{"id":10513,"date":"2005-05-07T19:49:25","date_gmt":"2005-05-07T17:49:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10513"},"modified":"2025-07-01T16:16:25","modified_gmt":"2025-07-01T14:16:25","slug":"johannes-16-5-15-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-16-5-15-4\/","title":{"rendered":"Johannes 16, 5-15"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Pfingstsonntag | 15. Mai 2005 | Joh 16,5\u201315 | Christoph Dinkel |<\/h3>\n<p>Der Predigttext f\u00fcr das heutige Pfingstfest ist jenen Abschiedsreden entnommen, die Jesus dem Johannesevangelium nach an seine J\u00fcnger gerichtet hat, bevor er verhaftet und ermordet wurde. In diesen Abschiedsreden k\u00fcndigt Jesus das Kommen des Heiligen Geistes an. Der Heilige Geist wird als Tr\u00f6ster und Beistand die Stelle Jesu vertreten. Jesus bezeichnet den Heiligen Geist dabei auch als Geist der Wahrheit. Ich lese Johannes 16, die Verse 5-15.<\/p>\n<p>Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.<\/p>\n<p>Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut f\u00fcr euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tr\u00f6ster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun \u00fcber die S\u00fcnde und \u00fcber die Gerechtigkeit und \u00fcber das Gericht; \u00fcber die S\u00fcnde: dass sie nicht an mich glauben; \u00fcber die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; \u00fcber das Gericht: dass der F\u00fcrst dieser Welt gerichtet ist.<\/p>\n<p>Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr k\u00f6nnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er h\u00f6ren wird, das wird er reden, und was zuk\u00fcnftig ist, wird er euch verk\u00fcndigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er\u2019s nehmen und euch verk\u00fcndigen. Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird\u2019s von dem Meinen nehmen und euch verk\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Wenn ein Mensch gestorben ist, dann f\u00e4llt einem erst richtig auf, was er oder sie f\u00fcr einen bedeutet hat. Nat\u00fcrlich wei\u00df man auch schon zu Lebzeiten, was man am anderen hat. Aber richtig auff\u00e4llig wird einem die Bedeutung eines Menschen vor allem dann, wenn er nicht mehr da ist: die Stille in der Wohnung, das ausbleibende Echo bei Tisch, die Einsamkeit der Abende. Erst wenn man den anderen vermisst, f\u00e4llt einem ein, was man gerne noch mit ihm oder ihr besprochen, was man gerne noch gefragt oder gemeinsam bedacht h\u00e4tte. Es braucht zumeist eine lange Zeit, bis man sich an diese neue Situation des Alleinseins gew\u00f6hnt. Und wenn der Mensch, der nun fehlt, der langj\u00e4hrige Ehe- oder Lebenspartner war, dann wird man sich vielleicht nie an dessen Fehlen und an die Stille und das ausbleibende Echo gew\u00f6hnen. Es gibt Verluste, die nicht auszugleichen sind. Es gibt Schmerzen und Verletzungen, die nicht mehr heilen, selbst wenn man irgendwann, irgendwie mit ihnen zu leben lernt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger Jesu war der Tod Jesu eine \u00e4hnlich einschneidende Erfahrung wie der Verlust eines Ehe- oder Lebenspartners. Sie waren ja nicht nur irgendwelche Anh\u00e4nger und Fans von Jesus gewesen, sondern J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger, die ihr Leben, ihre Einstellungen, all ihre Vorhaben und Pl\u00e4ne auf ihn und auf seine Botschaft vom kommenden Reich Gottes ausgerichtet hatten. Entsprechend ratlos und verwirrt haben sie auf die Verhaftung und Verurteilung Jesu reagiert: Erst haut Petrus tollk\u00fchn aber sinnlos mit dem Schwert drein, um seinen Herrn zu sch\u00fctzen. Kurz darauf l\u00e4sst derselbe Petrus Jesus im Stich und leugnet, ihn \u00fcberhaupt zu kennen. Die Angst macht die J\u00fcnger Jesu kopflos und deshalb muss Jesus seinen schweren Weg in den Tod alleine gehen.