{"id":10515,"date":"2005-05-07T19:49:18","date_gmt":"2005-05-07T17:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10515"},"modified":"2025-05-16T09:57:22","modified_gmt":"2025-05-16T07:57:22","slug":"johannes-16-5-15-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-16-5-15-8\/","title":{"rendered":"Johannes 16, 5-15"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Pfingstsonntag | 15. Mai 2005 | Johannes 16, 5-15 | Jobst v. Stuckrad-Barre |<\/span><\/h3>\n<p><em>5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?<\/em><br \/>\n<em>6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.<\/em><br \/>\n<em>7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut f\u00fcr euch, da\u00df ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tr\u00f6ster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.<\/em><br \/>\n<em>8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun \u00fcber die S\u00fcnde und \u00fcber die Gerechtigkeit und \u00fcber das Gericht;<\/em><br \/>\n<em>9 \u00fcber die S\u00fcnde: da\u00df sie nicht an mich glauben;<\/em><br \/>\n<em>10 \u00fcber die Gerechtigkeit: da\u00df ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;<\/em><br \/>\n<em>11 \u00fcber das Gericht: da\u00df der F\u00fcrst dieser Welt gerichtet ist.<\/em><br \/>\n<em>12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr k\u00f6nnt es jetzt nicht ertragen.<\/em><br \/>\n<em>13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er h\u00f6ren wird, das wird er reden, und was zuk\u00fcnftig ist, wird er euch verk\u00fcndigen.<\/em><br \/>\n<em>14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er\u2019s nehmen und euch verk\u00fcndigen.<\/em><br \/>\n<em>15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird\u2019s von dem Meinen nehmen und euch verk\u00fcndigen.<\/em><br \/>\n<em><br \/>\n*Ich lese diesen Text als Zeugnis der unterschiedlichen Stimmen, die im Johannesevangelium zu finden sind \u2013 f\u00fcr den Einzelnachweis sei auf die Kommentare verwiesen, etwa den \u00f6kumenischen von J\u00fcrgen Becker, G\u00fctersloh 1981 \u2013, und versuche, diese Stimmen auch in ihrer Unterschiedlichkeit zu Geh\u00f6r zu bringen. <span style=\"color: #0000ff;\">Dazwischen treten farbig die Stimmen aktueller Begegnung im oder mit dem Heiligen Geist.<\/span> Damit von diesem Konzert noch mehr h\u00f6rbar wird, stelle ich an den Schlu\u00df der drei Abschnitte jeweils eine Strophe von Michael Schirmers Pfingstlied O Heilger Geist, kehr bei uns ein (EG 130), denkbar ist auch, Pfingstlieder aus verschiedenen Zeiten dazwischen zu singen oder entsprechende Instrumentalst\u00fccke erklingen zu lassen, wenn Orgel und Gemeinde \u201emitspielen\u201c.<br \/>\n<\/em><br \/>\nJetzt. Jetzt, sagt Jesus; ich gehe hin zu dem, der mich gesandt hat. Bewegung kommt auf in der Gemeinde des Johannes. Die Stimmen suchen nach Vergewisserung. Die Fragen, wohin? ebben ab. Trauer \u00fcber den Weggang erf\u00fcllt die Herzen. Doch dann erinnern sie sich: Jesus l\u00e4\u00dft sie nicht allein; den Tr\u00f6ster, den Geist der Wahrheit hat er angek\u00fcndigt, der werde ihnen Anteil geben an dem, was er von Gott geh\u00f6rt und vom Christus empfangen habe.