{"id":10529,"date":"2005-05-07T19:49:23","date_gmt":"2005-05-07T17:49:23","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10529"},"modified":"2025-07-03T14:23:18","modified_gmt":"2025-07-03T12:23:18","slug":"genesis-111-9-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-111-9-2\/","title":{"rendered":"Genesis 11,1\u20139"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 align=\"left\">Pfingstmontag | 16. Mai 2005 | Genesis 11,1\u20139 | Thomas Bautz |<\/h3>\n<p align=\"left\">Gen 11,1\u20139 <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">(*)<\/a><br \/>\n1 Und alle Erdbewohner hatten <em>eine<\/em> Sprache und <em>einen<\/em> Wortschatz. 2 Und es geschah, als sie im Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Sinear und lie\u00dfen sich dort nieder.<br \/>\n3 Da sprachen sie einer zum anderen: Auf, lasst uns Ziegel machen und hart brennen. Und der Ziegel diente ihnen als Stein, und das Erdpech diente ihnen als M\u00f6rtel.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">(1)<\/a> 4 Und sie sagten: Auf, bauen wir uns eine Stadt mit einem Turm und seine Spitze in den Himmel, und machen wir uns einen Namen, damit wir nicht zerstreut werden \u00fcber die gesamte Erdoberfl\u00e4che.<br \/>\n5 Da kam Jahwe herunter, um die Stadt und den Turm zu sehen, welche die Menschenkinder bauten. 6 Und Jahwe sprach: Schau an, ein einziges Volk und eine einzige Sprache f\u00fcr sie alle, und dieses haben sie angefangen zu tun. Nun wird ihnen nichts unm\u00f6glich sein, was sie zu tun gedenken. 7 Auf, steigen wir hinab und verwirren dort ihre Sprache, dass einer des anderen Sprache nicht versteht. 8 Und Jahwe zerstreute sie von dort \u00fcber die gesamte Erdoberfl\u00e4che, und sie h\u00f6rten auf, die Stadt zu bauen.<br \/>\n9 Darum nannte man ihren Namen Babel, weil dort Jahwe die Sprache aller Erdbewohner verwirrte und Jahwe sie von dort \u00fcber die gesamte Erdoberfl\u00e4che zerstreute.<\/p>\n<p>Wie kann ein gro\u00dfes Land regiert oder verwaltet werden? Wo sollte die Priorit\u00e4t liegen?<\/p>\n<p>Konfutse meinte dazu: \u201eIch w\u00fcrde den Sprachgebrauch verbessern.\u201c \u2013 \u201eWenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist; [&#8230;], so kommen die Werke nicht zustande; [&#8230;], so gedeiht die Moral und Kunst nicht; [&#8230;], so trifft die Justiz nicht; [&#8230;], so wei\u00df die Nation nicht, wohin Hand und Fu\u00df setzen. Also dulde man keine Willk\u00fcrlichkeiten in den Worten. Das ist es, worauf alles ankommt.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">(2)<\/a><\/p>\n<p>Wenn die Sprache nicht stimmt; wenn einer am anderen vorbeiredet; wenn Menschen zwar das gleiche Wort verwenden, sich aber Verschiedenes dabei denken oder Unterschiedliches damit verbinden. Wenn gewichtige, bedeutsam anmutende Reden sich allzu oft als blo\u00dfe Lippenbekenntnisse zeitigen. Wenn ein Wort sowohl zum Segen wie auch zum Fluch werden kann, indem es seines urspr\u00fcnglichen Sinnes beraubt, v\u00f6llig entleert oder seine Bedeutung sogar ins Gegenteil verkehrt wird. \u2013 Dann erkennen wir, dass die sprichw\u00f6rtliche \u201ebabylonische Sprachverwirrung\u201c bereits innerhalb <em>einer<\/em> Sprache die Verst\u00e4ndigung in der Gesellschaft \u2013 zwischen verschiedenen sozialen Schichten, zwischen unterschiedlichen Interessengruppen, zwischen den Generationen, zwischen den Kulturen, zwischen den Konfessionen, zwischen den Religionen wie auch zwischen den politischen und weltanschaulichen Systemen <em>eines<\/em> Landes \u2013 wesentlich erschwert.