{"id":10491,"date":"2005-05-01T19:49:19","date_gmt":"2005-05-01T17:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10491"},"modified":"2025-05-16T09:06:45","modified_gmt":"2025-05-16T07:06:45","slug":"lukas-11-5-13-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-11-5-13-3\/","title":{"rendered":"Lukas 11, 5-13"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Rogate | 1. Mai 2005 |\u00a0Lukas 11, 5-13 | Martin M\u00fcller |<\/span><\/h3>\n<p>Ziemlich unbeholfen sitze ich vor meinem Computer und weiss beim besten Willen nicht mehr weiter. Die CD-ROM mit dem Virenschutz gegen l\u00e4stige St\u00f6rungen hab ich mir gekauft. Jetzt bin ich dabei, das Programm auf meinen Rechner zu installieren. Aber keiner sagt mir, wie es funktioniert. Der Verk\u00e4ufer hat mir erkl\u00e4rt, das geht wie von selber. Tut es aber nicht &#8211; und als Amateur sto\u00dfe ich bald an meine Grenzen.<br \/>\nDa entdecke ich am Monitor eine Telephonnummer, die man in Problemf\u00e4llen anrufen kann \u2013 rund um die Uhr.<br \/>\nIch sch\u00f6pfe Hoffnung. Eine Dreiviertelstunde sitze ich schon vor dem \u201eSegen der Menschenheit\u201c, PC genannt. Da kommt es auf ein paar Minuten auf oder ab auch nicht mehr an, denke ich. Ich w\u00e4hle die 12 oder 14 Zahlen und warte. Keine Stimme, ein Tonband mit Digitalklang meldet sich. Eine Minute Werbung muss ich mir anh\u00f6ren. Dann geht das Tonband weiter: Wenn ich Information \u00fcber das Produktangebot suche, sollte ich die 1 dazuw\u00e4hlen. Wenn ich eine Bestellung aufgeben m\u00f6chte, die 2. Wenn ich Gebrauchsanweisungen ben\u00f6tige, die 3. Ich w\u00e4hle die 3 und warte. Wieder ein Tonband mit vorgefertigtem Text, mein Problem ist nicht dabei. Am Ende springt der Text wieder an den Anfang, und ich bin so klug als wie zuvor. Allein mit meinem kleinen Problem und mit meinem gro\u00dfen \u00c4rger, weil ich mein Anliegen nicht mal anbringen konnte.<\/p>\n<p>Eine kleine Szene aus dem Alltag. Kein gro\u00dfes Problem, aber ein Beispiel f\u00fcr die Erfahrung, die Menschen heute wie damals haben k\u00f6nnen &#8211; hilflos, wohin kann ich mich wenden? Werde ich geh\u00f6rt oder wahrgenommen, oder renne ich gegen unsichtbare Mauern?<br \/>\nUnd vielleicht werden diese Erfahrungen der Ohnmacht in unserer technisierten und unpers\u00f6nlichen Welt umso sp\u00fcrbarer und bedr\u00e4ngender. Nicht nur f\u00fcr \u00e4ltere oder arme und ausgegrenzte Menschen.<\/p>\n<p>Im Evangelium beschreibt Jesus die Erfahrung derer, die im Gebet Hilfe suchen:<br \/>\nDu redest mit Gott , wie mit einem Freund. Da ist ein Gegen\u00fcber, das dich nicht allein l\u00e4sst. Du bist in Bedr\u00e4ngnis, aber du wei\u00dft, dass dein Freund dich nicht im Stich l\u00e4sst. Du klopfst an und kannst sagen, was du brauchst. Deine Worte gehen nicht ins Leere. Nicht ohnm\u00e4chtig, sondern hoffnungsvoll kannst du sein, selbst dann, wenn du in Schwierigkeiten bist.<\/p>\n<p>Im Jesusgleichnis vom bittenden Freund geht es nicht um ein kleines Problem des Alltags. Denn die Armen, zu denen Jesus gepredigt hat und aus deren Lebenswelt er immer wieder Beispiele erz\u00e4hlt, leben zwischen Sein und Nichtsein. Da ist ein St\u00fcck Brot lebenswichtig, auch das Brot f\u00fcr den Gast, der einkehrt.<br \/>\nF\u00fcr sie geht es oft genug um existentielle N\u00f6te, wenn sie fragen: Wer ist der Anwalt, der uns zur Seite steht?<br \/>\nGibt es Hoffnung in Leid und Unterdr\u00fcckung?<br \/>\nOder sind wir ausgeliefert einer lebensfeindlichen, unpers\u00f6nlichen B\u00fcrokratie?<\/p>\n<p>Wenn Jesus den Menschen seiner Zeit das Beten lehrt und dieses Gleichnis aus der Lebenswelt der Armen verwendet, bringt er zum Ausdruck:<br \/>\nGott steht auf eurer Seite. Im Gebet k\u00f6nnt ihr eurer Hoffnung Worte geben.<br \/>\nMag sein, dass menschliche Freunde sich zieren, aber Gott ist ein Helfer in aller Not. Er wird niemanden abweisen.<br \/>\nLasst eure Hoffnung nicht sterben, denn Gott ist ein Freund derer, die Hilfe suchen.<\/p>\n<p>Nun weiss jeder, der betet, dass nicht jeder Wunsch in Erf\u00fcllung geht.<br \/>\nManche erfahren es leidvoll, dass Kranke nicht immer geheilt werden, oder dass manche Wege versperrt bleiben, selbst wenn man sie sich noch so sehr w\u00fcnscht und erbittet.<br \/>\nDas kann einen in eine Glaubenskrise f\u00fchren.<br \/>\nUnd doch steht da die Verheissung Jesu, dass das Gebet geh\u00f6rt wird.<br \/>\nVielleicht kommt nicht immer genau die Hilfe, die ich erwartet habe. Nicht der Wunsch wird erf\u00fcllt, den ich mir ganz konkret vor Augen gemalt habe.<br \/>\nAber manchmal beweist sich grade darin das bekannte Bonhoeffer-Wort, dass Gott nicht all unsere W\u00fcnsche erf\u00fcllt, aber alle seine Verheissungen. Und dass ich mitten im Leid durch das Gebet auf besondere Weise gef\u00fchrt und begleitet bin. Dass ich ungeahnt Segen erfahre und so zu einer Praxis der Hoffnung finde, die meinem Leben eine neue Qualit\u00e4t und Tiefe schenkt.