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Liebe Christen in Hannover und Rom, in Istanbul und Athen, in Moskau und Genf, wo immer ihr das Evangelium vom Auferstandenen aufnehmt, welche Stimmen sind es, die bei uns und in uns suchen, fragen, trauern, tr\u00f6sten, erinnern oder ank\u00fcndigen? Stimmen der M\u00fctter und V\u00e4ter, der Gro\u00dfm\u00fctter und Gro\u00dfv\u00e4ter, die uns erzogen haben im Glauben, im Leben und Sterben; die fr\u00fch durch ihr Beispiel, einfach durch ihr Mitleben gezeigt haben, da ist Gott f\u00fcr uns, sein Geist, wie er im redenden und heilenden, im zuh\u00f6renden und zupackenden Jesus Gestalt angenommen hat bis hin in Kreuz und Auferstehung. Oder sind es die Stimmen der Gemeinde und ihrer Sprecher, die uns formen durch die Tradition, in der wir gro\u00df werden; was dann noch mehr die Vielfalt von heute zwischen fromm und frei, atheistisch und moralistisch, konfessionalistisch und \u00f6kumenisch erkl\u00e4ren hilft. Ist das immer nur \u201eder Herren (und Damen) eigener Geist\u201c \u2013 oder wird da auch Gottes Geist sichtbar, mit einem L\u00e4cheln sogar, freundlich, g\u00fctig, ein wenig erstaunt auch \u00fcber all dem Bestehen auf den unterschiedlichen Sprachen?<\/span><\/p>\n<p>Die Stimmen werden wieder lauter \u2013 sind auch Gegner und Nicht\u00fcberzeugte darunter? Sind nicht auch unter den Glaubenden Menschen, f\u00fcr die Jesu Weggehen eine Niederlage ist<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">(1)<\/a>? Da\u00df es gut sein soll, wenn der Geist der Wahrheit kommt an seiner Statt \u2013 das k\u00f6nnen sie kaum fassen. Sollen denn wir selbst \u00fcber all das entscheiden, was zu bewahren und neu zu regeln ist?<\/p>\n<p>Einige in der Gemeinde des Johannes sehen l\u00e4ngst alles entschieden: S\u00fcnde ist es, Christus nicht zu glauben. Er ist die Gerechtigkeit, darum geht er ja hin zum Vater. Der Herrscher dieser Welt ist l\u00e4ngst erledigt, das Gericht schon geschehen. Ist das im Geist Jesu, im Geist der Wahrheit gesagt? Und wie sollen wir damit zurecht kommen, da\u00df das Leben weitergeht, ohne da\u00df wir oder die Gemeinde und die Kirche auf der ganzen Erde vollendet w\u00e4ren? Die Bewegung in der Gemeinde brandet erneut auf: Wir m\u00fcssen bewahren, was Jesus uns gesagt hat, so die einen. Wir m\u00fcssen offen sein f\u00fcr das, was jetzt geschieht, so die andern. Eine dritte Gruppe bleibt ganz gelassen: Der Geist wird uns verk\u00fcndigen, was sein und was werden soll.<\/p>\n<p align=\"center\"><em>O Heilger Geist, kehr bei uns ein<br \/>\nund la\u00df uns deine Wohnung sein,<br \/>\no komm, du Herzenssonne.<br \/>\nDu Himmelslicht, la\u00df deinen Schein<br \/>\nbei uns und in uns kr\u00e4ftig sein<br \/>\nzu steter Freud und Wonne.<br \/>\nSonne, Wonne,<br \/>\nhimmlisch Leben willst du geben, wenn wir beten;<br \/>\nzu dir kommen wir getreten.<\/em><\/p>\n<p>Jetzt hat Jesus gesagt. Und die Bewegung dauert an, bis heute. Pfingsten ist geradezu das Fest, an dem diese Bewegung, die Vielstimmigkeit, das Zusammenklingen von Herkunft und Zukunft der Gemeinde gegenw\u00e4rtig wird. Die Wahrheit aus dem Geist, der vom Vater und vom Sohn ausgeht, diese Wahrheit erf\u00fcllt die Herzen ganz verschiedener Menschen \u2013 kein Wunder, da\u00df sie so verschieden Gestalt annimmt zwischen Quito und Kyoto, zwischen Brisbane und Reykjavik. Lassen wir uns darauf ein, der Wahrheit n\u00e4her zu kommen, dem, was