<\/p>\n<p>Nach biblischem Ma\u00dfstab kommt es weniger auf die Einheitlichkeit des Sprachgebrauchs an, vielmehr sollen Wort und Rede <em>eindeutig<\/em> sein. Stattdessen treffen wir immer wieder auf ver-wirrende und entt\u00e4uschende Ambivalenzen. \u2013 In einem Jahr des weltpolitischen Umbruchs hat V\u00e1clav Havel in seiner Rede anl\u00e4sslich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels \u2013 1989 \u2013 einige solcher Vieldeutigkeiten provozierend, aber deutlich entlarvt, indem er r\u00fcckblickend die Sprache ber\u00fchmter Ideologen wie Lenin und Marx, aber auch die Sprache theoretischer Systeme \u2013 wie etwa der Psychoanalyse Freuds \u2013 kritisch hinterfragt.<\/p>\n<p>Der ehemalige tschechische B\u00fcrgerrechtler und Schriftsteller wurde wegen seines mutigen Engagements f\u00fcr Frieden und B\u00fcrgerrechte in seinem Land mehrfach inhaftiert; er erhielt keinen Pass f\u00fcr die Ausreise nach Frankfurt a.M., um den Friedenspreis pers\u00f6nlich empfangen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>V\u00e1clav Havel mag als Beispiel f\u00fcr Menschen dienen, die sich der Macht einer ideologischen Einheitssprache entziehen, indem sie deren verr\u00e4terischen Vieldeutigkeiten aufdecken, und die es aber bei der Kritik nicht bewenden lassen. Vielmehr stehen diese K\u00e4mpfer f\u00fcr Freiheit und Frieden auch f\u00fcr den konsequenten Willen zum eigenen Denken. Sie scheuen sich nicht, selber das Wort zu ergreifen und eigenverantwortlich zu handeln.<\/p>\n<p>Eigenst\u00e4ndiges Denken ist die Voraussetzung der gelebten Freiheit. Es ist \u2013 nicht nur in einer Diktatur \u2013 oftmals mit Entbehrungen, Einschr\u00e4nkungen und Anfeindungen, vor allem auch mit Einsamkeit verbunden. Diese Einsamkeit des Denkens bewirkt aber auch erst die notwendige kreative Distanz gegen\u00fcber den M\u00e4chtigen.<\/p>\n<p>Wir leben \u2013 verfassungsrechtlich gesehen \u2013 in einer Demokratie. Die B\u00fcrger unseres Landes haben Grundrechte, darunter auch das Recht auf eine eigene Meinung, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, das Recht auf freie Religionsaus\u00fcbung und vieles andere mehr.<\/p>\n<p>Aber werden diese Grundrechte hinreichend genutzt? Viele Menschen sind unzufrieden, sehen aber auch wenig oder gar keine M\u00f6glichkeiten, sich wirksam f\u00fcr eine entscheidende Verbesserung der wirtschaftlichen, sozialen Lage einzusetzen. Das betrifft mehrere Ebenen: in Parteien, in Vereinen, in K\u00f6rperschaften, in Schulen, in der Kirche usw. \u2013 die verschiedenen Institutionen best\u00e4tigen und beklagen das r\u00fcckl\u00e4ufige Engagement; man hat Nachwuchssorgen.<\/p>\n<p>Als m\u00f6gliche Ursachen werden meist Resignation, R\u00fcckzug ins Privatleben, Bequemlichkeit und mangelndes Interesse am Gemeinwohl diagnostiziert. Das alles wird sicher auch eine Rolle spielen, aber ist diese Diagnose nicht allzu vordergr\u00fcndig?<\/p>\n<p>Erinnern wir uns an den chinesischen Weisheitslehrer, Konfutse, der sich alles von einer Verbesserung des Sprachgebrauchs erhofft, was Politik, Wirtschaft und Soziales, Bildung, Moral und Kunst, Recht und Handeln der Menschen betrifft.<\/p>\n<p>Wie steht es um den Sprachgebrauch in unserer Gesellschaft? D\u00fcrfen wir davon ausgehen, dass die meisten Menschen ihre eigene Sprache gefunden haben? Oder m\u00fcssen wir nicht vielmehr argw\u00f6hnen, dass viele l\u00e4ngst unmerklich im jeweiligen Strom verschiedener Einheitssprachen mitschwimmen. Da gibt es die Sprache der Massenmedien, das Geplapper der Unterhaltungsbranche, das Ges\u00e4usel des leichten Entertainments, das Gezeter vieler Talkshows; das oft monotone und durch aufgeregtes Gestikulieren meist hilflos wirkende, Glaubw\u00fcrdigkeit einh\u00e4mmernde Geschw\u00e4tz mancher Politiker und so manch anderes leblos und dabei wom\u00f6glich noch lieblos erscheinende Wort schlechter Rhetoriker und selbst ernannter Propheten.