{"id":10573,"date":"2005-06-07T19:49:21","date_gmt":"2005-06-07T17:49:21","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10573"},"modified":"2025-07-07T10:30:55","modified_gmt":"2025-07-07T08:30:55","slug":"lukas-6-36-42","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-6-36-42\/","title":{"rendered":"Lukas 6, 36-42"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">4. Sonntag nach Trinitatis | 19. Juni 2005 |\u00a0Lukas 6, 36-42 | Niels Henrik Arendt |<\/span><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Es geht darum, der Wirklichkeit in die Augen zu sehen \u2013 das ist geradezu ein Glaubenssatz unserer Zeit. Zum Beispiel haben die Fernsehsender eine Struktur, in der das, was man Sendungen \u00fcber Fakten nennen k\u00f6nnte, einen hervorragenden Platz einnimmt, und wenn man sich mal die M\u00fche macht, das gesamte Radio- und Fernsehprogramm f\u00fcr die kommende Woche durchzusehen, kann man sehen, wieviele Programme es auf sich nehmen, den gew\u00f6hnlichen Zuschauer und H\u00f6rer mit der nicht besonders sch\u00f6nen Wirklichkeit zu konfrontieren; dann kann man beobachten, wie wichtig dieser <em>Realismus<\/em> f\u00fcr die Programmpolitik ist \u2013 die Philosophie, die dahintersteht, ist die, dass besonders die menschliche Wirklichkeit so n\u00fcchtern und direkt wie m\u00f6glich darzustellen ist. Und genau dasselbe sehen wir in Zeitungsberichten, in Wochenzeitschriften, Illustrierten und \u00e4hnlichen Medien; wir k\u00f6nnen diskutieren, ob da denn auch ein wahres Bild der Wirklichkeit des Menschen geboten wird. Aber es besteht kein Zweifel, dass das ein Teil der Zielvorstellung ist \u2013 auch bei den geringsten unter den Bl\u00e4ttern. Siehe der Wirklichkeit in die Augen und lass deine Leser ihr in die Augen sehen \u2013 erlaube dir nicht, die Tatsachen herauszuputzen und lass dich nicht von deinen Gef\u00fchlen mitrei\u00dfen. Eine Reportage, die von <em>Mitgef\u00fchl<\/em> getragen ist, geh\u00f6rt zu den Ausnahmen; und wenn soetwas dann ausnahmsweise doch einmal vorkommt, d\u00fcrfen wir uns wohl mitrei\u00dfen lassen, aber wir haben im Innersten dennoch Vorbehalte: es ist ja eine gef\u00e4rbte Reportage, sie ist nicht ganz realistisch; die Augen, die hier sehen, sind nicht neutral. Sieh der Wirklichkeit in die Augen, und lass dich nicht von deinen Gef\u00fchlen blenden.<\/p>\n<p>Aber in den Worten Jesu, die wir vorhin geh\u00f6rt haben, ist das Interesse auf die Augen gerichtet, die die Wirklichkeit sehen. Sieh der Wirklichkeit in die Augen, sagen wir, jawohl, aber mit welchen Augen? Jesus spricht davon, wie Blinde nicht andere Blinde f\u00fchren k\u00f6nnen, und er erz\u00e4hlt das Gleichnis von dem Mann, der glaubt, er k\u00f6nnte einen Splitter im Auge seines Mitmenschen sehen, w\u00e4hrend er selbst einen Balken im Auge hat. Der Sinn dieser Worte und Bilder ist der, dass das, was wir Realismus nennen, in Wirklichkeit eine Form von <em>Blindheit<\/em> ist. Jesu Botschaft ist die, dass nur derjenige, der mit klaren Augen auf seinen Mitmenschen sieht, diesen Mitmenschen so sehen kann, wie er oder sie wirklich ist. Aber klare Augen hat nur der, der die Balken und, was sonst noch die Sicht behindern kann, aus ihnen entfernt bekommen hat. Ohne Bilder gesagt: nur derjenige, der selbst Vergebung empfangen hat, kann \u00fcber seinen Mitmenschen urteilen \u2013 und kann deshalb gerade nicht \u00fcber ihn <em>urteilen<\/em>.