{"id":10570,"date":"2005-06-07T19:49:26","date_gmt":"2005-06-07T17:49:26","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10570"},"modified":"2025-07-07T10:38:46","modified_gmt":"2025-07-07T08:38:46","slug":"genesis-41","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-41\/","title":{"rendered":"Genesis 50, 15-21"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">4. Sonntag nach Trinitatis | 19. Juni 2005 |\u00a0Genesis 50, 15-21 | Monika Waldeck |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Wenn Eltern sterben, dann ist es oft aus mit dem Frieden unter den Kindern.<\/p>\n<p>Dann beginnt der Streit ums Erbe, sei es gro\u00df oder klein, dann wird gek\u00e4mpft mit Klauen und Z\u00e4hnen und wenn gar nichts mehr geht, sieht man sich vor Gericht wieder.<\/p>\n<p>Manchmal erscheint eine solche Entwicklung f\u00fcr die Beteiligten verbl\u00fcffend, denn jeder schien seinen Platz im Leben gefunden zu haben.<br \/>\nVorher konnte man sich nicht vorstellen, welche Verletzungen aus der Kindheit wieder aufbrechen w\u00fcrden, welche alten Geschichten sich pl\u00f6tzlich wiederbeleben und an Gr\u00f6\u00dfe gewinnen k\u00f6nnten.<br \/>\nDa geht es um Schuld und Zur\u00fcckweisung, um Neid und Eifersucht, um Hass- und Rachegef\u00fchle.<br \/>\nUnd nicht selten entzweien sich Familien nach dem Tod der Eltern \u00fcber Erbstreitigkeiten f\u00fcr immer.<br \/>\nVielleicht kennen Sie solche Situationen aus dem Bekanntenkreis oder der eigenen Familie.<\/p>\n<p>In unserem Bibeltext heute entfaltet sich eine Szene, in der eben diese Angst vor den Folgen des Todes des Vaters thematisiert wird.<br \/>\nManche von Ihnen werden die in der Bibel \u00fcber viele Kapitel erz\u00e4hlte spannende Familiengeschichte von Jakob und seinen S\u00f6hnen im Ged\u00e4chtnis haben.<\/p>\n<p>Jakob hatte 12 S\u00f6hne, einer davon, Josef, Kind seiner Lieblingsfrau Rahel, war sein Lieblingssohn.<br \/>\nAus Eifersucht dar\u00fcber warfen ihn seine Br\u00fcder in einen Brunnen und verkauften ihn in die Sklaverei nach \u00c4gypten, wo ihn ein hoher Hofbeamter des Pharao erwarb.<br \/>\nAm \u00e4gyptischen Hof machte Josef mit Gottes Hilfe einen steilen Aufstieg zum Hausverwalter, wurde dann jedoch aufgrund der Machenschaften der verliebten Frau des Hofbeamten ins Gef\u00e4ngnis geworfen.<br \/>\nWieder war Gott mit ihm, denn er konnte zwei beunruhigende Tr\u00e4ume des Pharao deuten, wonach 7 fette und 7 magere Jahre \u00fcber \u00c4gypten kommen w\u00fcrden.<br \/>\nMit diesem Wissen traf der Pharao Vorsorge und baute riesige Kornspeicher, die in den D\u00fcrrejahren Hungersn\u00f6te vom Volk abwendeten und den umliegenden V\u00f6lkern erm\u00f6glichten, in \u00c4gypten Getreide zu bekommen.<br \/>\nAuch Jakob schickte seine S\u00f6hne nach \u00c4gypten, Korn zu kaufen, denn in Israel w\u00fctete der Hunger. Josef erkannte seine Br\u00fcder und versuchte herauszubekommen, ob sie immer noch die Egoisten seien, f\u00fcr die er sie fr\u00fcher gehalten hatte.<br \/>\nEr lie\u00df Benjamin, den j\u00fcngsten Bruder als Dieb verhaften und erkl\u00e4rte, ihn als Sklaven halten zu wollen.<br \/>\nNun kam der entscheidende Augenblick: die Br\u00fcder baten darum, an Benjamins Stelle als Sklaven genommen zu werden, da sie wu\u00dften, dass der J\u00fcngste ihrem Vater am meisten am Herzen lag. Da freute sich Josef und lud alle ein, in \u00c4gypten zu leben.