{"id":10494,"date":"2005-05-01T19:49:16","date_gmt":"2005-05-01T17:49:16","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10494"},"modified":"2025-05-16T09:12:26","modified_gmt":"2025-05-16T07:12:26","slug":"lukas-11-5-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-11-5-10\/","title":{"rendered":"Lukas 11, 5-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 align=\"left\"><span style=\"color: #000099;\">Rogate | 1. Mai 2005 | Lukas 11, 5-10 | Christian Dietzfelbinger |<\/span><\/h3>\n<p align=\"left\"><strong>Kollektengebet<\/strong>. Herr, unser Gott und Vater! Du bist ein Gott, der auf seine Menschen h\u00f6rt; darum rufen wir dich an. Du achtest auf uns, darum bringen wir vor dich, was uns beschwert und uns Angst macht; wir bringen uns selber vor dich. Du schaust auf uns und durchschaust uns, darum schauen wir vertrauend zu dir auf, zu dem Gott, der uns kennt und vor dem wir ohne Angst uns \u00f6ffnen k\u00f6nnen. H\u00f6re auf unser Bitten und antworte; la\u00df unser Suchen nicht ziellos enden, sondern lenke es zu dir; und wenn wir bei dir an-klopfen, dann \u00f6ffne uns die T\u00fcr. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Bruder und Herrn.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>In seinen Gleichnissen, in denen das Wort Gott nicht vorkommt, redet Jesus von Gott. Aber wie kann er von Gott reden in einer Welt, in der das Wort Gott mi\u00dfbraucht wird, um Kriege zu rechtfertigen und wo im Namen Gottes gemordet wird, damals wie heute? Unter Berufung auf Gott hat man sich gegenseitig totgeschlagen, hat man andere unterdr\u00fcckt, hat man gelogen und geraubt und tut es weiterhin. Gott \u2013 kaum ein Wort unter Menschen ist so besudelt und gesch\u00e4ndet und zerfetzt worden wie dieses Wort. W\u00e4re es nicht besser, das Wort Gott nicht in den Mund zu nehmen, wenigstens f\u00fcr einige Zeit, oder soll man gleich das tausendfach mi\u00dfbrauchte Wort Gott streichen aus unserer Sprache? Man kann so fragen; man soll so fragen, und dann versteht man besser, wie und warum Jesus von Gott redet. Er redet so von Gott, da\u00df dabei Gott selbst zu Wort kommt, und anders, sagt Jesus, kann man gar nicht von Gott reden. Wer von Gott redet, ohne da\u00df dabei Gott selbst zu Wort kommt, wer von Gott redet und damit seine eigenen guten oder b\u00f6sen Ideen meint, der redet gar nicht von Gott. \u2013 Jesus aber redet von Gott. Wie tut er das? Mit Vorliebe hat er <em>in Gleichnissen<\/em> von Gott gesprochen, und hier kann man miterleben, wie genau und \u00fcberlegt er das getan hat, so \u00fcberlegt, da\u00df sein Wort <em>\u00fcber<\/em> Gott pl\u00f6tzlich und im Handumdrehen zum Wort Gottes selbst wird, zu dem Wort, bei dem die Zuh\u00f6rer wu\u00dften: Jetzt redet die letzte Instanz, jetzt redet Gott mich an. Wie das geschieht und was dabei geschieht, das werden wir \u2013 vielleicht \u2013 jetzt erleben, wenn wir ein Gleichnis h\u00f6ren, mit dem Jesus von Gott gesprochen hat. Es steht im Lukas-evangelium Kapitel 11,5-10.