{"id":10472,"date":"2005-04-07T19:49:19","date_gmt":"2005-04-07T17:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10472"},"modified":"2025-05-15T17:24:22","modified_gmt":"2025-05-15T15:24:22","slug":"johannes-16-16-22-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-16-16-22-3\/","title":{"rendered":"Johannes 16, 16-22"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Jubilate | 17. April 2005 |\u00a0Johannes 16, 16-22 | Birgit Hesselager |<\/span><\/h3>\n<p>Verzweiflung, Verlassenheit und Verwirrung \u2013 das sind die Gef\u00fchle, die einen aufw\u00fchlen, wenn man einen geliebten Menschen verliert \u2013 Verzweiflung angesichts der Erfahrung, dass das Leben ein Ende haben kann, Verlassenheit \u2013 denn wir waren ja zusammen auf der Welt \u2013 und Verwirrung \u2013 weil die Zukunft pl\u00f6tzlich so dunkel und unbekannt ist.<\/p>\n<p>Und so m\u00fcssen sich die J\u00fcnger in der Zeit zwischen Osten und Pfingsten verzweifelt, verwirrt und vielleicht vor allem verlassen gef\u00fchlt haben. Und das aus gutem Grund \u2013 denn <em>er<\/em> war ja weg \u2013 er, auf den sie all ihr Vertrauen und all ihre Hoffnung gesetzt hatten.<\/p>\n<p>Und obwohl das Grab leer war \u2013 und obwohl er ihnen erschien und sie tr\u00f6stete und ihnen Erkl\u00e4rungen gab \u2013 so waren sie doch verlassen \u2013 zur\u00fcckgelassen \u2013 mitten in ihrem gefahrvollen und unsicheren Leben.<\/p>\n<p>Und seine Prophetie, dass sie weinen und trauern w\u00fcrden \u2013 die Prophetie, die er in seiner Abschiedsrede, aus der der Text des heutigen Tages genommen ist, zum Ausdruck gebracht hatte \u2013 sie ging ja in Erf\u00fcllung.<\/p>\n<p>Sie weinten und trauerten \u00fcber ihre Einsamkeit, ihre Trennung von Gott \u2013 ihre Ungewissheit und ihren Zweifel. Sie sehnten sich nach der Verbindung, ihnen fehlte die Verbindung \u2013 der Zusammenhang in ihrem Leben \u2013 hier zwischen Ostern und Pfingsten.<br \/>\nDa wurde die Verbindung wieder sichtbar f\u00fcr sie \u2013 als sich ihnen der Heilige Geist zeigte.<\/p>\n<p>Mit Jesus war das Wort Gottes in die Welt gekommen in einem Menschen, und als dieser Mensch jetzt nicht mehr in der Welt war, kam der Heilige Geist \u2013 Gottes liebevolle Kraft der Wirklichkeit \u2013 und legte es in den Mund von Menschen \u2013 so dass das Wort Gottes nicht nur Wort von einer fernen Gottheit an die Welt oder \u00fcber die Welt war \u2013 sondern ein wirklicher Zusammenhang \u2013 eine Verbindung zwischen dem Leben, das das Christentum das ewige Leben nennt, und dem Leben hier und jetzt, das wir kennen.<\/p>\n<p>Diese Verbindung ist es, die bewirkt, dass wir verstehen oder besser merken k\u00f6nnen, wovon die Rede ist, wenn das Christentum von der Liebe und von der Vergebung Gottes spricht. Ohne den Heiligen Geist w\u00e4re alle Rede vom ewigen Leben ohne Sinn.<\/p>\n<p>Und dennoch \u2013 obwohl wir nach Osten und Pfingsten leben \u2013 und das tun wir ja zu jeder Zeit \u2013 obwohl der Heilige Geist hier ist und obwohl wir die Worte verstehen k\u00f6nnen und die Begriffe kennen, so sind sie doch nicht immer Wirklichkeit f\u00fcr uns \u2013 weit gefehlt. Wir f\u00fcrchten den Tod, und wenn er uns trifft, geraten wir in Verzweiflung, Verlassenheit und Verwirrung.<\/p>\n<p>Immer wieder stehen wir in derselben Situation wie die J\u00fcnger im heutigen Text \u2013 und \u00fcbrigens auch wie die ersten Christen. Wir k\u00f6nnen die Verbindung nicht sehen \u2013 wir haben Schwierigkeiten damit, sie in unserem Leben Wirklichkeit werden zu lassen. Und das ist so, obwohl Jesus gesagt hat, dass eine Zeit kommen wird, in der die Liebe Gottes mit unserer Wirklichkeit vereint sein wird, eine Zeit, in der nichts und niemand uns die Freude nehmen kann, eine Zeit, in der unser Leben nicht unabl\u00e4ssig von sinnlosen und b\u00f6sen Ereignissen zerst\u00f6rt werden wird.