{"id":10589,"date":"2005-07-01T19:49:21","date_gmt":"2005-07-01T17:49:21","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10589"},"modified":"2025-07-10T10:10:24","modified_gmt":"2025-07-10T08:10:24","slug":"matthaeus-5-20-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-5-20-26\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5, 20-26"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">6. Sonntag nach Trinitatis | 3. Juli 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 5, 20-26 | Hans-Ole J\u00f8rgensen |<\/span><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>In dem Gebet, das ich heute am Anfang des Gottesdienstes vorm Altar gesprochen habe, bekannte ich mit den Worten von Bischof Johs. Johansen aus der autorisierten Beilage zur Agende, dass \u201ewir nicht imstande sind zu leben, wie Gott will\u201c. In der eigentlichen Ausgabe des- selben Gebets in der Agende wird die Sache mit den Worten ausgedr\u00fcckt, dass wir \u201everlorene S\u00fcnder\u201c sind, w\u00e4hrend wir in der alten Formulierung von vor 1992 \u201earme und elende S\u00fcnder sind\u201c.<\/p>\n<p>Die Ausdr\u00fccke variieren, aber in ihnen allen klingt es schlimmer, als wir es in modernen Zeiten gern haben m\u00f6chten. Was wir h\u00f6ren wollen, ist dies, dass wir so, wie wir sind, gut genug sind, und dass es, wenn etwas nicht in Ordnung ist, bestimmt nicht unsere Schuld ist. Dass wir Opfer sind, ja, das m\u00f6gen wir wohl zugeben, Opfer von irgendwas \u2013 aber Schuldner? \u2013 das ist von gestern, und das w\u00e4re nicht recht f\u00fcr einen modernen Menschen.<\/p>\n<p>Lustig ist das. Denn wenn etwas gut gegangen ist, dann wollen wir ja sehr gern diejenigen sein, an denen es gelegen hat. Ging es aber schlecht, nein, dann waren wir es nicht. Dann laufen wir davon und konnten nichts dazu.<\/p>\n<p>So ganz schl\u00fcssig ist das nicht. Ich glaube, es w\u00e4re sehr viel besser, zu Kreuze zu kriechen. Die notwendigen Eingest\u00e4ndnisse zu machen und so hineinzufinden in die Befreiung, die es in Wirklichkeit bedeutet, wenn man sich selbst auch als einen S\u00fcnder verstehen kann.<\/p>\n<p>Unmittelbar klingt das nicht wie eine Befreiung. Das ist mir klar. Denn wenn wir verurteilt werden und uns unabl\u00e4ssig all das Betr\u00fcbliche angelastet wird, dass wir unrettbar S\u00fcnder sind, alle zusammen, dann sind wir doch einem Druck ausgesetzt \u2013 einem Druck, der schwer wiegt und von dem wir kaum anders denken k\u00f6nnen, als dass er uns ein Klotz am Bein sein wird.<\/p>\n<p>Und so ist es auch. Ohne die Schuld, die wir uns unterwegs in unserem Leben aufladen, h\u00e4tten wir es zweifellos leichter gehabt. Aber diese Wahl gibt es f\u00fcr uns einfach nicht. Denn wir k\u00f6nnen nicht einfach davonlau\u00adfen.<\/p>\n<p>Die Schuld ist ja nicht etwas, was h\u00f6flich anfragt, ob wir sie haben m\u00f6gen oder nicht; sie ist da mit ihrem Druck, auch wenn wir versuchen wegzuschauen und es ablehnen, sie unsere Schuld sein zu lassen.<\/p>\n<p>Die Schuld ist keine Erfindung der ernsthaften Pastoren. Die Schuld ist auch da, wenn alle Kirchen niedergerissen w\u00e4ren und alle Pastoren andere Arbeit gefunden h\u00e4tten. Denn die Gerichte \u00fcber uns sind die eigenen Gerichte des Lebens. Und wir l\u00fcgen, wenn wir vor ihnen davonlaufen.<\/p>\n<p>\u201eWas ich dir heute befehle,\u201c sagt Moses, \u201edas sind die eigenen Gesetze des Lebens\u201c \u2013 \u201edu kannst den Forderungen nicht entkommen, wie immer du dich drehen und wenden magst.