{"id":10441,"date":"2005-03-07T19:49:18","date_gmt":"2005-03-07T18:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10441"},"modified":"2025-05-15T13:48:17","modified_gmt":"2025-05-15T11:48:17","slug":"matthaeus-28-1-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-28-1-8\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 28, 1-8"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><span style=\"color: #000099;\">Ostersonntag | 27. M\u00e4rz 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 28, 1-8 | Eberhard Busch |<\/span><\/h3>\n<p align=\"center\">1.<\/p>\n<p>\u201eEr ist nicht hier\u201c \u2013 n\u00e4mlich nicht hier, wo man Menschen zur letzten Ruhe bettet, nicht hier, wo man von ihnen Abschied nimmt f\u00fcr immer, nicht hier, wo man sich wohl gelegentlich erinnert an einst, um dann aber f\u00fcr gew\u00f6hnlich diese St\u00e4tte hinter sich zu lassen. \u201eEr ist nicht hier; er ist auferstanden.\u201c Und er selbst sagt: \u201eIch war tot und siehe, ich bin lebendig\u201c (Apoc. 1,18). Er der Heiland, der Vers\u00f6hner, der Helfer und Tr\u00f6ster, der Wegweiser und Mahner \u2013 er wird uns an Ostern vorgestellt als der, der bei uns ist \u201ealle Tage bis ans Ende der Welt\u201c (Mt. 28,20). Er war wohl dem Tode ausgesetzt und hat sich selbst dem ausgeliefert, weil er nicht will, dass uns irgendetwas von Gott trennt. Aber der Tod konnte ihn nicht festhalten, weil er eben das uns selbst mitteilen will. Und jetzt teilt er es uns mit. Der Berner Pfarrer Walter L\u00fcthi hat in der Mitte des letzten Jahrhunderts gesagt: \u201eWas ist dann, wenn Jesus auferstanden ist, noch zu f\u00fcrchten!\u201c Und der d\u00e4nische Philosoph S\u00f6ren Kierkegaard schrieb: \u201eEs kann alles noch einmal gut werden, weil Jesus auferstanden ist.\u201c<\/p>\n<p>Diese \u00f6sterliche Wahrheit ist heute bei uns reichlich \u00fcberwuchert von allerlei Br\u00e4uchen, von Osterhasen und Ostereiern. Sie weisen uns wohl hin auf das allgemeine Fr\u00fchlingserwachen, das nach einem kalten Winter sich regelm\u00e4\u00dfig wieder bei uns einstellt. Dass es in den G\u00e4rten und W\u00e4ldern wieder zu knospen und zu gr\u00fcnen beginnt, ist uns jedes Jahr aufs neue erfreulich. \u201eIch singe mit, wenn alles singt\u201c, hat Paul Gerhardt dazu in einem Lied bemerkt. Aber dergleichen kann ja nur ein fernes Gleichnis f\u00fcr die geheimnisvolle \u00f6sterliche Wahrheit sein \u2013 ein Gleichnis, das genau am entscheidenden Punkt versagt. Und das \u00fcbersieht man, wenn diese Wahrheit von solchen Gleichnissen \u00fcberwuchert wird. Dann muss man auch von solchen Gleichnissen sagen: \u201eEr ist <em>nicht<\/em> hier, er lebt.\u201c Die Osterwahrheit ist nicht die, dass die doch nur scheinbar gestorbene Natur sich aufs neue zu regen beginnt; noch ist sie die, dass anstelle eines beendeten irdischen Lebens ein anderes, junges Leben tritt. Die Osterwahrheit ist die und keine andere: der am Karfreitag Get\u00f6tete, <em>derselbe<\/em> ist \u201eerstanden von dem Tod\u201c. Was solche Gleichnisse nicht sagen, ist das, was die Osterbotschaft nun allerdings laut und deutlich verk\u00fcndigt: Er hat das \u00fcberwunden, was uns zeitlich und ewig von Gott zu trennen vermag: unsere S\u00fcnde und unseren Tod.