uns von Gott mitgeteilt wird. Miteinander sind wir in einem riesengro\u00dfen Geschehen der Vergewisserung; diese Wahrheit ist nur zu finden mitten in dem komplexen Weltgeschehen und in all den Stimmen, die, nicht nur zu Pfingsten, zu h\u00f6ren sind aus Gruppen, Kirchen und Konfessionen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Warum feiern sie nicht fr\u00f6hlicher? Oder sind die Riesenlawinen auf all den Stra\u00dfen Zeichen des Aufbruchs von so vielen, die unterwegs sich und dem Heiligen Geist auf die Spur kommen wollen? Wer liest all die Zeichen im Internet, die e-mails und sms-Botschaften, wenn nicht der Heilige Geist, der von Liebe gegen den Ha\u00df, Freude nach aller Trauer, vom Leben gegen allen Tod gespeist ist. Braucht es immer erst einen Tsunami, damit die Menschen den weltweiten Zusammenhang ihres Tuns und des Geistes verstehen? Tats\u00e4chlich begreifbar nahe liegt es doch, an die \u00dcbersetzung aus der einen in die andere Sprache, Tradition und Welt zu denken \u2013 das geschieht t\u00e4glich und st\u00fcndlich \u00fcberall und ist doch auch denkbar nur im Interesse dieser Liebe, dieser Freude, dieses Lebens!<\/span><\/p>\n<p>Unter der Voraussetzung, da\u00df auch der andere aus dem Geist der Wahrheit spricht, werden wir auf den Weg gebracht; dann gilt allerdings auch, da\u00df diese Voraussetzung geteilt und respektiert wird. Dann kann kein Papst und kein Kirchenparlament unsere Zuversicht hemmen, die Wahrheit wird von Gott zu uns kommen und uns mit sich nehmen. Nicht erst am Ende, schon hier auf dem Weg wird Gemeinde, wird Kirche in aller Vielgestaltigkeit von dieser Wahrheit empfangen und geben, was n\u00f6tig ist.<\/p>\n<p align=\"center\"><em>Du Quell, draus alle Weisheit flie\u00dft,<br \/>\ndie sich in fromme Seelen gie\u00dft:<br \/>\nla\u00df deinen Trost uns h\u00f6ren,<br \/>\nda\u00df wir in Glaubenseinigkeit<br \/>\nauch k\u00f6nnen alle Christenheit<br \/>\ndein wahres Zeugnis lehren.<br \/>\nH\u00f6re, lehre,<br \/>\nda\u00df wir k\u00f6nnen Herz und Sinnen dir ergeben,<br \/>\ndir zum Lob und uns zum Leben.<\/em><\/p>\n<p>Jetzt \u2013 und was ist mit mir? Mitten in all der Bewegung, all dem Festlichkeit von Pfingsten das Weltkind, dem die Sehnsucht wom\u00f6glich die Kehle eng macht und dem die Augen immer gr\u00f6\u00dfer werden. Ich mu\u00df hier mein Brot essen, und ohne Anpassung an den Geist der Globalisierung krieg ich nicht mal Arbeit, obwohl so viel zu tun ist. Dagegen h\u00f6re ich: Herr, deine G\u00fcte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Wird dieser Geist mir auch morgen ein St\u00fcck abgeben von der Wahrheit, die von Gott kommt und in Jesu Geist geschieht?<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Ja, er mu\u00df sich bew\u00e4hren im Trost, den du empf\u00e4ngst, in der Hoffnung, die dir und deinem Leben gilt \u2013 doch darf auch nicht so ein Heilsegoismus draus werden, der allzuleicht Glauben und Gewi\u00dfheit als seine Privatsache propagiert und praktiziert: Mein Glaube, meine Kirche, meine Lebenseinstellung&#8230; Diese Haltung ahmt nur die Konsumhaltung der Zeit nach oder f\u00fcttert sie noch: Meine Schule, meine Schicht, mein Einkommen, deine Arbeitslosigkeit usw. Glaube und die Grammatik des Alltags haben viel mehr miteinander zu schaffen, als es zun\u00e4chst scheinen