{"id":10530,"date":"2005-05-07T19:49:15","date_gmt":"2005-05-07T17:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10530"},"modified":"2025-07-03T14:24:38","modified_gmt":"2025-07-03T12:24:38","slug":"jesaja-6-1-13-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-6-1-13-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 6, 1-13"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Trinitatis | 22. Mai 2005 | Jesaja 6, 1-13 | Friedrich Schleinzer |<\/span><\/h3>\n<p><strong>Berufung des Jesaja <\/strong><\/p>\n<p>\u201eIn dem Jahr als der K\u00f6nig Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum h\u00fcllte den Tempel\u201c.<\/p>\n<p>Nun geht es um konkrete Menschen, Situationen und genaue Zeit- und Ortsangaben.<br \/>\nWir k\u00f6nnen uns nicht in das allgemeine, unverbindliche Unbekannte und Unpers\u00f6nliche fl\u00fcchten. Es geht in unserem Tun immer um konkrete Menschen, ihr Schicksal, ihr Leid, aber auch ihre Freuden &#8211; sie haben Namen. Ihnen st\u00f6\u00dft heute, zu einem bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort etwas zu. Sie erz\u00e4hlen dann, wann und wie etwas geschehen ist und ihr Leben vielleicht entscheidend ver\u00e4ndert hat. (Ich denke an den schweren Unfall eines Bekannten, der nun gel\u00e4hmt im Rollstuhl sitzt und sein Bewusstsein nur zum Teil wieder erlangt hat. Keine Berufungsgeschichte \u2013 eine Ungl\u00fccksgeschichte). F\u00fcr Jesaja war seine Berufung 739 v. Chr. im Todesjahr des K\u00f6nigs Usija wichtig. In diese Zeit f\u00e4llt das erz\u00e4hlte Erlebnis:<\/p>\n<p>\u00dcber die Berufungsgeschichte des Jesaja zu reden ist f\u00fcr uns vorerst eine \u201everworrene Vision\u201c, die im Himmel und zugleich auf Erden stattfindet, und zwar so intensiv, dass der Tempel bzw. die Tempelschwelle bebt.<\/p>\n<p>Wir sind geneigt gleich Zuflucht zu nehmen bei dem \u00fcberzeugenden Satz von Jesaja: \u201eHier bin ich, sende mich\u201c (Vers 8). Wir kennen diesen erhabenen Satz aus kirchlichen Sendungsfeiern und haben ihn vielleicht selbst im festen Glauben feierlich gesprochen.<\/p>\n<p>Wie oft aber haben wir solche oder \u00e4hnliche S\u00e4tze leichtfertig und wenig \u00fcberlegt gesagt. Wir haben vielleicht eine feste Zusage in der Gemeinde gegeben, die uns sp\u00e4ter reut. So \u00e4hnlich ergeht es mir, wo ich nach der Zusage zur Predigt bedauere, es getan zu haben. So schwierig gestaltet sich jetzt meine Sendung, diese Worte auszulegen.<\/p>\n<p>Der Zeitpunkt der Berufung des Jesaja war eine epochale Z\u00e4sur. Gott, der das Heil der Menschen im Auge hat, musste feststellen, dass Israel sich immer mehr von seinem Gott und seinen Weisungen, die ein Gelingen des Lebens zum Inhalt haben, entfernte. Die prophetischen Warnungen der Zeitgenossen Jesaja (740-700 v. Chr.) &#8211; Hoseja (760-722 v. Chr.), Micha (742-687 v. Chr.) und seines Vorg\u00e4ngers Amos (ca. 760 v. Chr.) &#8211; fruchteten nicht, obwohl Gott sein Volk mit Liebesbeweisen \u00fcbersch\u00fcttet hatte, die u.a. in einer friedlich gl\u00fccklichen ca. 50-j\u00e4hrigen Regierungszeit des K\u00f6nigs Usijas f\u00fcr jeden erfahrbar war.