\u201c \u201eSie wohnen in deinem eigenen Herzen.\u201c<\/p>\n<p>Und wenn die Forderungen die eigenen Forderungen des Lebens sind, ja, dann sind es die Gerichte auch. Wir entgehen ihnen nicht. Und deshalb gibt es f\u00fcr einen Menschen in dieser Welt keinen Weg zur Befreiung, der um sie herumk\u00e4me \u2013 Entschuldigungen sind j\u00e4mmerlich und taugen zu nichts, wenn man schuldig ist \u2013 der Weg geht direkt hindurch: du sollst Mut haben, schuldig zu sein, du sollst Mut haben, Mensch zu sein!<\/p>\n<p>Und bei Jesus heute enden wir an demselben Punkt.<\/p>\n<p>Er sagt: \u201e&#8230; schon, der, der seinem Bruder z\u00fcrnt, ist schuldig\u201c \u2013 und also nicht erst der, der t\u00f6tet, wie es den Alten gesagt war. Schon der, der z\u00fcrnt&#8230; Das wird viele treffen.<\/p>\n<p>\u201eWenn eure Gerechtigkeit diejenige der Schriftgelehrten und Pharis\u00e4er nicht bei weitem \u00fcbersteigt,\u201c sagt er auch, dann ist das noch nicht genug!<\/p>\n<p>Aber wie in aller Welt sollte d\u00e1s m\u00f6glich sein? Die Schriftgelehrten \u00fcberwachten pedantisch jeden einzelnen Schritt, den sie taten. Sie \u00fcbten sich t\u00e4glich im Gesetz. Sie peinigten sich selbst damit, gerecht zu sein bis zum \u00c4u\u00dfersten. Kein Leben war geradliniger als das ihrige. Wie sollten da gew\u00f6hnliche Menschen, die anderes zu tun hatten als das Gesetz zu studieren und dar\u00fcber zu wachen, dass es eingehalten wurde im Gro\u00dfen wie im Kleinen, wie sollten sie gerechter sein k\u00f6nnen als diese Schriftgelehrten? Das w\u00e4re dasselbe, wie wenn man Tylor Hamilten oder Lance Armstrong auf einer Steigung der ersten Kategorie in den Pyren\u00e4en \u00fcberholen wollte.<\/p>\n<p>Das ist gew\u00f6hnlichen Menschen nicht m\u00f6glich, und sollen diese anspruchsvollen Worte \u2013 und alle die anderen dieser Art aus der Bergpredigt Jesu \u2013 einen Sinn haben, dann kann es nur der sein, befreiend zu sagen, dass es Menschen unm\u00f6glich ist. Wir sind nicht gut genug, nicht fromm genug und nicht liebevoll genug f\u00fcr das, was das Leben von uns verlangt. So steht es mit uns Menschen, <em>das<\/em> hei\u00dft Mensch sein. Und aus diesem Grunde sind wir gezwungen, selbst in den sch\u00f6nsten Sommerliedern von der Erde zu singen, wenn es denn ganz wahr sein soll, dass sie \u201evon einer Tiefe des Gl\u00fccks tr\u00e4umt, die sie nicht erreichen kann\u201c.<\/p>\n<p>Man kann sehr wohl die Frage stellen, ob die Forderungen, die Jesus stellt, nicht allzu wild und allzu \u00fcbertrieben sind. Warum muss es denn so anspruchsvoll sein, Mensch zu sein, dass wir es nicht k\u00f6nnen, mit einem blo\u00df einigerma\u00dfen angemessenen Einsatz? Wenigstens die Besten unter uns? Warum k\u00f6nnte die Forderung nicht einfach eine Forderung nach gewisser angemessener und tunlicher \u00e4u\u00dferer R\u00fccksichtnahme sein, warum muss sie dort ins Herz kommen, wo sie bei Jesus hineinkommt? Dort hinein, wo es selbst mit dem besten Willen nicht m\u00f6glich ist, den Forderungen nachzukommen?