{"id":10559,"date":"2005-06-07T19:49:15","date_gmt":"2005-06-07T17:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10559"},"modified":"2025-07-05T17:08:02","modified_gmt":"2025-07-05T15:08:02","slug":"lukas-15-1-7-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-15-1-7-2\/","title":{"rendered":"Lukas 15, 1-7"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\"><strong>Vom Suchen, Finden und Freuen&#8230; | <\/strong>3. Sonntag nach Trinitatis | 12. Juni 2005 | Lukas 15, 1-7 | Martina Jan\u00dfen |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"center\">(I)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>In meinem Arbeitszimmer gibt einen Stapel ungelesener Krimis, direkt neben der T\u00fcr auf dem Boden. Krimis, die ich gekauft habe, weil sie g\u00fcnstig waren, weil sie spannend klangen, weil ich mir eine Freude machen wollte. Ich sammle sie auf diesem Stapel bis ich Zeit finde, einen von ihnen zu lesen. Letztens hatte ich Zeit. W\u00e4hrend ich das Teewasser aufsetzte, \u00fcberlegte ich, was da alles auf diesem Stapel schlummerte. Und pl\u00f6tzlich hatte ich ein bestimmtes Buch vor Augen. Das sollte es sein! Als ich es in meinem Krimi-Stapel suchte, fand ich es nicht. Alle m\u00f6glichen B\u00fccher waren da; sie klangen nicht weniger spannend. Nur nicht jenes Buch! Ich sah den Stapel durch. Zwei, dreimal. Nichts! Jetzt wollte ich es unbedingt lesen. Ich begann durch mein Zimmer zu laufen. Regale durchzusehen, auszur\u00e4umen. Nichts! Leicht h\u00e4tte ich mir ein anderes Buch aus dem Stapel nehmen k\u00f6nnen. Nein, ich suchte weiter. Irrte unruhig durch die Wohnung. Fast platzte mir der Kopf. Fieberhafte \u00dcberlegungen. W\u00fchlen an den seltsamsten Orten. \u201eNun h\u00f6r doch auf, der Aufwand lohnt sich nicht. Die sind doch alle gleich.\u201c Ich \u00fcberh\u00f6rte die genervte Stimme aus dem Wohnzimmer, das Pfeifen des Wasserkessels. Ich suchte weiter. Schlie\u00dflich fand ich das Buch (ich hatte es damals zusammen mit einem Handtuch gekauft und mit diesem in den Kleiderschrank gelegt).<\/p>\n<p>Ich nehme das Buch mit einem Freudenschrei, umarme meinen Mann und &#8211; lese. Ich lese es in einem Zug durch bis in die Nacht hinein. Und als ich die letzte Seite umgebl\u00e4ttert habe \u2013 hungrig, ersch\u00f6pft, mit steifem Nacken &#8211; , kommt es mir so vor, als h\u00e4tte ich nie ein sch\u00f6neres Buch gelesen &#8230;<\/p>\n<p align=\"center\">(II)<\/p>\n<p>Kennen Sie auch dieses Gef\u00fchl? Wenn Sie ganz dringend etwas suchen? Und nichts anderes wollen als das, was sie gerade suchen? Und dann diese Freude, wenn Sie es gefunden haben? Diese gro\u00dfe Freude, die man teilen und mitteilen muss? So wie ich Ihnen meine kleine Geschichte vom Suchen, Finden und Freuen erz\u00e4hlen musste&#8230;<\/p>\n<p>Auch der Evangelist Lukas erz\u00e4hlt so eine Geschichte vom Suchen, Finden und Freuen.<\/p>\n<p>Es nahten sich Jesus allerlei Z\u00f6llner und S\u00fcnder, um ihn zu h\u00f6ren. Und die Pharis\u00e4er und Schriftgelehrten murrten und sprachen: \u201eDieser nimmt die S\u00fcnder an und isst mit ihnen.\u201c Er sagte ihnen dies Gleichnis und sprach: \u201eWelcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der W\u00fcste l\u00e4sst und geht dem verlorenen nach, bis er\u2019s findet? Und wenn er\u2019s gefunden hat, so legt er\u2019s sich auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein \u00fcber den einen S\u00fcnder, der Bu\u00dfe tut, mehr als \u00fcber neunundneunzig Gerechte, die der Bu\u00dfe nicht bed\u00fcrfen.