{"id":10540,"date":"2005-05-07T19:49:28","date_gmt":"2005-05-07T17:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10540"},"modified":"2025-07-04T08:55:12","modified_gmt":"2025-07-04T06:55:12","slug":"johannes-539-47","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-539-47\/","title":{"rendered":"Johannes 5,39-47"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach Trinitatis | 29. Mai 2005 | Johannes 5, 39-47 | Detlef Reichert |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nvorher erz\u00e4hlt Johannes die Heilung am Teich Bethesda, und es war ein Mensch, der lag schon 38 Jahre krank, und Jesus spricht zu ihm, steh auf, nimm dein Bett und geh, und der Mensch wird gesund, nimmt sein Bett und geht, und dann geht\u2019s los mit dem Streit mit den Etablierten um den Sabbath, das Feiertagsgebot und sein Verst\u00e4ndnis, seine Umsetzung, &#8211;<br \/>\nNach diesen Diskussionen dann redet Jesu von sich selbst, von sich, &#8211; von seinem Vater und sich \u2013 und im Anschluss geht es im Evangelium wieder weiter mit der Speisung der F\u00fcnftausend. Wieder -in unserem Verst\u00e4ndnis- ein Wunder wie die Heilung, wo das, was geschieht, gegen das alles steht, was wir wissen,<br \/>\n&#8211; \u201eund k\u00f6nnen\u00b4s nicht erkl\u00e4ren,&#8230;.\u201c.<br \/>\nDazwischen also das Reden Jesu von sich selbst, auch in den Versen 39 &#8211; 47 des 5. Kapitels.<br \/>\nAllerdings genau genommen: Das Reden \u00fcber sich, zu denen, die da sind, die h\u00f6ren, und \u2013sonst h\u00e4tte Bibel keinen Sinn- auch zu uns, wenn wir das Lesen und h\u00f6ren.<br \/>\nWarum dazwischen? \u2013 Vielleicht wird\u2019s deutlicher: nachher.<\/p>\n<p>Was bekommen die da, &#8211; was wir &#8211; , zu h\u00f6ren? <em> (Johannesevangelium 5, 39 \u2013 47)<\/em><\/p>\n<p>39 Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das<br \/>\newige Leben darin,<br \/>\nund (doch) ist sie es, (die Schrift,) die von mir zeugt ( und redet),<br \/>\n<em> 40 aber doch wollt ihr nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben h\u00e4ttet.<br \/>\n<\/em><em><br \/>\n41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen,<br \/>\n<\/em><em> 42 ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.<br \/>\n<\/em><em> 43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich<br \/>\nnicht an,<br \/>\nwenn ein anderer in seinem eigenen Namen wird kommen, den wer-<br \/>\ndet ihr annehmen.<br \/>\n<\/em><em> 44Wie k\u00f6nnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt,<br \/>\naber nicht die Ehre sucht, die vom alleinigen Gott kommt?<br \/>\n<\/em><em><br \/>\n45 Ihr m\u00fcsst nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde,<br \/>\n(nicht ich),<br \/>\neiner ist es, der euch verklagen wird, es ist Mose, auf den ihr hofft.<br \/>\n<\/em><em> 46 Wenn ihr Mose glauben w\u00fcrdet, so w\u00fcrdet ihr auch mir glauben,<br \/>\ndenn er hat von mir geschrieben.<br \/>\n<\/em><em> 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt,<br \/>\nwie werdet, wie k\u00f6nnt ihr dann meinen Worten glauben?<br \/>\n<\/em><br \/>\nEins ist schnell klar, das Streitgespr\u00e4ch, das nach der Heilung am Teich Bethesda aufbricht, geht weiter, &#8211; weiter aber nicht mit den Etablierten, es geht weiter mit uns.