<\/p>\n<p>Wer ist unter euch, der einen Freund hat, und der ginge zu ihm um Mitternacht und spr\u00e4che zu ihm: &#8222;Lieber Freund, leihe mir drei Brote; denn es ist mein Freund zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen k\u00f6nnte&#8220;. Und der drinnen w\u00fcrde antworten und sagen: &#8222;Mach mir keine Plagen! Die T\u00fcr ist schon zugeschlossen und meine Kinder sind bei mir im Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben&#8220;. Ich sage euch: Ob er auch nicht aufsteht und ihm gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch um der schlimmen Schande willen aufstehen und ihm geben, was er braucht. \u2013 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gege-ben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empf\u00e4ngt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.<\/p>\n<p>I. Jesus konnte h\u00fcbsche Geschichten erz\u00e4hlen, und hier erz\u00e4hlt er eine h\u00fcbsche Geschichte, eine Geschichte zum Miterleben und Mitmachen. Erleben wir sie also mit! Was erleben wir? Wir erleben eine zwar nicht allt\u00e4gliche, aber auch keine besonders aufregende, allenfalls eine \u00e4rger-liche, vielleicht auch ein bi\u00dfchen komische Geschichte \u2013 sie k\u00f6nnte jedem von uns passieren. Was passiert? Es ist Mitternacht; wir alle, die ganze Familie, schlafen in dem einen gro\u00dfen Raum, der Schlafzimmer und Wohnzimmer und K\u00fcche zugleich ist (so \u00e4rmlich geht es zu in der Welt Jesu), und es ist ganz still, man h\u00f6rt nur das Atmen der Schlafenden. Auf einmal klopft es an der T\u00fcr, laut und heftig, fordernd und fast verzweifelt. Wer steht drau\u00dfen? rufe ich, und was will der, der da drau\u00dfen steht? Und jetzt h\u00f6re ich die Stimme meines Nachbarn, und durch die geschlossene T\u00fcr erz\u00e4hlt er von seiner fatalen Verlegenheit. Denk dir, sagt er, ich habe gerade, kurz vor Mitter-nacht, Besuch bekommen. Pl\u00f6tzlich und unangemeldet steht mein Freund vor mir, hungrig und ersch\u00f6pft von der Reise. Nat\u00fcrlich habe ich ihn hereingelassen trotz der sp\u00e4ten Zeit; aber wie ich ihm Brot vorsetzen will, merke ich voller Entsetzen, da\u00df kein Brot mehr im Haus ist. Stell dir das vor: Jetzt sitzt mein Freund dr\u00fcben in meiner Stube, und ich kann ihn nicht bewirten. Welche Schande, welche unausdenkbare Schande kommt \u00fcber mich, wenn das bekannt wird: Der hat seinem hungrigen Freund kein Brot gegeben! Bitte bitte, gib mir drei St\u00fcck Brot; du hast doch genug vor-r\u00e4tig. Dann kann ich meinen Freund anst\u00e4ndig bewirten, brauche ich ihn nicht hungrig wegzu-schicken!<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Bescherung, in die ich da hineingeraten bin. Eigentlich m\u00f6chte ich meinen Nachbarn, einen guten Nachbarn \u00fcbrigens, einen Freund sogar, \u00e4rgerlich wegschicken: La\u00df mich in Ruhe! m\u00f6chte ich am liebsten sagen. Es ist Mitternacht, und ich habe einen schweren Tag hinter mir, und also habe ich ein Recht auf Ruhe. Au\u00dferdem: Wenn ich aufstehe und Brot hole, wecke ich die Kin-der, trete ihnen auf H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe (man liegt ja nicht in Einzelbetten wie bei uns, sondern auf dem mit Stroh bedeckten Fu\u00dfboden, mit einer d\u00fcrftigen Decke zugedeckt, und viel Platz hat man nicht), und das Geschrei der Kinder mag ich mir gar nicht vorstellen. Nein, geh jetzt, ich gebe dir nichts; komm morgen fr\u00fch wieder, so lang wird es dein hungriger Freund noch aushalten. Aber jetzt, das wirst du einsehen, kann ich dir nichts geben \u2013 nat\u00fcrlich hei\u00dft das: Jetzt <em>will<\/em> ich dir nichts geben.