<\/p>\n<p>Das Johannesevangelium beschreibt den Abschied Jesu ganz im Horizont seiner Auferstehung. Die Abschiedsreden Jesu sind vom Evangelisten als Reden eines Kommenden entworfen, eines Kommenden, der sich sicher ist, eine Zukunft zu haben, zusammen mit seinen J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern. Jesus wagt in seinen Abschiedsreden daher den Ausblick auf Ostern, aber auch auf die Zeit, wenn er gar nicht mehr bei seinen J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern sein wird, wenn er also \u2013 in den Worten des Johannesevangeliums \u2013 zu seinem himmlischen Vater heimgegangen ist. In diese Zeit, die Zeit nach Himmelfahrt und Pfingsten, gibt Jesus einen Ausblick und er ahnt, welche Sorgen und Zweifel seine J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger dann umtreiben werden. Diesen k\u00fcnftigen Sorgen stellt sich der Jesus des Johannesevangeliums bei seinem Abschied. Und auch wenn unsere Ausdrucksformen heute andere sind: die Sorgen und Zweifel, auf die Jesus eingeht, k\u00f6nnten auch unsere sein.<\/p>\n<p>Der Schmerz \u00fcber den Verlust seiner konkreten Anwesenheit, so imaginiert es der abschiednehmende Jesus, wird seine J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger in tiefe Zweifel st\u00fcrzen. Wenn die Faszination seiner unmittelbaren Gegenwart weggefallen ist und seine J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger in ihrer Einsamkeit viel Zeit zum Nachdenken und Gr\u00fcbeln haben, dann werden sie sich fragen, ob Jesus wirklich von Gott kam. Und wenn die Lage dann auch noch schwierig wird, wenn es zu Widerst\u00e4nden oder gar zur Verfolgung der Gemeinde kommt, wird sich eine zweite Frage stellen: Ist Gott wirklich st\u00e4rker als der Satan? Ist das Gute wirklich m\u00e4chtiger als das B\u00f6se, wie Jesus es immer behauptet hat und wof\u00fcr Jesus mit seinem Leben einstand? Und all diese Fragen und Zweifel werden sich b\u00fcndeln in der Frage, ob der christliche Glaube wirklich die richtige Religion ist, oder ob nicht alles eine T\u00e4uschung war und man sich nicht lieber in die neue Situation schicken und auf hochfliegende Hoffnungen und Erwartungen verzichten sollte.<\/p>\n<p>Dass all diese Fragen und Zweifel kommen, h\u00e4lt der abschiednehmende Jesus f\u00fcr erwartbar und normal. Dass auch uns heute manchmal solche Fragen und Zweifel kommen, ist insofern nicht verwunderlich, auch wenn wir modernen, nachaufgekl\u00e4rten Menschen uns mit diesen Fragen sehr originell und klug vorkommen. Fragen und Zweifel wie diese, so nimmt der Jesus der Abschiedsreden in einer gewissen Abgekl\u00e4rtheit an, geh\u00f6ren dazu, sie bilden gleichsam die R\u00fcckseite des hohen Anspruchs und des gewaltigen Aufbruchs, den der christliche Glaube darstellt. Fragen und Zweifel wie diese sind geradezu erforderlich, damit der christliche Glaube wachsen und reifen kann. Nur das Aushalten solcher Probleme f\u00fchrt \u00fcber die blinde Begeisterung des ersten Augenblicks und des unmittelbaren Eindrucks hinaus. Erst die \u00dcberwindung des Zweifels macht den Glauben fest und gewiss.