<\/p>\n<p>Warum ist das so \u2013 warum gen\u00fcgen uns die Verhei\u00dfung und die Erfahrung des ewigen Lebens nicht \u2013 die Wirkung des Heiligen Geistes?<\/p>\n<p>Weil es nicht nur der Heilige Geist ist, der in der Welt wirkt, weil das Reich Gottes noch nicht voll und ganz daist \u2013 das sehen wir alle immerzu \u2013 auch f\u00fcr uns wird es noch einige Zeit dauern \u2013 die Zeit, die vergeht, bis Jesus wiederkommt, ist noch nicht vorbei.<\/p>\n<p>Noch haben wir nur das ewige Leben als Verhei\u00dfung, als sporadische Erfahrungen und als Hoffnung.<\/p>\n<p>Aber das ist nun auch nicht wenig \u2013 eine Hoffnung ist ja bereits ein Teil dessen, worauf sie hofft \u2013 und der Heilige Geist gibt uns schon jetzt die Kraft und die Hoffnung.<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger und die Menschen, die mit Jesus zusammen lebten, hatten zwar erwartet, dass er schon in ihrer eigenen Lebenszeit wiederkommen w\u00fcrde \u2013 aber das Leben ging weiter.<\/p>\n<p>Es ging weiter und war weiterhin eine Mischung aus Freuden und Sorgen \u2013 aus Liebe und Gleichg\u00fcltigkeit, wie es das Menschenleben ist.<\/p>\n<p>Seitdem hat Generation nach Generation von Christen in der Hoffnung gelebt, und zugleich haben sie das gew\u00f6hnliche Menschenleben gelebt mit dessen Sorgen, Schmerzen und \u00c4ngsten.<\/p>\n<p>Und mitten in diesem Leben ist die Hoffnung die Verbindung gewesen, an die wir uns haben halten k\u00f6nnen, die Verbindung zum himmlischen, ewigen Leben, das sich in kurzen Augenblicken zeigt, wenn die Freude einmal alles \u00fcberstrahlt.<\/p>\n<p>Wenn sich alle diese Generationen dem Menschenleben nicht ausgesetzt h\u00e4tten \u2013 wenn schon die ersten Christen sich vom Leben zur\u00fcckgezogen und sich beleidigt geweigert h\u00e4tten, ein anderes als das vollkommene Leben zu leben, das ihnen verhei\u00dfen war, \u2013 ja dann w\u00e4re die christliche Botschaft vermutlich schon nach der ersten Generation verstummt. Das Christentum h\u00e4tte nicht \u00fcberleben k\u00f6nnen, wenn nicht Menschen im Laufe der Zeit dessen Rede von Liebe und Freude mit der Freude und Liebe verbunden h\u00e4tten, die sie selbst kannten und von deren Existenz sie wussten \u2013 so wie sie es empfanden \u2013 ab und an.<\/p>\n<p>Denn das Christentum ist keine Abstraktion \u2013 keine Theorie \u2013 keine Idee. Das Christentum entspringt nicht den klugen Gedanken eines erleuchteten Menschen.<\/p>\n<p>Das Christentum wurde vielmehr auf menschliche Weise in die Welt hineingeboren \u2013 durch eine Geb\u00e4rmutter, von einer Frau \u2013 Jungfrau Maria \u2013 die es wagte, mit ihrem Leib zur Verf\u00fcgung zu stehen.<\/p>\n<p>Deshalb lebt es auch nur, solange es Menschen gibt, die daf\u00fcr einstehen. Menschen, die zu lieben wagen, obwohl wir verlieren m\u00fcssen. Menschen, die vergeben k\u00f6nnen. Menschen, die das G\u00f6ttliche und Wunderbare auch in dem gew\u00f6hnlichen Leben sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das kann schwer sein \u2013 sehr schwer \u2013 vielleicht, weil es keine Willenstat ist \u2013 wir k\u00f6nnen uns nicht einfach dazu entschlie\u00dfen, dass wir jetzt oder von morgen an alles mit heiteren Augen betrachten oder dass wir jetzt damit aufh\u00f6ren wollen, uns im Voraus Sorgen zu machen, \u2013 denn wir k\u00f6nnen nur aufh\u00f6ren, uns Sorgen zu machen, wenn unser Lebensmut es zul\u00e4sst \u2013 wenn die Hoffnung schneller w\u00e4chst als die Sorgen, zwischen denen sie w\u00e4chst.<\/p>\n<p>In dem Lied, das wir gleich singen werden, beschreibt Grundtvig die Hoffnung als den Teil des ewigen Lebens, den wir schon jetzt erfahren k\u00f6nnen, und als den Ort, von dem wir Mut zum Leben erhalten k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>O Hoffnung vollauf,<br \/>\nAus Gott neugeborn in der heilgen Tauf!