<\/p>\n<p>Werde ich mich so verhalten? Nein, das werde ich nicht tun. Sondern was werde ich tun? Ich werde meinen \u00c4rger hinunterschlucken, werde das Kindergeschrei riskieren und die drei Brote holen, gar nicht so sehr darum, weil ich meinem guten Nachbarn die Bitte nicht abschlagen kann; vielleicht k\u00f6nnte ich das sogar. Aber was dann gesch\u00e4he, wei\u00df ich nur zu gut: Morgen fr\u00fch wei\u00df es das ganze Dorf, da\u00df ich dem Nachbarn die Hilfe verweigert habe, und darum hat er die Pflicht der Gastfreundschaft, die heilige Pflicht der Gastfreundschaft nicht erf\u00fcllen k\u00f6nnen (wir sind im Orient, und da gilt Gastfrfeundschaft als heilige Pflicht). Und ich w\u00e4re daran schuld, da\u00df er seinen Freund hungrig wegschicken mu\u00dfte. Alle werden mit dem Finger auf mich zeigen: Das ist der, der seinem Nachbarn die drei St\u00fccke Brot verweigert hat. Was br\u00e4chte das f\u00fcr eine Schande \u00fcber mich, eine nicht auszul\u00f6schende Schande! Das kann ich mir nicht leisten. Und darum \u2013 ich gebe mir einen Ruck, stehe auf, z\u00fcnde die \u00d6llampe an, rei\u00dfe meinetwegen die Kinder aus dem Schlaf, hole drei St\u00fccke Brot, schiebe den l\u00e4rmenden Riegel zur\u00fcck, der auch das j\u00fcngste Kind noch aufweckt, und gebe dem Nachbarn, was er braucht \u2026\u2026 Es ist geschehen: Meine Ehre ist gerettet, niemand wird mit dem Finger auf mich zeigen und mir nachsagen k\u00f6nnen, da\u00df ich meinem Nach-barn daran gehindert habe, die Pflicht der Gastfreundschaft zu erf\u00fcllen. Mein guter Ruf im Dorf ist unangetastet; ich brauche mich nicht zu genieren, kann mich von jedermann sehen lassen. Was bin ich f\u00fcr ein ehrenwerter Mann!<\/p>\n<p>II. So weit das Gleichnis. In Gleichnissen hat Jesus von Gott geredet, sagten wir vorhin, sagt Jesus selbst. In seinen Gleichnissen will Jesus Gott zum Reden bringen, will er ihn in die Welt und in das Leben der Menschen hineintragen. Aber kann mir einer sagen, inwiefern in unserer Geschichte Gott reden und in unser Leben hineinkommen soll? Kein Wort von Gott steht da, und von Gottes Anrede an mich h\u00f6re ich nichts, sagen wir. Aber das Gleichnis spricht nur von Gott, w\u00fcrde Jesus erwidern; die ganze Geschichte, die ich euch erz\u00e4hlt habe, ist von Gott erf\u00fcllt, sie atmet Gott und Gott atmet in ihr, und wer richtig hinh\u00f6rt, der h\u00f6rt, wie Gott ihn anredet, und er sp\u00fcrt den Atem Gottes. Man mu\u00df also blo\u00df h\u00f6ren, genau und richtig hinh\u00f6ren, meint Jesus, dann kann man gar nicht \u00fcberh\u00f6ren, wie diese Geschichte von Gott spricht und wie in ihr Gott nicht nur zu Wort, sondern in mein Leben hineinkommt. Der Mann, der da um Mitternacht aus dem Schlaf gerissen wird und der zwar \u00e4rgerlich und brummend, aber immerhin seinen Nachbarn nicht in seiner Verlegenheit stecken l\u00e4\u00dft, sondern ihm gibt, was er braucht, um seinen Freund bewirten zu k\u00f6nnen und die Pflicht der Gastfreundschaft zu erf\u00fcllen \u2013 er tut es, weil sonst sein guter Ruf im Dorf, in der ganzen Gegend ruiniert w\u00e4re, und das kann er sich nicht leisten. Wie sollten wir das nicht verstehen!