass sie einen Unschuldigen zum Tode verurteilten und \u00f6ffentlich zwei Verbrechern zugesellten, das konnten sie wissen. Dass sie unmenschlich handelten, als sie Leiden auch noch vermehrten durch Spott und Hohn, das konnten sie wissen. Aber dass dieser geschundene Mensch, das \u201eHaupt, voll Blut und Wunden\u201c (EG 85), Gottes Ebenbild ist und sie in ihm Gott selbst anblickt, das konnten sie nicht wissen.<\/p>\n<p>\u201eIch sehe die Tiefe, aber ich kann nicht auf den Grund kommen.\u201c Wer nicht einmal in die Tiefe schaut, sondern nur sieht, wie er so durchkommt, wer nur seine eigenen Interessen im Blick hat, kann das nicht einmal ahnen.<\/p>\n<p>Und so wird kein Vorwurf laut. Viel mehr: Menschen werden in einem unglaublichen Sinn entschuldigt. Ihre Schuld wird nicht angerechnet, sie wird von ihnen genommen. Es wird ihnen vergeben, dass sie Gott selbst in ihr ungerechtes Handeln hineingezogen haben.<\/p>\n<p>Friedrich Nietzsche, einer der sch\u00e4rfsten Kritiker des christlichen Glaubens, hat es deutlich so ausgedr\u00fcckt: \u201eGott am Kreuze! Es hat bisher noch niemals und nirgendwo eine gleiche K\u00fchnheit im Umkehren &#8230; gegeben.\u201c Es ist die \u201eUmwertung aller Werte\u201c, die niemand von denen geahnt und gewollt hat, die Jesus verurteilt und gekreuzigt haben.<br \/>\nSie wussten nicht, was sie taten.<\/p>\n<p>Wissen wir, was wir tun?<br \/>\nJesus bittet auch f\u00fcr uns.<\/p>\n<p align=\"center\">III.<\/p>\n<p><em>Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>\u201eSie wissen nicht, was sie tun\u201c \u2013 auch da, wo sie tun, was sie immer tun: Profit aus dem Elend der Gehenkten zu ziehen. Sie w\u00fcrfeln um Jesu Kleider, die sie ihm vorher abgenommen haben. Er kann sie ja doch nicht mehr brauchen; so sollen sie einen neuen Besitzer finden.<br \/>\nWas als eine rein \u00e4u\u00dferliche, unmenschliche Geste erscheint, zeigt auf eine tiefe Wahrheit. Im Kleidungsst\u00fcck, so dachte man damals noch st\u00e4rker als heute, war der ganze Mensch geborgen. Er konnte sich gesch\u00fctzt f\u00fchlen vor unerw\u00fcnschten Zugriffen von au\u00dfen, vor dem absch\u00e4tzigen und zudringlichen Blick anderer, vor dem \u00dcbergriff b\u00f6ser Gedanken und M\u00e4chte. Ein seiner Kleidung beraubter Mensch war nicht nur \u00e4u\u00dferlich nackt, sondern bis ins Mark seiner Seele blo\u00dfgestellt. Kleider machen nicht nur Leute, wir fl\u00fcchten uns manchmal geradezu in sie, wir bergen uns in ihnen, weil wir ihren Schutz brauchen und das Image, das wir durch sie aufbauen.<\/p>\n<p>\u201eIch sehe die Tiefe, aber ich kann nicht auf den Grund kommen\u201c.<br \/>\nDie Soldaten konnten nicht wissen, dass hier nicht nur ein Mensch am Kreuz blo\u00dfgestellt wurde, sondern Gott selbst. Dass die Henker Jesu seine Kleider unter sich verlosen, das geh\u00f6rt zu den Geheimnissen der Passion, denen wir nur ahnend auf den Grund kommen.<br \/>\nEr wird entbl\u00f6\u00dft, und sie haben den Profit davon. Ungesch\u00fctzt, allen Blicken und Gedanken preisgegeben, der W\u00fcrde beraubt, ohne Distanz zur Welt \u2013 so wird uns Gottes Sohn vor Augen gemalt. Und dieser soll der Retter der Welt sein! \u201eEr hat andern geholfen, er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserw\u00e4hlte Gottes.\u201c \u201eUmwertung aller Werte\u201c, hat Nietzsche das zu Recht genannt.