<\/p>\n<p>Aber das muss sie \u2013 wiederum \u2013 weil wir es selbst so verlangen, weil es dies ist, was in unserem eigenen Herzen wohnt. Denn trotz all des Untunlichen wissen wir sehr wohl, dass wir uns selbst nicht gern mit weniger begn\u00fcgen. Die Stelle, an der unser Leben gelingt, ist ja nicht dort, wo wir nur das auswendig Sch\u00f6ne und Korrekte antreffen. Wir verlangen Gerechtigkeit, und wir ziehen Grenzen f\u00fcr das, was wir uns gefallen lassen. Aber das Gerechte ist uns nicht genug. Soll das Leben bl\u00fchen, dann haben wir mehr n\u00f6tig als das. Wenn es nicht Menschen in unserer N\u00e4he gibt, die sich uns gegen\u00fcber warm und gut \u00f6ffnen und uns von dem geben, was vom Herzen kommt, dann gen\u00fcgt das nicht, um uns am Leben zu halten. Dann bekommen die Blumen welke Farben und einen armen Duft. Wir k\u00f6nnen nicht leben ohne das, was Jesus verlangt. Wir verlangen es selbst. Das sind keine unfasslichen oder fernen Worte.<\/p>\n<p>Also auf die Forderung zu verzichten, um uns Erleichterung zu verschaffen, w\u00fcrde auch hei\u00dfen, an dem Ast zu s\u00e4gen, auf dem wir selbst sitzen. Es w\u00fcrde auch hei\u00dfen, die unertr\u00e4gliche Leichtigkeit des Lebens zu legitimieren und hinten herum zu erlangen. Es w\u00e4ren Sommerlieder, mit Tr\u00e4umen zu singen, die wir erreichen k\u00f6nnten, aber es w\u00e4ren kleinere Tr\u00e4ume. Und wir w\u00fcrden nicht von ihnen leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dann lieber das Leben gro\u00df sein lassen und mit zur Bande derer geh\u00f6ren, die den Forderungen nicht entsprechen und S\u00fcnder zu nennen sind. Dann lieber dort sein, wo die Gr\u00f6\u00dfe der Forderungen alle bei derselben Stange festhh\u00e4lt, in derselben Gemeinschaft, dich und mich und jeden anderen Menschen, damit wir immer wissen k\u00f6nnen, dass wir grunds\u00e4tzlich zur selben Familie geh\u00f6ren. Und dass nichts nur die Schuld der Anderen ist.<\/p>\n<p>Hans Blix \u2013 der schwedische Leiter der UN-Waffeninspektionen im Irak \u2013 sagte einmal in einem Fernsehinterview: wenn wir doch nur lernen k\u00f6nnten \u2013 wir alle etwas mehr \u2013, \u201edas Gesicht zu verlieren\u201c, dann w\u00fcrde das mithelfen k\u00f6nnen, die Menschheit zu retten. Wenn wir einmal zu dem gemeinsamen Eingest\u00e4ndnis gelangen k\u00f6nnten, dass das Vollkommene von niemandem von uns erreicht werden kann, dann w\u00e4ren wir schon weit gekommen. Und dann w\u00fcrden vielleicht mehr Tr\u00e4ume in Erf\u00fcllung gehen. Das Gesicht verlieren. Das m\u00f6gen wir nicht gern. Aber es setzt gutes Leben frei, wenn wir es wagen. Und das w\u00fcrde zweifellos die Zusammenarbeit f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Und im Haus der Kirche ist es jedenfalls dies, was lebt. Hier lassen wir die eingebildeten L\u00fcgen \u00fcber unsere eigene Vollkommenheit hinter uns, hier werden wir befreit zu der Gemeinschaft der Ohnmacht, die die wirkliche ist, und wir bekommen den Mut, der uns christlich gegeben ist, hier zu sein. Den Mut, das zu sein, was wir sind, auch schuldig.<\/p>\n<p>An dieser Stelle ist Befreiung, wenn es sie denn gibt. Der Weg geht nicht au\u00dfen herum, sondern mitten hindurch.<\/p>\n<p>Das Besondere am Christentum ist ja doch auch nicht \u2013 was manche Menschen manchmal meinen \u2013 seine Rede von Schuld und S\u00fcnde und Gericht. Es spricht davon, ja, aber das k\u00f6nnten wir und alle Welt sehr wohl selbst tun. Das Besondere am Christentum ist das Wort von der Vergebung der S\u00fcnden, dort wo er, Jesus, sagt, dass er nicht gekommen ist, um die Gerechten zu rufen, sondern die S\u00fcnder.<\/p>\n<p>Manchmal m\u00f6chten wir glauben, nur wenn der Mensch gro\u00df ist und strahlend und gelungen und im Stande, seine Aufgaben zu l\u00f6sen, nur dann ist er Gegenstand f\u00fcr den guten Willen Gottes. Manchmal glauben wir, zuerst h\u00e4tten wir selbst uns zusammenzunehmen und gr\u00f6\u00dfer zu werden, als wir tats\u00e4chlich sind; und dann werde Gott sich unserer annehmen.