<\/p>\n<p>Und jetzt, liebe Gemeinde, k\u00f6nnen wir auch verstehen, was Jesus mit diesem Gleichnis ank\u00fcndigt: So wenig, wie der Mann im Gleichnis es sich leisten kann, die Bitte seines Nachbarn zu \u00fcberh\u00f6ren oder zur\u00fcckzuweisen, so wenig \u2013 darf man es sagen? Man mu\u00df es sagen! \u2013 kann Gott es sich leisten, die Bitten seiner Menschen zu \u00fcberh\u00f6ren. Jetzt, sagt Jesus, ist tats\u00e4chlich die Zeit gekom-men, in der Gott es sich nicht leisten kann, die Ohren vor den Bitten seiner Menschen zu verstop-fen. Es ist die Zeit da, in der die Menschen, in der wir Menschen uns unbedingt darauf verlassen k\u00f6nnen, da\u00df Gott das Rufen seiner Menschen nicht ungeh\u00f6rt an sich vorbeigehen l\u00e4\u00dft, weil er wirklich <em>unser<\/em> Gott, weil er <em>mein<\/em> Gott ist. \u2013 So redet Jesus von Gott. Hat jemals einer gewagt, in dieser Weise von Gott zu reden: Gott kann es sich nicht leisten, seine Ohren vor den Bitten seiner Menschen zu verschlie\u00dfen? Gott w\u00fcrde sich blamieren, wenn er als ein Gott dast\u00fcnde, der das Flehen der Menschen \u00fcberh\u00f6rt, so wie jener Mann im Gleichnis in aller \u00d6ffentlichkeit blamiert dast\u00fcnde, wenn er sich nicht, mag er es noch so m\u00fcrrisch tun, aus seinem Bett herausw\u00e4lzte, um dem bittenden Nachbarn das gew\u00fcnschte Brot zu geben. Noch deutlicher: Gott w\u00e4re gar nicht Gott, wenn er nicht in jedem Fall sein Ohr offen h\u00e4tte und offen hielte f\u00fcr seine Menschen. \u2013 Aber habt keine Sorge, sagt Jesus mit diesem Gleichnis. Gott blamiert sich nicht; seine Ohren sind offen, ganz offen, und darauf k\u00f6nnt ihr euch absolut verlassen. Im Leben und im Sterben sind Gottes Augen und Ohren offen f\u00fcr euch, und es gibt keinen Augenblick des Leides und keinen Augenblick des Gl\u00fccks, in dem er nicht ein h\u00f6render, der uns h\u00f6rende Gott ist.<\/p>\n<p>So redet Jesus von Gott; so wagt er, von Gott zu reden. Mit welchem Recht tut er das? Wir, so wie wir hier sitzen, haben schwerlich das Recht, in solcher Weise von Gott zu reden (\u2013 oder doch?). Wie kann Jesus das Unerh\u00f6rte wagen, Gott vor den Ohren seiner H\u00f6rer lebendig zu machen als den Gott, der sich blamieren w\u00fcrde, wenn er am Rufen und Schreien seiner Menschen harth\u00f6rig vorbeiginge? Auf diese heikle Frage, liebe Gemeinde, gibt es \u2013 man kann es mit gutem Gewissen sagen \u2013 eine Antwort, eine ganz einfache Antwort. Jesus kann es wagen, in so unerh\u00f6rter Weise von Gott zu reden, weil von Gott her Unerh\u00f6rtes geschehen ist, oder (sagen wir es genauer) weil mit dem Kommen und mit dem Reden und dem Schicksal Jesu Unerh\u00f6rtes unter uns und f\u00fcr uns geschehen ist. Als Jesus in die Welt kam und als er einstieg in unser Leben, da hat er Gott selbst hineingebracht in unsere Allt\u00e4glichkeit, in unser gew\u00f6hnliches und fragw\u00fcrdiges Menschenleben. Und jetzt ist Gott da in unseren Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten nicht weniger als bei den gro\u00dfen Entscheidungen und Erlebnissen, in die wir von Zeit zu Zeit hineingeraten. Hier und immer, sagt Jesus mit seinem Gleichnis, redet Gott uns an und fordert uns, und da ist er der Gott, der uns unbedingt h\u00f6rt. \u2013 Darum k\u00f6nnen wir Tag f\u00fcr Tag und Stunde um Stunde heraustreten aus unserer Lebensenge und Lebensangst und uns hineinbegeben in das absolute Vertrauen, das wir keinem Menschen gegen\u00fcber haben k\u00f6nnen und haben d\u00fcrfen, das man nur Gott gegen\u00fcber haben und leben kann. Weil Gott der Gott ist, wie Jesus ihn verk\u00fcndigt, darum haben wir das Recht, jeden Tag herauszutreten aus dem unruhigen Flattern unserer Gedanken und aus der Unsicherheit unseres Wissens und Gewissens, und wir haben das Recht, atemlos und zitternd oder ruhig und gelassen hineinzugehen in die Wirklichkeit des Gottes, in der wir sagen: Du, Gott, h\u00f6rst mich, und keine Macht der Welt kann dich daran hindern, auf mich zu h\u00f6ren. Dieses Recht hat Gott uns er\u00f6ffnet, sagt Jesus mit seinem Gleichnis, und von diesem Recht Gebrauch zu machen, dazu l\u00e4dt Gott uns ein.