<\/p>\n<p>Gott selbst l\u00e4sst sich vor der Welt entbl\u00f6\u00dfen, damit wir sehen, wer er ist: Seht, welch ein Mensch! Jesus l\u00e4sst sich entkleiden, damit wir davon profitieren. Damit wir ein sch\u00fctzendes und bergendes Kleid haben, wenn wir nackt und blo\u00df vor Gott und der Welt stehen, so wie wir sind: S\u00fcnder, die sich an Gott schadlos halten.<\/p>\n<p>Jesus l\u00e4sst sich entbl\u00f6\u00dfen &#8211; und wir k\u00f6nnen uns kleiden in das Gewand Jesu: Gottes Liebe. Geborgen und gesch\u00fctzt in ihr bleiben wir, auch wenn wir uns selber blo\u00dfstellen und von anderen ausgezogen werden. Auch dann, wenn man uns unser letztes Hemd auszieht und der Todesschatten \u00fcber uns f\u00e4llt, bleiben wir geborgen in Gottes Liebe: sicher und tief, dem Grund nah!<\/p>\n<p align=\"center\">IV.<\/p>\n<p><em>Und das Volk stand da und sah zu.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Wir kennen sie zur Gen\u00fcge: die Katastrophentouristen auf Autobahnen, bei Br\u00e4nden und Ungl\u00fccksf\u00e4llen. Oder die, die zusehen und nichts tun, wenn ein M\u00e4dchen in der U-Bahn mit Gewalt angegangen wird. Oder die, die im Irak bei Folterungen zusahen und ihren Spa\u00df oder aber Angst hatten.<br \/>\nWir kennen uns selbst, wenn wir sagen m\u00fcssen: Ich stehe dabei und sehe zu. Zum Beispiel am 11. September 2001 an den Bildschirmen, als die Towers des World Trade Center in New York brannten; oder am 26. Dezember 2004, als der Tsunami den Fernen Osten \u00fcberrollte und Hunderttausende starben. Es ist schrecklich, zusehen zu m\u00fcssen, ohne helfen oder etwas tun zu k\u00f6nnen. Und doch schalten wir nicht ab, sondern sehen weiter zu.<\/p>\n<p>\u201eUnd das Volk stand da und sah zu.\u201c Was h\u00e4tten die Menschen damals auch tun sollen? Mehr als zusehen, was die M\u00e4chtigen ihm vorf\u00fchrten, war nicht m\u00f6glich. Und wir m\u00fcssen auch aufh\u00f6ren, nach den eigentlich Schuldigen an Jesu Tod zu fahnden, oder gar diese immer noch in den Juden zu suchen. \u201eVater, vergib!\u201c \u2013 das haben alle geh\u00f6rt, die dabei waren. Und es gilt ihnen, wie uns.<\/p>\n<p>\u201eUnd das Volk stand da und sah zu\u201c \u2013 das verr\u00e4t allerdings mehr \u00fcber eine dunkle Seite unseres menschlichen Wesens. Wir sind alle so: Das Absto\u00dfende zieht uns an. Es zieht uns dahin, dabei zu sein, wenn anderen etwas geschieht. Vielleicht ist es unsere ewig verletzte Seele, die auf diese niedrige Weise Best\u00e4tigung braucht, dass es anderen auch einmal schlechter geht als uns. Und es gibt so etwas wie Solidarit\u00e4t in der Masse derer, die unt\u00e4tig zusehen: \u201eWir k\u00f6nnen doch sowieso nichts tun!\u201c Hilflosigkeit mischt sich mit Angst vor dem, was Macht auch \u00fcber uns aus\u00fcben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Doch auch dieses, das Zusehen der Vielen, wird nicht kritisiert. Eher im Gegenteil. Wir werden selbst zu Zuschauern auf Golgatha, damit wir sehen, was da geschah, damit wir einen Blick in die Tiefe werfen k\u00f6nnen, wo der Grund zu ahnen ist. Zusehen kann \u00e4u\u00dferst intensiv sein. Sehen mit den Augen und mit dem Herzen ist h\u00f6chste Anteilnahme. Bilder bleiben haften. Wenn wir uns erinnern, dann nie ohne ein Bild. Drei Kreuze auf Golgatha, ein sprechendes Bild f\u00fcr Unz\u00e4hlige bis heute! Und auch am Ende unseres Lebens werden Bilder stehen, aus unserem Leben und \u2013 vielleicht, hoffentlich: ein Bild des Gekreuzigten: \u201eErscheine mir zum Schilde, \/ zum Trost in meinem Tod, \/ und lass mich sehn dein Bilde \/ in deiner Kreuzesnot. &#8230; Wer so stirbt, der stirbt wohl.