<br \/>\nWarum?<br \/>\nHaben wir &#8211; Heilung am Teich von Bethesda &#8211; nicht verstanden, was wir geh\u00f6rt haben?<br \/>\nOder werden wir nicht verstehen &#8211; Speisung der F\u00fcnftausend -, was wir h\u00f6ren werden und so und so oft schon geh\u00f6rt haben und ( &#8211; wie wir sagen &#8211; ) \u201ekennen\u201c?<\/p>\n<p>Eines vorweg. Es geh\u00f6rt als H\u00f6rhilfe &#8211; und nicht nur, weil dass zurzeit n\u00f6tig und korrekt ist, sondern weil es grunds\u00e4tzlich zur Deutlichkeit dieser Verse geh\u00f6rt &#8211; es geh\u00f6rt als H\u00f6rhilfe dazu: Das sind keine Verse die einladen zu einer grunds\u00e4tzlichen Diskussion \u00fcber das Verh\u00e4ltnis vom Christen und Juden. Auch nicht in den westf\u00e4lischen Gemeinden, die in der Vorbereitung der Kirchenordnungs\u00e4nderung zum Verh\u00e4ltnis von Juden und Christen dar\u00fcber zurzeit intensiv und n\u00f6tig im Vorfeld auf die kommende Landessynode diskutieren. Mit Walter Mostert gesagt, in einer schon \u00e4lteren aber gediegenen Meditation \u00fcber diese Verse, \u201ezu einem ideologischen Antijudaismus gibt das Evangelium keinen Grund\u201c, denn die Juden hier bei (und f\u00fcr Johannes) stehen f\u00fcr die Welt, sie repr\u00e4sentieren die Welt. Sie stehen dort, wo ich, wo jeder Mensch immer dem gegen\u00fcber steht, der von Gott her \u00fcber Gott zu mir redet, zu den Menschen. Es sind nicht die anderen, \u00fcber die etwas gesagt wird&#8230;, sondern ich selbst bin es, dem gesagt wird \u201eDu\u201c. Du hast nicht Gottes Liebe in dir, &#8211; du suchst das ewige Leben und kommst dennoch nicht zu mir, &#8211; du nimmst mich nicht an, &#8211; dich werde ich nicht verklagen vor Gott, keine Sorge, &#8211; dich wird dein eigener Grund verklagen, an den du dich h\u00e4ngst, &#8211; er, an den du dich h\u00e4ngst bei deiner Suche nach Leben, bei deiner Angst zu verlieren. L\u00e4ngst schon k\u00f6nntest du es haben, &#8211; bei mir &#8211; Leben, ewig.<br \/>\nUnd dieses \u201eDu\u201c unterstreicht gleichzeitig: Hier geht es nicht um Prinzipien, Begriffe, Einstellungen oder \u00dcberzeugungen, die unvereinbar gegeneinander stehen. Es geht nicht um Wahrheit auf der einen Seite und L\u00fcge auf der anderen, sondern, &#8211; fast bis auf die Spitze getrieben &#8211; , es geht um Personen: Die Wahrheit und das Leben in Person und in Person die L\u00fcgner und die Selbstverh\u00e4rteten. Und auch dies noch nicht einmal im entlastenden Plural, -nicht viele-, sondern im Singular, -einer. Immer nur ich selbst.<br \/>\nIn alter dogmatischer Formulierung gesagt stehen die beiden Personen einander gegen\u00fcber: Der eine Gott und ich S\u00fcnder. Das klingt weder verlockend noch modern, aber ein Grund dr\u00fcber zu schweigen, ist das nicht.