{"id":10517,"date":"2005-05-07T19:49:18","date_gmt":"2005-05-07T17:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10517"},"modified":"2025-05-16T10:02:09","modified_gmt":"2025-05-16T08:02:09","slug":"johannes-14-22-31-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-14-22-31-2\/","title":{"rendered":"Johannes 14, 22-31"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Pfingstsonntag | 15. Mai 2005 | Johannes 14, 22-31 | Elisabeth Birgitte Siemen |<\/span><\/h3>\n<p>Der Schriftsteller Vilhelm Bergs\u00f6e hat einmal von einem Gespr\u00e4ch \u00fcber die Dreieinigkeit erz\u00e4hlt, das er mit einem italienischen Pferdekutscher gef\u00fchrt hatte. Der Italiener habe kein Geheimnis daraus gemacht, dass er von den Dreien dem Sohn eindeutig den Vorzug gab. Der Vater sei zu alt \u2013 und der Heilige Geist, ja, wo sei der denn \u00fcberhaupt?<br \/>\nAls der Bischof von Roskilde, Jan Lindhardt, vor ein paar Jahren den Slogan \u201dFisch zu Pfingsten\u201d lancierte, fanden viele Leute das komisch.<br \/>\nDas fanden wir auch hier in Helsing\u00f6r, wo wir auf einer Veranstaltung des Bistums sogar ein Lied dar\u00fcber machten. Und doch war das ja gar nicht so dumm gesehen, dass die D\u00e4nen mit dem Magen denken und glauben. Und in dem Zusammenhang besteht die Gefahr, dass wir Pfingsten vergessen, auch weil das Fest ohne bestimmte Speisen ist.<br \/>\nWir haben bestimmte Esstraditionen, etwa am Vorabend des Heiligen Martin, zu Weihnachten, Neujahr und Ostern, Fastnacht und Bu\u00df- und Bettag, aber zu Pfingsten? Nein, da haben wir keinen Brauch.<\/p>\n<p>Das alles h\u00e4ngt nat\u00fcrlich damit zusammen, dass Pfingsten von dem handelt, was unsichtbar ist, vom Ber\u00fchrtwerden, vom Ergriffenwerden.<br \/>\nPfingsten ist eben nicht Leib, sondern Geist. Es ist kein Bild, sondern es ist das Licht, das das Bild sichtbar macht, es ist das Unerkl\u00e4rliche, das dem Leib Leben gibt, und es macht, dass das Bild sichtbbar und die Erz\u00e4hlung uns nahe wird.<br \/>\nPfingsten ist Geist, Pfingsten ist Heiliger Geist \u2013 und obwohl man nicht so einfach auf ihn zeigen kann: er ist dies oder oder er ist das, so wissen wir trotzdem, dass er einen entscheidenden Unterschied aus\u00admacht.<br \/>\nEs ist u.a. dies, was in dem alten Sch\u00f6pfungsmythos von Adam erz\u00e4hlt wird \u2013 Gott formt den Menschen aus Erde, aber der Mensch wird erst zum Menschen, da Gott seinen Geist in ihn bl\u00e4st, da Gott Leben in ihn bl\u00e4st.<br \/>\nAuf dieselbe Weise, wie ein jeder, der einen toten Menschen gesehen hat, wei\u00df, welch unermesslicher Unterschied zwischen einem lebendigen, atmenden Menschen und einem toten K\u00f6rper besteht.<br \/>\nObwohl wir also nicht auf den Geist zeigen und sagen k\u00f6nnen: da oder dort, so macht es doch einen merkbaren, entscheidenden und sichtbaren Unterschied, wie bei dem alten Adam; der Geist ist der Unterschied zwischen Leben und Tod. Der Geist selbst ist nicht zu sehen, aber seine Gegenwart oder Abwesenheit ist das Entscheidende.<\/p>\n<p>Und so gilt auch in anderen Zusammenh\u00e4ngen \u2013 der Geist ist das, was es zwischen uns lebendig macht, der Geist wirkt, wenn Menschen sich begegnen und sie ihre Herzen anr\u00fchren, Geist ist es, wenn der Lebensmut in einem Menschen entfacht wird und er sich zu neuem Leben erhebt.