\u201c (EG 85, 10)<\/p>\n<p align=\"center\">V.<\/p>\n<p><em>Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>\u201eUnd das Volk stand da und sah zu.\u201c Wir bekommen immer mehr zu sehen und zu h\u00f6ren. Golgatha, das sind drei Kreuze, und Jesus in der Mitte. Die Drei, deren Leben im Ergebnis letztendlich ans Kreuz geheftet, f\u00fcr alle sichtbar fixiert wurde, geraten ins Gespr\u00e4ch. Es geht um die letzten Bilder, die ihr Leben bestimmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die \u00dcbelt\u00e4ter ist es ihr ganzes verkorkstes Leben, das sie in den Blick nehmen. Verbaute Chancen, entt\u00e4uschte Hoffnungen, erfahrene Vergeblichkeit, Unrecht und Schuld \u2013 Menschen leben vor sich hin, versuchen sich zu befreien, geraten in noch gr\u00f6\u00dfere Abh\u00e4ngigkeit. Irgendwann gibt es ein Erwachen, oft ist es zu sp\u00e4t. Nichts ist mehr r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. No return! Wir wachen auf aus den Lebenstr\u00e4umen und aus den Lebensl\u00fcgen und k\u00f6nnen uns nicht mehr r\u00fchren. Was bleibt dann noch? Das Hinausschreien von Spott und Hohn als Zeichen letzter eigener Macht und Kraft, Galgenhumor, unendliche Bitterkeit \u2013 so auch bei dem einen der \u00dcbelt\u00e4ter. Er verb\u00fcndet sich mit den Sp\u00f6ttern auf Jesus, obwohl er unter denselben Menschen zu leiden hat.<\/p>\n<p>Das verquere Leben, das verrannte, nicht mehr zu \u00e4ndernde Leben, verdorben, vertr\u00e4umt, verlebt \u2013 am Ende kommt es auf den Blick an. Die H\u00e4nde \u2013 gebunden, zu keiner R\u00fchrung mehr f\u00e4hig, das Leben, gelebt, tragisch \u2013 ohne jede Hoffnung mehr. Am Ende \u2013 ein Blick gen\u00fcgt: auch dann noch. \u201eHerr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn einer ganz tief unten ist\u201c, schreibt der j\u00fcdische Philosoph Max Horkheimer in seinen Tageb\u00fcchern, \u201eeiner Ewigkeit von Qual &#8230; ausgesetzt, so hegt er wie ein erl\u00f6sendes Wunschbild den Gedanken, dass einer komme, der im Licht steht und ihm Wahrheit und Gerechtigkeit widerfahren l\u00e4sst &#8230; Bitter ist es, verkannt und im Dunkel zu sterben.\u201c<\/p>\n<p>Vielen wird es in ihrem Leben deutlich: Es wird nicht gut ausgehen mit mir. Und wenn es dann so weit ist, dann bleibt oft nur noch die Bitterkeit, im Dunkel zu sterben.<br \/>\nDoch am Ende kommt es auf den Blick an. Er gen\u00fcgt auch dann noch: \u201eHerr, gedenke an mich!\u201c<\/p>\n<p>Seit Golgatha klingt die Antwort wie aus weiter Ferne und aus einer anderen Welt nach: \u201eHeute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!\u201c<\/p>\n<p>Golgatha und das Paradies, total verkorkste Leben und der Garten, wo sich Gott und Mensch wie Freunde begegnen, blo\u00dfgestellte Leben und ewige Harmonie \u2013 gr\u00f6\u00dfer k\u00f6nnten die Gegens\u00e4tze nicht sein. Jesu Antwort f\u00fchrt nicht nur in die Tiefe, sie l\u00e4sst f\u00fcr einen Augenblick auch den Grund dieser Tiefe sehen. Das ist der Sinn von Golgatha, der Sinn des Kreuzes des Unschuldigen: Es gibt kein Leben mehr, das verloren gehen muss, das endg\u00fcltig auf den Sch\u00e4delst\u00e4tten der Welt endet, im Schatten selbstverschuldeten Dunkels. Es wird mit allen Schw\u00e4chen und Defekten mitgerissen in neues \u00f6sterliches Leben. Und sollte nicht auch noch f\u00fcr den ersten Sch\u00e4cher Gottes Liebe sp\u00fcrbar werden k\u00f6nnen?