{"id":10562,"date":"2005-06-07T19:49:21","date_gmt":"2005-06-07T17:49:21","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10562"},"modified":"2025-07-05T17:02:48","modified_gmt":"2025-07-05T15:02:48","slug":"lukas-15-1-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-15-1-10-2\/","title":{"rendered":"Lukas 15, 1-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">3. Sonntag nach Trinitatis | 12. Juni 2005 |\u00a0Lukas 15, 1-10 | Anders Gadegaard | <\/span><\/b><\/h3>\n<p>Man diskutiert zur Zeit recht oft, auf welche Werte wir unsere Gesellschaft und unsere Kultur bauen. Was besitzen wir, das etwas Besonderes f\u00fcr uns ist, besonders kostbar, etwas, worauf wir nicht verzichten wollen, wenn wir fremden Impulsen begegnen? Oft verweist man dann auf das Christentum in unserer protestantischen lutherischen Ausgabe und fragt wieder: Gibt es hier Werte, die unser Land, unsere Kultur in besonderem Ma\u00dfe charakterisieren?<\/p>\n<p>Die Antwort ist einfach: Ja, es gibt sie \u2013 und heute haben wir mit den zwei wunderbaren Gleichnissen zu tun mit dem vielleicht wesentlichsten Wert \u00fcberhaupt: dem unendlichen Wert des einzelnen Menschen. (Nebenbei bemerkt: Ich will keineswegs behaupten, dass wir als Christen das Patent auf diesen Wert bes\u00e4\u00dfen, aber er dr\u00fcckt sich in Jesu Leben und Lehre klarer aus als irgendwo sonst.)<\/p>\n<p>&#8211; Was ist ein Mensch? Wann entsteht ein Mensch? Eine Diskussion mit weitreichenden Folgen. Zwei Zellen begegnen sich und werden zu e\u00edner Zelle \u2013 vielleicht das sublimste Liebeserlebnis zwischen Mann und Frau \u2013 oder vielleicht aus der Untat eines Gewaltverbrechers \u2013 oder aus einem Experiment in einem Laboratorium?? Was ist ein Mensch? Ein Gesch\u00f6pf, das aus Liebe, aus Gewalt oder aus wissenschaftlicher Forschung entstanden ist? Sind wir mehr als die Kaulquappen, die die Gr\u00e4ben f\u00fcllen und millionenfach sterben, wenn die Sonne das Wasser verdampfen l\u00e4sst? \u2013 Kann man deshalb so viel von unserem Menschenmaterial, wie wir nur wollen, erforschen, aufbewahren, verwenden \u2013 oder gilt hier ein anderer Ma\u00dfstab, weil der Mensch kein Material ist, sondern ein Ziel f\u00fcr alle unseren ethischen \u00dcberlegungen?<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang sollen wir die Erz\u00e4hlungen des heutigen Tages h\u00f6ren. Gott der Herr ist wie die Hausfrau, die mit klopfendem Herzen und zitternden H\u00e4nden umhergeht, um nach der verlorenen M\u00fcnze vom Haushaltsgeld zu suchen, die weggekommen ist; sie sucht und sucht und sucht, bis sie sie findet \u2013 und da bricht sie in gro\u00dfen Jubel aus, ruft die Nachbarn herbei und l\u00e4dt zu einem spontanen Fest ein. \u2013 So sehr k\u00fcmmert sich Gott der Herr um jedes einzelne Menschenkind zu allen Zeiten! Ein schwindelnder, unfassbarer Gedanke! Der reine Wahnsinn, die gr\u00f6\u00dfte Naivit\u00e4t, wenn man bedenkt, wie das Leben in der Welt ist, wo es viel eher so aussieht, als ginge es darum, Menschen loszuwerden. Wie nie zuvor wird heute in die Kriegsmaschinerie investiert \u2013 und dann soll das alles ja auch in der Welt der Wirlichkeit getestet werden. W\u00e4hrend das Einzige, das bald gar nichts mehr kostet in der Welt, ein Mensch ist. Und sein Wert wird bald danach bestimmt.