{"id":10463,"date":"2005-04-07T19:49:23","date_gmt":"2005-04-07T17:49:23","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10463"},"modified":"2025-05-15T16:46:14","modified_gmt":"2025-05-15T14:46:14","slug":"matthaeus-21-12-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-21-12-2\/","title":{"rendered":"Johannes 10,1\u201316"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Miserikordias Domini | 10. April 2005 | Johannes 10,1\u201316 | Niels Henrik Arendt |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Die Juden w\u00fcnschten sich einen K\u00f6nig, einen richtigen K\u00f6nig, einen wahren K\u00f6nig. Ja, einige versuchten, Jesus zum K\u00f6nig zu kr\u00f6nen. Gleichzeitig aber hatten sie einige sehr bittere Erinnerungen an K\u00f6nige: K\u00f6nige, die versagt hatten, wenn es wirklich darauf ankam, die sie ausgenutzt hatten und keine Verantwortung f\u00fcr sie f\u00fchlten. In einer ihrer alten Schriften hatte der Prophet Hesekiel die Erb\u00e4rmlichkeit der K\u00f6nige und F\u00fchrer geschildert: &#8222;Ihr e\u00dft das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gem\u00e4stete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache st\u00e4rkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zur\u00fcck; das Starke aber tretet Ihr nieder mit Gewalt&#8220; (Hes. 34,3-4). Dann wechselt er das Bild, nun werden die K\u00f6nige und F\u00fchrer dargestellt als die st\u00e4rksten Tiere in der Herde, die Leittiere, und er schildert, wie sie f\u00fcr sich selbst gesorgt haben und ihre besten Weiden f\u00fcr sich, w\u00e4hrend sie die zertrampelten Wiesen und das faule Wasser denen \u00fcberlassen haben die sie f\u00fchren sollten, da &#8222;ihr mit Seite und Schulter dr\u00e4ngt und die Schwachen von euch stie\u00dfet mit euren H\u00f6rnern, bis ihr sie alle hinausgetrieben hattet&#8220; (Hes. 34, 21). Woran der Prophet denkt, ist dies, wie das Volk ins Exil getrieben wurde und als Folge der Bequemlichkeit und Gleichg\u00fcltigkeit und des Verrats der K\u00f6nige litt, wenn sich die Bedrohungen auft\u00fcrmten.<\/p>\n<p>Auf diese Erfahrungen, da\u00df man von denen im Stich gelassen wird, auf die man vertraut hat, spielt Jesus an in seiner Rede von dem guten Hirten an. Aber f\u00fcr Jesus geht es dabei nicht nur um das Verh\u00e4ltnis zwischen K\u00f6nig und Volk. F\u00fcr ihn ist jeder Mensch der W\u00e4chter seines Bruders, und deshalb ist seine kurze Beschreibung des Tagel\u00f6hners, der sich nicht wirklich den Schafen verbunden f\u00fchlt, eine eindringliche Kritik menschlichen Versagens. Jeder von uns hat im allt\u00e4glichen Leben das Schicksal anderer Menschen in seiner Hand, mehr oder weniger, ganz oder teilweise. Aber jeden Tag gibt es etwas im Leben des anderen Menschen, sein Wohlergehen, sein Gl\u00fcck, das von mir abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Menschen k\u00f6nnen einander auf das Grausamste im Stich lassen. Das wird in den Worten Jesu zum Ausdruck gebracht. Sie enthalten ein Bild von Jesus als dem guten Hirten. Aber dieses Bild steht vor dem Hintergrund des allt\u00e4glichen Hirten, des Tagel\u00f6hners, der sich den Schafen nicht wirklich verbunden wei\u00df, sondern sie nur bewacht und besch\u00fctzt, solange es ihm nichts kostet. Ein in seiner K\u00fcrze sehr scharfes Portr\u00e4t. Ihr tragt eine Erinnerung in euch, da\u00df ihr von denen im Stich gelassen wurdet, die euch beh\u00fcten sollten, sagt er seinen Zuh\u00f6rern. Aber wie haben andere Menschen euch erlebt? Habt Ihr euch nicht zur\u00fcckgezogen, wenn ihr saht, da\u00df Ungl\u00fcck \u00fcber einen anderen Menschen hereinbrach? Wenn der Wolf ein Loch im Zaun fand &#8211; habt ihr euch dann in dieses Loch gestellt?