<\/p>\n<p>Er ist in seiner Auferstehung keine Ausnahme, die die Regel best\u00e4tigt. \u201eEr ist nicht hier; er ist auferstanden\u201c \u2013 das ist die gro\u00dfe Botschaft der Hoffnung f\u00fcr die <em>Menschheit<\/em>. Hoffnung \u2013 da, wo unsere sonstigen Hoffnungen nichts mehr helfen, wo das Vertrauen zerbricht, dass die Dinge sich schon einmal von selbst einrenken werden, da, wo unsere Wege am Ende sind. Hoffnung auf den, der durch unsere Grenzen nicht begrenzt ist, dessen Liebe nicht aufh\u00f6rt, auch wenn wir aufh\u00f6ren (1. Kor. 13,8). Hoffnung, wo nichts zu hoffen war (R\u00f6m. 4,18). Die Botschaft der Hoffnung besagt, dass uns weder unsere S\u00fcnde noch unser Tod von Gott trennen kann. Wir sind und wir bleiben trotzdem in seiner Hand und unter seinem Schutz \u2013 auch in Thailand, auch in Indonesien, auch an unseren Orten. \u201eIch hang und bleib auch hangen\/ an Christus als ein Glied;\/ wo mein Haupt durch ist gangen,\/ da nimmt er mich auch mit.\/ Er rei\u00dfet durch den Tod,\/ durch Welt, durch S\u00fcnde, durch Not,\/ er rei\u00dfet durch die H\u00f6ll,\/ ich bin stets sein Gesell.\u201c (P. Gerhardt)<\/p>\n<p align=\"center\">2.<\/p>\n<p>Und nun zeigt uns der biblische Bericht zwei gegens\u00e4tzliche menschliche Reaktionen auf das Ereignis der Auferstehung Jesu. Die eine ist eine eigentlich \u00fcberholte Haltung. Sie ist <em>Vergangenheit <\/em>geworden durch das \u00f6sterliche Leben Jesu. Das zeigen die kuriosen Schutzleute, die von dem r\u00f6mischen Statthalter Pilatus abkommandiert sind zur Grabwache. Sie sollen aufpassen, dass es mit dem get\u00f6teten Jesus so bleibt, wie beschlossen und durchgef\u00fchrt. Sie widersprechen dem: \u201eEr ist nicht hier!\u201c Sie pochen darauf: Nein, der ist <em>hier<\/em> \u2013 im Grab und kommt da nicht wieder heraus. Der hat nichts mehr zu sagen. Der ist eine Gestalt der Vergangenheit geworden. Sie handeln, indem sie so denken, in blindem Gehorsam gegen\u00fcber einer Gro\u00dfmacht; und die hat allerdings ein Interesse daran, dass es so sei, wie sie denkt und w\u00fcnscht. Und sie scheint damit Erfolg zu haben. Mag man sich seiner je und dann erinnern. Aber entscheidend ist, dass er nicht mehr im Tagesgesch\u00e4ft mitredet und dreinredet.<\/p>\n<p>Es kann immer wieder passieren, dass auch wir meinen: er ist tot. Und wenn wir so denken, ist es gleichsam so, als ob er f\u00fcr uns aufs neue hinter einem gro\u00dfen Stein verschwinde. Ein solcher Stein ist z.B. der Zweifel. Da denkt man: Es w\u00e4re ja wohl n\u00f6tig, wenn ein Erbarmer da w\u00e4re. Aber es will mir nicht in den Kopf, dass die Person, die da vor 2000 Jahren ganz anderswo lebte, uns heute und hier helfen kann. Ein solcher Zweifel ist eine Art Grabstein, unter dem Jesus f\u00fcr uns verschwindet. Er hilft uns nicht mehr. Ein solcher Stein ist etwa auch die Selbstzufriedenheit, in der man denkt: Ich bin mir selbst genug. Ich tue, was ich will, und lass mich darin auch von dem Christus nicht st\u00f6ren. Da tut man wiederum so, als sei er tot. Er st\u00f6rt uns dann nicht l\u00e4nger. Oder solch ein Grabstein kann auch die kirchliche Routine sein. Da hat man einmal sich eine \u00dcberzeugung gebildet, und nun ist man in der Hauptsache damit besch\u00e4ftigt, die christlich-religi\u00f6sen Dinge immer weiter auf dem selben Geleise zu halten und, wenn es St\u00f6rungen gibt, sie wieder auf diese Geleise zu bringen. Die Botschaft Christi, er selbst redet da eigentlich nicht mehr zu uns. Es ist so, als sei er aufs neue tot.