<\/p>\n<p>Wir sprechen davon, der Wirklichkeit in die Augen zu sehen. Aber nicht alle Augen k\u00f6nnen die Wirklichkeit sehen. Das k\u00f6nnen nur die Augen, die Mitgef\u00fchl, Barmherzigkeit, Solidarit\u00e4t kennen. Das Gef\u00fchl, das Mitgef\u00fchl macht nicht blind, es macht vielmehr sehend. Es gibt \u2013 anders als man gew\u00f6hnlich annimmt \u2013 keinen Realismus ohne Barmherzigkeit; nur der, der selbst Barmherzigkeit erlebt hat, sieht hinreichend klar, um hinter all das zu schauen, was wir Wirklichkeit nennen, und f\u00fcr den Blick der Barmherzigkeit schwindet der Balken in den Augen deines Bruders zu einem Splitter.<\/p>\n<p>In dem, was wir Realismus nennen, geschieht in der Regel das Entgegengesetzte: der Splitter schwillt an und scheint zu einem Balken zu werden, die Fehler anderer Menschen werden vergr\u00f6\u00dfert, wenn wir sie k\u00fchl und anteilnahmslos betrachten. Und eben deshalb ist das, was wir Realismus nennen, in Wirklichkeit eine Form von Verblendung. Oder anders gesagt: man kann einen anderen Menschen nicht verstehen, ohne Nachsicht mit ihm zu haben. Das Elend ohne Mitgef\u00fchl zu schildern hei\u00dft, dass man dar\u00fcber l\u00fcgt.<\/p>\n<p>Viele der Zeitgenossen Jesu meinten, sie bes\u00e4\u00dfen den klaren Blick f\u00fcr die Wirklichkeit im Gegensatz zu allen Heiden. Sie nannten sich selbst \u201eErzieher der Unaufgekl\u00e4rten\u201c, sie erhoben den Anspruch, \u201eF\u00fchrer der Blinden\u201c zu sein. Wir sind die, die sehen, sagten sie, wir haben ja das Gesetz Moses, mit dem wir die Wirklichkeit beurteilen. Wir m\u00fcssen die Richtigen sein, um die zu f\u00fchren, die selbst nicht sehen k\u00f6nnen. Aber Jesus sagte zu ihnen: Ihr seid selbst blind. Schon die Tatsache, dass ihr die Anderen f\u00fcr blind erkl\u00e4rt, offenbart eure eigene Blindheit. Aber sie wandten dagegen ein: ja, aber wir k\u00f6nnen doch sehen, wie sie s\u00fcndigen und sich irren in allen m\u00f6glichen Bereichen. Sie waren die Realisten jener Zeit, sie bildeten sich nichts ein \u00fcber die Menschen, sie nahmen kein Blatt vor den Mund, sie nannten S\u00fcnde S\u00fcnde. Aber Jesus sagte zu ihnen: Ihr k\u00f6nnt eure eigenen Fehler nicht sehen. Und sie behindern eure Sicht, und deshalb macht ihr Fehler in dem, was ihr \u00fcber Andere zu wissen glaubt.<\/p>\n<p>Sich all des Unbedeutenden und Kleinlichen an den Menschen anzunehmen, seinen Blick auf all das zu richten, was man anklagen kann, das tr\u00fcbt im Grunde den Blick \u2013 und hat nichts damit zu tun, der Wirklichkeit in die Augen zu sehen, obgleich wir das wohl so auffassen.<\/p>\n<p>Und dem stellt Jesus nun dies gegen\u00fcber, dass man seine Mitmenschen ansieht, ohne einen Balken im eigenen Auge zu haben, und damit meint er nicht, dass sich der Mensch selbst fehlerfrei machen und auf diese Weise seine Sicht allm\u00e4hlich verfeinern kann; nein, er meint das Ansehen des Mitmenschen mit dem Wissen, dass einem selbst vergeben worden ist. Und das hei\u00dft, den Anderen in Solidarit\u00e4t anzusehen, sich selbst genauso abh\u00e4ngig von Nachsicht zu wissen, wie man den Anderen davon abh\u00e4ngig sehen kann. Den Balken im