{"id":10514,"date":"2005-05-07T19:49:21","date_gmt":"2005-05-07T17:49:21","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10514"},"modified":"2025-07-01T16:17:22","modified_gmt":"2025-07-01T14:17:22","slug":"johannes-16-5-15-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-16-5-15-7\/","title":{"rendered":"Johannes 16, 5-15"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Pfingstsonntag | 15. Mai 2005 | Johannes 16, 5-15 | Dietz Lange |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Jesus ist im Begriff, Abschied zu nehmen. Die J\u00fcnger werden ihn nicht mehr sehen. Traurigkeit \u00fcberf\u00e4llt sie, und zugleich auch Angst vor dem, was nun werden soll. Das ist die Situation, die uns dieser Abschnitt aus dem Johannesevangelium vor Augen stellt. Wir k\u00f6nnen das unmittelbar verstehen. Wir wissen ja, wie das ist, wenn ein geliebter Mensch vor dem Sterben steht und es hei\u00dft, f\u00fcr immer Abschied zu nehmen. Da nimmt die Gemeinsamkeit des Lebens mit ihm ein j\u00e4hes Ende &#8211; j\u00e4h auch dann, wenn ein Leidensweg dieses Ende lange vorausahnen lie\u00df. So wurde damals den J\u00fcngern der Abschied von Jesus schwer. Sie hatten einige Jahre lang ihr Leben mit ihm geteilt. Jetzt aber wird er bald in die blo\u00dfe Erinnerung verschwinden. Die wird noch eine Weile lebendig bleiben, aber dann immer blasser werden. Die folgenden Generationen werden ihn schon nur noch aus Erz\u00e4hlungen kennen. Die Erz\u00e4hlungen werden sich im Lauf der Jahrhunderte verzweigen und ver\u00e4ndern. Sie werden auch verf\u00e4lscht werden: Man wird Jesus zum Sozialrevolution\u00e4r oder zum \u201eneuen Mann\u201c machen, man wird ihn zum Kirchenf\u00fcrsten oder zum weltlichen Machthaber erkl\u00e4ren, ja sogar in seinem Namen Kriege f\u00fchren. Auf der anderen Seite werden Christen um ihres Glaubens willen verspottet, verfolgt, gefoltert und get\u00f6tet werden, bis in die moderne Zeit hinein. Und schlie\u00dflich wird man Jesus auch schlicht vergessen, wie es in unserer westlichen Kultur heute weithin geschieht. Darum fragen auch wir, die heute an ihn glauben, mit den J\u00fcngern, wie es mit uns weitergehen soll.<\/p>\n<p>Das ist der dunkle Hintergrund des christlichen Glaubens, der von Anfang an zu ihm geh\u00f6rt hat. Er darf aus dem lichten Bild, das gerade das Johannesevangelium von der Gestalt Jeus malt, nicht wegretuschiert werden. Jesu Auferstehung macht seinen Kreuzestod nicht ungeschehen. Und unser Glaube hat oft alle M\u00fche, an Jesus festzuhalten. Er gleicht nicht einem selbstgewissen Triumphzug, sondern er muss sich st\u00e4ndig der Angriffe von au\u00dfen, der eigenen Zweifelsfragen und oft genug auch der Lebensangst erwehren.<\/p>\n<p>Umso verbl\u00fcffender ist die Wendung, die Jesus selbst der Szene gibt: \u201eIch sage euch die Wahrheit &#8211; es ist <em>gut<\/em> f\u00fcr euch, dass ich weggehe.\u201c Wie das? W\u00e4re es nicht besser gewesen, wenn er seine Sache sicher zum Erfolg gef\u00fchrt h\u00e4tte? Warum hat er nicht eine Dynastie ins Leben gerufen und mit ihr eine Weltherrschaft errichtet, die f\u00fcr alle folgenden Jahrtausende menschlicher Geschichte sichtbaren Bestand gehabt h\u00e4tte? Mit klaren Gesetzen und Vorschriften nat\u00fcrlich, welche die Menschen n\u00f6tigen, bei der Stange zu bleiben?<\/p>\n<p>Die Fragen sind verf\u00fchrerischer, als es auf den ersten Blick den Anschein hat &#8211; verf\u00fchrerisch beileibe nicht nur f\u00fcr Menschen, die unserem Glauben distanziert oder fremd gegen\u00fcberstehen, sondern gerade auch f\u00fcr sehr korrekte Christen und Theologen. Die ersehnte Weltherrschaft Christi muss ja nicht politisch oder gar milit\u00e4risch sein. Sie ist geistiger Art. Das steht scheinbar ganz im Einklang mit Jesu Versprechen, er werde uns den heiligen Geist, also den Geist Gottes senden, der uns in alle Wahrheit f\u00fchrt. Dann brauchen wir nur, so scheint es, Stellvertreter Christi auf Erden. Die verf\u00fcgen zwar nicht \u00fcber \u00e4u\u00dfere Machtmittel, aber daf\u00fcr \u00fcber seinen Geist. Sie w\u00e4ren dann in der Lage, der Christenheit und dar\u00fcber hinaus der Welt klare und eindeutige Weisungen zu geben, was man zu glauben und wie man in jeder Lebenslage zu handeln hat.