<\/p>\n<p>Aber nun bricht Ostern an. Und das bricht \u00fcber die Grabesw\u00e4chter herein wie ein Sturm. \u201eSie erschraken vor Furcht wurden, als w\u00e4ren sie tot\u201c. Was jagt ihnen denn derart Schrecken ein? Dies, dass es sich jetzt als Irrtum und L\u00fcge herausstellt, dass sie sich einfach auf ein Leben jenseits von ihm einrichten zu m\u00fcssen oder einrichten zu k\u00f6nnen glauben. Dies macht ihnen bange: ihre eigene Verkehrtheit, in der sie meinten, ihn so in der Hand zu haben, dass sie ihn auf ein Abstellgeleise abschieben k\u00f6nnten, auf einen Platz, von dem aus er sich nicht mehr in ihr gew\u00f6hnliches Leben einmischen k\u00f6nnte. Und indem jetzt das Falsche dieses ihres Meinens und W\u00e4hnens an den Tag kommt, m\u00fcssen sie, diese Grabesw\u00e4chter, erkennen, dass sie abgesetzt sind. Sie m\u00fcssen erkennen, dass sie untauglich sind, ihn, den Heiland der Menschen, den Auferstandenen, in einem Grab festzuhalten. Nicht ist er in ihrer, sie sind in seiner Hand. Und solange sie das nicht begreifen k\u00f6nnen, ist nicht er, sondern sind sie eine Gestalt der Vergangenheit. Der mittelalterliche Maler Matthias Gr\u00fcnewald hat auf dem Bild des Isenheimer Altars das gezeigt: wie diese Grabesh\u00fcter im hellen Licht dies Auferstandenen umfallen und zu Boden gehen \u2013 ja, \u201eals w\u00e4ren sie tot\u201c.<\/p>\n<p align=\"center\">3.<\/p>\n<p>Blicken wir nun auf die andere menschliche Reaktion auf das Ereignis der Auferstehung Jesu. Hier sind Menschen, die dadurch eine <em>Zukunft<\/em> haben und nun dieser Zukunft entgegengehen. Es kann ihnen nicht darum gehen, das Grab Jesu zu pflegen und ihm ein Denkmal zur Erinnerung an einen Gewesenen zu errichten \u2013 obwohl sie das zun\u00e4chst im Sinn hatten. Aber kaum sind sie dort, wo sie das wollten, da entdecken sie: das Grab ist ja leer, Jesus ist ausgezogen vom Platz der Denkmalpflege zur Erinnerung an ihn. Nicht sie m\u00fcssen ihn in ihre Gegenwart transportieren. Sie d\u00fcrfen davon ausgehen, dass er lebt und nicht abgedankt hat; er <em>ist <\/em>immer schon in ihrer und ist in unserer Gegenwart, bevor wir das entdecken. Und wenn sie das entdecken, so werden sie etwas zu sagen haben. Aber sie werden es nicht, ohne dass sie zuvor sich das Entscheidende haben sagen <em>lassen<\/em> und ohne dass sie darauf <em>geh\u00f6rt<\/em> haben. Es ist einer der reinen Boten Gottes, ein Engel, der ihnen dieses Entscheidende vor-sagt. \u201eUnd der antwortete und sprach zu den Frauen: F\u00fcrchtet euch <em>nicht<\/em>!\u201c Das unterscheidet sie von jenen Grabesw\u00e4chtern, die sich f\u00fcrchten <em>mussten<\/em>. Ihr m\u00fcsst es nicht! \u201eChrist ist erstanden, des solln wir alle <em>froh<\/em> sein. Christ will unser Trost sein.