<br \/>\nEs ist auch der Geist, der Leben in die alten Erz\u00e4hlungen aus dem Evangelium pusten kann. Man kann diese Erz\u00e4hlungen auf Abstand h\u00f6ren, sozusagen in Distanz, als etwas, was einen nichts angeht, etwas Vergangenes. Aber wenn der Geist wirkt, dann ergreift uns die Erz\u00e4hlung. Wir haben soeben die Erz\u00e4hlung vom allerersten Pfingstfest geh\u00f6rt, eine Erz\u00e4hlung, die vielleicht in einem kurzen Augenblick nur schwer zu begreifen sein mag. Aber wenn man ein begnadeter und be<em>geist<\/em>erter Erz\u00e4hler ist, kann sie vielleicht so aussehen:<br \/>\nIch zitiere hier aus Karen Blixens Novelle \u201eWiedersehen\u201c, in der die alte Marionette, der Theaterdirektor Pipistrello, dem Dichter Byron \u00fcber den Plan seines kommenden Schauspiels erz\u00e4hlt: \u201eSie habe sicher \u00fcber die erste christliche Gemeinde in Jerusalem gelesen, und wie sie alle in Frieden und Br\u00fcderlichkeit zusammenwaren, mit der Heiligen Jungfrau wie einer Mutter f\u00fcr sie alle. Sie haben gewiss auch \u00fcber Pfingsten gelesen, als sie alle versammelt waren, und wie da vom Himmel ein Get\u00f6se kam wie von einem heranrasenden Unwetter, das das Haus erf\u00fcllte \u2013 zugleich mit Feuerzungen, die sich auf jeden der Apostel setzten. Hier fangen nun alle Apostel an, in fremden Zungen zu reden, was ihnen der Geist zu sagen gab, und Menschen aller V\u00f6lker, die sich in Jerusalem aufhielten, kommen hinzu \u2013 und sie stehen da und sind v\u00f6llig verwirrt, weil ein jeder sie in seiner eigenen Sprache reden h\u00f6rt.<br \/>\nParther und Meder, Kreter und Araber sind alle verbl\u00fcfft und desorientiert und sagen zueinander: Was soll das hei\u00dfen?<br \/>\nDiese zw\u00f6lf starken M\u00e4nner, Milord, die berufen sind, die ganze Welt zu ver\u00e4ndern, fallen unter der Macht des Heiligen Geistes zu Boden auf die Knie, und einige von ihnen schlagen sogar mit der Stirn auf die Fliesen. Nur eine schlanke und anmutige Gestalt, Milord, bleibt ruhig in dieser Stunde des Orkans. Jungfrau Maria steht unbeweglich, mit erhobenem Angesicht, mit den H\u00e4nden auf der Brust zum Kreuz geformt.<br \/>\nWie Sie von den Gem\u00e4lden wissen werden, war am Karfreitag alles Blut aus ihrem Angesicht gewichen. Jetzt steigt es wieder in ihre Wangen auf, wie eine lebendige rosenrote Woge, und sie sieht wieder aus wie ein f\u00fcnfzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen. Mit zarter Stimme ruft sie aus: Oh, bist du es, Herr? Nach den vierunddrei\u00dfig Jahren, bist du es?\u201c<\/p>\n<p>Ja, so gut kann man es beschreiben, wenn man begnadet und be<em>geist<\/em>ert ist. Und wenn wir auch nicht alle die Gnadengabe bekommen haben, von der gro\u00dfe Schriftsteller leben, so sollte doch das Pfingstfest uns daran erinnern, dass wir alle be<em>geist<\/em>ert sind, dass wir alle von dem Geist, dem Heiligen Geist ber\u00fchrt sind, der auch \u201eGeist der Liebe und der Wahrheit\u201c hei\u00dft.<br \/>\nUnd wie die Erz\u00e4hlung vom ersten Pfingstfest betont, wohnt Kraft in dem Geist. Wie Karen Blixen glasklar gesehen hat. \u201eDiese zw\u00f6lf starken M\u00e4nner, die berufen sind, die ganze Welt zu ver\u00e4ndern\u201c \u2013 ja, das klingt wie ein unm\u00f6gliches Projekt, aber es gelang.<br \/>\nAn diesem Tag in Jerusalem entstand die christliche Kirche.<br \/>\nAber das geschah nicht aus eigener Kraft. Es geschah, wie wir im Evangelium h\u00f6rten, mit Hilfe des Heiligen Geistes.<br \/>\nUnd so machtvoll ist der Geist, so kraftvoll ist er, dass er zw\u00f6lf verwirrte und bange M\u00e4nner, die an Ostern aus der Schule davonliefen, den Schwanz einzogen, in starke und kraftvolle Menschen verwandeln kann, die etwas auf dem Herzen hatten, etwas, das sie unbedingt erz\u00e4hlen mussten \u2013 und von da an war die Welt nicht mehr dieselbe. \u201eWir glauben an den Heiligen Geist, der lebendig macht\u201c \u2013 so steht es in dem alten Glaubensbekenntnis, das wir soeben geh\u00f6rt haben.<br \/>\nDie Frage ist aber, nat\u00fcrlich, ob wir es denn auch tun?<br \/>\nWagen wir daran zu glauben?<\/p>\n<p>Im Johannesevangelium sind die Worte, die wir heute h\u00f6ren, nur ein ganz kleiner Teil einer langen Rede. Einer Rede, die Jesus an seine J\u00fcnger richtet, kurz bevor die gro\u00dfen Ereignisse von Ostern anbrechen.