<br \/>\nNachdem aber der Vater Jakob gestorben war, wuchs in den Br\u00fcdern erneut Angst vor Josefs Rache:<\/p>\n<p>(Gen 50, 15-21 lesen)<\/p>\n<p>&#8222;Na also&#8220;, denken Sie vielleicht: &#8222;diese Erz\u00e4hlung geht gut aus, so sollte es unter vern\u00fcnftigen Menschen sein&#8220;.<br \/>\nUnser Gerechtigkeitsempfinden ist zufriedengestellt.<\/p>\n<p>Aus dem Abstand heraus, im R\u00fcckblick auf einen Lebensabschnitt kann man manchmal sehen, was zum Frieden n\u00f6tig ist, Vers\u00f6hnung, Aufeinanderzugehen, Vergebung der alten Schuld aus Kindertagen.<br \/>\nSo ist es auch bei Josef, der in seiner Familiengeschichte Gottes Lenkung erkennt.<br \/>\n&#8222;Ihr gedachtet es b\u00f6se mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.&#8220;<\/p>\n<p>Aber wie ist es, wenn wir selbst betroffen sind, Sie oder ich, wenn wir mitten drin stecken in einem Schuldkonflikt, in einem Streit in der Familie z.B., wenn das Gef\u00fchl vorherrscht, ich komme zu kurz, ich werde \u00fcbersehen, mir geschieht Unrecht?<\/p>\n<p>Schauen wir noch mal auf unsere Erz\u00e4hlung.<br \/>\nSeit unseren Kindergottesdiensttagen wird uns Josef als gut und edelm\u00fctig geschildert, die Geschwister dagegen als egoistisch und eifers\u00fcchtig.<br \/>\nUnd tats\u00e4chlich war es hinterh\u00e4ltig und gemein, den ungeliebten Bruder aus Neid und Eifersucht in den Brunnen zu werfen und seinem Schicksal in der Sklaverei zu \u00fcberlassen. Ihn loszuwerden, weil der Vater ihn mehr liebte als sie. Eine schwere Schuld haben die S\u00f6hne auf sich geladen.<br \/>\nNicht zu Unrecht bef\u00fcrchten sie eine sp\u00e4te Rache des Bruders nach dem Tod des Vaters.<\/p>\n<p>Dennoch: sie mussten fr\u00fcher wohl oft zur\u00fcckstehen hinter dem bevorzugten Kind, das sch\u00f6ne Geschenke bekam, w\u00e4hrend sie hart arbeiteten.<br \/>\nDas sich vorstellte, wie Eltern und Br\u00fcder sich vor ihm beugten und verneigten. Ein Kind, das sich f\u00fcr grandios hielt.<br \/>\nEs sind schlimme Kr\u00e4nkungen der Geschwister, die sich hier widerspiegeln.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt mich zu der Frage nach der Rolle Jakobs, des Vaters in diesem Familiendrama.<br \/>\nZwar pr\u00e4gen Eltern ja gern den Satz, dass sie alle ihre Kinder immer gleich behandeln w\u00fcrden, aber die unter Ihnen, die mit Geschwistern gro\u00df geworden sind, wissen, dass das eine Illusion ist.<br \/>\nImmerhin dr\u00fcckt sich darin das Bem\u00fchen von Eltern aus, ihren Kindern gerecht werden zu wollen.<\/p>\n<p>Aber hier, in unserer Geschichte?<br \/>\nWas ist das f\u00fcr ein Vater, der ein Kind so bevorzugt, die anderen so zur\u00fccksetzt, dass sie \u00fcber Mord und Vertreibung des Bruders nachdenken und schlie\u00dflich ihren Plan in die Realit\u00e4t umsetzen?<\/p>\n<p>Einseitige Schuld scheint es hier nicht zu geben.<br \/>\nHilft uns das in unseren Familiengeschichten?<\/p>\n<p>Mitten im Ehestreit, im Konflikt um das Sorgerecht f\u00fcr die Kinder, in der Auseinandersetzung um das Erbe der Eltern will und kann man oft nur die eigene Seite sehen, die Angst, zu kurz zu kommen, die feindseligen Gef\u00fchle gegen\u00fcber den vermeintlich bevorzugten Familienmitgliedern beherrschen einen.