{"id":10497,"date":"2005-05-01T19:49:19","date_gmt":"2005-05-01T17:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10497"},"modified":"2025-05-16T09:18:41","modified_gmt":"2025-05-16T07:18:41","slug":"lukas-2450-53","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2450-53\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 1,1\u201311"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Himmelfahrt | 5. Mai 2005 | Apg 1,1\u201311 |\u00a0Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p>Es gibt viele Leute, auch unter Theologen, die finden den heutigen Himmelfahrtstag \u00fcberfl\u00fcssig. Aus vielen Gr\u00fcnden: Einmal: Ist diese Vorstellung nicht naiv? Ist es nicht \u00fcberholt, so vom Himmel zu sprechen? D\u00fcrfen wir uns beklagen, wenn der russische Astronaut in seinem Sputnik einst erkl\u00e4rte, er habe da oben Gott nicht angetroffen? Ist das nicht die nat\u00fcrliche Antwort auf ein allzu naives reden von Gott und vom Himmel da oben?<\/p>\n<p>Und theologisch kann man ja fragen, ob nicht die Geschichte von der Himmelfahrt nur ein schwacher Abglanz der Ostergeschichte ist. Und die Theologie, mit der wir aufgewachsen sind, hat uns ja immer gepredigt, da\u00df man sich als Christ nicht zu viel mit dem Himmel besch\u00e4ftigen solle, sondern mit dem Leben hier auf Erden.<\/p>\n<p>Also aus dieser Sicht: Vom Himmel zu reden, von der Himmelfahrt, ist nicht nur naiv, sondern auch noch unmoralisch &#8211; es lenkt ab von den wichtigen Fragen hier auf Erden.<\/p>\n<p>Was Wunder, da\u00df viele Leute den Himmelfahrtstag als etwas unseri\u00f6sen &#8222;Vatertag&#8220; mit viel Bier begehen.<\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>Nun w\u00fcrde ich vorschlagen, da\u00df man gerade mit solchen vorschnellen Vorw\u00fcrfen und Vorurteilen vorsichtig sein sollte. Andere f\u00fcr naiv zu halten und f\u00fcr unmoralisch &#8211; das f\u00e4llt meistens auf einen selbst zur\u00fcck. Und man kann fragen, wer mehr naiv ist: Wer vom Himmel redet, oder der, der vom Himmel nichts wissen will und sich an diesem Tage betrinkt?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte in diesem Zusammenhang an den gro\u00dfen deutschen Philosophen Immanuel Kant erinnern, den gro\u00dfen Philosophen der Aufkl\u00e4rung, wahrscheinlich der bedeutendste Denker, den Deutschland hervorgebracht hat. Ich nenne den K\u00f6nigsberger Kant auch, weil wir im letzten Jahr am 12. Februar seinen 200. Todestag begangen haben.<\/p>\n<p>Kant war Philosoph der Aufkl\u00e4rung, leitete die Menschen an, sich ihrer Vernunft zu bedienen, Aufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit, habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. La\u00dft Euch nichts vormachen, denkt selbst, habt den Mut, selbst zu denken, seid intellektuell redlich. Es ist verlogen, etwas gegen seine eigene \u00dcberzeugung zu akzeptieren, das war das Pathos von Kant. Und dabei konnte sich Kant durchaus auch auf Martin Luther berufen, der seine ber\u00fchmte Rede in Worms vor dem Kaiser mit den Worten schlo\u00df, das es nicht ratsam ist gegen sein Gewissen zu handeln &#8211; Gott helfe mir. Amen!<\/p>\n<p>Aber gerade dieser Kant, der Philosoph der Aufkl\u00e4rung, der Vernunft, dachte gar nicht daran, den Himmel abzuschaffen. Kants ber\u00fchmter Wahlspruch war n\u00e4mlich: Der gestirnte Himmel \u00fcber mir, und das moralische Gesetz in mir.