<br \/>\nEr steht mitten darin, und die gro\u00dfe Ratlosigkeit und Trauer seiner J\u00fcnger \u00fcber all das, was sich \u00fcber ihrem geliebten Meister zusammenzieht, r\u00fchren ihn. Ein sehr wichtiger Teil dieser langen Rede handelt von der Verhei\u00dfung des Geistes oder des Tr\u00f6sters, der bei ihnen sein wird, nachher. Und der ihnen neuen Mut machen, neues Leben schenken wird trotz des Verlustes, den sie mit seinem Weggang erleiden.<br \/>\nSie werden nicht allein zur\u00fcckgelassen.<br \/>\nUnd das verstanden sie nicht recht, an jenem Abend.<br \/>\nAber als die sieben Wochen nach Ostern um waren und sie in Jerusalem versammelt waren und der Geist \u00fcber sie kam, da begannen sie etwas von dem zu begreifen, was er damals gemeint hatte. Und ja, sie ver\u00e4nderten die ganze Welt.<\/p>\n<p>Dass Pfingsten heute nur so schwache Bedeutung hat, ist in Wirklichkeit einigerma\u00dfen katastrophal. Denn Pfingsten handelt ja gerade vom Jetzt. Pfingsten, das ist Jetztzeit, Pfingsten, das sind wir, die hier versammelt sind.<br \/>\nUnd was damals f\u00fcr die J\u00fcnger in Jerusalem galt, das gilt wahrlich auch f\u00fcr uns. Glauben wir nicht daran, dann k\u00f6nnen wir genausogut den Schl\u00fcssel umdrehen, den Laden zumachen und uns anderswohin begeben.<br \/>\nKirche sein, in die Kirche gehen, das hei\u00dft, dass wir uns in Jesu Namen versammeln, um die alten Erz\u00e4hlungen von Gott, der Liebe und uns zu h\u00f6ren.<br \/>\nUnd wir sollen das tun, um ber\u00fchrt zu werden.<br \/>\nHier in der Kirche versammeln wir uns, weil der Heilige Geist all das in uns lebendig machen wird, was Jesus gesagt und getan hat. Denn die Erz\u00e4hlung von ihm wurde mit seiner Auferstehung und Himmelfahrt nicht abgeschlossen, nein, der Sinn ist der, dass diese Erz\u00e4hlungen in uns weiterleben, so dass sie die Grunderz\u00e4hlung in unserem Leben werden k\u00f6nnen.<br \/>\nDer Geist wird uns bewegen, so dass wir be<em>geist<\/em>ert werden k\u00f6nnen, so dass wir Mut bekommen, in der Liebe zu leben, die in Christus war. Die Liebe, die alle Schranken und alle Lauheit niederrei\u00dfen kann, so dass unsere Gemeinschaft wie ein lebendiger Leib werden kann, wo unsere Herzen f\u00fcr einander schlagen.<br \/>\nUnd wo der Heilige Geist der Atem ist, der den Leib zum Leben bringt.<br \/>\nDas ist das Bild, das Paulus benutzt, wenn er davon spricht, dass wir uns selbst als Glieder des Leibes Christi sehen sollen.<br \/>\nDas ist der Inhalt in der Pfingstrede. Dass die Liebe in uns geweckt werden und leben kann, dass wir fortsetzen sollen, was Gott in seiner Sch\u00f6pfung begonnen hat \u2013 dort, wo er in seiner gro\u00dfen Freude es nicht lassen konnte zu sagen: siehe, es ist sehr gut!<br \/>\nAber wir sollen wagen, es zu glauben.<br \/>\nWir sollen wagen zu glauben, dass der Heilige Geist \u2013 ja, wo ist er denn \u00fcberhaupt \u2013 ja, aber er ist ja hier, mitten unter uns. Er ist es n\u00e4mlich und nur er, der die Liebe unter uns wachsen l\u00e4sst. Er und nur er ist der lebensnotwendige Atem, der Leben in uns erh\u00e4lt \u2013 und unter uns, jetzt und in alle Ewigkeit.<br \/>\nFrohe Pfingsten. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrerin Elisabeth Birgitte Siemen<br \/>\nKirseb\u00e6rbakken 1<br \/>\nDK- 2830 Virum<br \/>\nTel.: ++ 45 \u2013 45 85 63 30<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:ebsi@km.dk\">ebsi@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfingstsonntag | 15. Mai 2005 | Johannes 14, 22-31 | Elisabeth Birgitte Siemen | Der Schriftsteller Vilhelm Bergs\u00f6e hat einmal von einem Gespr\u00e4ch \u00fcber die Dreieinigkeit erz\u00e4hlt, das er mit einem italienischen Pferdekutscher gef\u00fchrt hatte. Der Italiener habe kein Geheimnis daraus gemacht, dass er von den Dreien dem Sohn eindeutig den Vorzug gab. 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