{"id":10596,"date":"2005-07-01T19:49:28","date_gmt":"2005-07-01T17:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10596"},"modified":"2025-07-08T09:42:52","modified_gmt":"2025-07-08T07:42:52","slug":"roemer-8-39","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-8-39\/","title":{"rendered":"5. Mose 7, 6-12"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">6. Sonntag nach Trinitatis | 3. Juli 2005 | 5. Mose 7, 6-12 | Harald Kl\u00f6pper |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>(Taufged\u00e4chtnisgottesdienst in der deutschsprachigen Christuskirche in Windhoek (Namibia))<\/p>\n<p>Heute am 6. Sonntag nach Trinitatis ist Tauf(ged\u00e4chtnis)-Gottesdienst. Ein Tag, an dem uns (wieder) deutlich wird: In der N\u00e4he Gottes beginnt sich unser Leben von Grund auf zu \u00e4ndern, weil Altes abgestreift und Neues aus der Taufe gehoben wird. Die Taufurkunde, die wir dabei erhalten, k\u00f6nnen wir dabei auch als Pass sehen und potentielle Mitgliedskarte am Reich Gottes.<\/p>\n<p>M\u00f6glich wird das, weil sich auf Tauchstation begibt und dort bleibt, was uns das Leben schwer macht, wo wir uns und anderen Menschen im Wege stehen oder Steine in den Weg legen auf ihrem Weg zu Gott. All das soll in der Taufe untergehen, damit wir zu neuen Mensch werden, die Gottes Wort h\u00f6ren und in die Tat umsetzen k\u00f6nnen. Denn durch die Taufe werden wir befreit, endlich ein Leben beherzt und zuversichtlich anzupacken, das vor Gott bestehen kann.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund trug Luther immer einen Zettel bei sich, auf dem stand: &#8222;Ich bin getauft&#8220;. Dieser Zettel und die damit verbundene Erinnerung an die Taufe gaben ihm die Kraft, aufrichtig und aufrecht zu bleiben bei den Intrigen und Nachstellungen seiner Zeit, nicht den Kopf zu verlieren, wenn ihn die eigene Depression zu \u00fcbermannen drohte.<\/p>\n<p>Die paar Wassertropfen der Taufhandlung machen dabei kaum den Unterschied. Das wusste Luther und deshalb schrieb er im Kleinen Katechismus: &#8222;Wasser tut&#8217;s freilich nicht \/ sondern das Wort Gottes \/ das mit und bei dem Wasser ist \/ und der Glaube \/ der solchem Worte Gottes im Wasser traut.&#8220;<\/p>\n<p>Klingt einleuchtend. Aber schon beginnt die Schwierigkeit: O je, Gottes Wort. Es gibt so viel davon. Eine ganze Bibel voll: 66 Schriften, 1189 Kapitel, und wer wei\u00df, wie viele 100.000 W\u00f6rter! Da ist es ein schwacher Trost, dass es nur wenige Tage dauern soll, wenn man sie ohne Unterbrechung von vorne bis hinten durchliest! Wer hat denn schon die Zeit dazu?<\/p>\n<p>Aber vielleicht gibt es ja auch andere Zeichen, aus denen man ablesen kann, wie es um Einen steht? Immer wieder haben Menschen versucht, solche Abk\u00fcrzungen zu finden. Viele haben sich dabei eines 1-2-3 Schemas bedient.<\/p>\n<p>1. Gott ist jemand, der Menschen segnet.<br \/>\n2. Wenn Gott segnet, dann geht es Menschen gut<br \/>\n3. Mir geht es gut, also ist Gott mit mir einverstanden<\/p>\n<p>Die Taufe ist dann eigentlich gar nicht mehr so wichtig. Ich muss mich einfach weiterhin darum k\u00fcmmern, dass es mir gut bis besser geht. Punkt um, fertig. Die Tage der Bibellese bleiben so erspart. Gott sei Dank?