\u201c (Lk 15, 1-7)<\/p>\n<p>100 Schafe &#8211; das ist beachtlich! Eine stattliche Zahl \u2013 zumindest f\u00fcr antike Verh\u00e4ltnisse. Und wenn man bedenkt, dass 100 die Vollkommenheit zum Ausdruck bringt, w\u00e4re das auch f\u00fcr heutige Verh\u00e4ltnisse eine stattliche Zahl, eine gro\u00dfe, vollst\u00e4ndige Herde. Aber auch 99 ist immer noch eine gute Zahl, eine Zahl, mit der man sich zufrieden geben kann. Und trotzdem &#8211; dieser Hirte, von dem Jesus erz\u00e4hlt, scheut keine M\u00fche, tr\u00f6stet sich nicht mit seinen 99 Schafen, sondern l\u00e4sst alles stehen und liegen und geht dem verlorenen nach. 99:1 \u2013 lohnt sich der Aufwand wirklich, das eine Schaf zu suchen? Handelt der Hirt pragmatisch? Geht er sinnvoll mit seinen Energien um? Hat dieser Hirt richtig kalkuliert? Unter uns gefragt: Ist das eine Schaf nicht v\u00f6llig unerheblich? Verglichen mit den 99? Oder aber &#8211; ist das verlorene Schaf vielleicht ein besonderes Schaf? Eines, das wichtiger ist als die anderen, sch\u00f6ner, besser? Davon erz\u00e4hlt Jesus allerdings nichts&#8230; Das Schaf ist doch wohl nur ein ganz gew\u00f6hnliches Schaf, das sich von den anderen Schafen nur darin unterscheidet, dass es verloren ist. Als der Hirt es gefunden hat, nimmt er es auf seine Schultern und freut sich. Kein \u00c4rger \u00fcber die verlorene Zeit, kein Klagen \u00fcber die Anstrengung und M\u00fche, kein Vorwurf: Warum bist du weggelaufen? Sondern Freude, eine so gro\u00dfe Freude, die nicht bei sich bleiben kann, die sich mitteilen muss: <em>\u201eFreut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.\u201c <\/em> (Lk 15,6)<\/p>\n<p>Und das Schaf? Tut es auch etwas? Oder ist es wenigstens peinlich ber\u00fchrt, weil es verloren gegangen ist? Strengt es sich an, seinen Hirten zu suchen? So deutet es zumindest Lukas in seinem moralisierenden Abschlussvers: <em>\u201eSo wird auch Freude im Himmel sein \u00fcber den einen S\u00fcnder, der Bu\u00dfe tut, mehr als \u00fcber neunundneunzig Gerechte, die der Bu\u00dfe nicht bed\u00fcrfen\u201c<\/em> (Lk 15,7). Aber Jesus selbst erz\u00e4hlt nichts von einer Bu\u00dfe, erw\u00e4hnt keine Umkehrversuche des Schafes. Keine Gegenleistung. Keine Bedingungen. Das einzige, was das Schaf tut, ist gefunden zu werden.<\/p>\n<p>Das Schaf und der Hirte sind in der Bibel keine Unbekannten. \u201eDer Herr ist mein Hirte!\u201c \u2013 so betet der Beter des 23.Psalms. Der Herr weidet sein Volk. Da gibt es fromme Schafe und solche, die verloren gehen. Lukas l\u00e4sst Jesus diese Geschichte erz\u00e4hlen, weil die Frommen sich \u00e4rgern, die 99. Warum isst er auch mit den S\u00fcndern? Gibt es keine bessere Tischgesellschaft? Wo hier so viele Fromme sind, mit denen es sich besser speisen lie\u00dfe, kultivierter feiern, gew\u00e4hlter Konversation treiben? Da lohnt es sich doch nicht, mit den S\u00fcndern zu essen! Und Jesus antwortet ihnen: Und wie es sich lohnt, dieses Essen mit den Verlorenen! Mehr als mit allen Frommen; gro\u00df ist die Freude \u00fcber das Wiederfinden derer, die verloren waren.<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wie gro\u00df ist diese Freude nach der Unruhe des Suchens, wie sch\u00f6n ist die Erleichterung! Wir alle kennen wohl dieses Gef\u00fchl. Selbst bei Dingen, die eigentlich ersetzbar sind wie ein Buch. Meine Geschichte, die ich Ihnen erz\u00e4hlt habe, ist eine leichte, heitere Geschichte vom Suchen, Finden und Freuen. Es gibt auch ernste Geschichten. Geschichten, in denen es um mehr geht als um ein Buch. Manchmal suchen wir auch Menschen. Dann geht es um Leben und Tod. Dann geben wir alles f\u00fcr die Menschen, die wir suchen. Nicht weil sie die sch\u00f6nsten, kl\u00fcgsten, reichsten sind, sondern einzig aus einem Grund: weil wir sie lieben, weil sie zu uns geh\u00f6ren. Wenn ein geliebter Menschen uns verloren geht, dann wird er in diesem Moment wichtiger als alle anderen Menschen um uns herum. Wir verzeihen ihm seine Fehler, vermissen sogar seine Macken, seine Ecken und Kanten werden zu Kostbarkeiten. Wir freuen uns, jubeln \u00fcber ihn \u2013 so wie er ist. Dass er wieder da ist.