{"id":10579,"date":"2005-06-07T19:49:13","date_gmt":"2005-06-07T17:49:13","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10579"},"modified":"2025-07-07T11:00:03","modified_gmt":"2025-07-07T09:00:03","slug":"johannes-137-39","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-137-39\/","title":{"rendered":"Johannes 1,37-39"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>5. Sonntag nach Trinitatis | 26. Juni 2005 | Johannes 1,35-42 |\u00a0G\u00fcnter Goldbach |<\/h3>\n<p>\u201eWas sucht ihr?\u201c Mit dieser Frage beginnt der Predigttext. Es ist das erste Wort \u00fcberhaupt, das Jesus im (Johannes &#8211; ) Evangelium spricht! \u201eWas sucht ihr?\u201c &#8211; Sollte ER das nicht wissen?! Aber nat\u00fcrlich: Das ist keine banale Frage. Keine schlichte Frage, aus der Situation geboren. Im ductus der Erz\u00e4hlung ist sie \u00fcbrigens widersinnig. Nach der Logik der Geschichte suchen die beiden J\u00fcnger ja gar nicht mehr. Auf den eindeutigen, wiederholten Hinweis des T\u00e4ufers hin hatte ihre Suche doch ein Ende gefunden. Sie haben ja gefunden, was sie suchten: Den, auf den sie und ihr ganzes Volk so lange gewartet haben. Da ist er. Doch er fragt sie. \u201eWas sucht ihr?\u201c Kein Wunder: Sie sind sprachlos. Wie unsereins sprachlos geblieben w\u00e4re. Aber: \u201eEs ist offenbar die erste Frage, die an den gerichtet werden muss, der zu Jesus kommt\u201c (Rudolf Bultmann).<\/p>\n<p>Also: Vielleicht haben sie es ja auch verstanden: die tiefere Bedeutung, den Hintersinn der Frage. Immerhin: Sie werden da auf ihre \u201eexistentielle Befindlichkeit\u201c hin befragt &#8211; erkl\u00e4ren es die Ausleger. Jedenfalls: Indem Jesus die J\u00fcnger <strong> so<\/strong> fragt, kl\u00e4rt er sie auf \u00fcber das, was sie <strong> eigentlich<\/strong> tun. Was sie tun sollen. Besser: was sie <strong> sein<\/strong> sollen. Sie sollen Suchende sein. Ja wirklich: Er kann es kaum gewollt haben: dass die J\u00fcnger ihm auf den Hinweis ihres Meisters hin nachlaufen. Vielmehr meint Johannes wohl: Sie sollen ihn aus <strong> eigenem<\/strong> Antrieb, mit <strong> eigenen<\/strong> Fragen suchen. \u201eDarum ruft Jesus sie nicht in die Nachfolge, sondern in die Nachfrage\u201c (Johann Hinrich Claussen).<\/p>\n<p>Einer von ihnen tut es bald sehr deutlich nach dem Bericht des Johannes: \u201eGutes aus Nazareth?\u201c lautet seine skeptische Frage. Jesus, Sohn des Josef, geboren von Maria &#8211; <strong> der<\/strong> der Sohn Gottes?! Jesus aus Nazareth, den man so leicht foltern und beseitigen konnte &#8211; <strong> der<\/strong> das Heil der Welt?! Jesus, der atmen und schlafen, essen und trinken, weinen und Schmerzen ertragen musste &#8211; <strong> der<\/strong> das Licht der Welt, das Brot des Lebens, die Auferstehung und das Leben?!<\/p>\n<p>So oder \u00e4hnlich muss man den Nathanael wohl verstehen. Er kann es einfach nicht glauben. Er hat andere Vorstellungen. Er wei\u00df es besser aus den Verhei\u00dfungen und Weissagungen heiliger Schriften. Er hat etwas anderes gelesen. Oder hineingelesen in das, was er gelesen hat. Wunschtr\u00e4ume hat er entwickelt. Illusionen \u00fcber den verhei\u00dfenen Messias. Eben deshalb kann er nicht sehen, was er sieht. Nicht sp\u00fcren, was ihm greifbar nahe ist. Nicht glauben was er h\u00f6rt.