<\/p>\n<p>Unser Altbundespr\u00e4disent Roman Herzog setzte in einer Ansprache im Hinblick auf die Zukunft unseres Landes seine Hoffnung auf die Jugend und lobte deren wachsende Einsatzbereitschaft f\u00fcr andere \u2013 im Kleinen. Das ist sicher richtig und dankenswert. Aber schauen wir uns einmal den Sprachgebrauch vieler Jugendlicher an: Alles ist \u201ecool\u201c, und kein Mensch wei\u00df, was das jeweils bedeuten soll \u2013 wahrscheinlich ebenfalls \u201ealles\u201c und dadurch gleicherma\u00dfen auch \u201enichts\u201c. Wer meint, dies w\u00e4re doch nur eine vor\u00fcbergehende Erscheinung, die sich mit dem Erwachsenenwerden von selbst erledigt, verkennt m.E. die Eigenm\u00e4chtigkeit der Sprache.<\/p>\n<p>Von Martin Heidegger stammt der Gedanke, die Sprache sei \u201edas Haus des Seins\u201c.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">(3)<\/a><\/p>\n<p>Menschen f\u00fchlen sich dort wohl und geborgen, wo man ihre Sprache spricht. Die Vielfalt und Verschiedenheit der Sprachen ist f\u00fcr die einen durchaus interessant, weckt Neugier und regt an zu polyglotten Abenteuern; f\u00fcr die anderen ist die Sprachenvielfalt eher verwirrend und abschreckend. Wer h\u00e4ufiger mit G\u00e4sten oder B\u00fcrgern aus dem Ausland ins Gespr\u00e4ch kommt, kann erleben, wie freudig diese auf ihre Muttersprache reagieren \u2013 und seien es nur ein paar Worte aus dem Munde eines Deutschen. Umgekehrt sind wir auch froh, wenn wir unsere Sprache auf Reisen im Ausland h\u00f6ren, oder wenn dort jemand sogar der deutschen Sprache m\u00e4chtig ist.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, was bedeutet es \u00fcberhaupt: \u201eeiner Sprache m\u00e4chtig sein\u201c \u2013 \u201eeine Sprache beherrschen\u201c. Das ist doch gar nicht so einfach. Sp\u00e4testens, wenn Ausl\u00e4nder uns auf unsere eigene Sprache hin befragen: nach Sinn und Zweck grammatischer Ph\u00e4nomene, aber auch nach Bedeutungsnuancen, werden wir dessen gewahr, ob wir unsere Sprache auch bewusst gebrauchen k\u00f6nnen. Dies setzt n\u00e4mlich voraus, dass wir dar\u00fcber nachdenken.<\/p>\n<p>Viele ausl\u00e4ndische Mitb\u00fcrger sind auf unsere Mithilfe angewiesen, was das Erlernen der deutschen Sprache betrifft. Wer hier als Ausl\u00e4nder beruflich weiterkommen will, muss tiefer in die Sprache eindringen, als es z.B. ein Sprachlehrgang \u2013 etwa am Goetheinstitut, an einem Studienkolleg oder an der Volkshochschule \u2013 zu vermitteln vermag.<\/p>\n<p>Ein Perser, der in K\u00f6ln studierte, sagte mir einmal, er wolle \u201eDeutsch denken lernen\u201c; d.h. er wollte die Struktur und das Wesen unserer Sprache kennenlernen und soweit wie m\u00f6glich ausloten. Haben wir eine Fremdsprache endlich intensiv erlernt, so dass wir z.B. Englisch flie\u00dfend sprechen, schreiben, denken, beten und tr\u00e4umen, so sagen wir gern: Jetzt bin ich im Englischen zu Hause. Aber wie schnell werden wir dieser neuen Heimat wieder entfremdet, je weniger wir die Sprache pflegen, je seltener wir sie m\u00fcndlich wie schriftlich gebrauchen!<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der eigenen Sprache \u2013 im \u00fcbertragenen Sinne: Auch sie muss erlernt werden, was meist m\u00fchevoll, aber auch lohnend ist. Denn mit der eigenen, individuellen Sprache erobern wir uns Teile der Welt zur\u00fcck, die durch massenmedialen, klischeehaften Gebrauch ihrer Bedeutsamkeit beraubt wurden, indem ihr Sinn entstellt, ihre Bedeutung verwischt oder ihre urspr\u00fcngliche Pr\u00e4gnanz durch allzu h\u00e4ufigen Gebrauch v\u00f6llig abgenutzt worden ist. \u2013 \u201eLove is just a four letter word\u201c, h\u00f6rt man im englischsprachigen Lied einer bekannten S\u00e4ngerin. \u2013 \u201eGott ist Liebe\u201c, sagen die Frommen und k\u00f6nnen sich dabei auf einen Brief des Johannes im Neuen Testament der Bibel berufen. Aber was \u201eLiebe\u201c tats\u00e4chlich ist, wie sie jeweils erfahrbar wird, muss jeder Mensch f\u00fcr sich selbst und mit einem anderen \u2013 eben von ihm begehrten und geliebten \u2013 Menschen selbst erleben. Entt\u00e4uschungen sind dabei nicht ausgeschlossen, sondern geh\u00f6ren zum Reifungsprozess.