m\u00f6chte. Im Eingehen auf die differenzierten M\u00f6glichkeiten des Gespr\u00e4chspartners wird die Lebendigkeit der eigenen Position viel eher hervortreten, weil sie spielerisch gleichsam provoziert wird, besser evoziert \u2013 und da kommt der Heilige Geist wieder zum Vorschein: All die Impulse, Interessen und Abh\u00e4ngigkeiten nicht als Angriffe aufs Ego, sondern als Antworten und Fragen im gro\u00dfen Gespr\u00e4ch zwischen Gott und Mensch aufzufassen, das l\u00e4\u00dft etwas erahnen von der Sch\u00f6nheit und Gr\u00f6\u00dfe dieses Geistes, dessen Wahrheit im Einzelnen wie im Ganzen liegt.<\/span><\/p>\n<p>Der ganze Proze\u00df der Vergewisserung geht vom Kleinen bis ins Gro\u00dfe und umgekehrt von den gro\u00dfen Linien zu den einzelnen Punkten, an denen wir leben. Darin liegt alle Herrlichkeit auf Erden. Anders als zur Zeit der johanneischen Gemeinde oder bei ihren heutigen Nachfolgern in der Neuen und in der Alten Welt, teilen wir nicht dualistisch auf in Gut und B\u00f6se, Glaube und Welt. Gerade weil Beides in uns ist, m\u00fcssen wir uns ja vergewissern in der Situation: Ist dieser Weg nun aus dem Geist der Wahrheit oder f\u00fchrt er uns ab? In einem bestimmten Sinn sind die Christen sogar dieser Wahrheitsfrage mehr ausgesetzt als andere, die nicht nach Herkunft und Zukunft fragen.<\/p>\n<p>Da\u00df der Geist der Wahrheit als Tr\u00f6ster kommt, sollten wir nicht \u00fcbersehen und schon gar nicht \u00fcberh\u00f6ren. Er l\u00e4\u00dft aus Sehnsucht die Gewi\u00dfheit werden: In diesem Geist k\u00f6nnen wir uns annehmen, sogar das Feindselige, und darauf vertrauen, da\u00df Gott es in seinem Sinn aufhebt. Kein Nein? Doch, dem falschen, lieblosen Handeln schon, dem Menschen nicht.<br \/>\nSo wird Gewi\u00dfheit, wird Bewu\u00dftsein davon, da\u00df der Geist der Wahrheit Gestalt findet, gegenw\u00e4rtig wird. Wir k\u00f6nnen sein Wort h\u00f6ren und nehmen von Gott, was er uns verk\u00fcndigt: Jetzt.<\/p>\n<p align=\"center\"><em>Steh uns stets bei mit deinem Rat<br \/>\nund f\u00fchr uns selbst auf rechtem Pfad,<br \/>\ndie wir den Weg nicht wissen.<br \/>\nGib uns Best\u00e4ndigkeit, da\u00df wir<br \/>\ngetreu dir bleiben f\u00fcr und f\u00fcr,<br \/>\nauch wenn wir leiden m\u00fcssen.<br \/>\nSchaue, baue,<br \/>\nwas zerrissen und beflissen, dich zu schauen<br \/>\nund auf deinen Trost zu bauen<\/em>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a>(1) F\u00fcr den oder die, die diesen Gedanken ausbauen m\u00f6chten, sei auf den Titel von Klaus J\u00f6rns verwiesen: Notwendige Niederlagen. Auf dem Weg zu einem glaubw\u00fcrdigen Christentum. G\u00fctersloh 22005 \u2013 das Buch enth\u00e4lt seine Abarbeitungen an einer Reihe von zentralen theologischen Themen, die insofern von Autoren und Predigern landauf, landab nicht unbearbeitet sind und auch andere L\u00f6sungen aus sich heraussetzen&#8230; Dennoch gibt (nicht nur) der Titel Hinweise eben auf die notwendige Weiterarbeit im Heiligen Geist.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Jobst v. Stuckrad-Barre, Hannover<br \/>\n<a href=\"mailto:Jobst.vonStuckrad-Barre@evlka.de\">Jobst.vonStuckrad-Barre@evlka.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfingstsonntag | 15. Mai 2005 | Johannes 16, 5-15 | Jobst v. 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