{"id":10548,"date":"2005-05-07T19:49:17","date_gmt":"2005-05-07T17:49:17","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10548"},"modified":"2025-07-03T14:46:37","modified_gmt":"2025-07-03T12:46:37","slug":"lukas-1619-31-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1619-31-2\/","title":{"rendered":"Lukas 16,19-31"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach Trinitatis | 29. Mai 2005 | Lukas 16,19-31 | Niels Henrik Arendt |<\/span><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Es gibt so viele Menschen, f\u00fcr die wir nur einen ver\u00e4chtlichen Seitenblick haben, wenn wir auf unserer T\u00fcrschwelle an ihnen vor\u00fcbergehen. Wir verdienten eigentlich, dass Gott sich damit begn\u00fcgte, uns Brosamen zuzuwerfen \u2013 stattdessen aber hat er uns in reichem Ma\u00dfe, ja, alles, was er hatte, gegeben, er hat uns mit guten Gaben ges\u00e4ttigt, er hat unsere d\u00fcrstenden Seelen erquickt.<\/p>\n<p>Wenn man eine gute Geschichte h\u00f6rt und sie richtig h\u00f6rt, versteht man sie in sich selbst, d.h. man tritt in die Geschichte ein, ja, man identifiziert sich vielleicht geradezu mit einer der in ihr auftretenden Personen. Am angenehmsten ist es, wenn man sich in den \u201dHelden\u201d der Geschichte hineinversetzen kann. Aber das will nicht immer gelingen. So ist es mit der Erz\u00e4hlung vom reichen Mann und Lazarus \u2013 wir m\u00fcssen <em>mit uns selbst <\/em>in sie hineingehen, um sie zu verstehen. Und diese Geschichte ist von der Sorte, bei der es nicht gelingen will, in die richtige Rolle hineinzuschl\u00fcpfen. Wir m\u00fcssen uns ungew\u00f6hnlich stark drehen und wenden, wenn wir uns selbst in die Gestalt des Lazarus hineindrehen wollen, wohingegen sich die meisten von uns sicher ohne Schwierigkeiten die Rolle des reichen Mannes anziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung spielt sich eigentlich auf mehreren Ebenen ab. Aber gleichg\u00fcltig, auf welcher Ebene wir sie h\u00f6ren, sie ist keine besonders angenehme Geschichte \u2013 f\u00fcr uns. Wenn wir sie ganz buchst\u00e4blich als eine Geschichte von Reichtum und Armut verstehen, kann jedermann h\u00f6ren, wie sich die Geschichte gegen die Gleichg\u00fcltigkeitet der Reichen den Armen gegen\u00fcber richtet. Schon auf dieser Ebene ber\u00fchrt die Geschichte uns, ja, sie trifft uns wie ein Volltreffer. Denn einige von uns m\u00f6gen zwar den Armen ein Weniges von unserem Reichtum zukommen lassen, aber das sind eben, akkurat wie im Gleichnis, <em>Brosamen<\/em>, die vom Tisch der Reichen fallen. So viel, dass sie die Armen so einigerma\u00dfen am Leben erhalten k\u00f6nnen \u2013 und nicht mehr. Es kann leicht trivial klingen, wenn man von der Kluft zwischen Reich und Arm in dieser Welt spricht \u2013 oder in unserer eigenen Gesellschaft; denn was k\u00f6nnen wir dagegen tun? Aber in Wirklichkeit ist es ersch\u00fctternd, dass man es so lange und so oft hat sagen k\u00f6nnen, dass es einfach zu einer Trivialit\u00e4t geworden ist. Die Armen haben wir immer noch bei uns, und es sind noch immer <em>Brosamen<\/em>, mit denen wir sie abzuspeisen versuchen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann es geschehen, dass man mit der Anklage der Erz\u00e4hlung auf dieser Ebene ins Reine kommt. Man ist ja wohl ein sozial engagierter Mensch, und die Reichen, das sind nicht wir, das sind Andere. Gelegentlich wird die Geschichte auf eine Art und Weise vorgetragen, die klar zeigt, dass der Erz\u00e4hler selbst sich nicht besonders betroffen f\u00fchlt \u2013 es sind eben die Anderen, die auf der Anklagebank der Erz\u00e4hlung zu sitzen haben. Aber da setzt das Gleichnis mit einem tieferen Sto\u00df ein. Und um den kommt nicht so leicht herum.