<\/p>\n<p>Mit guten Gr\u00fcnden soll man vor falschen Hirten auf der Hut sein: Pastoren, Politiker, Volksf\u00fchrer, bei denen es keine Deckung gibt f\u00fcr die Worte, die sie im Munde f\u00fchren. Wie die Geschichte der Juden, so hat auch unsere Geschichte und unsere Zeit viele Beispiele daf\u00fcr, da\u00df sich Leute als F\u00fchrer aufgespielt haben, z.B. indem sie sich als F\u00fcrsprecher einer bestimmten Sache oder Gruppe auff\u00fchrten &#8211; aber sie wollten damit nicht stehen und <em>fallen<\/em>, sie waren vielmehr eifrig bem\u00fcht, sich selbst in Sicherheit zu bringen am Rande, wenn es pl\u00f6tzlich etwas kosten k\u00f6nnte, sich einer Sache angenommen zu haben. Die Flucht vor der Verantwortung ist eine Erb\u00e4rmlichkeit, die einen gro\u00dfen Teil unseres \u00f6ffentlichen Lebens pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Aber der Stachel in diesem Bilde Jesu vom Tagel\u00f6hner richtet sich gegen jeden von uns in unserem Umgang mit dem Mitmenschen. Wir lassen einander im Stich &#8211; nicht immer, aber allzu oft. Ungl\u00fcck isoliert Menschen: wir kehren denen den R\u00fccken zu, die es getroffen hat, mit Ellenbogen und Schultern schieben wir all die weg, deren Schwachheit wir nicht sehen m\u00f6gen. Wir versuchen, uns mit Hilfe von Geld aus der Verantwortung zu stehlen, oder wir lassen uns kaufen, ein wenig R\u00fccksicht zu nehmen, aber allzu viele bleiben allein, wenn der Zaum um ihr Leben pl\u00f6tzlich zusammenbricht und ihre Ehe kaputtgeht, der Ehepartner stirbt, sie ernstlich krank werden oder von wirtschaftlichem Ruin betroffen sind.<\/p>\n<p>Was kennzeichnet den guten Hirten? Im Bild Jesu ist es der Wille, das Schicksal zu teilen, sich zu opfern, mit denen zu leiden, f\u00fcr die man Verantwortung tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>In dem Roman des Griechen Kazantzakis <em>Griechische Passion<\/em> treten lauter Hirten auf. Die Handlung spielt sich ab in einem kleinen mazedonischen Dorf, das an der Grenze zur T\u00fcrkei liegt. Der formale Herrscher im Dorf ist der T\u00fcrkische Aga, aber er schert sich wenig um das Dorf, wenn er nur in Ruhe mit seinen Saufbr\u00fcdern feiern kann und wenn die verdammten griechischen Bauern ansonsten einigerma\u00dfen Ruhe halten. Der eigentliche F\u00fchrer im Dorf ist der Priester, Grigoris, ein gro\u00dfer, wohlgen\u00e4hrter und selbstzufriedener Mensch, prall wie ein Stier, kein b\u00f6ser Mensch, aber ziemlich beschr\u00e4nkt. Er h\u00fctet eifrig seine Herde, nimmt sich der Fragen des Dorfes an und sorgt vor allem daf\u00fcr, da\u00df sich nichts \u00e4ndert. Sein Bruder ist Lehrer im Dorf, auch er ist einer der Hirten&#8220; im Dorf, er ist ein Idealist, will gerne Frieden schaffen, aber er ist nicht stark genug, sich gegen den Bruder durchzusetzen. Nun geschieht dies, da\u00df eine Gruppe von Fl\u00fcchtlingen in das Dorf kommt. Sie sind von den T\u00fcrken aus ihrem eigenen Dorf vertrieben worden, sind ausgehungert und bitten um Essen und Unterkunft, und darum, unbewirtschafteten Boden urbar machen zu d\u00fcrfen. Aber der