<\/p>\n<p>Warum aber ist der christliche Glaube so riskant, dass er so erwartbar in die Krise f\u00fchrt und schon der abschiednehmende Jesus die Sorgen und Probleme k\u00fcnftiger Generationen vorwegnehmend reflektiert? Der christliche Glaube vertritt eine einseitige Sicht der Welt. Das macht seine Riskanz aus. Der christliche Glaube setzt ganz einseitig auf die Liebe, auf das Leben, auf Gerechtigkeit und Frieden. Das hei\u00dft zugleich, dass der christliche Glaube sich gegen Hass und gegen den Tod wendet und gegen die Ungerechtigkeit und gegen den Krieg.<\/p>\n<p>Im Namen des Lebens und der Liebe hat Jesus Kranke geheilt und an den Rand Gedr\u00e4ngte an seinen Tisch geladen. Im Namen des Lebens und der Liebe hat Jesus eine Ehebrecherin vor der sicheren Steinigung gerettet und die Friedfertigen selig gepriesen. Und in all diesen Worten und Taten, das ist die besondere Botschaft des Johannesevangeliums, hat Jesus offenbart, dass Gott selbst die Liebe ist, die die Menschen und die Welt von aller Zerst\u00f6rung befreien will. In Jesus tritt Gott f\u00fcr das Leben und gegen die Gewalt ein. Er nimmt den Kampf mit den M\u00e4chten der Zerst\u00f6rung, den Kampf mit dem B\u00f6sen, dem F\u00fcrst dieser Welt auf und besiegt ihn. Der F\u00fcrst dieser Welt, der t\u00f6dliche Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt wird durchbrochen, indem Jesus sich der Wut der Menschen ausliefert und sie ihren blinden Hass an sich austoben l\u00e4sst. Der F\u00fcrst des <em>Lebens<\/em> gibt sich dem F\u00fcrst <em>dieser Welt<\/em> preis und erweist sich gerade darin als ihm \u00fcberlegen. Jesus verweigert dem Satan das Eingehen auf dessen Spiel der Gewalt und st\u00fcrzt ihn gerade so von seinem Thron.<\/p>\n<p>\u201eIch sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz\u201c \u2013 dieser Satz wird von Jesus im Lukas-Evangelium \u00fcberliefert (Lukas 10,18). Und in dieser Gewissheit, dass der Satan, der F\u00fcrst dieser Welt, gest\u00fcrzt ist und verloren hat, wagt es Jesus von Gottes kommender Welt zu sprechen und sie in seinen Worten und Taten Realit\u00e4t werden zu lassen.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass dieser Glaube riskant und von Zweifeln und Fragen bedroht ist. Die Gewalt des Todes erscheint auch heute vielfach ungebrochen. Wir gedenken in diesen Tagen des Endes des Zweiten Weltkriegs, der 60 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Wir gedenken der zahllosen Opfer des Nationalsozialismus, der Millionen abgeschnittener Lebensgeschichten. Welch ein Triumph h\u00f6llischer M\u00e4chte war das!<\/p>\n<p>Und dennoch w\u00fcrde keiner von uns behaupten wollen, dass Gott damals auf der Seite der nationalsozialistischen Verbrecher stand. Am Urteil \u00fcber ihre Untaten besteht unter uns kein Zweifel. Es waren satanische M\u00e4chte am Werk, als in Deutschland Juden und Kommunisten, Behinderte und Schwule, bekennende Christen und Sinti und Roma verfolgt und ermordet wurden. Auch wenn der christliche Gott der Liebe in den Konzentrationslagern millionenfach gesch\u00e4ndet und ermordet wurde, so bleibt doch die einseitig-k\u00fchne Option des christlichen Glaubens fest und best\u00e4ndig: Gott ist ein Gott des Lebens, der Liebe und der Gerechtigkeit. Und bei allen Triumphen der Zerst\u00f6rung werden wir nicht aufh\u00f6ren, beim Gott des Lebens das Heil zu suchen.