<\/p>\n<p>Wer jetzt meint, mit diesen Anspielungen w\u00e4re auf durchsichtige Weise ein antikatholischer protestantischer Urinstinkt bedient worden, der braucht sich nur durch einen Blick auf die Wirklichkeit eines Besseren belehren zu lassen. Einmal finden wir unendlich viel katholische Fr\u00f6mmigkeit, der jeglicher Machtanspruch v\u00f6llig fremd ist. Vor allem aber gibt es allzu viele protestantische Wahrheitsbesitzer, die anders denkende Christen wie Dummk\u00f6pfe oder gar als b\u00f6swillige Falschm\u00fcnzer behandeln. Das kommt in allen kirchlichen und theologischen Lagern vor, bei so genannten Laien nicht weniger als bei professionellen Kirchenleuten.<\/p>\n<p>In Wahrheit kann niemand den Heiligen Geist, den Geist Gottes besitzen &#8211; kein einzelner Mensch und auch keine kirchliche Institution. Die Apostelgeschichte, aus der wir vorhin ein St\u00fcck als Epistel dieses Sonntags geh\u00f6rt habe, spricht davon, dass der Geist Gottes auf die versammelte Gemeinde \u201eausgegossen\u201c wird. Er wird uns Menschen zuteil, und er bewirkt etwas bei uns: Er schafft Glauben und macht unser Gewissen frei. Aber er wird nicht unser Eigentum. Vielmehr k\u00f6nnen wir uns seiner Leitung nur stets aufs Neue anvertrauen, und er f\u00fchrt uns oft genug in Situationen hinein, die wir uns wahrlich nicht gew\u00fcnscht haben.<\/p>\n<p>Johannes macht dies alles mit einem Bild deutlich. Das ist das Bild von einem Gerichtsprozess. Es ist allerdings ein merkw\u00fcrdiger Prozess. Er hat zwei ganz unterschiedliche Seiten. Die eine Seite steht deutlich sichtbar vor aller Augen. Das ist der Prozess, der Jesus gemacht wird und der zu seiner Verurteilung zum Tode f\u00fchrt. Er ist der Grund f\u00fcr den Abschied, von dem der verlesene Abschnitt spricht. Hier setzt sich die irdische Macht mit dem Mittel der Justiz durch. Der r\u00f6mische Prokurator f\u00fcrchtet einen religi\u00f6s motivierten Aufstand, den Jesus anzetteln k\u00f6nnte, und die j\u00fcdischen Priester, die mit Pilatus kollaborieren, f\u00fcrchten den Verlust ihres Einflusses beim Volk. Die Welt siegt \u00fcber Christus &#8211; so sah es damals aus, und auf ganz andere Weise scheint sich das heute wieder zu best\u00e4tigen: Abwanderung des Religi\u00f6sen in die Esoterik, schleichende Abschaffung des Religionsunterrichts heute in Berlin, morgen vielleicht bei uns &#8211; vieles deutet in diese Richtung.<\/p>\n<p>Aber der Prozess kehrt sich um. Das Recht der Macht wird desavouiert, auf den Kopf gestellt. Der Justizmord beh\u00e4lt nicht das letzte Wort, und die Standgerichte der Diktaturen werden als verbrecherisch entlarvt. Das freilich ist die andere, die verborgene Seite des Prozesses Jesu. Vor Augen steht, dass die Blutrichter in eine neue Robe schl\u00fcpfen und weiter Recht sprechen. Und doch \u00fcberf\u00fchrt der Heilige Geist sie des Unrechts und der L\u00fcge: \u201eDer F\u00fcrst dieser Welt ist gerichtet.\u201c Jesus, und mit ihm der ihn leitende Gott, \u00fcberwindet den Tod, ist also dem Anschein zum Trotz gerade nicht erledigt, sondern der wahre Sieger.