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte glauben, dass sich die Menschen, denen Jesus die Geschichte erz\u00e4hlte, zun\u00e4chst nicht besonders betroffen gef\u00fchlt haben. Es waren Pharis\u00e4er, und sie konnte man nicht sozialer Verantwortungslosigkeit oder Gleichg\u00fcltigkeit armen Menschen gegen\u00fcber zeihen. Sie kamen selbst aus den breiten (d.h. armen) Schichten der Bev\u00f6lkerung, und sie waren ziemlich kritisch gegen\u00fcber den Wohlhabenden; sie h\u00e4tten ihrerseits ohne weiteres ein \u00e4hnliches Beispiel anf\u00fchren k\u00f6nnen. Aber gegen Ende zeigt Jesus, dass er auch an eine ganz andere Art von Reichtum denkt, wenn er von denjenigen spricht, die Moses und die Propheten haben, die aber dennoch ihre N\u00e4chsten nicht sehen k\u00f6nnen. Die Pharis\u00e4er legten gro\u00dfen Wert darauf, dass sie Moses und die Propheten hatten, in dem Ma\u00dfe, dass sie nur Verachtung hatten f\u00fcr die, die nicht dasselbe innerliche und reiche Verh\u00e4ltnis zum mosaischen Gesetz hatten. Sie f\u00fchlten in Wirklichkeit, sie bes\u00e4\u00dfen eine Art Alleinanspruch auf die Religion \u2013 und Jesus erwiese den geistig Langsamen und moralisch Schlaffen unverdiente Ehre. Ihr seid wie der reiche Mann mit eurem \u00fcppigen geistigen Leben, sagt Jesus dann mit seiner Geschichte. Jetzt aber kommt das Reich Gottes zu all denen, f\u00fcr die ihr nur einen ver\u00e4chtlichen Seitenblick hattet: jetzt werden sie zu Gott gerufen. Welchen Vorzug habt ihr an eurer Monopolisierung von Moses und den Propheten? Auf diese Weise traf die Geschichte noch einmal, und zwar jetzt auch die, die zun\u00e4chst geglaubt hatten, sie seien davongekommen, weil sie materiellen Reichtum nicht besonders hoch veranschlagten. Und dieser Sto\u00df trifft auch uns. Denn zwar ist der religi\u00f6se D\u00fcnkel nicht mehr so verbreitet, das Gef\u00fchl, dass man kraft seines eigenen Glaubens weitaus h\u00f6her rangiere als die anderen. Aber der D\u00fcnkel ganz allgemein lebt und gedeiht: gegen\u00fcber denen, die nicht mit der Zeit gehen, gegen\u00fcber den Naiven, gegen\u00fcber denen, die das Leben nicht meistern. Es gibt so viele Menschen, f\u00fcr die wir nur ver\u00e4chtliche Seitenblicke haben, wenn wir an ihnen vorbeigehen. Die Geschichte hinter der Geschichte trifft also auch uns.<\/p>\n<p>Aber nun ist da in dem Gleichnis <em>noch eine<\/em> Geschichte verborgen. Das ist Jesu eigene Geschichte. So ist das mit allen seinen Gleichnissen, hinter ihnen liegt seine eigene Geschichte. Es hei\u00dft \u00fcber die Br\u00fcder des reichen Mannes, es w\u00fcrde ihnen gleichg\u00fcltig sein, wenn jemand von den Toten zu ihnen k\u00e4me. Hier kommt Jesu eigene Geschichte in das Gleichnis. Die Frage an uns, die sich aufdr\u00e4ngt, hei\u00dft: hat es f\u00fcr uns etwas bedeutet, dass da einer von den Toten zu uns gekommen ist \u2013 Jesus Christus? Leben wir nicht genauso, wie wir immer gelebt haben? D.h. in einem Glauben daran, dass wir selbst das Leben zu meistern haben? Und wenn wir es nicht meistern, werden wir von tiefer Niedergeschlagenheit ergriffen. Wir verachten diejenigen, die das Dasein nicht meistern k\u00f6nnen, und wir sind recht unzufrieden mit uns selbst, wenn wir es auch nicht k\u00f6nnen. Aber das ist dasselbe, wie wenn man lebt, als k\u00e4me alles auf uns an. Das hei\u00dft, zu leben, als w\u00e4re nicht einer von den Toten zu uns gekommen. Wenn wir uns gegen\u00fcber dem Tod nicht tr\u00f6sten lassen wollen oder wenn wir selbstzufrieden (oder verschreckt) so tun, als g\u00e4be es ihn gar nicht, dann ist das ein Zeichen daf\u00fcr, dass Vater Abraham in dem Gleichnis Recht hat: obwohl einer von den Toten zu ihnen k\u00e4me, w\u00fcrden sie sich nicht \u00fcberzeugen lassen.