<\/p>\n<p>Mit seiner Einseitigkeit und mit seinem ethischen Rigorismus st\u00f6\u00dft das Christentum gerade unter manchen Intellektuellen in Deutschland derzeit auf eine gewisse Skepsis. Sonst durchaus verehrungsw\u00fcrdige Literaten und Philosophen unterstellen, dass monotheistische Religionen und damit auch das Christentum Gewalt in hohem Ma\u00dfe erst erzeugen. Man verweist dazu auf die lange Reihe an Gr\u00e4ueltaten, die im Namen des Christentums oder durch solche, die sich Christen nannten, begangen wurden. Als Alternative zum Christentum wird der antike Polytheismus ins Spiel gebracht. Der Polytheismus, die Verehrung mehrerer Gottheiten, sei unserer pluralen Kultur angemessener. Im Polytheismus lasse man andere Menschen mit abweichender Meinung viel eher neben sich leben. Das monotheistische Christentum hingegen erzeuge einen Meinungsterror, der schlie\u00dflich nur in Gewalt und Krieg enden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Was soll man gegen solche Anw\u00fcrfe vorbringen? Zun\u00e4chst einmal dies, dass es nach allem, was wir wissen, auch in polytheistischen Kulturen massenhaft Gewalt, Tod und Terror gab. Die gro\u00dfen Werke antiker Literatur erz\u00e4hlen unabl\u00e4ssig vom Krieg als dem Vater aller Dinge, sie berichten von Kindermord, Ehegattenmord und zahlreichen sinnlosen Gemetzeln. Man erinnere sich nur an Homers Ilias und Odyssee. All die Taten und Untaten der antiken Helden werden dabei den verschiedenen, miteinander in Konkurrenz stehenden olympischen Gottheiten als Letztursache zugeschrieben. Gewalt, selbst sinnlose Gewalt, wird damit in gewisser Weise verst\u00e4ndlich gemacht und legitimiert. Soll uns das ein Vorbild sein?<\/p>\n<p>Aber noch etwas anderes l\u00e4sst sich gegen das Lob des Polytheismus vorbringen. Der franz\u00f6sisch-amerikanische Religionsphilosoph Ren\u00e9 Girard hat darauf hingewiesen, dass in der christlich-j\u00fcdischen Tradition wie nirgends sonst die Gewalt der Menschen entlarvt und angeprangert wird (vgl. Zeit-Interview 13\/2005: Jesus, unser S\u00fcndenbock). Girard behauptet, dass der Mensch im Grunde immer das begehrt, was andere auch begehren. Es bestehe eine st\u00e4ndige Konkurrenz um knappe G\u00fcter. Das kann eine Konkurrenz um Nahrung oder um Reichtum sein, aber auch um Aufmerksamkeit, Zuneigung und Liebe. Das Begehren der Menschen f\u00fchrt unausweichlich zu einem t\u00f6dlichen Konflikt, in dessen Verlauf ein S\u00fcndenbock gesucht wird, dem man dann die ganze Schuld geben kann. Dieser S\u00fcndenbock wird umgebracht oder in die W\u00fcste geschickt. Die gemeinsame Bluttat stellt die Gemeinschaft und den Frieden unter den Menschen wieder her, was noch einmal die Schuld des S\u00fcndenbocks best\u00e4tigt. Bald jedoch eskaliert der Konflikt des allseitigen Begehrens erneut und man muss sich auf die Suche nach einem neuen S\u00fcndenbock begeben.