<br \/>\nEs sind tiefe, archaische Gef\u00fchle, die sich da Bahn brechen.<\/p>\n<p>Und sie sind nicht nur negativ.<br \/>\nMit ihnen machen wir schon als S\u00e4uglinge unsere ersten Erfahrungen von Individuation, z.B. im Schreien des Kindes, wenn die Mutter das Zimmer verl\u00e4sst.<br \/>\nMit ihrer Hilfe bilden wir unser Ich in der Pubert\u00e4t, denn sie helfen, von den Eltern wegzugehen und auf eigenen F\u00fc\u00dfen zu stehen.<br \/>\nSie erm\u00f6glichen uns im Erwachsenenleben, uns f\u00fcr unsere Rechte einzusetzen und unsere Grenzen zu sp\u00fcren.<br \/>\nAllerdings: Aggressionen k\u00f6nnen negativ und zerst\u00f6rerisch werden.<\/p>\n<p>Dann braucht es Hilfe von au\u00dfen, um einen Weg zur Vergebung zu finden, eine L\u00f6sung zu erreichen.<br \/>\nDie biblische Geschichte lehrt uns, dass wir dabei auf Gottes Hilfe rechnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wie war das bei Josef?<br \/>\nArrogant und verw\u00f6hnt schien er in jungen Jahren gewesen zu sein.<br \/>\nAber dann sa\u00df er im tiefen Brunnen. Im Dunkeln, auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen, alleingelassen mit der Angst vor dem Tod.<br \/>\nEr erlebte Sklaverei und Dem\u00fctigungen, schlie\u00dflich Gef\u00e4ngnis in \u00c4gypten, sa\u00df wieder im Loch. Das Leben ging nicht mehr verw\u00f6hnend mit ihm um.<br \/>\nSo hat er gelernt, ist weitherzig geworden, weise und reif.<br \/>\nEr erkennt f\u00fcr sich, wie Gott ihn geleitet hat auf seinen Wegen.<br \/>\nEr m\u00f6chte sich mit seiner Familie auss\u00f6hnen und tut es.<\/p>\n<p>Wir haben ebenso M\u00f6glichkeiten, aus unseren \u201edunklen L\u00f6chern\u201c, aus unseren inneren Gef\u00e4ngnissen herauszukommen.<br \/>\nWenn ich nicht mehr weiterwei\u00df, mich gefangen f\u00fchle in einem famili\u00e4ren Konflikt , in Gefahr gerate, nur noch meine Interessen und nicht mehr die meines Gegen\u00fcbers zu sehen, kann ich mich an eine Ehe- oder Erziehungsberatung wenden oder das Gespr\u00e4ch mit einem Pfarrer\/einer Pfarrerin suchen.<br \/>\nEin Dritter ist dann n\u00f6tig, um die Sackgasse verlassen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und ich kann beten.<br \/>\nAllein und in Gemeinschaft.<br \/>\nSo wie heute morgen hier in der Kirche, dem Ort, an dem mir pers\u00f6nlich das Beten oft leicht f\u00e4llt.<br \/>\nHierher kann ich meine Fragen, meine Angst, meine Sorgen, meinen Dank und meine Freude tragen.<br \/>\nIn der N\u00e4he zu den anderen Betern und Beterinnen erscheint mir Gott manchmal besonders nahe.<br \/>\nIch erhoffe mir Antwort, m\u00f6chte hineingenommen werden in das heilende Handeln Gottes, in seinen Segen.<br \/>\nUnd ich wei\u00df seit seinem Heilhandeln an Jesus Christus, dass er sich nicht verschlie\u00dft.<\/p>\n<p>So vertraue ich darauf, dass auch in meinem oder in Ihrem Leben geschehen kann, was Josef mit den Worten ausdr\u00fcckt: &#8222;Ihr gedachtet es b\u00f6se mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.&#8220;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Monika Waldeck, Studentenpfarrerin<br \/>\n<a href=\"mailto:waldeck.esg-wiz@ekkw.de\">waldeck.esg-wiz@ekkw.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. 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