{"id":10479,"date":"2005-04-07T19:49:22","date_gmt":"2005-04-07T17:49:22","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10479"},"modified":"2025-05-15T20:12:05","modified_gmt":"2025-05-15T18:12:05","slug":"joh-1212-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/joh-1212-19\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 21,14\u201317"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong>Kantate | 24. April 2005 | Mt 21,14\u201317 | Wilhelm H\u00fcffmeier |<\/strong><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wir h\u00f6ren so richtig das muntere Jubelgeschrei der Kinder, die die Huldigungsrufe aufnehmen, mit denen Jesus bei seinem Einzug in der Hauptstadt empfangen wurde. Wahrhaftig ein neues Lied mit \u00fcberraschend neuen S\u00e4ngern und S\u00e4ngerinnen, g\u00e4nzlich ungewohnt im Tempel damals und in den Kirchen heute. Befremdlich, sogar ein bisschen peinlich \u2013 die kindliche Spontaneit\u00e4t?<\/p>\n<p>Wenn ich diese Geschichte von den Jerusalemer Gassenkindern im Tempel h\u00f6re, muss ich immer an einen Gottesdienst denken, in dem ein etwa 10-j\u00e4hriger Junge, nachdem er getauft worden war, pl\u00f6tzlich durch den Gang der Kirche lief und laut verk\u00fcndete: &#8222;Ich bin getauft, ich bin getauft.&#8220; So etwas k\u00f6nnen nur Kinder. Dass Erwachsene sich mit solcher in die Luft springenden Freude zu ihrer Taufe, zum Glauben, zu Gott bekennen, geschieht, jedenfalls in unseren Zonen, selten genug. Doch wenn es geschieht, dann ist es eben das Kind im Mann oder in der Frau, das da wieder \u2013 Gott sei Dank \u2013 zu Worte kommt. K\u00f6nnte es vielleicht die Intention des Heiligen Geistes, ja, \u00fcberhaupt die Aufgabe der Kirche sein, das Kind in Manne und in der Frau, eben das Kind in dir und mir, wach zu halten, zu ern\u00e4hren und zur Sprache zu verhelfen? &#8222;Wenn ihr nicht werdet wie ein Kind, werdet ihr in Gottes Reich nicht hineinkommen&#8220;, sagt Jesus.<\/p>\n<p>In unserer Geschichte jubeln die Kinder freilich nicht \u00fcber das, was an ihnen selber geschehen ist, sondern \u00fcber das, was Jesus an anderen tut. Auch das ist eine unvergleichliche kindliche F\u00e4higkeit, sich zu freuen \u00fcber das, was anderen zugute kommt. So wie Kinder, jedenfalls kleine, lange selbstverst\u00e4ndlich und vergn\u00fcgt anderen Kindern von dem, was sie haben, abgeben. Stellen Sie sich vor, die Freude \u00fcber das, was anderen zugute kommt, und die Bereitschaft, mit anderen das Meine zu teilen, k\u00f6nnte zwischen den Menschen und V\u00f6lkern walten. Was f\u00fcr eine Familie, was f\u00fcr ein Staat, was f\u00fcr ein Europa! Oder auch nur zwischen den Kirchen. Was f\u00fcr eine \u00d6kumene!<\/p>\n<p>Doch auch bei Kindern meldet sich leider schon bald der Egoist. Kein Wunder, dass Gott eine enorme Kraft aufwenden muss, damit die Kinder Kinder seines Reiches bleiben und wir Erwachsenen wieder zu Gotteskindern werden und ausrufen: &#8222;Hosianna, dem Sohne Davids.&#8220; Was geschah denn so Gutes? Im Text hei\u00dft es lapidar: &#8222;Es gingen zu Jesus Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie&#8220;. Heilung \u2013 Heilung von Krankheiten, von Verletzungen, von Erinnerungen \u2013 das ist es, was die Gotteskinder vor Freude singen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Recht besehen, ist beides zusammen, das Jubelgeschrei der Kinder und die Blinden und Lahmen im Tempel, eine Umkehrung der Verh\u00e4ltnisse im Gotteshaus, sozusagen eine Revolution. Unsere Geschichte schlie\u00dft unmittelbar an