{"id":10528,"date":"2005-05-07T19:49:25","date_gmt":"2005-05-07T17:49:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10528"},"modified":"2025-07-03T14:21:11","modified_gmt":"2025-07-03T12:21:11","slug":"genesis-11-1-9-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-11-1-9-3\/","title":{"rendered":"Genesis 11, 1-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Pfingstmontag | 16. Mai 2005 | Genesis 11,1\u20139 | Paul Kluge |<\/h3>\n<p>&#8222;Der Traum von dem einen Hut, unter den alle passen, erweist sich in Wirklichkeit als Alptraum, und der Hutmacher gibt sich zu erkennen als einer, der verschiedene H\u00fcte nicht aush\u00e4lt. Er h\u00e4lt seinen Kopf f\u00fcr die Hauptsache&#8220;. Diese Gedanken, liebe Geschwister, fand ich in einer Predigthilfe als Einstieg in den heutigen Predigttext. Ich denke, dieser Satz ist so etwas wie eine Quintessenz aus dem Predigttext.<\/p>\n<p>(Predigttext)<\/p>\n<p>Eine altbekannte Geschichte, und vielleicht geht es Ihnen bei so vertrauten Geschichten wie mir: Ich wei\u00df dann immer gleich, worauf der Text hinaus will, denn oft schon habe ich immer das Gleiche \u00fcber den Text geh\u00f6rt und gelesen. Da war mir der vorhin zitierte Satz hilfreich, denn er passt so gar nicht zu der g\u00e4ngigen Auslegung des Textes: &#8222;Der Traum von dem einen Hut, unter den alle passen, erweist sich in Wirklichkeit als Alptraum, und der Hutmacher gibt sich zu erkennen als einer, der verschiedene H\u00fcte nicht aush\u00e4lt. Er h\u00e4lt seinen Kopf f\u00fcr die Hauptsache.&#8220; Also noch einmal genau auf das gesehen, was da steht! Dann springt mich ein Satz an: &#8222;Sie sind ein Volk und haben eine Sprache &#8211; und das ist erst der Anfang ihres Tuns; lasst uns hinabfahren und ihre Sprache verwirren.&#8220;<\/p>\n<p>Ja, liebe Geschwister, so weit hatten sie es gebracht, die Babylonier. Gro\u00df waren sie geworden und m\u00e4chtig. Hatten erst die Nachbarst\u00e4dte unterworfen, dann die Nachbarstaaten und schlie\u00dflich auch entferntere L\u00e4nder. \u00dcberall hatten sie ihre Gesetze eingef\u00fchrt, ihre Vorstellungen von Recht und Ordnung, und schlie\u00dflich auch ihre Sprache. Babylonisch war Weltsprache, und im ganzen babylonischen Reich durfte nur Babylonisch gesprochen werden. Den unterworfenen V\u00f6lkern waren ihre Muttersprachen verboten, und wer sie dennoch sprach, dem drohten Verhaftung und Verh\u00f6r. Denn, wer seine Muttersprache sprach, galt als aufs\u00e4ssig, als Widerst\u00e4ndler. Ein Volk sollten sie alle werden, und darum sollten sie alle eine Sprache sprechen, denn wie man spricht, so denkt man. Darum eignet sich Sprache so gut zur Unterdr\u00fcckung. Ein Volk sollten sie werden, ein Reich sein, einen K\u00f6nig haben. Alle unter einem Hut.<\/p>\n<p>Ja, sie hatten es weit gebracht, die Babylonier. Ein Gro\u00dfreich waren sie nun, eine Weltmacht; Wirtschaft und Wissenschaft, Kultur und Technik hatten Weltniveau, und wenn es irgendwo au\u00dferhalb des Staates kleine Unruhen gab, dann eilten sie, dort wieder Ruhe und Frieden herzustellen- und schon war ihr Einflussbereich wieder etwas gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Die Herrschenden von Babylon wurden nicht m\u00fcde zu betonen, ein wie gro\u00dfes und bedeutendes Reich sie seien, und dass jedermann froh sein m\u00fcsse, unter dem Schutz Babylons leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nun kam es aber immer wieder vor, dass hie und da eine unterworfene Stadt, ein erobertes Land seine alte Selbst\u00e4ndigkeit wiederhaben wollte.<\/p>\n<p>In den St\u00e4dten &#8211; und mehr noch auf dem Land, das lange z\u00f6gert, eh es untergeht &#8211; wurden trotz Verbot die eigenen Sitten und Gebr\u00e4uche, die eigene Kultur, die eigene Religion und auch die eigene Sprache gepflegt. Babylon ist weit, sagten sich die Menschen, und wir sind hier. Haben wir nicht gut gelebt mit dem, was uns von den Alten \u00fcberkommen ist, waren unsre Gesetze, unsre Gebr\u00e4uche, waren unsre Lieder und T\u00e4nze, war unsre Religion etwa schlecht? Und in unsrer Sprache verstehen wir uns bestens. F\u00fcr was sollen wir babylonisch lernen, f\u00fcr was andere Gesetze anwenden, f\u00fcr was fremde G\u00f6tter anbeten? La\u00dft uns bei dem bleiben, was f\u00fcr uns richtig war. Das wird f\u00fcr uns auch richtig sein und bleiben. Und sie sprachen ihre Sprache, sangen ihre Lieder, tanzten ihre T\u00e4nze, beteten zu ihren G\u00f6ttern, wie sie es gelernt hatten und wie es f\u00fcr sie richtig war.