Priester Grigoris weist sie ab &#8211; nicht weil man ihnen nicht sehr gut Platz geben k\u00f6nnte, sondern weil sie die Machtbalance im Dorf st\u00f6ren w\u00fcrden. Die Fl\u00fcchtlinge gehen nun zu dem naheliegenden Berg Sarakina, wo sie frierend und hungern ihr Leben fristen, weil sie hoffen, da\u00df man sich ihrer fr\u00fcher oder sp\u00e4ter erbarmen wird. Und es gibt wirklich Leute im Dorf, die ihnen ihr Herz zuwenden, vor allem der Hirte Manolios, der eigentlich vom Priester Grigoris dazu ausersehen war, die Rolle des Christus im j\u00e4hrlichen Passionsspiel zu \u00fcbernehmen. Manolios wird zum F\u00fcrsprecher der Fremden, versucht, das Gewissen des Dorfes zu wecken, w\u00e4hrend Grigoris und die wohlhabenden Bauern alles tun, was in ihrer Macht steht, um den Widerwillen der Bev\u00f6lkerung gegen die Fremden zu sch\u00fcren. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, als die Leute von Sarakina nicht mehr auf Barmherzigkeit warten k\u00f6nnen. Der Lehrer, der die Streitenden vers\u00f6hnen will, wird get\u00f6tet, ein Haus wird in Brand gesteckt. Die Unruhestifter setzen sich jedoch nicht durch, nun sollen sie bestraft werden. Aber der Hirte Manolios geht zu dem Aga und nimmt die Schuld auf sich f\u00fcr die Unruhe und den Mord. Der Aga wird w\u00fctend und liefert ihn den Dorfbewohnern aus. Und mit dem Segen des Priesters Grigoris lassen sie ihrem angestauten Ha\u00df und schlechtem Gewissen freien Lauf und t\u00f6ten Manolios &#8211; in der Kirche.<\/p>\n<p>Manolios ist Hirte. Er ist es im doppelten Sinne. Sein Auftreten entlarvt alle die schlechten Hirten, die Tagel\u00f6hner, die nur an sich selbst denken. Er l\u00e4\u00dft sie nicht im Stich, wenn ihr Leben und Schicksal in seinen H\u00e4nden liegt. Das, was eigentlich nur eine Rolle war, wird sein Schicksal &#8211; sein Tod. Und damit weist er zur\u00fcck auf den, der gesagt hat: &#8222;Ich bin der <em>gute<\/em> Hirte, der gute Hirte l\u00e4\u00dft sein Leben f\u00fcr seine Schafe&#8220;. Was Jesus damit meint, ist nicht schwer zu verstehen: Er l\u00e4\u00dft keinen Menschen im Stich, dessen Leben und Schicksal von ihm abh\u00e4ngt. Was auch einen Menschen bedroht, was auch <em>geschieht<\/em>, welches Ungl\u00fcck auch \u00fcber ihn hereinbricht, er l\u00e4\u00dft ihn nicht im Stich.<\/p>\n<p>Und das ist die Botschaft an uns, die wir einander im Stich lassen: Er wird <em>uns<\/em> nicht im Stich lassen. Der Schmerz, die Trauer, die Krankheit, der Tod werden wir nie nur allein tragen m\u00fcssen. Wie der wahre K\u00f6nig ruht er nicht, bis er sein Volk gerettet hat. So ist er unser Retter. So ist er auch, wie es Petrus sagt, unser <em>Vorbild<\/em>, &#8222;da\u00df ihr sollt nachfolgen seinen Fu\u00dfstapfen&#8220; ( 1. Petr. 2,21), wie die Schafe denen des Hirten folgen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\nRibe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 74 52 20 25<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\">nha@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Eberhard Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Miserikordias Domini | 10. April 2005 | Johannes 10,1\u201316 | Niels Henrik Arendt | Die Juden w\u00fcnschten sich einen K\u00f6nig, einen richtigen K\u00f6nig, einen wahren K\u00f6nig. Ja, einige versuchten, Jesus zum K\u00f6nig zu kr\u00f6nen. 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