{"id":10578,"date":"2005-06-07T19:49:27","date_gmt":"2005-06-07T17:49:27","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10578"},"modified":"2025-07-07T11:02:52","modified_gmt":"2025-07-07T09:02:52","slug":"johannes-1-35-50","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1-35-50\/","title":{"rendered":"Johannes 1, 35-50"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">5. Sonntag nach Trinitatis | 26. Juni 2005 | Johannes 1, 35-50 | Wolfgang Petrak |<\/span><\/h3>\n<p>\u201eUnd der Herr sprach zu Abram: Geh aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde\u201c. Das Sein beginnt mit dem Werden. Die Augen \u00f6ffnen sich, das Begreifen beginnt. Ihm folgt das Verstehen, irgendwann.<\/p>\n<p>Im Anfang war das Wort. Es wird zur Sprache. Zeichen werden die Wahrheit deuten. Im Anfang war das Wort, das Gott ist. Gott bleibt nicht bei sich stehen, er wird. Menschen werden. Johannis, der Mensch: er sieht und spricht. Er versteht, dass er nicht das Zeichen ist. Er weist auf einen anderen. Und er gibt seine J\u00fcnger frei, damit sie dem nachfolgen, der in Bewegung ist. Und der Menschen in Bewegung bringt. Sie wissen um die Zeit, bleiben nur kurz, um dann weiter zu sagen und weiter zu suchen, der eine findet den anderen, Andreas den Simon und Philippus den Nathanael. Skeptisch der letztere; \u00fcbrigens verf\u00fcgt dieser sogar um eine Bleibe unter einem Feigenbaum: Idylle nach hei\u00dfem Arbeitstag mag man vermuten, oder Ruhe vor dem Sturm?<\/p>\n<p>Doch: wir erfahren nichts. Nichts \u00fcber die Arbeit, nichts \u00fcber die Gedanken, schon gar nichts \u00fcber ihre Gef\u00fchle, schon gar nichts \u00fcber ihr Suchen im Glauben und das Zweifeln, das jenen eigen ist, die wissen, dass sie aufbrechen m\u00fcssen. Wir h\u00f6ren nur von Menschen in ihren Tageszeiten, registrieren vielleicht kurz die verschiedenen Ortsnamen: Bethanien, Bethsaida, Nazareth und die ganze galil\u00e4ische Richtung, doch wohin geht es eigentlich? Wir h\u00f6ren auch die Namen derer, die angesprochen und bewegt sind- wie hie\u00dfen sie doch gleich? Ach ja, Andreas und Natanael und Phillippus, Petrus nat\u00fcrlich. War da noch ein Johannesj\u00fcnger? Menschen in offensichtlicher Bewegung, und doch sind sie vergessen. Selbst Kephas, der Fels, von dem Paulus soviel wankelm\u00fctiges und die Evangelien soviel beeindruckendes und abgr\u00fcndig-menschliches zu berichten wissen: selbst er ist , was sein Lebensende anbelangt, vom kulturellen Ged\u00e4chtnis ausgegrenzt. Trotzdem gibt es die Worte, die wir immer h\u00f6ren. Trotzdem gibt es Menschen, die sich bewegen. Trotzdem steht das Werden vor Augen. Was also bleibt?<\/p>\n<p>\u201eHier kannst du bleiben\u201c, denke ich und setze mich in eines dieser runden Drahtgeflechtsessel, die auf den Bahnsteigen der Bahn Bequemlichkeit ( aber nicht zu lange!) verhei\u00dfen. Ich war rechtzeitig zum Bahnhof gekommen, hatte am Eingang am neuen Olivenstand vorbeigesehen, dessen Besitzer ich noch aus alten Zeiten kenne, war dann in die Halle des Bahnhofes hineingegangen und hatte die f\u00fcr mich beruhigende Versp\u00e4tung meines Zuges vernommen, war dann durch den Tunnel , der zu den Bahnsteigen f\u00fchrt, geschlendert: lachende junge Frauen waren mir entgegengekommen, mit hohen Rucks\u00e4cken und Handgep\u00e4ck, Studentinnen offensichtlich- ach ja , dachte ich, wie war es doch fr\u00fcher, als ich im ersten Semester hier angekommen war, mit einem Koffer und einem R\u00f6hrenradio unter dem Arm: diese Zeit des Aufbruchs: so unvergesslich sch\u00f6n. Am Anfang war eine