<\/p>\n<p>Lindolfo Weing\u00e4rtner beschreibt diese Praxis der Hoffnung in einem sch\u00f6nen Bild: er beobachtet einen alter Fischer, der im Boot der Lagune steht und unerm\u00fcdlich sein Wurfnetz auswirft.<br \/>\nImmer wieder f\u00e4llt das Netz ins Wasser, bis der bleischwere Rand den Boden ber\u00fchrt.<br \/>\nOft genug bleibt das Netz leer. Er sch\u00fcttelt es aus, entfernt den Unrat und bereitet den n\u00e4chsten Wurf vor. Zwanzigmal, f\u00fcnfzigmal, hundertmal \u2013 bis er endlich in seiner Arbeit belohnt wird.<br \/>\nDer alte Fischer weiss: es gibt Tage, da muss man das Netz \u00f6fter auswerfen, weil es einfach n\u00f6tig ist \u2013 als Ein\u00fcbung in die Praxis der Hoffnung. Weil nicht werfen aufgeben hie\u00dfe \u2013 und aufgeben hie\u00dfe aufh\u00f6ren zu leben.<br \/>\n\u201eGeduld ist die Kunst des Hoffens\u201c heisst es bei Friedrich Schleiermacher. Und das Gebet ist ein heilsames \u00dcbungsfeld f\u00fcr diese \u201eKunst des Hoffens\u201c.<\/p>\n<p>Wenn Jesus seine J\u00fcnger das Beten lehrt, ihnen zuerst das Vaterunser und dann das Gleichnis vom bittenden Freund erz\u00e4hlt, dann trainiert er ihnen keine Technik des Betens an.<br \/>\nSondern zuallererst macht er ihnen Mut zu beten und Mut zum Hoffen, indem er ihnen von Gott als einem Vater und Freund erz\u00e4hlt.<br \/>\nKein unpers\u00f6nliches Schicksal, keine geheimnisvolle Aura, der wir uns im Gebet n\u00e4hern. Sondern der himmlische Vater, der unser Sch\u00f6pfer ist, der uns mit Namen kennt und zu dem wir liebevoll \u201eAbba\u201c, lieber Vater sagen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Aus der Gebetspraxis Jesu wissen wir nat\u00fcrlich auch, dass Stille und Abschiedenheit das Gebet f\u00f6rdern k\u00f6nnen. Dass es wichtig ist, sich Zeiten der Stille zu reservieren, damit aus dem Reden ein H\u00f6ren werden kann.<br \/>\nDas Laute und Umtriebige greift ja ganz imperialistisch nach dem ganzen Menschen und l\u00e4sst ihn nicht mehr los. Wo gibt es heute noch Ort der Stille, die ungest\u00f6rt bleiben vom Geklingel eines Handy\u2019s oder Gepiepse irgendeiner Maschine oder eines Terminplaners?<br \/>\nDa ist es auch wichtig, sich Orte der Stille zu reservieren und Rituale des Gebets zu suchen oder sich an guten Traditionen anzulehnen, damit das Gebet ein Zuhause findet.<br \/>\nAber Technik ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass Gott wie der liebende Vater und der gute Freund ist, ein pers\u00f6nliches Gegen\u00fcber, der wahrnimmt, h\u00f6rt, redet, ber\u00fchrt, aufrichtet, ermahnt und ermutigt.<\/p>\n<p>In den vielen Erfahrungen der Ohnmacht, der kafkaesken Hilflosigkeit also ein befreiendes Gleichnis Jesu vom Gebet:<br \/>\nDu kannst dein Herz aussch\u00fctten, deinen Schmerz in Worte fassen. Du kannst deine Freude an den Himmel werfen. Du kannst danken und loben oder weinen und klagen \u2013 eines ist sicher: es gibt ein Gegen\u00fcber, das dir die T\u00fcr auftut. Du wirst wahrgenommen und geh\u00f6rt. Und dein Bitten geht nicht ins Leere. Denn Gott, der himmlische Vater ist es, der dir begegnet und die f\u00fchrt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Martin M\u00fcller<br \/>\nWaiern<br \/>\n<a href=\"mailto:pfarre.waiern@utanet.at\">pfarre.waiern@utanet.at <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rogate | 1. Mai 2005 |\u00a0Lukas 11, 5-13 | Martin M\u00fcller | Ziemlich unbeholfen sitze ich vor meinem Computer und weiss beim besten Willen nicht mehr weiter. Die CD-ROM mit dem Virenschutz gegen l\u00e4stige St\u00f6rungen hab ich mir gekauft. Jetzt bin ich dabei, das Programm auf meinen Rechner zu installieren. Aber keiner sagt mir, wie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":12514,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,1,727,157,853,114,607,349,1767,3,109,361],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10491","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-11-chapter-11-lukas","category-kasus","category-martin-mueller","category-nt","category-predigten","category-rogate"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10491","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10491"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10491\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24494,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10491\/revisions\/24494"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12514"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10491"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10491"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10491"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10491"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}