die der Tempelreinigung an. Eben hat Jesus die Geldwechsler und H\u00e4ndler aus den Tempelvorhallen und dem Tempelbezirk vertrieben und daran erinnert: Gottes Haus soll ein Bethaus sein. Nun zieht mit den Kindern und Blinden und Lahmen gleichsam ein neues Volk ein, eins, das nach den Bestimmungen des Alten Testaments hier eigentlich gar nicht hingeh\u00f6rt, aber offenbar Jesu Wohlgefallen findet. Die Kranken durften sich damals im Tempel nur zeigen, wenn sie vorher gesund geworden waren. Das ist so, als geh\u00f6rten nur Gott und die Gesunden, Gott und die Guten, Gott und die einwandfrei Frommen, die religi\u00f6s Korrekten zusammen. Bei Jesus ist das ganz anders.<\/p>\n<p>Es nimmt deshalb nicht Wunder, dass die Hohenpriester und Schriftgelehrten, als sie das mit Jesus und den Kindern und den Kranken sahen, sich entr\u00fcsteten und emp\u00f6rten. Haben Sie nicht Recht? Gro\u00dfe Beter f\u00fcr das Bethaus waren die Kinder und die Blinden und Lahmen sicher nicht. Religi\u00f6se Praxis konnten sie nicht vorweisen. Allenfalls zeigen sie die ganze Angewiesenheit des Menschen auf Gott an. Darin sind sie eine Art Vorform der einen heiligen, allgemeinen, christlichen Kirche.<\/p>\n<p>Jesus reagiert auf die Emp\u00f6rung in doppelter Weise. Zum einen erinnert er die Hohen Priester und Schriftgelehrten an ihre eigene religi\u00f6se Tradition, an den Psalm 8: &#8222;Aus dem Munde der Unm\u00fcndigen und S\u00e4uglinge hast du dir ein Lob bereitet.&#8220; Zum anderen hei\u00dft es einfach: &#8222;Er lie\u00df sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort \u00fcber Nacht.&#8220; Das ist die unerh\u00f6rte Freiheit Jesu, von der alle Kirchen sich eine Scheibe abschneiden k\u00f6nnen. Jesus stellt sich vor die Kinder. Und die, die sich \u00fcber ihn emp\u00f6ren, \u00fcberl\u00e4sst er zun\u00e4chst einmal sich selbst.<\/p>\n<p>Eine Scheidung der Geister, eine Trennung also. Doch, Gott sei Dank, wichtiger als solche Trennung ist die Einheit beider Gruppen. Diese tiefe Einheit besteht ganz einfach darin, dass der Sohn Gottes sich f\u00fcr beide erniedrigt hat und f\u00fcr beide gestorben und auferstanden ist, f\u00fcr die religi\u00f6s Unzul\u00e4nglichen wie f\u00fcr die religi\u00f6s Korrekten.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr diese Wahrheit k\u00f6nnen Kinder manchmal unsere Lehrmeister sein. Kinder, jedenfalls kleine Kinder, sind freier und barmherziger. Kinder sind keine Moralisten. Sie freuen sich \u00fcber jeden, der mit ihnen zusammen sein will, ganz egal, woher er kommt und was f\u00fcr eine Vergangenheit er hat. Sie schreiben niemanden ab. Vielmehr entdecken sie h\u00e4ufig an Menschen, die wir Erwachsene nicht so m\u00f6gen, Erfreuliches und Einnehmendes. So zwingen sie die Erwachsenen, neu nachzudenken. So sind die Boten dessen, der hier im Tempel alles bestimmt. Er ist, Gott sei Dank, f\u00fcr die einen wie f\u00fcr die anderen da. Auch f\u00fcr die religi\u00f6s g\u00e4nzlich Unmusikalischen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>D. Dr. Wilhelm H\u00fcffmeier, Berlin;<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:hueffmeier@kirchenkanzlei.de\">hueffmeier@kirchenkanzlei.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kantate | 24. April 2005 | Mt 21,14\u201317 | Wilhelm H\u00fcffmeier | Liebe Gemeinde, wir h\u00f6ren so richtig das muntere Jubelgeschrei der Kinder, die die Huldigungsrufe aufnehmen, mit denen Jesus bei seinem Einzug in der Hauptstadt empfangen wurde. 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