<\/p>\n<p>Das Erlernen und Entdecken oder auch die Neuerkundung der eigenen Sprachwelt n\u00e4hrt sich von der Lekt\u00fcre, lebt aber auch vom Gespr\u00e4ch; denn es ist die Sprache des anderen, der Austausch mit anderen Menschen, besonders mit \u00e4lteren, reiferen Pers\u00f6nlichkeiten, deren Lebenserfahrung und sprachliche Pr\u00e4gung unser Denken anregen oder auch zum Widerspruch reizen. Die innere Zwiesprache mit Literatur wie auch der lebendige Dialog mit Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft und Bildung; die Kommunikation mit anderen Generationen \u2013 der Austausch zwischen \u201eJung\u201c und \u201eAlt\u201c; der Wille, dem anderen auch zuzuh\u00f6ren; die Bereitschaft, voneinander etwas zu lernen \u2013 all das geh\u00f6rt grundlegend zu einer Gespr\u00e4chskultur, die unser Land so dringend n\u00f6tig hat. Nur auf diesem Weg l\u00e4sst sich der Sprachgebrauch \u2013 wie es Konfutse vorschwebte \u2013 verbessern.<\/p>\n<p>Statt einer Rechtschreibreform, die von vielen B\u00fcrgern, von Sprachwissenschaftlern und einigen Verlagen von Anfang an als fragw\u00fcrdig angesehen wurde, bed\u00fcrfen wir einer neuen, ernsthaften F\u00f6rderung des Sprachbewusstseins und der Bef\u00e4higung zu klarer, eindeutiger Rede. F\u00fcr \u00f6ffentliche \u00c4mter und Aufgaben, die beruflich st\u00e4ndig mit der Sprache umzugehen haben, sollte w\u00e4hrend der beruflichen Ausbildung und auch sp\u00e4ter im Sinne einer obligatorischen Weiterbildung wieder Rhetorik als Pflichtfach eingef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Das Eintreten f\u00fcr eine Verbesserung des Sprachgebrauchs ist nicht nur eine bildungspolitische und schon gar nicht eine rein linguistische Aufgabe. Vielmehr verbindet sich damit der Appell zur <em>Verantwortung f\u00fcr die Sprache <\/em>und gegen\u00fcber der Sprache, und dies ist \u201eeine wesenhaft sittliche Aufgabe\u201c,<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">(4)<\/a> geh\u00f6rt also in den Bereich der Ethik.<\/p>\n<p>Mit dem Wort, mit der Sprache verbinden sich keineswegs nur die grammatikalische Form, die etymologische Herkunft und die Bedeutung einzelner W\u00f6rter \u2013 mit der Sprache sind vielmehr auch die jeweils sprechende Person, die Situation und die Motivation verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Deshalb kann dasselbe Wort \u201eeinmal dem\u00fctig und ein anderes Mal hochm\u00fctig\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">(5)<\/a> gebraucht werden. V\u00e1clav Havel nennt \u2013 wie gesagt: durchaus provozierend, aber deutlich \u2013 W\u00f6rter wie Sozialismus, \u201ePerestrojka\u201c, Frieden und sogar \u201edas Wort Christi\u201c.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">(6)<\/a><\/p>\n<p>Welche Wirkung hatte \u201edas Wort Christi?\u201c \u201eWar es der Anfang der Geschichte der Erl\u00f6sung und einer der machtvollsten kulturschaffenden Impulse in der Weltgeschichte \u2013 oder war es der geistige Urkeim der Kreuzz\u00fcge, Inquisitionen, der Ausrottung der amerikanischen Kulturen und schlie\u00dflich der gesamten widerspr\u00fcchlichen Expansion der wei\u00dfen Rasse, die so viele Trag\u00f6dien verursacht hat, einschlie\u00dflich der, da\u00df heute der gr\u00f6\u00dfte Teil der menschlichen Welt in die traurige Kategorie einer angeblich erst Dritten Welt f\u00e4llt?