<\/p>\n<p>Wenn Jesus einsetzt mit dem Stichwort der Schriftforschung -ihr sucht bei Mose- als Lebensbegr\u00fcndung und Absicherung, dann haben wir haben daf\u00fcr heute ein weit gr\u00f6\u00dferes, differenzierteres und mindestens ebenso bindendes Arsenal aufgebaut. Alles das, was wir als Wissenschaft in der Neuzeit verstehen und hervorragend handhaben. Da ist ein riesiger Apparat der Lebenssuche, geordnet und ausgefeilt nach politischen, soziologischen, naturwissenschaftlichen, technischen, \u00f6konomischen bis hin zu kirchlichen Theorien und Ideologien. Eine Lebenssuche und Lebensvergewisserung in jener Mischung, die uns im t\u00e4glichen Leben hilft, die manches undurchschaubar werden l\u00e4sst und die zugleich dabei im Kern immer dazu dienen soll, der Angst im Leben um das Leben zu begegnen. Etwas mehr, etwas besser, etwas l\u00e4nger \u2013 f\u00fcr mich.<br \/>\nEin wenig bin ich versucht, die Worte bei Johannes `ihr sucht ewiges Leben \u2013 und das an falscher Stelle\u00b4 leicht so zu ver\u00e4ndern: `Ihr sucht ewig nach Leben &#8211; und das an falscher Stelle\u00b4. Die treibende Angst dahinter, &#8211; die um das eigene Leben, dessen Grenze mich lockt, aber viel mehr noch \u00e4ngstigt -, sie ist dabei unver\u00e4ndert die gleiche.<br \/>\nUnd wir treiben diesen wissenschaftlichen, unendlich gr\u00f6\u00dferen Apparat nach Lebenssuche voran, soweit, Leben selbst zu schaffen.<br \/>\nAb und zu &#8211; ganz selten- halten wir ein.<br \/>\nDie \u00f6ffentliche Diskussion bei uns liegt jetzt knapp drei Jahre zur\u00fcck, um die Frage, wie weit wissenschaftliche Genforschung gehen kann. Und vor allem, wie sie gehen kann und durchgef\u00fchrt werden. Die Frage, ob Forschung mit embryonalen Stammzellen erlaubt und ethisch vertretbar sein kann, &#8211; ob ich also Leben dazu benutzen kann und dabei abt\u00f6ten, um Leben zu erforschen. Die Entscheidung im Bundestag damals war knapp aber deutlich. Stammzellenforschung ja, aber mit adulten Zellen, mit solchen, die aus dem R\u00fcckenmark entnommen sind und schon, so spezialisiert, dass sie nicht mehr Leben als Ganzes aus sich entwickeln k\u00f6nnen. Aber keine Forschung mit embryonalen Stammzellen, denen, die volle Entfaltung zum Leben noch in sich tragen. Grenzen, Leben zu sch\u00fctzen konkret, aber auch im Bewusstsein grunds\u00e4tzlich. Dort kein T\u00f6ten, wo Leben gerade begonnen hat, wie auch da nicht, wo es da ist, voll und ganz.<br \/>\nWie schnell ist in der vergangenen Woche nach der Ver\u00f6ffentlichung der S\u00fcdkoreanischen Stammzellenforscher und ihrer Ergebnisse mit embryonalen, also lebenden, Stammzellen Zellen die Argumentation wieder laut vorgetragen worden: Findet die Forschung nicht bei uns statt, dann woanders, &#8211; dann verliert unser Land den Anschluss an die internationale Spitzenforschung, &#8211; dann gehen die Forscher von hier woanders hin, &#8211; dann wird die Mehrwertabsch\u00f6pfung, die Vermarktung, woanders als bei uns geschehen, &#8211; verdient wird dann nicht bei uns.<br \/>\nWie ist das mit Ehre, mit Ansehen, mit Geld und Nutzung und Ausnutzung? Und schnell \u2013so zumindest klingt es \u2013 wird dann noch beigegeben das Nachargument: Mit diesen Forschungsergebnissen ist zu heilen, was sonst nicht zu heilen ist, bisher nicht. Eine richtige Fragestellung, aber eine die die Frage davor \u00fcberspringt: Wof\u00fcr geben wir Forschungsgelder aus und mit welcher Begr\u00fcndung: Um schnell mit an der Spitze zu sein? Oder um auf vertretbaren Forschungswegen, das hei\u00dft hier, mit adulten Stammzellen und nicht mit embryonalen, auch zum Ziel zu kommen, zu Hilfe und Heilung, wo Hilfe und Heilung jetzt noch nicht m\u00f6glich ist?