Philosophievorlesung \u00fcber Plotin, nichts verstand ich, aber trotzdem. Der Weg der Gedenken in alte Zeiten zur\u00fcck ist wie ein Tunnel mit dunklen R\u00e4ndern, die den Blick verengen, umso deutlicher aber vergangene Richtungen beschreiben. Wenn es dann die Treppe zum Bahnsteig heraufgeht, weitet sich der Blick. Alles ist auf Ankunft und Abfahrt, auf Bewegung eingestellt. Der eingefahrene Gegenzug auf der anderen Seite des Bahnsteiges entl\u00e4sst Menschen, sie mischen sich mit den Wartenden, Einsteigende laufen dem Strom entgegen. Liebende umarmen sich so, als l\u00e4gen Jahre zwischen ihrem letzten Sehen. Eine Mutter versucht, ihr Kind im Kinderwagen sicher aus dem ICE zu bugsieren; das Kind schreit; der Mann, der offensichtlich zu den beiden geh\u00f6rt, steigt hinter der Mutter aus und schleudert seine Worte auf den Bahnsteig. Ein \u00e4lteres Ehepaar, sie mit einer Gehhilfe, eilt der ge\u00f6ffneten Zugt\u00fcr entgegen, w\u00e4hrend der Lautsprecher , der neuerdings auch englisch sprechen muss, die Abfahrt ank\u00fcndigt: die Zugbegleiterin gibt den beiden ein beruhigendes Handzeichen. Der Zug f\u00e4hrt ab, meiner wird kommen. Neben mir steht eine Familie, mit Oma. Sie haben prall gef\u00fcllte Plastikt\u00fcten in der Hand. Der Mann, gl\u00e4nzende Nappa-Lederjacke, Jeans und Addidas-Turnschuhe, sieht mich mit seinen hellen Augen an, kommt auf mich zu und fragt mit rollendem R, ob es hier richtig ist, nach Bebra. Ich zucke mit den Achseln, deute auf den gegen\u00fcberliegen Bahnsteig: \u201eGleis 6. Oder 7. Sehen wir doch mal bei Abfahrt nach\u201c. Ich stehe auf. Es ist Gleis 5. \u201eIch hei\u00dfe Karl\u201c, sagt er. \u201eUnd das ist Svetlana, meine Frau\u201c. \u201eIch hei\u00dfe Wolfgang\u201c. Sie haben noch Zeit. Mein Zug jedoch kommt.<\/p>\n<p>Menschen in Bewegung. Alle haben ihr eigenes Ziel. Nichts wissen wir von einander, fl\u00fcchtig nur begegnen sich die Blicke, vergessen ist bald der Ausdruck der Gesichter. Wenn ich mehr erfahren wollte, m\u00fcsste ich rechtzeitig aufgestanden sein, einfach hingehen und sehen. Aber das macht man ja nicht einfach so. Au\u00dferdem m\u00fcsste man dazu eingeladen sein. Habe ich bei Karl etwas verpasst? Bei dem Olivenh\u00e4ndler am Eingang w\u00fcrde es \u00fcbrigens gehen, vielleicht sp\u00e4ter. \u201e Komm und sieh\u201c, k\u00f6nnte er sagen, \u201eich habe gerade Zeit\u201c. Ich w\u00fcrde ihn nach seiner Mutter fragen, und er w\u00fcrde mir strahlend antworten, , dass es ihr gut gehe, aber sie h\u00e4tten sich so lange nicht gesehen, es sei so schwierig mit der Politik im Iran. Und dann w\u00fcrde er mich fragen, ob es unserem Sohn gut ginge und ob es in der Kirche immer noch Stress gebe. Wir w\u00fcrden \u00fcber vieles reden, miteinander lachen, w\u00fcrden die Politik nicht ausklammern (die deutschen Interessen im Iran und seine Erfahrungen im Widerstand gegen Chomeni), ich w\u00fcrde aber von mir aus zwei Themen nicht ansprechen: die Religion und die Ehe. Es gibt Ziele, die zum eigenen Lebensentwurf geh\u00f6ren und die durch unseren Respekt gesch\u00fctzt sein m\u00fcssen. Doch sie d\u00fcrfen uns nicht gleichg\u00fcltig sein, weil sie es sind, die den Bewegungen des Lebens Richtung verleihen. Wenn ich nicht sitzen bleiben will, muss ich aufstehen und suchen, oft genug auch mit neuen Augen suchen, um die richtige Richtung auszumachen. Gut ist es, dabei nicht allein zu sein und das eigene Suchen des anderen in seinem Grund zu verstehen. Denn: Jeder sucht.