<\/p>\n<p>Andere zogen es vor, au\u00dfer Landes zu gehen, ihre Heimat, ihre Verwandtschaft zu verlassen und als Fl\u00fcchtlinge im Ausland ihr Leben zu leben. Doch weil die Herrschenden das nicht ertrugen, war jeder Ausreisewillige ein Verbrecher, jeder Fluchtversuch lebensgef\u00e4hrlich. Dabei wollten die Menschen nicht mehr als in Ruhe leben, zu ihren G\u00f6ttern beten, ihre Lieder singen, ihre T\u00e4nze tanzen, ihre Sprache sprechen und sich verstehen.<\/p>\n<p>Solche Gedanken, solche Worte, solche Taten waren den Herrschenden in Babylon ein Graus. Verrat witterten sie und Aufruhr. Mit anderen Worten: Sie bekamen Angst. Denn ihre Macht stand auf den t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen von Gewalt und Unterdr\u00fcckung. So beschlossen sie, ein m\u00e4chtiges Bauwerk zu errichten, beschlossen, ihrer Macht ein Denkmal zu setzen, wie die Welt es noch nicht gesehen hatte. Mit monumentaler Architektur wollten sie Eindruck auf die V\u00f6lker ihres Reiches machen, auf alle V\u00f6lker der Welt. Die Leute w\u00fcrden dann schon sehen, wer die Gr\u00f6\u00dften waren, die St\u00e4rksten, die M\u00e4chtigsten.<\/p>\n<p>Die Herrschenden Babylons zwangen also ihre Untertanen, Ziegel zu brennen, Asphalt zu kochen und einen gewaltigen Turm zu bauen. Er sollte das Symbol f\u00fcr ihre Gr\u00f6\u00dfe und St\u00e4rke werden, und zu ihm sollten alle aufschauen. Er sollte die Menschen einen, er sollte das Reich zusammenhalten und daf\u00fcr sorgen, dass es nicht zerfiel. Denn nichts erschien den Herrschenden gef\u00e4hrlicher als das Nebeneinander verschiedener, gar gegens\u00e4tzlicher Meinungen, als das Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen, unterschiedlicher Religionen und &#8211; vor allem &#8211; unterschiedlicher Sprachen. Denn, wer eine andere Sprache sprach, die sie nicht verstanden, der war f\u00fcr sie nicht kontrollierbar. Und was sie nicht kontrollieren konnten, machte ihnen Angst. Denn, wie gesagt, ihre Macht stand auf den t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen von Gewalt und Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n<p>Darum lie\u00dfen sie sich ein Denkmal bauen, ein m\u00e4chtiges Bauwerk, einen protzigen Palast, wie die Welt, wie die Menschheit es noch nicht gesehen hatte. Kommandierten Bauarbeiter ab aus dem Norden ihres Reiches und dem S\u00fcden, aus dem Osten und aus dem Westen. Die Bauarbeiter kamen, sprachen, wenn \u00fcberhaupt, dann nur gebrochen Babylonisch, verst\u00e4ndigten und verstanden sich untereinander in ihren je eigenen Sprachen. Doch weil die Menschen aus Nord und S\u00fcd und Ost und West verschiedene Sprachen sprachen und weil sie den Mut hatten, sie zu sprechen, herrschte auf der Baustelle bald ein f\u00fcrchterliches Chaos. &#8211; jedenfalls aus der Sicht der M\u00e4chtigen. Aus der Sicht der Menschen herrschte ein buntes, fr\u00f6hliches Durcheinander. Nat\u00fcrlich kam es zu Missverst\u00e4ndnissen, auch zu Streitereien, denn Sich-Verstehen geht nicht ohne Verst\u00e4ndigung. Doch, wenn es \u00b4mal wieder einem der Aufseher partout nicht gelang, einen Auftrag zu erteilen, eine Anweisung zu geben &#8211; die Angesprochenen verstanden ihn einfach nicht &#8211; dann war \u00fcber alle Sprach- und Kulturgrenze hinweg Solidarit\u00e4t sp\u00fcrbar, Sympathie, ein Sich-Verstehen der Herzen.<\/p>\n<p>Die Aufseher verzweifelten oftmals an ihrer Aufgabe, waren oft dran und drauf, ihren Job aufzugeben. Dann kamen sie auf die Idee, aus den Reihen der Arbeiter Aufseher auszubilden; die kannten ja ihre Muttersprache.