<\/p>\n<p>Bestimmt nicht. Denn was mache ich, wenn es mir dreckig geht? Wenn vielleicht das Bankkonto stimmt, aber niemand etwas mit mir zu tun haben will? Was mache ich, wenn ich zwar tausend Leute kenne, die mir aber durch ihr Verhalten klar machen, dass bei Geld die Freundschaft aufh\u00f6rt? Vielleicht doch den Staub von der Bibel schlagen, nicht nur Psalm 23 zu Gem\u00fcte f\u00fchren, sondern nachbuchstabieren wo trotz Irrungen und Wirrungen das Volk Gottes durch die Jahrhunderte die Meilensteine und Wegkreuze auf dem Weg zu Gott fand?<\/p>\n<p>Sie wissen zu Recht, dass die Antwort nur &#8222;Ja&#8220; lauten kann. Und zwar nicht, weil ich als Pastor zu Ihnen heute in der Kirche rede, sondern weil wir die Erfahrung machen, wie oft wir mit unserem Latein, unserem Wissen und K\u00f6nnen an Grenzen sto\u00dfen, aus denen wir ohne Hilfe von au\u00dfen nicht mehr herauskommen.<\/p>\n<p>Eine echte Sackgasse, ja sogar Katastrophe war f\u00fcr die Israeliten die Besetzung des Landes durch die Babylonier und die anschlie\u00dfende Deportation. Die meisten waren darauf nicht vorbereitet gewesen. Trotz Sturm und Gewitterzeichen am Horizont hatten ihnen die Regierenden, die Priester und sogar die Propheten doch immer wieder vergewissert, dass alles schon irgendwie im Lot sei. Gott w\u00fcrde niemals sein Volk im Stich lassen und darum in der letzten Minute das Blatt wenden.<\/p>\n<p>Doch die Sicherheit tr\u00fcgte. Nun waren sie verstreut in aller Herren L\u00e4nder und den meisten ging es gar nicht gut. Was war passiert? Sollten doch die Nestbeschmutzer wie Amos, Micha und wie sie alle hie\u00dfen Recht behalten, die immerzu auf die sozialen und religi\u00f6sen Missst\u00e4nde hingewiesen hatten und gegen alle Regierungsstellen mit dem Untergang gedroht hatten?<\/p>\n<p>Es dauerte lange, bis Menschen wie Baruch sich eingestehen konnten: &#8222;Bis heute leben wir noch unter fremden V\u00f6lkern, wir werden verh\u00f6hnt und ge\u00e4chtet und m\u00fcssen b\u00fc\u00dfen f\u00fcr die Vergehen unserer V\u00e4ter, die dir, dem Herrn, unserem Gott, den R\u00fccken gekehrt haben.&#8220; (Bar 3,8)<\/p>\n<p>Offensichtlich gibt es doch noch andere Gradmesser als momentanes, pers\u00f6nliches Wohlergehen, um zu sehen, wie es mit einem bei Gott steht. Diese bittere Erfahrung mussten auch unsere Vorfahren machen, als sie dachten, sie k\u00f6nnten als europ\u00e4ische Kulturtr\u00e4ger mit eiserner Hand durchgreifen und einen in vielerlei Hinsicht brutalen Krieg ausfechten, um anschlie\u00dfend unbehelligt im selbstgemachten Frieden zu leben.<\/p>\n<p>Statt dessen weist uns der heutige Predigtabschnitt aus 5. Mose 7 auf die Gebote Gottes und seinen Bund mit allen Menschen. Aber nicht nur das: er macht deutlich, dass eine rechenschaftspflichtige Beziehung zu Gott besteht, lange bevor wir dar\u00fcber nachdenken:<\/p>\n<p>6 Denn ihr seid ein Volk, das ausschlie\u00dflich dem HERRN geh\u00f6rt. Der HERR, euer Gott, hat euch unter allen V\u00f6lkern der Erde ausgew\u00e4hlt und zu seinem Eigentum gemacht. 7 Das tat er nicht etwa, weil ihr gr\u00f6\u00dfer seid als die anderen V\u00f6lker &#8211; ihr seid vielmehr das kleinste unter ihnen! 