\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">(7)<\/a><\/p>\n<p>Freilich: Es gibt bei uns inzwischen vielerorts diese Eine-Welt-L\u00e4den, und es geschieht viel Gutes und Hilfreiches durch kirchliche wie auch nichtkirchliche Organisationen, was f\u00fcr die Einzelnen oft mit Uneigenn\u00fctzigkeit, pers\u00f6nlichem Verzicht und mitunter mit k\u00f6rperlichen Strapazen wie auch seelischen Belastungen verbunden ist.<\/p>\n<p>Gleichzeitig aber gibt es nach wie vor den Missbrauch von Macht, indem Menschen die Sprache f\u00fcr ihre eigenen Zwecke und egozentrischen Ziele missbrauchen, und sie schrecken keineswegs davor zur\u00fcck, sich dabei religi\u00f6ser Sprache zu bedienen.<\/p>\n<p>Haben nicht schon Propheten des alten Israel vor Pseudo- oder L\u00fcgenpropheten gewarnt? Hat nicht bereits Jesus von Nazareth vor denen gewarnt, die nach ihm kommen werden und vor denen man sich in Acht nehmen solle, weil sie nach au\u00dfen wie Schafe, aber von innen her wie rei\u00dfende W\u00f6lfe sind? Hat der Nazarener in seiner ber\u00fchmten Bergpredigt nicht deutlich gesagt, dass es nicht gen\u00fcgt, sich auf Seinen Namen zu berufen, selbst wenn man mit seinen Taten dem entspricht, wozu er damals diejenigen erm\u00e4chtigte, die sich ihm anschlossen bzw. in seine Nachfolge traten?<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">(8)<\/a><\/p>\n<p>Im Namen Jahwes, im Namen Gottes, im Namen Christi und im Namen Allahs ist bis heute immer wieder viel N\u00fctzliches und Segensreiches getan worden \u2013 aber leider auch schier unermessliches Leid, Zerst\u00f6rung und Vernichtung im Namen der Religion.<\/p>\n<p>Gibt es ein Kriterium, wonach wir unterscheiden k\u00f6nnen, ob jemand sich zu Recht oder zu Unrecht auf den Namen Jesus des Christus oder auf den Namen Gottes beruft?<\/p>\n<p>Nun, wenn die Grundhaltung eines Menschen, einer Gruppe oder Gemeinschaft diejenige des Gebets ist \u2013 in aufrichtiger Haltung vor dem Sch\u00f6pfer, im Vertrauen wie ein Kind, nach dem Willen des himmlischen Vaters fragend; wenn uns der \u201eName des Herrn\u201c wirklich heilig ist und wir mit unserem Leben zu seiner Heiligung beitragen wollen, wie es die erste Bitte des Vaterunsers zum Ausdruck bringt. Wenn wir tats\u00e4chlich damit \u00fcbereinstimmen, dass Sein Reich komme und Sein Wille geschehe \u2013 wie im Himmel so auf Erden [!], d\u00fcrfen wir nach der Verhei\u00dfung des Nazareners um alles bitten und darauf vertrauen, dass es geschehe.<\/p>\n<p>Auch wenn sich nur eine kleine Gruppe \u00fcber eine Sache einig wird, in dieser Hinsicht \u201eeines Sinnes\u201c ist und sich \u2013 im soeben erl\u00e4utertem Sinn \u2013 auf Seinen Namen hin versammelt, wird ihr Anliegen bei Gott Erh\u00f6rung finden.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">(9)<\/a><\/p>\n<p>Die mythische Erz\u00e4hlung von der Sprachverwirrung warnt davor, sich seinen eigenen Namen im Sinne selbstherrlicher Machtvorstellungen machen zu wollen. Nicht zuf\u00e4llig wird dieser letzte Teil der biblischen Urgeschichte mit einem der mesopotamischen Machtzentren in Verbindung gebracht, deren gro\u00dfe Stadt Babel sp\u00e4ter zum Symbol widerg\u00f6ttlichen Hochmuts und Frevels wurde.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">(10)<\/a><\/p>\n<p>Ein Teil der damaligen Menschheit will sich einen Namen machen, damit sowohl die Einheitssprache wie auch die eigene Identit\u00e4t gewahrt bleiben. Zu diesem Zweck wollen sie sich eine Stadt bauen und einen Turm errichten, der mit der Spitze \u201ebis zum Himmel ragt\u201c. Die technischen M\u00f6glichkeiten und die architektonische Kompetenz sind vorhanden. Der hebr\u00e4ische Text bringt das sprach\u00e4sthetisch durch Wortspiele zum Ausdruck, was auch arch\u00e4-ologisch l\u00e4ngst durch entsprechende Funde belegt wurde: Man war damals im Alten Orient nicht mehr auf Naturstein angewiesen, sondern baute mit Ziegeln und Asphalt.