<\/p>\n<p>Heute wie damals glauben wir oft, wenn es uns gut geht, dass dies unsere eigene Leistung ist und wir vergessen oft, dass wir sie Jemandem zu verdanken haben. Denn unsere eigene Geschichte f\u00e4ngt nicht bei einem Nullpunkt an, sondern wir sind in einen Plan, in eine Geschichte hineingestellt. Es gab Menschen, die uns liebten, die das Fundament daf\u00fcr legten, dass es uns heute gut geht (denken wir an die Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in gro\u00dfer pers\u00f6nlicher Entbehrung Wiederaufbau geleistet haben, so dass es bei uns Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit gibt). Viele erkannten ihre eigene Schuld und die eigene Ohnmacht gegen\u00fcber einer t\u00f6dlichen Ideologie. Das Netz des Terrors hatte alle gefangen und der Friede wurde als Befreiung bzw. Erl\u00f6sung erlebt und die meisten haben Gott daf\u00fcr gedankt.<\/p>\n<p>Heute, wo wir mehr als fr\u00fcher unser pers\u00f6nliches Wohlergehen im Auge haben, d\u00fcrfen wir nicht vergessen, dass es uns auch deshalb gut geht, weil N\u00e4chste, Ferne und Nahe es uns erm\u00f6glichen. Das f\u00e4ngt in der Familie an, setzt sich in der Schule und am Arbeitsplatz fort und funktioniert, weil die sozial-caritativen oder \u00f6ffentlichen Dienste von engagierten und kompetenten Menschen getragen werden. Wir vergessen also gerne, dass wir Gott in diesem N\u00e4chsten begegnen. W\u00fcrden wir nur ansatzweise danach leben, w\u00e4ren die Probleme zwar nicht aus der Welt geschaffen, doch ein Ansatzpunkt einer L\u00f6sung gefunden. \u201eDu sollst dich nicht r\u00e4chen, noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volkes, du sollst deinen N\u00e4chsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr.\u201c (Lev 19,18). Diese goldene Regel ist gehalten durch den Herrn. Liebst du den Herrn, dann kannst du das Gebot erf\u00fcllen, weil er dir die Kraft gibt und weil er dir im N\u00e4chsten begegnet und Begegnung ist Annahme des N\u00e4chsten. Auch andere V\u00f6lker, Kulturen und Religionen kennen eine solche Regel.<\/p>\n<p>Die Theophonie, von der berichtet wird, verleiht dem berufenen Jesaja die Autorit\u00e4t und st\u00e4rkt ihm das R\u00fcckgrat, denn er erf\u00e4hrt Vergebung, um Vernichtung zu predigen. Allein sein Wissen, dass er als Teil des Volkes ebenfalls schuldbeladen ist, gen\u00fcgt, dass er ents\u00fchnt wird. Zugeben, dass man schuldig ist &#8211; das ist ein schweres Einbekenntnis, ein manchmal Unm\u00f6gliches. Schuld wird psychologisch weggeredet, zugedeckt, auf andere verteilt, auf jeden Fall von sich weg geschoben. Jesaja wusste darum. Das Wort Verzeihung im Sinn der Vergebungsbitte finden wir in der Bu\u00dfliturgie. Wir kennen das Wort \u201eBist du in Unfrieden mit deinem Bruder\/deiner Schwester, dann bitte zuerst um deren Verzeihung und dann wird dir der Herr ebenso vergeben\u201c. So hei\u00dft es in der Vater-unser-Bitte: \u201eUnd vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern\u201c (Mt 6,12).<\/p>\n<p>Gott \u00fcberfordert keinen Menschen. Er fr\u00e4gt nach, er will Ja sagen zu uns, zu unserer pers\u00f6nlichen Freiheit, die uns mit unserem Menschsein geschenkt ist. Unser Ja zu Gott ist bindend und zugleich befreiend, l\u00e4sst selbst \u00dcbermenschliches entstehen, weil es mit der Kraft Gottes im Heiligen Geist getan werden kann (denken wir an Menschen, denen wir nachsagen, dass sie \u00dcbermenschliches geleistet haben, ihre Spuren in unserem pers\u00f6nlichen Leben oder in der Geschichte unseres Landes hinterlassen haben).<\/p>\n<p>Jesaja sprach sein Ja: \u201eHier bin ich, sende mich!