<\/p>\n<p align=\"center\">VI.<\/p>\n<p><em>Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galil\u00e4a nachgefolgt waren, und sahen das alles.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Viel war zu sehen auf Golgatha. Viel ist geschehen auf Golgatha. Und unsere Sehst\u00e4rke musste sogar gesch\u00e4rft werden durch die dreist\u00fcndige Sonnenfinsternis, die Schatten des Todes, die R\u00fcckkehr ins Urchaos vor aller Zeit, als Gott aus der Finsternis das Licht schuf.<\/p>\n<p>Und Jesus starb, zusammen mit den beiden \u00dcbelt\u00e4tern. Laut rief er, f\u00fcr alle h\u00f6rbar, und er zeigte, wie jetzt \u201ewohl\u201c gestorben werden kann, jetzt und f\u00fcr alle Zeit: \u201eVater, ich befehle meinen Geist in deine H\u00e4nde.\u201c Gottes H\u00e4nde, sie sind zum Greifen nah, durch alles Dunkel hindurch.<\/p>\n<p>Am Ende ist es so, wie am Anfang bei Jesu Geburt in Bethlehem: Die Menschen, die nicht nur Gaffer und Sensationstouristen waren, die also \u201egesehen hatten, was da geschah\u201c, kehrten um: In Bethlehem waren es die Hirten, auf Golgatha das ganze Volk. Am Anfang auf dem Hirtenfeld mit dem Lob Gottes auf den Lippen, am Ende, indem sich die Menschen an die Brust schlugen, betroffen und in sich gekehrt. Sie kehrten um \u2013 wohin? Zur\u00fcck in ihr Leben? Hinein in ein neues Leben? Sie haben von Gott etwas kennen gelernt, was sie noch nicht erfahren hatten. Und doch bleibt alles offen, auch f\u00fcr den Hauptmann, der bekannte: \u201eWahrlich, dieser ist ein Gerechter gewesen!\u201c<\/p>\n<p>Die Fernen sind Jesus in seinem Leiden nah gekommen, zwangsl\u00e4ufig. Sie haben ihn anders kennen gelernt als die, die ihn schon n\u00e4her kannten. Diese, so hei\u00dft es, \u201ealle seine Bekannten\u201c standen \u201evon ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galil\u00e4a nachgefolgt waren, und sahen das alles.\u201c<\/p>\n<p>Auch sie sahen zu, ohne zu begreifen. Ihnen steht noch bevor, was sie noch nicht ahnen. \u201eIch sehe die Tiefe, aber ich kann nicht auf den Grund kommen.\u201c Sie werden das erfahren und auch auf den Grund sto\u00dfen k\u00f6nnen. An Ostern werden sie wieder dastehen und sehen. Noch einmal anders werden sie erschrecken und nicht begreifen, dass Gott noch einmal aus dem Chaos und dem Dunkel des Todesschattens zu neuem Leben ruft.<br \/>\n\u201eWas sucht ihr den Lebenden bei den Toten? er ist nicht hier, er ist auferstanden.\u201c (Lukas 24, 5f)<\/p>\n<p>Wir sind eingeladen, ihnen zu folgen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Reinhold Morath<br \/>\nFichtestra\u00dfe 45<br \/>\n91054 Erlangen<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:morath@gottesdienstinstitut.org\">morath@gottesdienstinstitut.org<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag | 25. M\u00e4rz 2005 | Lukas 23,33-47 | Reinhold Morath | 33 Und als sie kamen an die St\u00e4tte, die da hei\u00dft Sch\u00e4delst\u00e4tte, kreuzigten sie ihn dort und die \u00dcbelt\u00e4ter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! 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