<\/p>\n<p>III. Das ist eigentlich genug und wir k\u00f6nnten Amen sagen. Aber wie wenn es mit dem Gleichnis nicht genug w\u00e4re, schlie\u00dft sich noch ein weiterer Satz an, der, h\u00f6rt man genau hin, ebenso unerh\u00f6rt ist wie das Gleichnis: &#8222;Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, dem wird gegeben, und wer da sucht, der findet, und wer da an-klopft, dem wird aufgetan&#8220;. Ein gro\u00dfer Satz, die meisten von uns kennen ihn; manche kennen ihn auswendig. Er folgt auf das Gleichnis, aber in ihm spricht Jesus auf einmal ganz anders, nicht behaglich erz\u00e4hlend, und nichts mehr h\u00f6ren und sehen wir von jenem Mann, wie er mitten in der Nacht aufgeweckt wird, wie er w\u00fctend den bittenden Nachbarn fortschicken will, wie er schlie\u00df-lich doch knurrend und schimpfend aufsteht und ihm die geforderten Brote durch die knarrend ge\u00f6ffnete T\u00fcr reicht. Wie redet Jesus jetzt, wenn er sagt: Suchet, so werdet ihr finden! Klopft an, so wird euch aufgetan! Redet er nicht wie ein j\u00fcdischer Lehrer, der jenes gro\u00dfe Wort aus Psalm 138,3 auslegt: &#8222;Wenn ich dich anrufe, so erh\u00f6rst du mich&#8220;? Und daraus ergibt sich dann wie von selbst die strenge, logische Regel: Wer da bittet, der empf\u00e4ngt \u2026 So ist es und nicht anders, und das habt ihr zur Kenntnis zu nehmen, und richtet euch gef\u00e4lligst danach. Aber vielleicht steht der, der so spricht, nicht wie ein strenger Lehrer neben mir, sondern wie einer, der mir, dem verzagten Menschen, weise und g\u00fctig zuredet: Verlier dich nicht in dem Durcheinander deines Lebens; denk vielmehr daran, wie du dich mit letzter Sicherheit darauf verlassen kannst, da\u00df du von Gott emp-f\u00e4ngst, wenn du ihn bittest, da\u00df er dir \u00f6ffnet, wenn du anklopfst, und da\u00df du ganz gewi\u00df nicht umsonst suchst, wenn du nach ihm suchst.<\/p>\n<p>Hier spricht Jesus mit einer Zuversicht, die kein Wanken kennt, oder vielmehr: diese Zuversicht hat alles Wanken hinter sich gelassen \u2013 eine verwegene Zuversicht; ist sie zu verwegen? Was empfinden wir dabei? Stimmen wir begl\u00fcckt zu \u2013 oder lassen wir die Bitterkeit in uns hochkom-men, die da sagt: Bleib mir vom Leib mit solcher Zuversicht! Denn sie f\u00fchrt \u2013 b\u00f6se Erfahrung hat es uns gelehrt \u2013 nicht in Erf\u00fcllung, sondern in Entt\u00e4uschung. Ich brauche niemanden unter uns daran zu erinnern, wie oft unser Bitten zu Gott, das sehns\u00fcchtigste Bitten, unerh\u00f6rt geblieben ist, wie oft wir nicht gefunden haben, was wir mit Angst oder mit Hoffen oder mit Leidenschaft gesucht haben, wie oft die T\u00fcr verschlossen blieb, an der wir klopften, und an der wir nicht nur einmal klopften. Nein, sagen wir \u2013 wir sagen es mit Tr\u00e4nen oder mit hartem Trotz oder in stummer Verzweiflung: Wir haben ganz anderes erfahren als das, was jene sch\u00f6ne Regel, jene nur scheinbar sch\u00f6ne Regel sagt. Und darum haben wir uns in unsere Einsamkeit und Trauer eingegraben; ersch\u00f6pft von erfolglosem Suchen sind wir nach Hause gegangen; ohnm\u00e4chtig haben wir uns nach vergeblichem Anklopfen in unserem Leid verkrochen. Was sollen wir mit jenem Jesuswort von dem erh\u00f6rten Bitten, von dem zum Ziel gelangten Suchen, von der sich \u00f6ffnenden T\u00fcr anfangen? Es ist f\u00fcr uns unbrauchbar, und unbrauchbare Sachen \u2013 was tut man mit ihnen? Man wirft sie weg.