{"id":10527,"date":"2005-05-07T19:49:28","date_gmt":"2005-05-07T17:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10527"},"modified":"2025-07-03T14:19:25","modified_gmt":"2025-07-03T12:19:25","slug":"genesis-111-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-111-9\/","title":{"rendered":"Genesis 11,1-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Der Turmbau zu Babel | Pfingstmontag | 16. Mai 2005 | Genesis 11,1\u20139 | Maria Widl |<\/h3>\n<p><em>&#8222;<\/em>Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. Als sie von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als M\u00f6rtel. Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht \u00fcber die ganze Erde zerstreuen.<\/p>\n<p>Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. Der Herr zerstreute sie von dort aus \u00fcber die ganze Erde und sie h\u00f6rten auf, an der Stadt zu bauen. Darum nannte man die Stadt Babel (Wirrsal), denn dort hat der Herr die Sprache aller Welt verwirrt, und von dort aus hat er die Menschen \u00fcber die ganze Erde zerstreut.&#8220;<\/p>\n<p>Sprache ist eine sonderbare Macht. Sie kann Menschen zusammenf\u00fchren und in einem gemeinsamen Verst\u00e4ndnis verbinden. Sie kann aber Menschen auch entzweien und gegeneinander aufbringen. Sprache ist eine Macht, die Herrscher, Politiker, Prediger und Verf\u00fchrer immer zu nutzen verstanden. Sprache l\u00e4sst ohnm\u00e4chtig zur\u00fcck, wer sich nicht verst\u00e4ndigen kann oder nicht verstanden wird. Sprache kann alle Seiten des Menschen zum Klingen bringen: k\u00fchle Analyse und hei\u00dfe Gef\u00fchle, fordernde Appelle und ber\u00fchrende Innerlichkeit. Sprache unterscheidet den Menschen von allen anderen Lebewesen.<\/p>\n<p>Wenn die Sprache so entscheidend f\u00fcr den Menschen als soziales Wesen ist und alle Menschen im selben Gott ihren Ursprung haben: Warum gibt es dann verschiedene Sprachen, die einander nicht verstehen? Solche \u00dcberlegungen waren es wohl, die auch die antiken Menschen bewegten und sie Mythen erz\u00e4hlen lie\u00dfen \u00fcber den Ursprung der vielen Sprachen, wie jenen Mythos vom Turmbau zu Babel, den wir soeben gelesen haben.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren eine wunderliche Geschichte: Die Menschen des Anfang waren zuerst t\u00fcchtig im Hausbau und beschlossen dann, dieselbe Technik zu n\u00fctzen, um aus eigener Kraft den Himmel zu erreichen und zugleich m\u00e4chtig auf der Erde zu sein. Offenbar ist ihr Unternehmen durchaus erfolgversprechend. Gott beobachtet das und agiert recht sonderbar: Er blickt nicht mit am\u00fcsierter Verwunderung auf das gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige und zugleich hoffnungslose Unternehmen der kleinen Erdenmenschen, wie man es angesichts seine Gr\u00f6\u00dfe und Allmacht vielleicht vermuten w\u00fcrde. Nein, er \u00fcberlegt und agiert eher so, wie man es von den griechischen G\u00f6ttern kennt, die Angst bekommen, dass ihnen die Erdenb\u00fcrger \u00fcber den Kopf wachsen k\u00f6nnten und sich daher gen\u00f6tigt sehen, ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Passt das zu unserem Gottesbild? Wenn ja, dann h\u00f6chstens zu einem gestrengen Richtergott, der Menschen f\u00fcr ihre \u00dcberheblichkeit streng und nachhaltig bestraft, mit schrecklichen Langzeitfolgen f\u00fcr die ganze Menschheit.<\/p>\n<p>Vielleicht erschlie\u00dft sich der Text jedoch anders und ganz aktuell so: Der moderne Mensch hat Gott als den Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde l\u00e4ngst abgeschafft. Er glaubt an die Evolution, also an eine H\u00f6herentwicklung \u201evon unten\u201c. Er bem\u00fcht sich, mit technischen Mitteln die Logik der Sch\u00f6pfung zum vorgeblich Besseren zu wenden: die Gentechnik manipuliert die Eigenschaften von Bakterien und Pflanzen, die Klonforschung versucht eine nichtsexuelle Lebensweitergabe (die der Pflanzenwelt eigen ist) in der Tierwelt, neuerdingst experimentiert man mit menschlich-tierischen Hybriden (kann man eine Kuh mit einem Menschen kreuzen?). Zugleich gew\u00f6hnen wir uns daran, in k\u00fcnstlichen Welten und von k\u00fcnstlichen