8 Nein, er tat es einzig deshalb, weil er euch liebte und das Versprechen halten wollte, das er euren Vorfahren gegeben hatte. Nur deshalb hat er euch herausgeholt aus dem Land, in dem ihr Sklaven wart; nur deshalb hat er euch mit seiner starken Hand aus der Gewalt des Pharaos befreit. 9 Er wollte euch zeigen, dass er allein der wahre Gott ist und dass er Wort h\u00e4lt. Er steht zu seinem Bund und erweist seine Liebe bis in die tausendste Generation an denen, die ihn lieben und seine Gebote befolgen. 10 Aber alle, die sich ihm widersetzen, bestraft er auf der Stelle und vernichtet sie. Er wird nicht z\u00f6gern, sondern jeden auf der Stelle vernichten, der ihn missachtet. 11 Darum haltet euch stets an seine Weisung, an die Gebote und Rechtsbestimmungen, die ich euch heute verk\u00fcnde! 12 Wenn ihr dem HERRN, eurem Gott, treu bleibt und auf seine Gebote h\u00f6rt und sie befolgt, wird auch er treu sein und zu den Zusagen stehen, die er euren Vorfahren gegeben hat.<\/p>\n<p>Wie soll das in der Fremde, in Vereinsamung, Perspektivlosigkeit und Ausgenutztwerden geh\u00f6rt werden? Ich ein ausgew\u00e4hltes Eigentum Gottes?<\/p>\n<p>Ich kann mir vorstellen, wie einige der Deportierten \u00fcberrascht die Ohren spitzen, w\u00e4hrend andere sich sp\u00f6ttisch abwenden, weil sie genug haben von sch\u00f6nen Worten, die sich im entscheidenden Moment doch nur als M\u00e4rchen erweisen und man sich wiederfindet &#8222;unter fremden V\u00f6lkern&#8220; wo man &#8222;verh\u00f6hnt und ge\u00e4chtet&#8220; wird.<\/p>\n<p>Als deutschsprachiger Minderheit in Namibia machen wir ja durchaus solche Erfahrungen. Als Nachfahren der Kolonisatoren werden wir unbesehen mit ihnen in einen Topf geworfen. Wissentlich wird dabei \u00fcbersehen, dass die deutschsprachige Gruppe sich auf das Heftigste gestritten hat, was denn nun vor Gott gilt in Rassen- und Klassenfragen.<\/p>\n<p>Um so schwieriger, weil sich beide Fraktionen im Kirchenraum dabei auf das Wort Gottes beriefen. So berichtet Missionar Schulte 1936 irritiert, dass einige Europ\u00e4er behaupten: &#8222;Ihr Schwarzen habt \u00fcberhaupt keine Aussicht, selig zu werden. Ihr seid die verfluchten S\u00f6hne Hams!&#8220; Er h\u00e4lt dagegen, dass Gott &#8222;nicht das Privileg irgendeiner Rasse sei&#8220; und dass Gott &#8222;in seinem Sohn alle V\u00f6lker gleich dem\u00fctige und erh\u00f6he&#8220;. Zwei Jahre zuvor &#8211; zeitgleich mit der Barmer Erkl\u00e4rung &#8211; hatte Pastor Rust in der &#8222;Heimat&#8220; geschrieben: &#8222;Weg &#8230; in der Beziehung zu Gott, auf dem Gebiet der Religion mit allem Selbstbespiegeln in den Vorz\u00fcgen der eigenen Rasse!&#8220;<\/p>\n<p>Ich nenne die Zwei, weil sie deutlich machen, was geschieht, wenn wir die Erw\u00e4hlung Gottes zu unserem eigen Vorteil brauchen. Statt n\u00fcchtern auf uns selbst zu schauen, ehrlich mit unseren St\u00e4rken und Fehlern vor Gott zu treten, schwingen wir uns zu Richtern \u00fcber andere auf. Und das kann anderen Menschen ganz schnell das Leben kosten. Redet V.10 davon, dass Gott den Ungl\u00e4ubigen Vernichtung bringen soll, so gehen die Verse vor unserem Abschnitt weit dar\u00fcber hinaus und empfehlen, alle Fremden im Land mit Stumpf