<\/p>\n<p><em>Deshalb<\/em> sollen wir auf diesen grundlegenden christlichen Wert festgelegt werden: den Glauben an den g\u00f6ttlichen Wert des einzelnen Menschen. Das ist der Glaube Jesu. Und deshalb ist es auch in seinem Geist, alles zu tun, um einen jeden Menschen zu besch\u00fctzen und bewahren, ungeachtet wie krank, wie alt, wie klein, wie arm, wie schwach er sein mag. Ungeachtet seiner Hautfarbe, seines Geschlechts, seiner Begabung. \u2013 In diesem Zusammenhang sind die Menschenrechte zu sehen als eine der entscheidenden Bem\u00fchungen unserer Zeit, einer Ethik zu folgen in \u00dcbereinstimmung mit der christlichen. \u2013 Jedesmal, wenn ein gef\u00e4hrdeter Mensch auf Mitgef\u00fchl trifft und Hilfe empf\u00e4ngt, freut Gott sich. Und jedesmal wenn ein Mensch etwas auf Kosten Anderer erreicht, durch S\u00fcnde und Betrug, nur im Gedanken an die eigenen Interessen, leidet Gott darunter und wird er zornig. Wer Schwarzarbeit leistet, um zugleich sein Arbeitslosengeld zu bekommen, lebt davon, Andere zu betr\u00fcgen. Ebenso wie derjenige, der die Verantwortung f\u00fcr die \u00f6ffentliche Sozialhilfe hat, dem nicht hinreichend zu Hilfe kommt, der die Hilfe am meisten n\u00f6tig h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Noch einmal: Ist es nicht hoffnungslos naiv, so vom Wert, der W\u00fcrde und der Verantwortung des einzelnen Menschen zu reden, wenn wir sehen, wie das Leben in der Welt ist? Bedeutet das nicht, dass man sich selbst in die Gefahr begibt, hoffnungslos hinters Licht gef\u00fchrt und betrogen zu werden, wenn wir uns die Wirklichkeit ansehen, von der wir doch ein Teil sein sollen? \u2013 Das kannst du sagen, und viele werden das sagen. Aber die Frage ist doch, ob du dich damit nicht dem viel hoffnungsloseren Wahnsinn auslieferst, dass die Welt und die Wirklichkeit <em>nur<\/em> so ist, wie sie sich unmittelbar darstellen: Hart, kynisch, ungerecht.<\/p>\n<p>Aber Jesus, Jesus war nicht auf das aus, was die Augen sehen und was der Verstand einem sagt. Er entlarvte die Unfruchtbarkeit in der Weisheit der Welt \u2013 und ging hinauf in die Berge, um allein zu sein. Und dort, in der Stille und Einsamkeit, sprach er mit seinem Gott. Und aus der Tiefe h\u00f6rte er die Stimme des Ewigen: <em>Denk daran: genauso sehr, wie eine arme Frau nach einer verlorenen Drachme sucht und sucht \u2013 und jubelt, wenn sie sie findet, genauso freut sich mein Herz \u00fcber jede einzige kleine Menschenseele, die geschaffen worden ist. \u2013 <\/em>Und Jesus ging wieder hinab und erz\u00e4hlte das Gleichnis \u2013 und machte Gottes Wort zu Wirklichkeit, verborgen f\u00fcr das Auge, aber sichtbar f\u00fcr das Herz.<\/p>\n<p>Viele sagten: Hoffnungslos naiv, jeden Menschen als unendlich wertvoll zu betrachten angesichts der Welt, wie sie ist. W\u00e4hrend f\u00fcr andere Menschen diejenige Stimme, die die beiden Gleichnisse von der leidenschaftlichen Liebe Gottes zu jedem einzelnen kleinen Menschen erz\u00e4hlte, das wahre Fundament der Hoffnung und des Lebensmutes ist. Denn so gibt es eine Hoffnung f\u00fcr uns alle. Hoffnung, geliebt zu sein, gefunden und auf den rechten Weg geleitet zu werden. Geleitet zu werden und Frieden geschenkt zu bekommen. Gnade zu erlangen. So verlockend und verhei\u00dfungsvoll und bereichernd ist diese Stimme des Widerspruchs in der Welt, dass sie nie etwas geh\u00f6rt haben, das vergleichbar w\u00e4re \u2013 und dass sie jetzt nicht mehr leben k\u00f6nnen, ohne daran als an die Wahrheit \u00fcber das Menschenleben zu glauben. Deshalb streben sie \u2013 wir! \u2013 hier in die Kirche, in die Gemeinschaft der Glaubenden, um zu h\u00f6ren, dass, w\u00e4hrend man dort drau\u00dfen mit Menschen als Mittel und Material rechnet, der Herr der Welt, der Lebenspender, einen jeden Menschen \u2013 und d.h. auch dich und mich \u2013 als ein Ziel an sich betrachtet. Ein heiliges, unverletzliches Ziel.