Produkten zu leben: Kinder spielen in virtuellen Computerwelten, Holywood l\u00e4sst uns den Beinahe-Weltuntergang life im Kino erleben, die Allltagsgespr\u00e4che ranken sich nicht um die echten Nachbarn sondern um die Figuren aus den endlosen Fernsehserien. Wir trinken Wasser aus Flaschen, \u201eernten\u201c Obst und Gem\u00fcse im Supermarkt, atmen die k\u00fcnstliche Atmosph\u00e4re klimatisierter Geb\u00e4ude und arbeiten bis sp\u00e4t in die Nacht bei k\u00fcnstlichem Licht. Wir bewegen uns mit der Maschine Auto und benutzen die Natur als Sportger\u00e4t, Steinbruch und M\u00fclldeponie. Wir haben uns die Welt nach unseren eigenen Vorstellungen geschaffen und bem\u00fchen nach wie vor den Fortschrittsgedanken um glauben zu machen, wir k\u00e4men damit dem Himmel auf Erden immer n\u00e4her.<\/p>\n<p>Die Erfahrung von immer mehr Zeitgenossen ist dagegen eine andere: Hunger, Seuchen und Kriege lassen nach wie vor einen gro\u00dfen Teil der Menschheit in tiefstem Elend leben. Selbst in den Wohlstandsl\u00e4ndern f\u00fcrchten immer mehr Menschen um ihren Arbeitsplatz und ihre Zukunft, junge wie \u00e4ltere Menschen, gebildete wie ungebildete. Die modernen Anstrengungen, aus eigener Kraft den Himmel auf Erden zu schaffen, haben zu betr\u00e4chtlichen Vorteilen, aber auch zu himmelschreiendem Elend gef\u00fchrt. Sie haben in mancher Hinsicht zu einer vertieften weltweiten V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung beigetragen, aber auch neuen Hass und neue Feindschaft gesch\u00fcrt. Jedenfalls kann sich die Menschheit heute dank atomarer Kr\u00e4fte durch Wahnsinn oder Dummheit innerhalb k\u00fcrzester Zeit selbst vernichten. Ob sie sich jemals selbst den Himmel schaffen kann, bleibt hingegen mehr als fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Die Pfingsterz\u00e4hlung stellt uns dagegen ein anderes Bild vor Augen, wie Menschen einander verstehen und in Einheit zusammenfinden k\u00f6nnen. Wo Menschen sich versammeln, um miteinander das Wort Gottes zu h\u00f6ren und das Ged\u00e4chtnis Jesu Christi zu feiern, werden sie von Gott mit dem Sturm des Heiligen Geistes berauscht. Jeder stimmt daraufhin das Gotteslob an, jeder in seiner eigenen Sprache. Und pl\u00f6tzlich stellen sie fest, dass sie einander auf ganz neue Weise verstehen, \u00fcber alle Verschiedenheiten hinweg \u2013 Pfingsten, der Gegenmythos zur babylonischen Sprachenverwirrung.<\/p>\n<p>Angenommen, wir lassen uns von diesen Schriftstellen inspirieren. Angenommen, wir investieren unsere Kr\u00e4fte und Fantasien darein, statt einer technisch-menschengemachten eine sch\u00f6pfungsgem\u00e4\u00dfe Kulturgestaltung voranzutreiben, wo sich der Mensch wie ein G\u00e4rtner bewundernd und zugleich klug behutsam eingreifend in der Welt bewegt. Wo des Menschen Arbeit, ganz wie in der Gr\u00fcndungsidee der benediktinisch-m\u00f6nchischen Tradition zum Gebet wird, entsteht wie von selbst das Reich Gottes mitten unter uns, und der Himmel auf Erden wird als Geschenk des Heiligen Geistes zumindestens phasenweise zur erlebbaren Realit\u00e4t. Ein antiker Mythos, im modernen Alltag untauglich? Schon viele haben es versucht und sind vom Gegenteil \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Den Alltag beten und sich dabei den Geist Gottes um die Ohren wehen lassen \u2013 und der Himmel ist uns pl\u00f6tzlich zum Greifen nahe; ganz ohne die gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen selbstgebauten T\u00fcrme. Probieren Sie es! Pfingsten kann auch in Ihrem Leben geschehen; einmal und immer wieder.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr.habil. Maria Widl<br \/>\nF\u00e4rberm\u00fchlg. 13\/3\/21<br \/>\nA-1230 Wien<br \/>\nTel\/Fax +43\/ 1\/ 869 57 09<br \/>\nMail: <a href=\"mailto:maria.widl@univie.ac.at\">maria.widl@univie.ac.at<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Turmbau zu Babel | Pfingstmontag | 16. Mai 2005 | Genesis 11,1\u20139 | Maria Widl | &#8222;Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. Als sie von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. 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