<\/p>\n<p>Geeignete Menschen wurden ausgesucht und f\u00fcr viel Geld gut ausgebildet, doch wenn sie dann ihre neue Aufgabe wahrnahmen, war alles wie gehabt. Denn sie durften nur Babylonisch sprechen, wie das Gesetz es befahl. Und so blieben die vielen Arbeiter, die ein monumentales Denkmal der Einheit errichten sollten, ein Denkmal der Einheit des babylonischen Reiches, der Einheit des babylonischen Volkes, der Einheit des babylonischen Denkens und der Einheit der babylonischen Sprache, so blieben also die vielen Arbeiter letztlich unregierbar, lie\u00dfen sich nicht unter den einen Einheitshut zwingen, nicht in eine Einheitspartei und nicht in eine Einheitsreligion. Denn sie waren sich einig, dass solche Einheit immer dem einzelnen Menschen das Denken abnimmt, ihn entm\u00fcndigt, seine Einzigartigkeit und Einmaligkeit zerst\u00f6rt, ihm das R\u00fcckgrat bricht. Darum sprachen sie untereinander weiterhin ihre Sprache, obwohl es verboten war, sangen ihre Lieder, tanzten ihre T\u00e4nze, beteten zu ihren G\u00f6ttern und freuten sich \u00fcber die Buntheit und Vielfalt des Menschenm\u00f6glichen ebenso wie \u00fcber die wachsende Hilflosigkeit der Herrschenden. Denn statt der gewollten Uniformit\u00e4t st\u00e4rkten diese indirekt die Pluralit\u00e4t, untergruben durch ihren Einheitswahn ihre eigene Macht.<\/p>\n<p>So kam es, dass aus dem geplanten Monumentalbau eine Bauruine wurde. Denn der Geist Gottes, des allein Allm\u00e4chtigen, hatte zu den Menschen gesprochen, und sie hatten seine Stimme geh\u00f6rt, ein jeder in seiner Sprache, in der er geboren war. Und der Geist Gottes hatte ihnen Mut gemacht und Kraft gegeben, dass sie sich einig waren in ihrer Haltung gegen den Einheitswahn.<\/p>\n<p>Liebe Geschwister, was damals in Babylon geschah, ist lange her. Seit dem hat es immer wieder Versuche gegeben, Menschen, Gruppen, ganze V\u00f6lker unter einen Hut zu zwingen, und immer waren diese Versuche mit Monumentalbauten verbunden. Ich finde es tr\u00f6stlich und ermutigend, dass all diese Versuche genau so gescheitert sind wie damals in Babylon. Um so mehr kann ich mich \u00fcber die Vielfalt und Buntheit der Kulturen und Sprachen, \u00fcber die Vielfalt menschlicher Lebensformen, um so mehr kann ich mich meines Lebens freuen und dem begeistert danken, der diese bunte Vielfalt geschaffen hat. Amen<\/p>\n<p>Gebet: Guter Gott, wir haben geh\u00f6rt und gelesen, haben es zum Teil auch selbst erlebt: Verordnete Gleichheit, erzwungene Einheit haben keinen Bestand. Wo Menschen unter einem Namen etwas aufbauen wollen oder sollen, wo Menschen ihre Eigen-Art einer gro\u00dfen Idee opfern sollen, da bricht alles zusammen.<\/p>\n<p>Denn vielf\u00e4ltig wie deine Sch\u00f6pfung hast du auch die Menschen geschaffen, einen jeglichen nach seiner Art. Das macht das Leben bunt und lebendig, und daf\u00fcr danken wir dir.<\/p>\n<p>Das macht unser Miteinander aber auch schwierig, denn oft verstehen wir einander kaum oder gar nicht. Deshalb w\u00fcnschen wir uns manchmal, dass alle eine Sprache spr\u00e4chen, einen Namen h\u00e4tten. Doch wir sollen deinen Namen heiligen, denn du hast uns bei unseren Namen genannt.<\/p>\n<p>Guter Gott, du hast uns Menschen deinen Geist gegeben, den Geist der Verst\u00e4ndigung trotz aller Missverst\u00e4ndnisse, den Geist der Einigkeit trotz aller Verschiedenheit, den Geist der Freiheit trotz aller Unterdr\u00fcckung, den Geist des Friedens trotz aller Gewalt, den Geist des Trostes trotz aller Trauer. F\u00fcr die Gabe deines Geistes danken wir dir von Herzen und bitten dich f\u00fcr alle Menschen, die sich deinem Geist widersetzen, indem sie Zwang und Gewalt aus\u00fcben, Unfrieden stiften und Vers\u00f6hnung verweigern.<\/p>\n<p>Guter Gott, mit Hoffen und Bangen gehen wir in die neue Woche. Was uns bedr\u00fcckt und was uns beschwingt, bringen wir vor dich und beten gemeinsam: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung, sondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen<\/p>\n<p>Ges\u00e4nge: &#8222;Komm, o komm, du Geist des Lebens&#8220;, Nr. 134, 1 &#8211; 4; &#8222;Jauchzt, alle Lande, Gott zur Ehre&#8220;, Rps 66, 1, 2, 4; &#8222;Strahlen brechen viele&#8220;, Nr 268, 1 &#8211; 5 &#8222;In Gottes Namen fang ich an&#8220;, Nr. 494, 1 + 6<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Paul Kluge, Pastor em.<br \/>\nGro\u00dfer Werder 17<br \/>\n39114 Magdeburg<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Paul.Kluge@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfingstmontag | 16. 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