<\/p>\n<p>Geht es uns anders? Anders gefragt: Beschreibt Johannes nicht, \u201ewas sich in der Kirche immer neu wiederholt\u201c?! (Eduard Schweizer). Darum: Haben wir irgendeinen Grund, uns zu \u00fcberheben \u00fcber den Nathanael? Den Jesus doch &#8211; wie die anderen J\u00fcnger &#8211; mit seiner Frage offenbar aufforderte, die Wahrheit zu suchen! Dem Jesus doch offenbar &#8211; wie den anderen J\u00fcngern &#8211; Fragen und Zweifel ausdr\u00fccklich gestatten wollte! Darum also auch: Sind die Zweifel der J\u00fcnger nicht unsere Zweifel?! Ist ihre Skepsis nicht unsere Skepsis?! Oder k\u00f6nnen wir Zweifel und Skepsis etwa nicht prolongieren auf das, was wir sehen und doch nicht sehen?! Was wir sp\u00fcren und doch nicht erfassen?! Was wir h\u00f6ren und doch kaum glauben k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>Das Wasser der Taufe, das wir sehen &#8211; <strong> unter<\/strong> diesem nat\u00fcrlichen datum sollte uns das ewige Heil unwiderruflich zugeeignet worden sein?! Brot und Wein, die wir schmecken &#8211; <strong> mit<\/strong> diesen \u00e4u\u00dferlichen Nahrungsmitteln sollte der lebendige Christus in uns hineinkommen?! Die Worte der Pastorinnen und Pastoren, die wir h\u00f6ren: der eine ein Schwachkopf, die zweite ein Wirrkopf, der dritte ein Querkopf &#8211; <strong> in<\/strong> ihren schwachbegabten, verwirrten und verqueren Worten sollte Gottes wahrhaftiges Wort zu uns kommen?!<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger werden nach dem Bericht des Evangeliums \u00fcberzeugt &#8211; gegen allen Augenschein. Gegen ihre Zweifel und Skepsis. Sie kommen zu Jesus. Sie sehen. Sie bleiben. Nach dem, was der eine vom anderen sich hat sagen lassen. Denn: \u201eDie Wahrheit kommt \u00fcber die Person\u201c (Hans -Otto W\u00f6lber). So lassen sie sich \u201efinden\u201c: Andreas. Philippus. Nathanael. Nikodemus, sp\u00e4ter, bei Nacht. Und nat\u00fcrlich: Simon, der \u201eFels\u201c, der Petrus. Eher ein \u201eWackelpeter\u201c &#8211; wie Sp\u00f6tter meinen (Rainer Stuhlmann). Nicht ganz zu unrecht &#8211; nach dem, was das Evangelium von ihm berichtet. Nun: Die \u201eKette des Findens\u201c im Weitersagen des Gefundenen gipfelt jedenfalls in dem Bekenntnis: \u201eWir haben den Messias gefunden\u201c.<\/p>\n<p>\u201eWas sucht ihr?\u201c &#8211; Die Frage bleibt im Evangelium des Johannes nur scheinbar unbeantwortet. Die J\u00fcnger geben die Antwort mit der Tat ihres Lebens in der Nachfolge.<\/p>\n<p>Wenn wir uns doch auch so fragen lassen k\u00f6nnten! Wenn wir doch auch solche Antworten finden k\u00f6nnten!<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen es wohl zugeben: Meistens lassen <strong> wir<\/strong> uns gar nicht fragen. Oder <strong> wir<\/strong> stellen die falsche Frage &#8211; selbst wenn wir die gleichen Worte gebrauchen. Kein Wunder, wenn wir dann die falsche oder gar keine Antwort bekommen.