<\/p>\n<p>Will man etwas Klares dar\u00fcber sagen, was christlicher Glaube bedeutet, dann kann man mit anderen Worten sehr gut genau an dieser Stelle beginnen, n\u00e4mlich mit diesen beiden kleinen Erz\u00e4hlungen. Jesus erz\u00e4hlte sie in einem bestimmten Zusammenhang. <em>Es machten sich aber alle Z\u00f6llner und S\u00fcnder an Jesus heran, um ihn zu h\u00f6ren. Dar\u00fcber entr\u00fcsteten sich die Pharis\u00e4er und Schriftgelehrten und sagten: \u201eDieser Mann nimmt S\u00fcnder auf und isst mit ihnen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Hier erhalten wir einen Eindruck davon, wer es war, der sich von der Verk\u00fcndigung Jesu beeindrucken lie\u00df und sich an ihn hielt: <em>Alle<\/em> Z\u00f6llner und S\u00fcnder \u2013 d.h. diejenigen, die dadurch reich wurden, dass sie f\u00fcr die r\u00f6mische Besatzungsmacht unter der sowieso schon ausgesaugten j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung Steuern eintrieben und deshalb mit Recht von der Bev\u00f6lkerung gehasst wurden. Und dann alle diejenigen, die S\u00fcnder waren, d.h. \u00f6ffentlich zu Gesetzesbrechern im Verh\u00e4ltnis zum Gesetz Gottes erkl\u00e4rt waren und mit denen rechtgl\u00e4ubige Juden aus diesem Grunde keinen Umgang pflegen durften. Also alle diejenigen, mit denen niemand von der \u201eguten Gesellschaft\u201c Umgang pflegen wollte. Aber Jesus erkl\u00e4rt hier, warum er genau bei denen seinen Platz hat, mit denen die Vornehmen, die Angesehenen nichts zu tun haben wollen.<\/p>\n<p><em>Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eines davon verliert, l\u00e4sst er nicht die neunundneunzig in der W\u00fcste zur\u00fcck und geht dem verlorenen Schaf nach, bis er es findet?<\/em> \u2013 Wohlgemerkt, Jesus ficht <em>nicht<\/em> das Recht der j\u00fcdischen Priester an, sich selbst als diejenigen zu verstehen, die bereits zu der Schar geh\u00f6rten, zu den Gerechten, zu denen, die Gott wohlgef\u00e4llig leben. Sondern er schildert einfach Gottes Liebe und F\u00fcrsorge all denen gegen\u00fcber, die aus irgendeinem Grunde <em>nicht<\/em> zu der Schar geh\u00f6ren \u2013 und er richtet damit nat\u00fcrlich auch einen Angriff auf die Verwaltung des Wortes Gottes durch die religi\u00f6sen F\u00fchrer, da sie nicht auf dieselbe Weise bereit sind, die, die drau\u00dfen stehen, aufzusuchen, sondern im Gegenteil sich ausschlie\u00dflich an die halten, die wie sie selbst ind. Ihre Eigenen.<\/p>\n<p>Das ist doch einfach. Gott ist vor allem darauf aus, zu denen hinzufinden, die sich \u201edrau\u00dfen\u201c befinden. D.h. au\u00dferhalb der Liebe, Achtung, des Verst\u00e4ndnisses anderer, d.h. zu allen Verzweifelten, allen Einsamen, allen Leidenden und Angsterf\u00fcllten. Ungeachtet, wie weit drau\u00dfen in der W\u00fcste sich ein Mensch befindet, Gott sucht nach ihm, bis er ihn findet, und bringt ihn zur\u00fcck in sein Reich der Liebe. \u2013 So ist der Gott, an den wir glauben. Das zeigte er uns mit den Worten und Taten seines Sohnes. Wie wir geh\u00f6rt haben: Er nahm alle Z\u00f6llner und S\u00fcnder an. \u00dcber der Frau, die ihrer Unzucht wegen gesteinigt werden sollte, hielt er seine besch\u00fctzende Hand. Den l\u00e4cherlichen