<\/p>\n<p>Und jetzt, liebe Gemeinde, sollen alle unsere Entt\u00e4uschungen sich um uns versammeln, alles ver-gebliche Suchen und Anklopfen. Alles soll sich vor uns auft\u00fcrmen wie eine dicke Gef\u00e4ngnismauer, das Nichterreichte, das Verfehlte, das Viele, was wir leben wollten und nicht leben konnten. Und als Menschen, die von dem allen wie von einer Mauer eingeschlossen sind, h\u00f6ren wir noch einmal das Jesuswort vom Bitten und Suchen und Anklopfen: Wer da sucht, der findet; wer da anklopft, dem wird aufgetan. Was h\u00f6ren wir? Wir h\u00f6ren eine Verhei\u00dfung, die jene Mauer durchst\u00f6\u00dft, ein Versprechen, das sie zum Einsturz bringt. Mit seinem Wort vom erh\u00f6rten Bitten \u2013 du bist ein unbedingt von Gott erh\u00f6rter Mensch, und darum kannst du ihn bitten \u2013 f\u00fchrt Jesus das Gleichnis zum Ziel und l\u00e4\u00dft uns wissen, wie wir in das Gleichnis hineingeh\u00f6ren. Wie Gott gar nicht Gott w\u00e4re, wenn er nicht unbedingt und in jedem Fall auf seine Menschen h\u00f6ren wollte, so w\u00e4re der Mensch gar kein richtiger Mensch, wenn er nicht ein Gott bittender, ein Gott suchender, ein bei Gott anklopfender Mensch w\u00e4re. Wir Menschen, sagt Jesus damit, k\u00f6nnen es uns gar nicht leisten, etwas anderes zu sein als Gott bittende, Gott suchende, bei ihm anklopfende Menschen. Wir sch\u00e4digen unser Menschsein, wir sch\u00e4digen uns selber im Kern, wenn wir nicht sein wollen, wozu wir doch geschaffen sind: Gott bittende, nach ihm sich ausstreckende, bei ihm anklopfende Menschen. Wir sind dabei, uns selbst zu zerst\u00f6ren, wenn wir diese Urwahrheit unseres Lebens nicht wahr sein lassen. Und was geschieht mit mir, wenn ich ein Gott bittender Mensch bin? Dann bekenne ich, da\u00df ich ohne ihn nichts w\u00e4re; indem ich Gott suche, bekenne ich mich zu Gott als zu <em>meinem <\/em>Gott; indem ich bei ihm anklopfe, bekenne ich, da\u00df er es ist, der mir die T\u00fcren \u00f6ffnet. Wer aber Gott so bittet, der ist, mag er dran sein, wie er will, endlich in der Wahrheit angekom-men, in die er geh\u00f6rt. Der ist, sagt Jesus, in jedem Fall ein von Gott erh\u00f6rter Mensch; f\u00fcr den ist auch eine geschlossene T\u00fcr eine offene T\u00fcr.<\/p>\n<p>Was Jesus hier sagt, ist so unerh\u00f6rt wie das vorausgegangene Gleichnis unerh\u00f6rt ist. Was Jesus hier sagt, ist von einem seltsamen Geheimnis erf\u00fcllt; man kann es nur scheu betrachten und betasten. Jesus spricht von Gott; aber wir k\u00f6nnen sicher sein, da\u00df er eben damit auch von sich selbst spricht. Was sehen wir jetzt? Ein Mensch steht da, der bittende Mensch Jesus, der nur noch auf dem Einen besteht: Du, Gott, <em>bist<\/em> mein Gott; so <em>sei<\/em> nun auch mein Gott; und solcher Bitte kann Gott nicht widerstehen. So stand Jesus vor Gott; so hat er selbst zu Gott gesprochen, und darin war er der eine Sohn Gottes. So stehen <em>wir<\/em> vor Gott, und so k\u00f6nnen <em>wir<\/em> zu Gott sprechen. Hier redet Jesus uns an als