und Stiel auszurotten, keine Gefangenen zu machen und alle dennoch \u00dcberlebenden zu deportieren. Dies wird als Reinigung und Heiligung verstanden im Sinne von Absonderung. F\u00fcr uns heute in Namibia nach Jahren der Apartheid ist deutlich: die Israeliten waren auch nur Kinder ihrer Zeit und schlossen aus ihrer Ausgew\u00e4hltheit das Recht, anderen zuzuf\u00fcgen, was sie selber schmerzhaft erfahren hatten. Die Chance auf einen Neuanfang ist so verpasst: bestehende Herrschaftsverh\u00e4ltnisse werden einfach umgedreht. &#8222;Nichts Neues unter der Sonne&#8220;, k\u00f6nnte man mit dem Verfasser des Predigerbuches aufst\u00f6hnen, gerade auch in Namibia&#8230;<\/p>\n<p>Und doch geht bei allem menschlichen Beiwerk etwas Faszinierendes von dem Predigttext aus: Was, wenn es wahr w\u00e4re, dass sich mein Wert nicht nach meinem Bankkonto, meinen Beziehungen, meinem Erfolg richtet, weil es jemanden gibt, der verl\u00e4\u00dflich zu mir steht? Was w\u00fcrde sich nicht alles in meinem Leben \u00e4ndern, wenn ich wei\u00df, dass es jemanden gibt, der mich tr\u00e4gt, auch wenn ich nicht mit den W\u00f6lfen heule! Wie viel mehr Entwicklung w\u00e4re m\u00f6glich, wenn Menschen von Gott gest\u00e4rkt werden, politische Propaganda auch als solche zu benennen!<\/p>\n<p>Und im Privaten? Suchen wir nicht schon lange nach Wegen, wie wir aufrichtig und aufbauend miteinander leben k\u00f6nnen, ohne immer wieder die gleichen Dinge ins Feld zu f\u00fchren, um unsere Position in unz\u00e4hligen und unseligen Sch\u00fctzengraben zu behaupten?<\/p>\n<p>Diese wenigen Beispiele sollen verdeutlichen, um was es bei der Gotteskindschaft geht: um Freiheit, oder mit den Worten von Papst Johannes XXIII: Wer Glauben hat, der verbarrikadiert sich nicht und zittert auch nicht. &#8222;Er \u00fcberst\u00fcrzt nicht die Ereignisse, er ist nicht pessimistisch eingestellt, er verliert nicht die Nerven. Glaube &#8211; das ist die Heiterkeit, die von Gott kommt.&#8220;<\/p>\n<p>Um die Gotteskindschaft geht es bei der Taufe. Dort wird versenkt, was das Leben schwer macht, wo wir uns und anderen Menschen im Wege stehen oder Steine in den Weg legen auf ihrem Weg zu Gott. Aus der Taufe gehoben wird dagegen der Mensch, der im sich Zweifel eher an die Seite Gottes ziehen l\u00e4sst und gerade in heiklen Entscheidungen sich von ihm angezogen f\u00fchlt.<\/p>\n<p>All dies nicht aus eigener Kraft, Tugendhaftigkeit oder gar Furcht, sondern im Vertrauen darauf, dass Gott zu seinem Bund steht und seine Liebe erweist. Bis in die tausendste Generation an denen, die ihn lieben und seine Gebote befolgen sagt der Predigttext. Und f\u00fcr die Zweifelnden unter uns f\u00fcgt Paulus im R\u00f6merbrief hinzu (R\u00f6m 8,39):Nichts in der ganzen Welt kann uns jemals trennen von der Liebe Gottes, die uns verb\u00fcrgt ist in Jesus Christus, unserem Herrn. Darauf taufen wir und darauf wurden wir getauft. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Harald Kl\u00f6pper<br \/>\nP.O.Box 884 Windhoek<br \/>\nNamibia<br \/>\n<a href=\"mailto:kloepper@chrina.org\"> kloepper@chrina.org<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6. 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