<\/p>\n<p>Aber obwohl Abraham Recht hat und wir uns nicht wirklich haben ver\u00e4ndern lassen \u2013 obwohl das Gleichnis ohne L\u00f6sung endet und wir damit enden, dass wir noch immer wie der reiche Mann und seine Br\u00fcder mit all unserem Reichtum dasitzen, aber ohne auch nur einen einzigen Tropfen, um unsere d\u00fcrstenden Seelen damit zu erquicken, so endet Jesu eigene Geschichte an dieser Stelle nicht. Sie h\u00e4tte damit schlie\u00dfen k\u00f6nnen, dass Gott sagte: wenn denn einer von den Toten zu ihnen k\u00e4me, w\u00fcrden sie weiterhin genauso kalt bleiben. Aber jetzt geht die Geschichte weiter. Jetzt erhebt Lazarus sich dennoch vom Scho\u00df Vater Abrahams. Und wir sehen, dass er die Z\u00fcge Jesu tr\u00e4gt. Er kommt dennoch zu uns von den Toten, obwohl es scheinen k\u00f6nnte, als w\u00e4re es nicht der M\u00fche wert, wo wir doch vorzogen, von unserem eigenen Reichtum zu leben. Gott tat es dennoch. F\u00fcr ihn war es der M\u00fche wert, ohne R\u00fccksicht auf Zweifel und Unglaube bei den Menschen. Er sandte Christus zu uns von den Toten. Es ist zwar wahr, dass das in unserem Leben nicht mehr so sehr sichtbar ist. Die Auferstehungsfreude gibt es darin nur als Funken, der wieder verschwindet, und wir kehren zur\u00fcck zu dem alten Leben, wo wir uns an unser Eigenes halten.<\/p>\n<p>Deshalb m\u00fcssen wir immer wieder hierher kommen, um von neuem dem Auferstandenen zu begegnen. Jeden Sonntag muss er die Reise \u00fcber den tiefen Abgrund wieder zu uns tun, die wir schon am Montag wieder anfangen, auf unser Eigenes mit Wohlbehagen zu starren. Immer wieder muss er den Schritt \u00fcber die Kluft tun, um unsere d\u00fcrstenden Seelen zu erquicken. Wieder und wieder wird unser Hochmut und unsere Verzweiflung von uns genommen. In D\u00fcnkel wie in Mutlosigkeit bilden wir uns ein, alles sei beim alten, nichts sei ver\u00e4ndert, wir h\u00e4tten f\u00fcr uns selbst zu sorgen, ob wir es k\u00f6nnen oder nicht, und was Evangelium und Kirche betreffe, so mache das in unserem Leben nicht besonders viel aus. Deshalb k\u00f6nnen wir, solange wir leben, nicht damit fertig werden, zu h\u00f6ren, dass gerade das den gro\u00dfen Unterschied ausmacht. Einer ist von den Toten <em>auferstanden<\/em>. Und einst wird der Morgen erwachen, an dem die W\u00e4rme des Lebens endlich auch bei uns unseren Zweifel besiegen wird an ihm, der zu uns kam von den Toten, und unseren Glauben an uns selbst und an unsere K\u00e4lte den anderen gegen\u00fcber besiegen wird. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\nRibe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<br \/>\nTel.: 74 52 20 25<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\">nha@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Trinitatis | 29. Mai 2005 | Lukas 16,19-31 | Niels Henrik Arendt | (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Es gibt so viele Menschen, f\u00fcr die wir nur einen ver\u00e4chtlichen Seitenblick haben, wenn wir auf unserer T\u00fcrschwelle an ihnen vor\u00fcbergehen. 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