<\/p>\n<p>Rom. Eher zuf\u00e4llig &#8211; weil seit langem geplant &#8211; in jenen Tagen, als sich dort dramatische Ereignisse abspielten, die historisch genannt zu werden verdienen. Untergebracht im Ordenshaus der Suore di carit\u00e0 mit Blick auf San Pietro und den Apostolischen Palast. In der Nacht zum 1. April fanden wir auf der Dachterrasse, umgeben von seinen Kameras und Mikrofonen, unter einem kleinen Zelt kauernd einen Reporter von CNN: \u201eWhat you are seeking here?\u201c &#8211; \u201eI\u2019m waiting for that, the world is waiting for\u201c. (Was suchen Sie hier? &#8211; Ich warte auf das, worauf die ganze Welt wartet). &#8211; Der Mann wartete auf eine Todesnachricht! Wie die ganze Welt. Behauptete er.<\/p>\n<p>Die Nachricht kam dann \u00fcbrigens bald. Und Millionen Menschen kamen. Unter ihnen Pr\u00e4sidenten und K\u00f6nige. Um dem die letzte Ehre zu erweisen, in dem viele einen der Nachfolger des Petrus sahen.<\/p>\n<p>\u201eA catholic moment\u201c &#8211; analysierten die Religionssoziologen jener Konfession sogleich jene Tage, in denen sich die r\u00f6mische Weltkirche so eindrucksvoll erleben lie\u00df. Ein weltweites mediales Interesse. Millionen Pilger in Rom. \u00dcber 200 Staats -und Regierungschefs: Repr\u00e4sentanten aller L\u00e4nder, Religionen und Konfessionen.<\/p>\n<p>\u201eWas sucht ihr?\u201c &#8211; h\u00e4tte man fragen m\u00f6gen. Aber die Frage lie\u00df sich nat\u00fcrlich nicht stellen. Sie w\u00e4re wohl auch ohne Antwort geblieben.<\/p>\n<p>\u201eWas sucht ihr?\u201c &#8211; Den Weg, die Wahrheit und das Leben <strong> haben<\/strong> wir gefunden. Das Heil der Welt <strong> ist<\/strong> uns erschienen. Der Sohn Gottes <strong> ist<\/strong> uns begegnet. Das k\u00f6nnen die <strong> J\u00fcnger<\/strong> als seine Nachfolger schlie\u00dflich bekennen. &#8211; <strong> Wie<\/strong> sind sie dahin gekommen: zu dieser Einsicht? Zu dieser Gewissheit? Zu diesem Glauben?<\/p>\n<p>Es ist zugegebenerweise schwierig. Wir m\u00fcssen genau hinh\u00f6ren, wie es Johannes zu erkl\u00e4ren unternimmt. Es ist wohl eben <strong> nicht<\/strong> so: Ein Mensch entschlie\u00dft sich aus freier Selbstbestimmung zur Nachfolge Jesu. Es ist wohl eben <strong> nicht<\/strong> so: Aus rational durchsichtigen Gr\u00fcnden entscheidet sich einer oder eine zum Glauben an den Christus. Deshalb: <strong> Wie<\/strong> die Erkenntnis der Person Jesu, wie der \u201eEntschluss\u201c zur Nachfolge des Christus in einem Menschen entsteht &#8211; dar\u00fcber macht Johannes keine <strong> direkten<\/strong> Aussagen. Man muss es wohl eher <strong> indirekt<\/strong> ableiten. Johannes sagt: Jesus \u201esieht\u201c den Simon und erkennt, wer der sein wird. So wie er die anderen J\u00fcnger \u201esieht\u201c, ihre wahre Bestimmung erkennt. Ihnen so im Bleiben bei IHM die Teilnahme an SEINEM Leben er\u00f6ffnet. Deutlicher gesagt: Wenn ER uns \u201eansieht\u201c, dann hat das <strong> sch\u00f6pferischen<\/strong> Charakter. <strong> Dieses<\/strong> \u201eAn -sehen\u201c stellt nicht fest, was ist. Es stellt vielmehr her, was zuvor nicht war. Jedenfalls nicht als Anlage oder Begabung. Aber <strong> dann<\/strong> ist f\u00fcr den so \u201eAn -gesehenen\u201c Nachfolge erkennbar als Bestimmung seines Lebens. Als seine <strong> fremde<\/strong> Bestimmung. Denn sie besteht nicht in der Realisierung eigener M\u00f6glichkeiten. Vor allem: als seine <strong> gn\u00e4dige<\/strong> Bestimmung. Denn sie ist identisch mit der unverdienten Gew\u00e4hrung der Gegenwart des Herrn.