<\/p>\n<p>Girard entfaltet seine Theorie vor allem an antiken Religionen und am S\u00fcndenbockritual des Buches Levitikus in der Bibel. Aber die Sache l\u00e4sst sich auch in modernen Zeiten verifizieren. Das nationalsozialistische Regime funktionierte nach genau diesem Muster: F\u00fcr alle Unbill und alle Dem\u00fctigungen, die dem deutschen Volk angeblich widerfahren waren, wurden nach und nach immer neue S\u00fcndenb\u00f6cke gesucht: Kommunisten und Juden, die entartete Kunst und die verweichlichte Literatur der Intellektuellen und so weiter. In einer gemeinsamen gro\u00dfen Anstrengung galt es dann, den ausgemachten S\u00fcndenbock auszumerzen. Erst steckte man die S\u00fcndenb\u00f6cke ins Gef\u00e4ngnis oder dr\u00e4ngte sie ins Ausland. Dann ging man dazu \u00fcber, sie in Lager zu schicken und umzubringen. In einem kollektiven Blutrausch vollzog man gemeinsam das Opfer des S\u00fcndenbocks. Auch die evangelische Kirche hat bei diesem blutigen Opfer mitgewirkt. Evangelische Pfarrer j\u00fcdischer Herkunft wurden aus dem kirchlichen Dienst entlassen. Ihrer Ermordung hat man zumeist ohne Widerspruch zugesehen. W\u00e4re der Krieg nicht 1945 zu Ende gegangen, so h\u00e4tte es bald neuer S\u00fcndenb\u00f6cke bedurft. Einige brachten dabei schon das Christentum ins Spiel.<\/p>\n<p>Das Perfide am kollektiven S\u00fcndenbockopfer ist, dass alle, so lange sie nicht selbst zum Opfer werden, zutiefst von der Schuld des Opfers \u00fcberzeugt sind. Zum ersten Mal in der menschlichen Religionsgeschichte, so Girard, wird dieser t\u00f6dliche Mechanismus im vierten Gottesknechtslied in Jesaja 53 aufgedeckt. Hier entdecken M\u00f6rder, dass sie gemeinsam einen Unschuldigen umgebracht haben. Sie erkennen, dass der Ermordete ihre eigene Schuld getragen und auf sich genommen hat und an ihrer Stelle zu Tode kam: \u201eF\u00fcrwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn f\u00fcr den, der geplagt und von <em>Gott<\/em> geschlagen und gemartert w\u00e4re. (Jesaja 53,4) Die M\u00f6rder des Unschuldigen w\u00e4hnen bei ihrer Tat Gott auf ihrer Seite. Sie f\u00fchlen sich auf der richtigen Seite und sind voll moralischem \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl. Erst sp\u00e4ter erkennen sie, dass Gott nicht auf ihrer Seite, sondern auf der Seite ihres Opfers stand und dass Gott ihrem Opfer neues Leben verhei\u00dft, weil es Gottes Auftrag so treu ausgef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Zum zweiten Mal wird der Mechanismus des S\u00fcndenbocks vom Christentum entlarvt. Die ersten Christen verstehen den Tod Jesu nach dem Vorbild des Gottesknechts aus dem Jesajabuch. Auch die M\u00f6rder Jesu, die j\u00fcdische Tempelaristokratie und die r\u00f6mische Besatzungsmacht w\u00e4hnen dabei Gott auf ihrer Seite. Jesus wird als Gottesl\u00e4sterer und Aufr\u00fchrer hingerichtet. An ihm toben sich die Gewalt und der Hass der Menge aus. Es ist gut, dass ein Mensch stirbt f\u00fcr das ganze Volk, sagt lapidar der Hohepriester Kaiphas und gibt damit den Ansto\u00df zum kollektiven Mord (Johannes 18,14).<\/p>\n<p>Die Leistung des Christentums, so Girard, ist es, dass es den Mechanismus des S\u00fcndenbockopfers schonungslos aufgedeckt hat. Das Christentum behaftet den Menschen gnadenlos bei seiner Verantwortung f\u00fcr seine Gewaltbereitschaft und seine Gewalttaten. Es h\u00e4lt ihm den Spiegel vor und zeigt ihm seine Gier nach dem Besitz und der Anerkennung, die sein N\u00e4chster erf\u00e4hrt. S\u00fcnde nennt die Bibel diesen heillosen Trieb des Menschen. Der Geist der Wahrheit, den uns Jesus mit Pfingsten sendet, kl\u00e4rt uns \u00fcber diese S\u00fcnde auf. Und in der Erkenntnis der S\u00fcnde wird das Gericht \u00fcber den F\u00fcrst dieser Welt offenbar: Gott ist nicht ein Verb\u00fcndeter der M\u00f6rder, Gott steht bedingungslos auf der Seite des Opfers und schenkt ihm neues Leben.