<\/p>\n<p>Der uns davon innerlich \u00fcberzeugt, ist der Heilige Geist, der \u201eTr\u00f6ster\u201c, wie Luther \u00fcbersetzt &#8211; richtiger: unser \u201eAnwalt\u201c. Was bedeutet das? Gottes Geist tut dasselbe, was Jesus f\u00fcr uns tut: Er vertritt uns vor Gott. Er ist die geistige Gegenwart Jesu selbst. Der Heilige Geist ist der Geist Gottes, der Jesus durchdrungen, geleitet, durch ihn gewirkt hat und weiter wirkt, heute bei uns, in uns. Er f\u00fchrt uns in alle Wahrheit. Wo wir nur tasten, oft auch irre werden an der Aufgabe, die Wahrheit zu erkunden und unseren Weg zu finden, da zeigt Gott uns durch seinen Geist den Grund, auf dem wir stehen k\u00f6nnen, und den Weg, der zum Ziel unseres Lebens f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Das ist der Grund, auf dem die Kirche errichtet ist &#8211; und nicht eine menschliche Rechtssetzung oder ein menschliches Amt. Gottes Geist macht sich von solchen Dingen nicht abh\u00e4ngig, auch wenn <em>wir<\/em> ohne sie als praktische Hilfsmittel nicht auskommen. Darum gilt das Versprechen, dass er uns vertreten und leiten wird, ganz unabh\u00e4ngig von dem aktuellen Zustand der Kirche. Ja, es ist richtig: Das Klima wird zur Zeit k\u00e4lter f\u00fcr die Kirche, auch wenn das nur eine westeurop\u00e4ische Perspektive ist. Umso mehr kommt es darauf an, dass wir uns ganz auf Jesu Zusage verlassen. Nur so kann unser Glaube zuversichtlich sein.<\/p>\n<p>Zuversicht ist das Gegenteil von Angst. \u00c4ngstlich sind wir Christen, wenn wir aus Sorge um den Verlust gesellschaftlichen Einflusses jeder Modeform von Spiritualit\u00e4t unbesehen Tor und T\u00fcr \u00f6ffnen. Ebenso ist es ein Zeichen von \u00c4ngstlichkeit, wenn wir nur einen ganz engen Rahmen von Rechtgl\u00e4ubigkeit und kirchlichem Leben zulassen und nichts Neues wagen. Beide Versuchungen sind f\u00fcr uns als heutige Kirche riesengro\u00df. Aber geben wir einer von ihnen nach, so verschreiben wir uns dem F\u00fcrsten der Welt &#8211; und das ist der F\u00fcrst der L\u00fcge.<\/p>\n<p>Gottes Geist befreit uns von solchen \u00c4ngsten. Nat\u00fcrlich ist die Sorge um die Zukunft unserer Kirche nicht verboten. Sie ist ja begr\u00fcndet. Aber wenn wir ihr im Vertrauen auf Gottes Geist begegnen, dann tun wir das unerschrocken. Denn Gottes Geist macht uns innerlich frei. Er schenkt uns die Freude an Gott, wie es einer meiner Lehrer einmal ausgedr\u00fcckt hat. Das bedeutet konkret: Profil zeigen &#8211; ohne faule Kompromisse, aber auch ohne Engstirnigkeit.<\/p>\n<p>Die Stimmen, die in diese Richtung weisen, mehren sich zur Zeit in der Kirche. Angesichts der sich zuspitzenden finanziellen Lage hei\u00dft es da, wir m\u00fcssten uns auf das \u201eKerngesch\u00e4ft\u201c konzentrieren. Das ist allerdings noch reichlich formal, denn es bedeutet zun\u00e4chst einmal nur, dass wir nicht in allen m\u00f6glichen T\u00f6pfen r\u00fchren, sondern uns vorrangig um Verk\u00fcndigung und Seelsorge k\u00fcmmern sollen. Entscheidend ist aber das, worum es da in der Sache geht: dass wir uns uneingeschr\u00e4nkt von Christi Geist der Wahrheit und der Liebe leiten lassen.<\/p>\n<p>Das ist ein Wagnis. Denn es gibt keine gerichtsfesten Indizien f\u00fcr das, was Christi Geist genau hier und jetzt mit uns vorhat. Aber gerade das ist gut f\u00fcr uns! Denn dieser scheinbare Mangel ist nur die Kehrseite der gro\u00dfartigen Freiheit, die Gott uns schenkt. Wir brauchen nur offen f\u00fcr diesen Geist zu sein und k\u00f6nnen dann nach bestem Wissen und Gewissen denken, reden und handeln. Solange wir uns auf ihn verlassen und nicht unsere \u00c4ngstlichkeit zum Ratgeber machen, wird er bei Gott f\u00fcr uns eintreten. Lassen Sie uns deshalb heute am Pfingstfest genauso frohgemut wie Christen anderer Zeiten den Geburtstag der Kirche feiern.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Dietz Lange<br \/>\n<a href=\"mailto:Dietzlange@aol.com\">Dietzlange@aol.com<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfingstsonntag | 15. Mai 2005 | Johannes 16, 5-15 | Dietz Lange | Liebe Gemeinde! Jesus ist im Begriff, Abschied zu nehmen. Die J\u00fcnger werden ihn nicht mehr sehen. Traurigkeit \u00fcberf\u00e4llt sie, und zugleich auch Angst vor dem, was nun werden soll. 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