<\/p>\n<p>Fragt einer oder eine: Sieht ER denn auch mich an? &#8211; Nun: Immer nur f\u00fcr sich selbst kann jeder diese Frage beantworten. Denn noch einmal: Nachfolge ist kein Objekt neutraler Wahrnehmung. Stille sollte wohl hilfreich sein, um es im Herzen feststellen zu k\u00f6nnen. Aufmerksamkeit. Konzentration. Keine Hektik. Auch keine fromme Hektik.<\/p>\n<p>Hannover. Er\u00f6ffnungsgottesdienst des Kirchentages. Zig -tausende von Menschen. Gedr\u00e4nge. Kommen und Gehen. Begr\u00fc\u00dfungen hin und her. Unruhe. Hubschrauberl\u00e4rm \u00fcber dem Platz: f\u00fcr die Bilder in den Abendnachrichten des Fernsehens. &#8211; \u201eWas suchen die Menschen in Europa?\u201c fragte neben mir ein indischer Christ. \u201eGott werden sie nicht finden. Bei diesem L\u00e4rm. In dieser Unruhe\u201c.<\/p>\n<p>Andere sahen es anders: \u201eDas ist wie Weihnachten bei 30 Grad\u201c, begeisterte sich die Bisch\u00f6fin meiner Landeskirche. Angesichts der Hunderttausende, die gekommen waren &#8211; selbst bei der Hitze. Um zu suchen. Zu finden. Zu beten. Zu singen. Zu bekennen. Okay. Solcher Art events sind heutzutage eben \u201ein\u201c. Ich will es auch nicht diskreditieren &#8211; zumal ja selbst beteiligt. Und wohl wahr: Sch\u00f6ne Begegnungen waren m\u00f6glich. Gute und hilfreiche Gespr\u00e4che. F\u00f6rderliche Denkanst\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>Gleichwohl &#8211; wenn es einem \u00fcberzeugten Protestanten erlaubt sein mag: Meine gr\u00f6\u00dfere Sympathie gilt dem schlichten Bekenntnis jenes Nachfolgers seines Herrn, auf dessen Sterbezimmer die Kameras der ganzen Welt in jenen r\u00f6mischen Tagen und N\u00e4chten gerichtet waren. Ein Bekenntnis vom Suchen und Finden, Bleiben und Glauben &#8211; am Abgrund des Todes. Ein Bekenntnis, ausgeplaudert von einem \u201eVertrauten\u201c, der das wohl f\u00fcr richtig hielt. Sprachlos geworden, schrieb es Johannes Paul II. in seiner Sterbestunde mit zittrigen H\u00e4nden auf einen Zettel. F\u00fcr die polnischen Schwestern, die ihn seit Jahren gepflegt hatten: \u201eIch bin froh, seid ihr es auch\u201c.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Dr. G\u00fcnter Goldbach<br \/>\n<a href=\"mailto:guenter.goldbach@Uni-Osnabrueck.de\">guenter.goldbach@Uni-Osnabrueck.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>5. Sonntag nach Trinitatis | 26. Juni 2005 | Johannes 1,35-42 |\u00a0G\u00fcnter Goldbach | \u201eWas sucht ihr?\u201c Mit dieser Frage beginnt der Predigttext. Es ist das erste Wort \u00fcberhaupt, das Jesus im (Johannes &#8211; ) Evangelium spricht! \u201eWas sucht ihr?\u201c &#8211; Sollte ER das nicht wissen?! Aber nat\u00fcrlich: Das ist keine banale Frage. 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