die Menschen, die mit ihm zusammen das Recht haben, als bittende Menschen vor Gott hinzutreten, bei ihm anzuklopfen, hineinzugehen durch die von Gott ge\u00f6ffnete T\u00fcr und zu sagen: Wir verlassen uns darauf, da\u00df du uns unbedingt h\u00f6rst, und darum sind wir immer schon erh\u00f6rte, bei dir angekommene Menschen. \u2013 So redet Jesus von Gott. Von diesem Gott darf man nicht schweigen; von ihm mu\u00df man reden, und darum bringt Jesus ihn zum Sprechen. So spricht im Wort, in diesem Gleichnis Jesu Gott uns an. Haben wir es geh\u00f6rt? \u2013 Amen.<\/p>\n<p><strong>Schlu\u00dfgebet<\/strong>. Unser Gott und Vater! Wir leben in deiner Welt; wir sind umfangen von deiner Bewahrung; wir sind freigesprochen durch dein freimachendes Wort; von dir werden wir t\u00e4glich auf unseren Weg gestellt. Wenn wir zweifelnd oder trotzig nicht mehr weiterwissen und wenn wir aufgeben wollen, dann willst du uns die T\u00fcr \u00f6ffnen. Wenn wir uns verrannt haben in Kurzsichtigkeit oder Rechthaberei, dann wartest du darauf, da\u00df wir uns auf dich besinnen und uns korrigieren lassen. Wenn wir gefesselt sind von unserer Vergangenheit, wenn Vers\u00e4umnisse und Schuld uns l\u00e4hmen, dann sprichst du uns frei und l\u00e4\u00dft uns in deinem Reich leben, in dem dein Name geheiligt wird und dein Wille geschieht.<\/p>\n<p>Wir bitten dich, da\u00df du uns deine Gegenwart bewu\u00dft machst, da\u00df wir begreifen, wie du an uns und durch uns wirken willst. La\u00df uns dein l\u00f6sendes und freisprechendes Wort h\u00f6ren, das uns herausholt aus verfehl-ten Bindungen. In der Angst, die uns umf\u00e4ngt, m\u00f6chten wir deine N\u00e4he erfahren; in dem Gl\u00fcck, das uns erhebt, m\u00f6chten wir deine G\u00fcte erkennen. In den Schrecken, die unsere Welt ersch\u00fcttern, m\u00f6chten wir sp\u00fcren, wie deine bergende Hand uns umfa\u00dft.<\/p>\n<p>La\u00df denen deine helfende N\u00e4he zuteil werden, die von Kriegen heimgesucht und von Hunger gequ\u00e4lt werden. Mach es denen, die Krieg und Hunger verursachen, schwer, in ihren Torheiten zu bleiben und stell ihnen Menschen zur Seite, die ihnen helfen, da\u00df sie sich selbst durchschauen in ihrer Verkehrtheit. Zeig ihnen, da\u00df es auch f\u00fcr sie besser ist, zu heilen als zu verwunden. Die Politiker, die Zeitungsleute, die Lehrer, die Wirtschaftsf\u00fchrer und wer sonst \u00f6ffentliche Verantwortung tr\u00e4gt: Sie sollen wissen, da\u00df sie vor dir stehen, da\u00df sie von dir begnadet sind und von dir zu Rechenschaft gezogen werden.<\/p>\n<p>Weil du der Gott bist, der uns h\u00f6rt, darum \u00f6ffnen wir dir unser Leben und bekennen vor dir, wer wir sind, was wir hoffen, was wir brauchen.<\/p>\n<p>Vater unser im Himmel \u2026\u2026<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Chr. Dietzfelbinger<br \/>\nWeissdornweg 14\/169<br \/>\n72076 Tuebingen<br \/>\nTel O7071\/6 77 28<br \/>\n<a href=\"mailto:christian.dietzfelbinger@web.de\">christian.dietzfelbinger@web.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rogate | 1. Mai 2005 | Lukas 11, 5-10 | Christian Dietzfelbinger | Kollektengebet. Herr, unser Gott und Vater! Du bist ein Gott, der auf seine Menschen h\u00f6rt; darum rufen wir dich an. Du achtest auf uns, darum bringen wir vor dich, was uns beschwert und uns Angst macht; wir bringen uns selber vor dich. 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