<\/p>\n<p>Eine Parallele zu den Tempel- und Turmbauten in Mesopotamien bietet die biblische Erz\u00e4hlung vom sog. \u201eTurmbau zu Babel\u201c allerdings nicht; denn die Zikkurat-Tempel der alten V\u00f6lker (Sumerer, Babylonier, Assyrer) hatten eine ganz positive, religi\u00f6se Bedeutung; sie dienten der Verehrung der Hauptgottheit. Davon zeugen noch die alten Bezeichnungen \u2013 z.B. \u201eHaus der Grundlegung des Himmels und der Erde\u201c, \u201eHaus der sieben Fundamente des Berges des Universums\u201c, \u201eHaus des (g\u00f6ttlichen) K\u00f6nigs, Beraters in Gerechtigkeit\u201c, \u201eHaus des Bandes von Himmel und Erde\u201c.<\/p>\n<p>In Babylon wurde mit diesen Tempeln und den dazu errichteten T\u00fcrmen die Hauptgottheit, Marduk, verehrt, der vor allem als Sch\u00f6pfer und Erhalter von Himmel und Erde galt. Der durch den Turmbau jeweils zum Ausdruck gebrachte Drang zum Himmel ist \u201eals Drang in die N\u00e4he Gottes zu verstehen\u201c.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">(11)<\/a><\/p>\n<p>Ganz anders die biblische Erz\u00e4hlung, die den Bau der Stadt und des Turms mit dem Wahn einer Einheitssprache und einer utopischen V\u00f6lkergemeinschaft unter einem Namen verbindet. Dieses Unterfangen muss Jahwe \u2013 der Logik der Urgeschichte folgend \u2013 unterbinden, denn die V\u00f6lkervielfalt und damit implizit auch die Sprachenvielfalt ist l\u00e4ngst beschlossene Sache und wird in Genesis 10 (also ein Kapitel vorher) bereits vorausgesetzt.<\/p>\n<p>Freilich: Die \u201eHeilsversprechungen der Einheitssprache\u201c sind verf\u00fchrerisch; es ist bequem, den Sprachgebrauch \u2013 auch die Sprache des Glaubens \u2013 der anderen einfach zu \u00fcbernehmen, \u201esich im Man der Allgemeinheit zu verlieren und die Selbstverantwortung einfach zu vergessen\u201c. Wer sich \u2013 auch sprachlich \u2013 anpasst, der hat Erfolg. Wer keine Widerworte hat, der wird geliebt. \u201eWer die Stimme nicht erhebt, der hat ein gutes Leben. Kurzum: <em>Wer in der Einsprachigkeit lebt, der kann sich mit den Vielen einen Namen machen<\/em>.\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">(12)<\/a> \u2013<\/p>\n<p>Wer zu Ungerechtigkeiten, Verlogenheiten und Widerspr\u00fcchen schweigt und statt dessen den herrschenden Sprachgebrauch \u2013 z.B. die Rede von sog. \u201eSachzw\u00e4ngen\u201c \u2013 pflegt, der f\u00fchrt vermutlich ein ruhiges, relativ unbelastetes Leben. Aber dieser Mensch hat auch seine eigene Sprache und damit sich selbst und seinen Namen verloren.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber will uns das Pfingstfest daran erinnern, dass die menschliche Sprache ein Wunder ist und die gl\u00fcckende Verst\u00e4ndigung untereinander letztlich auf das Wirken und den Zuspruch des Sch\u00f6pfers angewiesen ist. Er nennt jeden beim Namen und verbindet mit der pers\u00f6nlichen Berufung zugleich einen individuell angemessenen Anspruch:<\/p>\n<p><em> \u201eF\u00fcrchte dich nicht, denn ich erl\u00f6se dich; ich rufe dich bei deinem Namen, mein bist<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a>(*) Eigenst\u00e4ndige \u00dcbersetzung des Verfassers. \u2013 Zur fruchtbaren Heranziehung von Auslegungen aus j\u00fcdischen Quellen (allgemein:) Tim Schramm: \u201eDie Bibel ins Leben ziehen\u201c. Bew\u00e4hrte \u201ealte\u201c und faszinierende \u201eneue\u201c Methoden lebendiger Bibelarbeit (2003): Midrasch [&#8230;], 115\u2013123; (zur Perikope:) Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen. Band 1 (1986), 65\u201374.