<\/p>\n<p>Die Neigung zur Gewalt, so Girard, steckt nicht in der Religion, sie steckt im Menschen. Und die St\u00e4rke des recht verstandenen Christentums ist es, den Menschen schonungslos bei seinem Neid und bei seiner Bereitschaft zur Gewalt zu behaften. Wer heute das Christentum f\u00fcr die Gewalt in der Welt verantwortlich macht, so Girard, leugnet wieder, dass Neid und Gewalt im Menschen selbst liegen und schiebt damit die Schuld von sich weg auf andere. Das Lob des Polytheismus erscheint auf diesem Hintergrund als eine verkappte Leugnung der eigenen Gewaltbereitschaft. Statt sich an die eigene Brust zu schlagen, zeigt man lieber auf andere und macht sie zum S\u00fcndenbock. Statt ein Gewissen zu haben, macht man sich zum Gewissen f\u00fcr alle anderen und stilisiert sich selbst zum einzig Unschuldigen.<\/p>\n<p>Der abschiednehmende Jesus bereitet seine J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger auf den Verlust seiner Gegenwart vor. Er nimmt ihre Traurigkeit und ihren Zweifel an der Wahrheit seiner Sendung vorweg. Vieles wird gegen ihn und seine einseitige Botschaft von Frieden, Leben und Gerechtigkeit sprechen. Die Gewalt wird weiter Triumphe feiern, obwohl der F\u00fcrst dieser Welt gerichtet ist. Die Menschen werden immer neue Einf\u00e4lle haben, um ihren t\u00f6dlichen Neid und ihre zerst\u00f6rerische Gewaltbereitschaft leugnen zu k\u00f6nnen. Alle diese Zweifel und Einspr\u00fcche, so der Abschiednehmende, sind erwartbar. Mit ihnen muss man rechnen, wenn man eine so k\u00fchne und einseitige Option vertritt. Das alles jedoch soll Jesu J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger, die damals und auch uns heute, nicht erschrecken und irre machen. Gott bleibt bei seinem Urteil. Gott stellt sich gegen den Hass und den Tod, gegen den Krieg und die Ungerechtigkeit. Gott steht ganz einseitig auf der Seite der Liebe, der Gerechtigkeit und des Frieden. Gott will unser Leben und unser Heil. Sein Heiliger Geist tr\u00f6stet und begleitet uns. Er wird uns durch alle Zweifel und Fragen hindurchf\u00fchren und uns in alle Wahrheit leiten. \u2013 Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Christoph Dinkel<br \/>\nPfarrer<br \/>\nG\u00e4nsheidestra\u00dfe 29<br \/>\n70184 Stuttgart<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:christoph.dinkel@arcor.de\"> christoph.dinkel@arcor.de<br \/>\n<\/a>Internet: <a href=\"http:\/\/www.uni-kiel.de\/fak\/theol\/personen\/dinkel.shtml\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.uni-kiel.de\/fak\/theol\/personen\/dinkel.shtml<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfingstsonntag | 15. Mai 2005 | Joh 16,5\u201315 | Christoph Dinkel | Der Predigttext f\u00fcr das heutige Pfingstfest ist jenen Abschiedsreden entnommen, die Jesus dem Johannesevangelium nach an seine J\u00fcnger gerichtet hat, bevor er verhaftet und ermordet wurde. In diesen Abschiedsreden k\u00fcndigt Jesus das Kommen des Heiligen Geistes an. 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