<\/p>\n<p>Kant war Philosoph der Vernunft, der gr\u00f6\u00dfte Theoretiker der Vernunft &#8211; und dennoch &#8211; oder gerade deshalb ein tief religi\u00f6ser Mensch: Der gestirnte Himmel \u00fcber mir &#8211; und das moralische Gesetz in mir &#8211; das sind nicht Gegens\u00e4tze, das sind zwei Dinge, die einander bedingen. Man kann das eine nicht ohne das andere haben &#8211; den Himmel \u00fcber mir und das moralische Gesetz in mir!<\/p>\n<p>Kant hat den Himmel nicht abgeschafft und durch Moral oder praktische Philosophie ersetzt &#8211; er war vielmehr zutiefst davon \u00fcberzeugt, da\u00df beides notwendig ist: Eigenes Denken, praktische Vernunft, sich seines eigenes Verstandes bedienen &#8211; und der Glaube an einen Himmel \u00fcber uns. Aufkl\u00e4rung, so habe ich das in der Schule auswendig gelernt, ist der Ausgang des Menschen aus seiner eigenen Unm\u00fcndigkeit. Selber Denken. Das hat etwas mit Freiheit zu tun. Aber nicht Willk\u00fcr &#8211; denn es gibt nicht nur das moralische Gesetz in mir, meine Entscheidungen, sondern auch den gestirnten Himmel \u00fcber mir.<\/p>\n<p>Warum? Ohne einen solchen Himmel werden die Vernunft und die Moral und das Gewissen zur Willk\u00fcr. Ohne eine Ehrfurcht vor dem Gesetz, das \u00fcber uns steht, wird die Vernunft unmenschlich, nur unseren Interessen unterworfen.<\/p>\n<p>Die Wahrheit ist eine Frage unseres Gewissens, unserer eigenen Vernunft, aber nicht nur, sondern auch etwas, das \u00fcber uns steht, uns entzogen ist.<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>Und nun Jesus! Warum war es den Autoren des Neuen Testaments so wichtig, vom Himmel zu reden, von der Himmelfahrt Jesu? In Jerusalem gibt es eine Kapelle, die Himmelfahrtskapelle, eine Kirche ohne Dach, man steht in dem Raum und hat freien Ausblick in den Himmel. Waren die Leute, die das erz\u00e4hlt haben, die Leute, die diese Kapelle gebaut haben, naiv? Vielleicht aus unserer Sicht, aber dann naiv in einem positiven Sinne. Denn es gibt Naivit\u00e4t, die der Wahrheit n\u00e4her steht als unsere angebliche Vernunft &#8211; oder gar die Borniertheit von Juri Gagarin, der mit seinem Sputnik den lieben Gott nicht gefunden zu haben meinte.<\/p>\n<p>Da\u00df es einen Himmel gibt, bedeutet aus meiner Sicht zweierlei, so hat es wohl auch Kant verstanden:<\/p>\n<p>Es gibt <em>erstens<\/em> Dinge, die feststehen, die wir nicht beliebig \u00e4ndern k\u00f6nnen. Eine Wahrheit, die nicht zur Disposition steht. Die wir nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen. F\u00fcr Astrologen und die alten Wahrsager war dies das Schicksal. F\u00fcr Kant das moralische Gesetz. Es ist in uns, aber auch \u00fcber uns, eben im Himmel. Wir sind nicht Herren \u00fcber die Moral, sondern die Moral Herr \u00fcber uns. F\u00fcr die Christen ist es die Liebe. Sie ist nicht nur in uns, sondern auch \u00fcber uns. Wir sind nicht die Herren \u00fcber die Liebe, sondern die Liebe hat Macht \u00fcber uns. Das ist im Grunde die Botschaft von Himmelfahrt. <em>Zweitens<\/em> ist deshalb der Himmel auch Ferne, Abwesenheit. Himmelfahrt ist auch Abschied, notwendiger Abschied &#8211; die J\u00fcnger bleiben allein. Was nicht nur in uns ist, sondern auch \u00fcber uns, ist uns auch entzogen. Gott, die Liebe ist in uns, ist bei uns &#8211; aber eben auch weit weg &#8211; und das ist gut so! Denn nur so kann Liebe etwas bleiben, dessen wir uns nicht bem\u00e4chtigen k\u00f6nnen. Nur so kann Gott Gott bleiben und Christus unser Herr sein.