<br \/>\nVerleih uns dein Fl\u00fcgelkleid, du Geistespfand,<br \/>\nLass schweben uns \u00fcberw\u00e4rts in jenes Land,<br \/>\nWo Ewigkeits-Morgenglanz strahlt allen Stund<br \/>\nAuf Seligkeitsgrund!<br \/>\n<em>(Grundtvig, Nr. 321 im d\u00e4nischen Gesangbuch) <\/em><\/p>\n<p>Wie wir bei der Taufe eine Patentante bekommen, die daf\u00fcr sorgen soll, dass wir im christlichen Glauben erzogen werden, so erhalten wir auch einen \u201eGottesbruder\u201c, der daf\u00fcr Sorge tr\u00e4gt, dass wir das g\u00f6ttliche Leben, das unser t\u00e4gliches Leben umschlie\u00dft, nicht vergessen.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns n\u00e4mlich nicht dem Leben entziehen, das hier und jetzt das unsere ist, aber die Hoffnung, zu der wir getauft sind, macht es m\u00f6glich, dass wir mehr sehen als das, was uns unmittelbar vor Augen steht. Sie sagt uns, dass unsere Erfahrungen vom guten Leben, unsere Erfahrungen von Sinnhaftigkeit und Liebe gut genug sind, sie sind nicht blo\u00df naive Verdr\u00e4ngungen der Wirklichkeit, nein, sie sind die Wirklichkeit \u2013 sie sind gottwohlgef\u00e4llig \u2013 und sie sagen uns, dass das Leben, das uns erwartet \u2013 das ewige Leben \u2013 ein Leben ist, das wir wiedererkennen k\u00f6nnen \u2013 ein Leben, in dem das, was wir schon kennen und sch\u00e4tzen, nicht mehr vernichtet oder von uns genommen werden wird. Vermutlich enth\u00e4lt das ewige Leben mehr als dies, \u2013 etwas Neues und Sch\u00f6nes \u2013 aber das k\u00f6nnen wir uns aus guten Gr\u00fcnden nicht vorstellen \u2013 wir k\u00f6nnen uns nur Bilder machen von dem aus, was wir kennen \u2013 aber <em>die<\/em> Freude zu <em>ihrer<\/em> Zeit.<\/p>\n<p>Vorl\u00e4ufig m\u00fcssen wir unser Leben leben, und das bedeutet u.a., dass wir es der Zeit \u00fcberlassen m\u00fcssen zu zeigen, was in unserer Wirklichkeit gut und b\u00f6se ist.<\/p>\n<p>Manchmal wird sich erweisen, dass das, was sich Liebe nannte, trotzdem keine Liebe war, und manchmal werden wir nichts Geringeres als die g\u00f6ttliche Liebe erleben d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Im Evangelium f\u00fcr heute benutzt Jesus selbst das Bild der geb\u00e4renden Frau. Und eine Geburt ist sicherlich eine der Situationen, in denen wir am deutlichsten sp\u00fcren, was es hei\u00dft, den eigenen Leib der g\u00f6ttlichen Liebe zur Verf\u00fcgung zu stellen. Die geb\u00e4rende Frau ist einerseits v\u00f6llig machtlos und ihrer Angst und ihren Schmerzen ausgeliefert, und auf der anderen Seite zweifelt sie keinen Augenblick daran, dass an ihrem Leib etwas unfasslich Gro\u00dfes und Wunderbares geschieht.<\/p>\n<p>So kann es uns gegeben sein, mitten in unserer Begrenztheit \u2013 in unserer Machtlosigkeit und unserem wechselvollen Leben mit unserem Leib dem Ewigen und Wunderbaren zu dienen.<\/p>\n<p>Das aber verlangt, dass wir uns selbst aufzugeben und daran zu glauben wagen, dass es die Liebe und die Freude sind, die letzten Endes das Leben bestimmen \u2013 \u00fcber den Tod hinaus \u2013 unter der Herrschaft des Heiligen Geistes.<\/p>\n<p>Im Vertrauen auf den Gott, der gesagt hat: Auch ihr trauert jetzt, aber ich werde euch wieder sehen, und dann wird sich euer Herz freuen, und niemand wird euch eure Freude nehmen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Pr\u00f6pstin Birgit Hesselager<br \/>\nS\u00f8borg Pr\u00e6steg\u00e5rd<br \/>\nBygaden 40B<br \/>\nDK-3250 Gilleleje<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:bhas@km.dk\">bhas@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jubilate | 17. 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