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><\/a> (1) Die Sprach\u00e4sthetik des Hebr\u00e4ischen in Gestalt der Anreicherung mit Alliterationen an dieser Stelle wenigstens ann\u00e4hernd nachahmend, hat Martin Buber folgenderma\u00dfen \u00fcbersetzt: \u201e[&#8230;] Backen wir Backsteine und brennen wir sie zu Brande! So war ihnen der Backstein statt Bausteins und das Roherdpech [&#8230;] statt Roherdm\u00f6rtels.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><\/a> (2) Zitiert nach Franz Calvelli-Adorno: \u00dcber die religi\u00f6se Sprache. Kritische Erfahrungen (1965): Vorwort, 9.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\"><\/a> (3) Zitiert nach: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft. Teilband 31. Quellenband 1: Im Haus der Sprache (1983): Einf\u00fchrung (Werner Ross), 15\u201324: 19f (Heidegger im \u201eHumanismus-Brief\u201c).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\"><\/a> (4) V\u00e1clav Havel: Slovo o slovu \u2013 Ein Wort \u00fcber das Wort, in: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1989. Ansprachen aus Anla\u00df der Verleihung (1989), 41\u201369: 69 [Tschechisch und Deutsch], auf Wunsch von V\u00e1clav Havel verlesen von Maximilian Schell, der damals von Moskau [!] anreiste.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\"><\/a> (5) V\u00e1clav Havel (1989), 55\u201369: 68.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\"><\/a> (6) V\u00e1clav Havel (1989), 61\u201366.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\"><\/a> (7) V\u00e1clav Havel (1989), 61.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\"><\/a> (8) Vgl. Mt 7, 21\u201323.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\"><\/a> (9) Vgl. Mt 18, 19\u201320.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\"><\/a> (10) Vgl. Jes 14, 12\u201321; Ez 28, 1\u201319; siehe auch die Apokalypse des Johannes: Offb 14, 8; 18, 2.10.21. u.\u00f6.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\"><\/a> (11) Hans Heinrich Schmid: Die Steine und das Wort. Fug und Unfug biblischer Arch\u00e4ologie (1975), 90\u2013108: 104.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\"><\/a> (12) Christof Landmesser [B]: \u201eOffene Fragen: Der Abgrund der Sprache\u201c, PSt 2004\/ 2005 (2005), 25\u201328: 26f.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Thomas Bautz<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfingstmontag | 16. Mai 2005 | Genesis 11,1\u20139 | Thomas Bautz | Gen 11,1\u20139 (*) 1 Und alle Erdbewohner hatten eine Sprache und einen Wortschatz. 2 Und es geschah, als sie im Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Sinear und lie\u00dfen sich dort nieder. 3 Da sprachen sie einer zum anderen: Auf, lasst [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,1,2,727,157,853,114,744,349,392,109,209],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10529","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-genesis","category-aktuelle","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-11-chapter-11-genesis","category-kasus","category-pfingstmontag","category-predigten","category-thomas-bautz"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10529","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10529"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10529\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24834,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10529\/revisions\/24834"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10529"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10529"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10529"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10529"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10529"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10529"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10529"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}