\u201c<\/p>\n<p>Er ist also auch nicht unter dem Stein unseres Zweifels begraben. Es ist der Zweifel, in dem wir denken: der hilft nicht mehr! Nein, er ist nicht dort. Er lebt \u2013 und er <em>hilft<\/em> auch noch heute. Zuweilen anders, als wir w\u00fcnschten. Aber er hilft und heilt und vers\u00f6hnt und schenkt seinen Frieden und seine Gerechtigkeit. Kein noch so starker Zweifel hindert ihn daran, uns gegenw\u00e4rtig zu sein. Und das gilt auch von dem anderen Stein, unter dem er f\u00fcr uns begraben zu sein scheint \u2013 n\u00e4mlich von jener Selbstzufriedenheit. Es ist die Haltung, in der wir denken m\u00f6chten: der st\u00f6rt uns nicht mehr. Nein, er ist auch nicht darunter begraben. Er durchbricht, die Grenze, die wir ihm gezogen haben. Er lebt. Und also <em>st\u00f6rt<\/em> er uns auch heute noch in unserer falschen Ruhe und redet uns drein in seinem Wort und Gebot. Und ruft uns zur Einsicht und zur Umkehr. Und das gilt ebenso von jenem dritten Stein, unter dem Jesus uns heute aufs neue tot zu sein scheint: die christliche Routine, in der wir rollen und trotz St\u00f6rungen immer weiter rollen wollen. Nein, er ist auch nicht dort. Er lebt. Und also <em>redet<\/em> er zu uns. Manchmal ziemlich leise, aber so, dass wir ihn doch h\u00f6ren k\u00f6nnen. Und was er redet, das ist \u201eall Morgen frisch und neu\u201c \u2013 so fabelhaft neu, dass man es nie anders h\u00f6ren kann, als h\u00e4tte man es noch nie geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>\u201eEr ist nicht hier; er ist auferstanden!\u201c \u2013 diese Botschaft macht denen, die sie h\u00f6ren, Freude, und sie macht ihnen Beine, sie anderen mitzuteilen, um auch ihnen Freude zu machen. Und so sagt der Engel: \u201eGeht eilend hin und sagt es den J\u00fcngern.\u201c Es sind <em>Frauen<\/em>, die zuerst dazu eingesetzt sind, die frohe Botschaft weiterzusagen. Johannes Calvin schrieb 1557 an Frauen, die in Paris wegen ihres Glaubens im Gef\u00e4ngnis waren: \u201eDa es Gott gefallen hat, euch zu berufen, so gut wie die M\u00e4nner, so m\u00fcsst ihr auch ihn verherrlichen nach dem Ma\u00df der Gnade, die er euch gegeben. Betrachtet doch die St\u00e4rke der Frauen beim Tod unsres Herrn Jesu Christi. Die Apostel hatten ihn verlassen, sie blieben bei ihm; und die Frau wurde die Botin, die den Aposteln die Auferstehung verk\u00fcndigte. Haben wir es nicht auch heute vor Augen, wie Gott t\u00e4glich wirkt durch das Zeugnis von Frauen und seine Feinde best\u00fcrzt macht, so dass es keine wirksamere Predigt gibt als die Festigkeit, die sie gezeigt haben im Bekenntnis des Namens Christi?\u201c Sie sind Vorbild f\u00fcr alle Glieder der Gemeinde &#8211; damit sie in der Zeit zwischen Ostern und der letzten Ankunft Christi unterwegs sind unter ihren Mitmenschen: so, wie es der Dichter Novalis gesagt hat: \u201eIch sag es jedem, dass er lebt &#8230; Ich sag es jedem, jeder sagt\/ es seinen Freunden gleich, dass bald an allen Orten tagt\/ das neue Himmelreich.\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Prof. Dr. Eberhard Busch, G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:eberhard.busch@theologie.uni-goettingen.de\">eberhard.busch@theologie.uni-goettingen.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostersonntag | 27. 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