<\/p>\n<p>Aber in einem solchen Denken gibt es keine Befreiung. Das war u.a. Martin Luthers Erfahrung in seinem sogenannten Klosterkampf \u2013 der Kampf um einen gn\u00e4digen Gott, wie es in seiner Sprache hie\u00df \u2013 und so hat er es seitdem sein Leben lang aller Welt zu sagen versucht: den guten Willen Gottes kann man sich nicht verdienen, wir sind, was wir sind und k\u00f6nnen uns nicht selbst an den Haaren herausziehen, den Sinn des Lebens sammelt man nicht, indem man von Gesetzeseinhaltung zu Gesetzeseinhaltung fortschreitet.<\/p>\n<p>Aber Jesus hatte ihn bei sich, als er kam, jedenfalls zu einem guten St\u00fcck. Und das Besondere am Christentum ist noch immer, dass er zu uns gekommen ist, zu uns, wie wir sind, die wir aber den Mut geschenkt bekommen m\u00fcssen, um die zu sein, die wir sind.<\/p>\n<p>Dieser Mut liegt in dem Wort von derVergebung der S\u00fcnden, das nicht bedeutet, dass alles gleichg\u00fcltig sein kann, sondern dass Gott etwas anderes mit uns will als unsere Schuld und Scham. Das Wort von der Vergebung der S\u00fcnden ist dies, dass Gott noch immer seine Kinder liebt und noch immer unser Leben will und die lebhaftesten Tr\u00e4ume davon hat.<\/p>\n<p>Der schwedische Schriftsteller G\u00f6ran Tunstr\u00f6m erz\u00e4hlt einmal in seinem Buch \u00fcber Jesus, dass er auf einer Seereise einige Gefangene in Fesseln bemerkt unten im Lastraum des Schiffes. Jesus wagt sich in die Finsternis hinein, wenn er die M\u00f6glichkeit dazu hat, und wechselt einige Worte mit den Ungl\u00fccklichen. Er hat nicht die Macht, ihr Schicksal zu \u00e4ndern, aber \u201eer w\u00e4scht ihre Gesichter mit Wasser, so dass man sehen kann, dass es Menschen sind,\u201d sagt Tunstr\u00f6m.<\/p>\n<p>Und das war es, was Jesus immer an Menschen tat, denen er begegnete. Er handelte in seinen Worten und Taten, so dass man sehen konnte, dass sie alle Menschen waren, auch diejenigen, der sehr schmutzig und an Finsternis irgendeiner Art gefesselt waren. Und das hat seine Bedeutung. Es bedeutet, dass wir noch immer Gott am Herzen liegen, auch hier au\u00dferhalb des Paradieses, wo das Vollkommene etwas ist, was wir nur in kurzen und fl\u00fcchtigen Augenblicken erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und Gottes F\u00fcrsorge war nicht mit dem S\u00fcndenfall zuende.<\/p>\n<p>Denn Gott ist nicht blo\u00df Leben in allem, was existiert. Gott ist auch ein leidenschaftliches Mitgef\u00fchl mit allem, was lebt. Er ist das, was dem Spatz Mut gibt, Spatz zu sein, und dem Baum Mut, Baum zu sein, und was dem Kind Mut gibt, Kind zu sein, und dem S\u00fcnder Mut, sich \u00fcber das Dasein zu freuen.<\/p>\n<p>Es ist der Mut, der jetzt der deinige und der meinige sein wird. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Hans-Ole J\u00f8rgensen<br \/>\n<\/strong><strong>Hyrdestr\u00e6de 5<br \/>\n<\/strong><strong>DK-6000 Kolding<br \/>\n<\/strong><strong>Tel.: ++ 45 \u2013 75 52 06 61<br \/>\n<\/strong><strong>E-mail: <a href=\"mailto:haoj@km.dk\">haoj@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6. Sonntag nach Trinitatis | 3. Juli 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 5, 20-26 | Hans-Ole J\u00f8rgensen | (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) In dem Gebet, das ich heute am Anfang des Gottesdienstes vorm Altar gesprochen habe, bekannte ich mit den Worten von Bischof Johs. 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