unsympathischen Landesverr\u00e4ter Zach\u00e4us besuchte er. Die Auss\u00e4tzigen, die gezwungen waren, als Landstreicher au\u00dferhalb der D\u00f6rfer zu leben, heilte er. Die Dorfkinder, die den Leuten im Wege waren, nahm er zu sich und segnete er. Den R\u00e4uber, der am Kreuz hang und sterben sollte, nahm er mit sich ins Paradies. \u2013 So ist der Gott, an den wir glauben: er sucht einen jeden auf und nimmt sich seiner an, der verlassen ist oder irre gegangen ist in den \u00f6den Weiten seines Gem\u00fcts.<\/p>\n<p>So provozierend ist diese ganz und gar kostenlose Liebe und F\u00fcrsorge von Seiten Gottes, dass sogar Evangelisten sich schwer damit tun k\u00f6nnen, zu begreifen, wie reich und tief und umfassend sie sind. Nach jeder der beiden kleinen Erz\u00e4hlungen l\u00e4sst Lukas Jesus sagen: <em>So gro\u00df wird die Freude im Himmel sein \u00fcber einen einzigen S\u00fcnder, der umkehrt, gr\u00f6\u00dfer als \u00fcber neunundneunzig Gerechte, die nicht umzukehren brauchen.<\/em> \u2013 Ja, aber es gab doch <em>niemanden<\/em>, der umkehrte! Es war ja einzig und allein die unerm\u00fcdliche Suche des Hirten und der Witwe, die schlie\u00dflich dazu f\u00fchrte, dass das Schaf oder die M\u00fcnze gefunden wurde. Das Schaf tat gar nichts! Es befand sich in der W\u00fcste, war verloren, wurde aber gefunden und wieder nach Hause getragen. So total ist Gottes Liebe und F\u00fcrsorge \u2013 und genauso total ist die Freude bei Gott, wenn es gelingt, uns, die Verlorenen zu finden. Es ist und bleibt schwer f\u00fcr uns, dass wir uns an diesen Gedanken gew\u00f6hnen, f\u00fcr uns, die wir uns am liebsten um das, was wir entgegennehmen, verdient machen wollen, damit wir wissen, womit wir zu rechnen haben. \u2013<\/p>\n<p>\u2013 Ja, aber habe ich denn \u00fcberhaupt nichts zu leisten? Geschieht das alles ganz von selbst? \u2013 Wird Gott wirklich mit seiner Liebe und Gnade an uns festhalten, ungeachtet ob wir dazu beitragen oder nicht? Ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und Menschen wie zwischen einer Katzenmutter und ihren Jungen: wenn sie sich von Schlafplatz und Milchschale weg verirren, dann findet die Mutter sie, greift sie am Nacken und tr\u00e4gt sie nach Hause, ungeachtet was die Jungen tun m\u00f6gen. Oder ist das Verh\u00e4ltnis nicht eher wie das zwischen einer Affenmutter und ihrem kleinen Kind: die Mutter tr\u00e4gt das Kind \u00fcberall bei sich, f\u00fcttert und besch\u00fctzt es; das setzt aber voraus, dass sich das Affenkind selbst an der Mutter festklammert?<\/p>\n<p>Wenn wir die Erz\u00e4hlung von dem verirrten Schaf ganz w\u00f6rtlich nehmen, ist kein Zweifel m\u00f6glich: Das Schaf wird auf die Schultern des Hirten gelegt und braucht sich um nichts mehr zu k\u00fcmmern. Der Hirte h\u00e4lt das Schaf selbst fest, von dem Schaf wird <em>nichts<\/em> verlangt. Mit anderen Worten: es ist das Bild von der Katze und ihren Jungen, das hier passt. Die Gnade ist gratis, v\u00f6llig gratis, nichts wird von dir verlangt! Genau deshalb taufen wir die Kinder, wenn sie noch ganz klein sind: Ein jeder kann verstehen, dass es ganz unangemessen w\u00e4re, wenn man etwas von einem S\u00e4ugling verlangen w\u00fcrde, ehe man ihn taufte. Nein, Gottes F\u00fcrsorge f\u00fcr uns ist uns im Voraus gegeben. Von hier ist der unendliche Wert <em>eines jeden<\/em> Menschen f\u00fcr Gott gegeben.