\u201c (Jes 6,8), ohne zu wissen, welche Aufgabe er zu erf\u00fcllen hatte. Doch in seinem Ja ist Glaube, Hoffnung und Liebe zu dem einen Gott geronnen und im Wissen, dass er mit Gott Mauern \u00fcberspringen kann wagt er es (vgl. Psalm 18,30). Es liegt oft an unserem Kleinglauben, dass wir das Ja nicht oder nur z\u00f6gernd \u00fcberzeugt sagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Botschaft, die Jesaja zu verk\u00fcnden hat, ist keine Lug- und Trugverk\u00fcndigung. Doch weil die Menschen f\u00fcr die Botschaft Gottes oft kein Sensorium mehr haben, verfehlt die Botschaft die rettende und heilschaffende Wirkung. Der Mensch verrennt sich weiter in sein Ungl\u00fcck, weil er die frohmachende Botschaft des Lebens verkennt (wer die Zeichen der Zeit zu lesen im Stande ist, der wird gen\u00fcgend Beispiele finden, wo genauso gehandelt wird). Gegen eine solche Gefahr der Selbstverirrung beten wir im Vater unser: \u201eUnd f\u00fchre uns nicht in Versuchung\u201c (Mt 6,13). Damit ist gemeint, Gott m\u00f6ge uns aus jeglicher Verirrung herausf\u00fchren und uns nicht noch tiefer in Schuld verstricken lassen.<\/p>\n<p>Das Bedauerliche ist, dass Menschen aus der Geschichte kaum lernen. Wenn Solidarit\u00e4t und Gemeinschaftssinn abhanden kommen, dann ist jeder, der sich meinen W\u00fcnschen entgegen stellt, ein pers\u00f6nlicher Gegner. Die \u201eEllbogengesellschaft\u201c ist damit geboren. Ein Teil erfreut sich an der Konsumgesellschaft, ein anderer, immer gr\u00f6\u00dfer werdender Teil der Menschen erlebt Entbehrung und Not \u2013 auch in unserem Land. In der Spa\u00df- und Eventgesellschaft wird kommerzielles Gl\u00fcck vorgegaukelt, das von Menschen bestimmt wird, ohne auf Lebenswerte zu achten. Ein Gl\u00fcck ohne Gottesbezug kann ins Ungl\u00fcck f\u00fchren. Die Geschichte ist voll von solchem Gl\u00fccksleid, von pers\u00f6nlichem Leid und V\u00f6lkerleid.<\/p>\n<p>Dieses Ins-Ungl\u00fcck-rennen ist in der Berufungsgeschichte des Jesaja vorgezeichnet. Leider lehrt uns auch die eigene Geschichte, wenn wir an das Ende des Zweiten Weltkrieges denken, dass das Ende wirklich erst mit der totalen Zerst\u00f6rung kam. Aber wir m\u00fcssen gar nicht so weit zur\u00fcckblicken, wenn wir an die vielen Ehescheidungen denken, die oft erst in der fast v\u00f6lligen Selbstzerst\u00f6rung wieder einen Weg finden &#8211; leider meist auf getrennten Wegen.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen mir jetzt vorwerfen, dass ich in meinen Ausf\u00fchrungen so negativ geworden bin. Zum Schluss so pessimistisch und mit negativen Beispielen endend \u2013 was man bei einer Predigt nie tun soll \u2013 geht es mir wie Jesaja. Das Ergebnis von Jesajas Tun bleibt offen und es muss ihm klar sein, dass er an seinem Auftrag nicht irre werden darf, auch wenn sein \u201eErfolg\u201c in nichts anderem als in zunehmender Verh\u00e4rtung der Herzen besteht. Nicht umsonst wird ein optimistischer, vers\u00f6hnlicher Schlussvers, der die Drohung mildern und abwehren will &#8211; und nach namhaften Exegeten nicht an diese Stelle geh\u00f6rt &#8211; dazugedichtet. Nicht das absolute Ende von Israel, sondern der Wurzelstock, der das Gericht \u00fcberlebende Rest, wird zum Samen. Der Baum ist noch nicht ganz vernichtet, der triebkr\u00e4ftige Wurzelstumpf kann wieder ausschlagen und gr\u00fcnende Zweige treiben. Amen.<\/p>\n<div>\n<hr \/>\n<p><span class=\"827584611-27092004\" style=\"font-size: 16px;\"><strong>Univ.-Prof. Dr. Friedrich Schleinzer, OCist.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div><span style=\"font-size: 16px;\"><strong>Fachbereich Praktische Theologie<br \/>\nUniversit\u00e4tsplatz 1<br \/>\n5020 Salzburg<br \/>\nTel.: 0662\/8044-2753<br \/>\nE-Mail c\/o <a href=\"mailto:Paula.Mairer@sbg.ac.at\">Paula.Mairer@sbg.ac.at <\/a><\/strong><\/span><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trinitatis | 22. 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