<\/p>\n<p>Vielleicht haben einige von Ihnen ja auch so eine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Wie Sie sich gesucht und wiedergefunden haben &#8211; nach dem Krieg, nach der Flucht, nach Gefangenschaft, nach der Vertreibung. Und vielleicht erz\u00e4hlen Sie ja auch diese Geschichte weiter, selbst nach Jahrzehnten. Erz\u00e4hlen von dieser Freude. Immer wieder&#8230;<\/p>\n<p align=\"center\">IV<\/p>\n<p>Auch Lukas erz\u00e4hlt seine Geschichte vom Suchen, Finden und Freuen immer wieder. Immer wieder neu. Vom Z\u00f6llner Levi (Lk 5,27-32). Von der Frau, die nach dem Groschen sucht (Lk 15,8-10). Vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32). Vom Oberz\u00f6llner Zach\u00e4us (Lk 19,1-10). Vom \u201eMenschensohn, der gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.\u201c (Lk 19, 10). Fast k\u00f6nnte man sie eine Lieblingsgeschichte von Lukas nennen, diese Geschichte vom Suchen, Finden und Freuen. Und es sollte auch eine von unseren Lieblingsgeschichten sein, Es ist die Geschichte Gottes mit uns. Von Anfang an und immer wieder.<\/p>\n<p align=\"center\">V<\/p>\n<p>\u201eWo bist du?\u201c Das erste Buch Mose erz\u00e4hlt, wie der Mensch das erste Mal verloren geht. Und wie er seine Unschuld ein f\u00fcr alle mal verliert. Wie er sich verliert. Wie er Gott verliert. Und Gott? Er sucht den Menschen. In dem Moment, in dem ein Riss durch das Paradies geht, macht sich Gott auf die Suche. \u201eAdam, wo bist du?\u201c (Gen 3,9) Gott l\u00e4sst den Menschen nicht in der Verlorenheit zur\u00fcck, sondern sucht ihn. Sucht einen neuen Anfang. Immer wieder. Immer, wenn ein Riss durch die Geschichte Gottes mit den Menschen zu gehen droht, macht er sich auf die Suche \u201ewie ein Hirt seine Schafe sucht.\u201c (Ez 34,11-16). Davon erz\u00e4hlt das Alte Testament. Das verhei\u00dfen die Propheten: \u201eEr wird die L\u00e4mmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen&#8230;\u201c(Jes 40,11).<\/p>\n<p>\u201eWo bist du?\u201c Denken wir nur an unsere Unruhe, wenn wir etwas suchen, unsere Hartn\u00e4ckigkeit, bis wir gefunden haben, was wir suchen! Um wie viel mehr sucht Gott seine verirrten Schafe! Um wie viel mehr sucht Gott mich! Und &#8211; er findet mich! Irgendwann in meiner Geschichte h\u00e4tte ich das Suchen aufgeben, w\u00e4re ein wenig traurig, ein wenig ver\u00e4rgert gewesen, aber ich h\u00e4tte aufgegeben. Manchmal sind unsere Geschichten vom Suchen auch Geschichten vom vergeblichen Suchen, vom Verloren-Sein und Verloren-Haben f\u00fcr immer. Anders unsere Geschichte mit Gott. Gott gibt den Menschen nicht auf. Gott gibt alles. Zuletzt gibt Gott in seinem Sohn sich selbst. Gott gibt sich und findet uns, weil er sich bei uns als Mensch eingefunden hat. Er ertr\u00e4gt unsere Verlorenheit, er tr\u00e4gt unsere Schuld. Er sucht unseren Tod, damit wir das Leben finden. Mit ihm. Durch ihn. In ihm. Der gute Hirte gibt sein Leben f\u00fcr die Schafe (Joh 10,11). Getragen von unserem Hirten leben wir. Davon erz\u00e4hlt das Neue Testament. Daran glauben wir.<\/p>\n<p align=\"center\">VI<\/p>\n<p><em>\u201eUnd wenn er\u2019s gefunden hat, so legt er\u2019s sich auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.\u201c <\/em> (Lk 15,5f)<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 16px;\"><span style=\"font-family: Arial;\"><strong>Dr. Martina Jan\u00dfen<\/strong><\/span><strong><br \/>\n<a href=\"mailto:martina.janssen@theologie.uni-goettingen.de\">martina.janssen@theologie.uni-goettingen.de <\/a><\/strong><\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Suchen, Finden und Freuen&#8230; | 3. Sonntag nach Trinitatis | 12. Juni 2005 | Lukas 15, 1-7 | Martina Jan\u00dfen | (I) Liebe Gemeinde! In meinem Arbeitszimmer gibt einen Stapel ungelesener Krimis, direkt neben der T\u00fcr auf dem Boden. 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