<\/p>\n<p>Die alten V\u00e4ter nannten das die K\u00f6nigsherrschaft Jesu Christi, in vielen Kirchen sehen wir das: Christus ist abgebildet nicht nur als Mensch, als der Gekreuzigte, sondern als Herr der Welt, der im Himmel thront, auf einem Regenbogen, das, was die Welt zusammenh\u00e4lt. Nicht nur die J\u00fcnger, nicht nur wir und unser Leben hat sich ge\u00e4ndert durch Christus &#8211; die Welt ist eine andere geworden. Wir sind nicht unsere eigenen Herren, sondern geh\u00f6ren Christus, sind im Machtbereich Jesu und seiner Liebe.<\/p>\n<p>Das ist der Himmel \u00fcber uns, Christus im Himmel \u00fcber uns. Wer das naiv findet, sollte wissen: Ohne einen Himmel ist das Leben des Menschen \u00e4rmer, dann reden wir nicht mehr mit Gott und zu Gott, sondern nur mit und zu uns selber. Dann sind wir eingeschlossen in unsere eigene Welt. Es gibt, sagt der gro\u00dfe D\u00e4ne Kierkegaard &#8211; die Deutschen sind mit Recht stolz auf ihren Kant, die D\u00e4nen mit Recht auf ihren Kierkegaard &#8211; nichts Trostloseres als einen Menschen, der mit sich selber redet. Man erlebt das ja manchmal auf der Stra\u00dfe &#8211; Menschen die mit sich selber reden, trostlos, einsam. Ein trauriger Anblick. F\u00fcr mich ist jemand, der von einem Himmel \u00fcber uns nichts wissen will, so ein trostloser Mensch, der im Grunde nur mit sich selbst besch\u00e4ftigt ist. Lieber &#8222;naiv&#8220; in diesem Sinne als ein trostlos vern\u00fcnftiger Mensch, der nur mit sich selbst und von sich selbst redet.<\/p>\n<p align=\"center\">IV<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ich m\u00f6chte meine Predigt schlie\u00dfen mit einer Religionsstunde meiner kleinen Tochter Theodora, man merkt sie geht in eine gute Schule in L\u00fcgumkloster bei Frau Blume. Vor dem Supermarkt in L\u00fcgumkloster fragt sie mich pl\u00f6tzlich, wieso haben wir eigentlich Gro\u00dfmutter in die Erde gelegt, wo sie doch zu Gott in den Himmel kommen soll? Ehe ich antworten kann, hat Theodora aber schon eine Erkl\u00e4rung, sie hat das mit ihrer gro\u00dfen Schwester Olivia besprochen: Das ist deshalb, weil sie nun bei Gott ist, und Gott ist in der Erde und im Himmel &#8211; weil er Gott ist und nicht ein Mensch. Besser kann man es nicht ausdr\u00fccken: Gott ist im Himmel und auf Erden, \u00fcber uns und in uns. Daran glauben wir Christen. Christus ist im Himmel, aber auch bei uns. Das will der Evangelist mit seiner Geschichte sagen: &#8222;Dieser Jesus, welcher von Euch ist aufgenommen gen Himmel, wird so kommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen&#8220;. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Rektor Professor Eberhard Harbsmeier<br \/>\nFasanvej 21<br \/>\nDK-6240 L\u00f8gumkloster<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 74 74 55 99<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:ebh@km.dk\">ebh@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<p><em>(Predigt f\u00fcr die deutsche Gemeinde in Tondern, D\u00e4nemark)<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Himmelfahrt | 5. Mai 2005 | Apg 1,1\u201311 |\u00a0Eberhard Harbsmeier | I Es gibt viele Leute, auch unter Theologen, die finden den heutigen Himmelfahrtstag \u00fcberfl\u00fcssig. Aus vielen Gr\u00fcnden: Einmal: Ist diese Vorstellung nicht naiv? Ist es nicht \u00fcberholt, so vom Himmel zu sprechen? 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