<\/p>\n<p>Danach aber wird, weil wir von vornherein von der Liebe Gottes umfasst sind, von uns verlangt, dass wir dann auch in \u00dcbereinstimmung mit diesem gratis Geschenk leben. <em>Gehe hin und s\u00fcndige nicht mehr!, <\/em>sagt Jesus immer wieder, nachdem er einen Menschen geheilt oder auf andere Weise von dem befreit hat, was ihn darin hinderte zu leben. An dieser Stelle kommt die \u201eUmkehr\u201c zur Sprache. Indem wir von diesem Glauben ergriffen werden, sollen wir umkehren und seinen Wegen folgen. \u2013 Das Problem ist dann nur, dass all das Gute und Erfreuliche und Hoffnungsvolle, von dem wir sehr wohl wissen, dass es das gibt und dass wir selbst bei anderen und uns selbst dazu beitragen k\u00f6nnen \u2013 dass es nur so kurz dauert, ehe Leiden, Besorgnis, Fehler und Versagen wieder Macht \u00fcber uns gewinnen. \u2013 Aber eben dann erkennt man, dass man selbst dem verirrten Schaf in der Ein\u00f6de gleicht, das gefunden und wieder zu seiner Herde, zur\u00fcck auf den rechten Weg gebracht werden muss. Immer wieder. Dass man nicht im Stande ist, selbst f\u00fcr seine Sicherheit zu sorgen, selbst zurechtzukommen \u2013 weil doch niemand von uns mehr als allenfalls in kurzen Augenblicken so lebt, wie er leben sollte.<\/p>\n<p>So lasst es uns erkennen, lasst uns erkennen, dass wir alle auf einmal unendlich geliebt sind und unendlich wertvoll und alle zugleich noch <em>sehr<\/em> weit davon entfernt sind, etwas zu sein, was an Vollkommenheit erinnern k\u00f6nnte. Dass wir eben deshalb Gottes Annahme, seine Vergebung und Gnade n\u00f6tig haben. Lasst das die Grundlage unseres Leben sein. Dann werden wir befreit sein von dem Gericht, dem Gericht \u00fcber uns selbst und dem Gericht, das wir \u00fcber andere halten.<\/p>\n<p>Hat man auf diese Weise damit begonnen, seine Illusionen \u00fcber sich selbst in Frage zu stellen, wird man dem\u00fctig. Dem\u00fctig und dankbar daf\u00fcr, was einem dennoch geschenkt ist. Und damit auch stolz. Stolz darauf, das k\u00f6stlichste Geschenk zu bekommen: die Liebe Gottes. Mit all dem im R\u00fccken w\u00e4re es wohl m\u00f6glich, dass man auch mild und nachsichtig, offen und zug\u00e4nglich f\u00fcr andere ist.<\/p>\n<p>Das also wird von uns verlangt: der Wille, die eigene Unzul\u00e4nglichkeit einzusehen. Der Bedarf, in Liebe aufgesucht und gefunden und getragen zu werden. In dieser Einsicht sind wir alle gleichgestellt. F\u00fcr manchen mag sich das von selbst ergeben \u2013 f\u00fcr andere mag es eine schwere Erkenntnis sein. Die Erkenntnis des Glaubens. In ihr \u00f6ffnen wir uns, um das zu empfangen, wovon wir leben: F\u00fcrsorge, Mitgef\u00fchl, Liebe. Sie entspringt letzten Endes, ungeachtet wie sie uns dargereicht wird: durch Andere, in unserem Innern verborgen, sie entspringt der ewigen Quelle der Liebe: der F\u00fcrsorge Gottes f\u00fcr einen jeden von uns. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Dompropst Anders Gadegaard<br \/>\nFiolstr\u00e6de 8,1<br \/>\nDK-1171 K\u00f8benhavn K<br \/>\nTel.: ++ 45 \u2013 33 14 85 65<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:abg@km.dk\">abg@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Sonntag nach Trinitatis | 12. Juni 2005 |\u00a0Lukas 15, 1-10 | Anders Gadegaard | Man diskutiert zur Zeit recht oft, auf welche Werte wir unsere Gesellschaft und unsere Kultur bauen. Was besitzen wir, das etwas Besonderes f\u00fcr uns ist, besonders kostbar, etwas, worauf wir nicht verzichten wollen, wenn wir fremden Impulsen begegnen? 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