Auge zu haben bedeutet, dass man sich selbst ganz anders sieht als den Anderen, es bedeutet, dass man sich distanziert. Ohne Balken zu sein bedeutet, dass man sich selbst mit dem Anderen verbunden wei\u00df, das bedeutet, mit dem Anderen in dessen Not solidarisch zu sein, das bedeutet, dass man sich selbst von dem Splitter im Auge des Anderen getroffen f\u00fchlt, es bedeutet, dass man einsieht, dass der Fehler des Anderen nicht etwas ist, was uns verschieden macht, sondern im Gegenteil etwas, was uns verbindet.<\/p>\n<p>In einer Erinnerungsrede erz\u00e4hlt ein alter russischer M\u00f6nch von seinem Bruder, der allzu fr\u00fch verstarb. Der Bruder sei eigentlich ein ziemlich hochm\u00fctiger Mensch gewesen, einer, der sich besser und kl\u00fcger und aufgekl\u00e4rter w\u00e4hnte als Andere, aber eines Tages wurde er von der galoppierenden Schwindsucht ergriffen, und da fing er an, sich ganz merkw\u00fcrdig zu benehmen: er begann alle Menschen um Vergebung zu bitten, sogar f\u00fcr Versehen, die gar keine Versehen waren. Der Arzt sagte: die Schwindsucht hat ihm den Verstand geraubt. Und so sah es auch aus: er begann sogar, die V\u00f6gel und andere Tiere um Vergebung zu bitten. Seine Mutter versuchte verzweifelt, in zur Vernunft zu bringen: Du nimmst allzu viel S\u00fcnde auf dich, sagte sie unter Tr\u00e4nen zu ihm. Aber der Totkranke selbst weinte vor Freude, erz\u00e4hlt der alte M\u00f6nch viele Jahre sp\u00e4ter, und er sagte, dass er im Paradies war. Wie kann man sich so schuldig f\u00fchlen und zugleich so gl\u00fccklich sein, fragt der Alte. M\u00fcsste das Schuldgef\u00fchl einen nicht niedergedr\u00fcckt machen? Aber der junge, todkranke Mann ist gl\u00fccklich, denn er ist nun nicht mehr \u00fcber die Anderen erhaben; er sieht klar, dass er mit ihnen in ihren Fehlern gleichgestellt ist, in ihrer Schuld, ihrer Schw\u00e4che, und nur so kann er der Barmherzigkeit, der Vergebung, dem Mitgef\u00fchl begegnen. Und wo die Barmherzigkeit und die Vergebung ist, da ist auch das Paradies. Das Paradies ist nicht, wo der Mensch rein und fehlerfrei ist, das Paradies ist da, wo der Mensch sich schuldig und mitschuldig wei\u00df.<\/p>\n<p>Seinen Mitmenschen mit Barmherzigkeit, in Solidarit\u00e4t, mit Mitgef\u00fchl, mit innerlichem Verst\u00e4ndnis und tiefer Zusammengeh\u00f6rigkeit anzusehen, das hei\u00dft, ihn mit einem klaren Blick anzusehen. Und so sieht Gott den Menschen an, erz\u00e4hlt Jesus.<\/p>\n<p>Gott sieht nicht nur unserer menschlichen Wirklichkeit in die Augen mit all dem Geringen und Elend, das sich gewiss von ihr sagen l\u00e4sst, nein, er sieht unsere menschliche Wirklichkeit mit den Augen der Barmherzigkeit an, mit dem klarsten Blick von allen. Deshalb sieht er tiefer als die, die uns ohne Teilnahme ansehen. Weil Gott den Menschen nie ohne innerliches Verst\u00e4ndnis ansieht, ist Gott der gro\u00dfe Realist. Und er l\u00e4dt uns dazu ein, dass wir einander auf dieselbe Weise ansehen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\nRibe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<br \/>\nTel.: 74 52 20 25<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\">nha@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Sonntag nach Trinitatis | 19. 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