<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich ist die scheinbar so abst\u00e4ndige Formulierung von der Ehre im Predigttext gar nicht mehr so abst\u00e4ndig. Dort wo solche Ehre mit zum Lebensgrund wird, den ich selbst herstelle, wo sie zur Begr\u00fcndung wird, um in Leben einzugreifen, da wird Leben, wird der andere Mensch und werden auch andere Dinge zum Mittel der eigenen Selbststilisierung umgewertet, und sie werden im Letzten mit der Vernichtung bedroht.<br \/>\nVon der Suche nach Ehre bestimmtes Leben vernichtet durch den Verbrauch der G\u00fcter Leben, &#8211; tut dies um der eigenen Sicherung willen.<br \/>\nWenn es um Ehre geht, dann um die, die von Gott herkommt, &#8211; in der nicht ich mich vor anderen erweise, die sie mir dann zuteilen, &#8211; sondern Ehre, die Gott gibt, von sich aus und umsonst, &#8211; die ich schon habe, weil ich lebe. Sie zu sehen, das ist eine ganz knappe Kurzformel f\u00fcr Glauben.<\/p>\n<p>Die Diagnose Jesu am Anfang der Verse \u2013 ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt \u2013 ist nicht das Ende. Sie ist nicht der Abbruch dieses \u201eStreitgespr\u00e4chs\u201c. Im Gegenteil, Jesus redet ja weiter, l\u00e4sst nicht los, versucht deutlich zu machen, &#8211; nicht dass ich falsch bin, sondern wo mein Fehler liegt. Er tut es mit sich, mit seiner eigenen Person. Leben in der Liebe zu Gott verzichtet wie er auf Lebenssuche, Lebenssicherung und Selbststilisierung. Eben so wie Jesus Ehre, Macht und Autorit\u00e4t nicht von sich ableitet, sie sich nicht von anderen bezeugen und erweisen l\u00e4sst, sondern wei\u00df, sagt und zeigt, dass er sie von Gott hat. Genauso glaubt die Liebe zu Gott , dass sie ihr Leben von Gott empf\u00e4ngt und darin hat was sie braucht.<\/p>\n<p>Warum diese Verse zwischen der Heilung am See von Bethesda und der Speisung der 5000 stehen? Alles Reden Jesu, sein ganzes Leben und Sterben, alles, was in der Bibel steht, hat keinen Sinn und keinen Zweck f\u00fcr uns, solange wir dies nicht tun : Ihn gelten lassen und stehen und einstehen f\u00fcr uns, &#8211; solange wir nicht ihn unsere Legitimation sein lassen, &#8211; ihn an Stelle aller selbstlegitimierenden Ehre und aller Ersatzw\u00e4hrungen, mit denen wir uns das unertr\u00e4gliche Suchen nach Leben scheinbar abzumildern verm\u00f6gen, &#8211; Wert, Geld und Besitz &#8211; an deren Stelle.<br \/>\nWorin das Evangelium liegt, und Tr\u00f6stendes auch, in diesen demaskierenden Worten? Darin, dass dies das einzige Tun ist, das meines ist. Darin, dies zu tun: Ihn meine Legitimation sein zu lassen, gegen alle Lebensweisheit und gegen alle Selbsterwartung.<br \/>\nEben: Wie am Teich von Bethesda oder in der Speisung der 5000, wo geschieht, was keiner erwarten konnte: Dass ich kann, was ich nicht erwarte: Mich auf ihn einlassen, der Leben gibt, der Leben ist. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Sup.Dr.D.Reichert<br \/>\nGneisenaustr.76<br \/>\n33330 G\u00fctersloh<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Trinitatis | 29. 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