<\/p>\n<p>\u201eWas sucht ihr\u201c? Es ist der erste Satz, den Jesus im Johannesevangelium sagt. Weil er um diese Grundeinstellung menschlicher Existenz wei\u00df, sie auch nicht anh\u00e4lt, sondern zul\u00e4sst: \u201eKomm und sieh\u201c. Es wird \u00fcbrigens offen gelassen, ob die Suchenden auch gefunden haben oder ob sie deshalb in Bewegung sind, weil das Ziel selbst noch nicht erreicht ist. \u201e Wo bleibst Du?\u201c fragen die J\u00fcnger ihren Herrn; Luther \u00fcbersetzt mit: \u201eWo ist deine Herberge\u201c, und hat Recht damit, , denn man kann nur da bleiben, wo man zu Haus ist, sich geborgen wei\u00df und sich nichts \u00e4ndert. Doch wo ist das? Die einladende Antwort Jesu, zu kommen und zu sehen, verr\u00e4t nichts \u00fcber den Ort des Bleibens. Kein Ort. Nirgends?<\/p>\n<p>Namen werden genannt. Wie Schemen vielleicht. Nichts ist fassbar. Aber: sie sind ansprechbar, die Menschen in Bewegung. Bei der ersten Begegnung mit dem Bruder des Andreas spricht Jesus mit dem Namen an, ohne dass dieser sich vorstellen muss. Bei Gott muss man sich auch nicht vorstellen, braucht nicht darstellen, was man ist und so. Der kleinb\u00fcrgerliche Dorfschulze des 18. Jahrhunderts pflegte den Wanderer zu fragen: \u201eWie hei\u00dft du, was kannst du, woher kommst du, wohin gehst du\u201c und stellte so die Frage nach dem Namen in den Zusammenhang der Kontrolle. Bei Gott ist jedoch alles klar. Deshalb gibt es f\u00fcr ihn nur die Anrede. Sie bringt den Menschen anders auf den Weg. Frei, wie fr\u00f6hliches Reisen. \u201eMache dich auf in ein Land, dass ich dir zeigen werde\u201c.<\/p>\n<p>Damit wird nicht verstummen, werden uns f\u00fcr die Weg-Zeit uns seine Namen genannt: \u201eSiehe, das ist Gottes Lamm. Der Messias; Josephs Sohn, aus Nazareth; Rabbi; Gottes Sohn; K\u00f6nig von Israel; der Menschensohn\u201c: sieben Namen also, die das Licht der Welt jeweils von einer ganz verschiedenen Seite bezeichnen und in ihrer zeichenhaften Vielgestalt zugleich Ausdruck einer Einheit sind, die sich nicht in Worte fassen l\u00e4sst. Zugleich aber erinnern sie an die sieben Tage der Woche, an die Zeit der Sch\u00f6pfung und was am Anfang war, aber vor allem das: \u00fcber jeden Tag, \u00fcber jeden Augenblick unserer Wege steht sein Name, so verschieden die Richtungen auch sind. Und wenn der iranische Olivenh\u00e4ndler das Thema Religion ausklammert, so steht doch das Ziel der Gerechtigkeit des H\u00f6chsten vor Augen; und wenn die Familie von Karl und Svetlana in Bebra endlich angekommen sind, so sollen sie wissen, dass sie bleiben und sicher wohnen k\u00f6nnen und auch genug haben. Und wenn der schreiende Vater nicht mehr tragen kann, so soll er wissen, dass es einen gibt, der tragen will, auch die Schuld. Und wenn die Liebenden sich loslassen m\u00fcssen, so sollen sie wissen, das es ein Bleiben gibt. In seiner Liebe. Und wenn wir, so verschieden wir sind, uns auf die Wege unseres Lebens machen: bestimmt, irgendwann werden wir sehen und schmecken, wie freundlich der Herr ist. Das ist dann, wenn Gott geworden ist, zum wahren Menschen und zum wahren Gott. Wenn Himmel und Erde sich ber\u00fchren und wir eins sind in ihm und er in uns.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>P. Wolfgang Petrak<br \/>\nSchlagenweg 8a<br \/>\n37077 G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:w.petrak@gmx.de\">w.petrak@gmx.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>5. Sonntag nach Trinitatis | 26. Juni 2005 | Johannes 1, 35-50 | Wolfgang Petrak | \u201eUnd der Herr sprach zu Abram: Geh aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde\u201c. 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