{"id":10597,"date":"2005-07-07T19:49:27","date_gmt":"2005-07-07T17:49:27","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10597"},"modified":"2025-07-10T11:02:16","modified_gmt":"2025-07-10T09:02:16","slug":"johannes-630-35","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-630-35\/","title":{"rendered":"Johannes 6:30-35"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">7. Sonntag nach Trinitatis | 10. Juli 2005 | Johannes 6,30-35 | Hans Joachim Schliep |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"left\">\u201e 30Da sprach &gt;das Volk&lt; zu ihm: \u201aWas tust du f\u00fcr ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was f\u00fcr ein Werk tust du? 31Unsere V\u00e4ter haben in der W\u00fcste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 79,24): \u201aEr gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.\u2018 32Da sprach Jesus zu ihnen: \u201aWahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. 33Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.\u2018 34Da sprachen sie zu ihm: \u201aHerr, gib uns allezeit solches Brot.\u2018 35Jesus aber sprach zu ihnen: \u201aIch bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr d\u00fcrsten.\u2018\u201c<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Brot ist mehr. F\u00fcr den, der hungert, kann es alles sein. F\u00fcr den, der nichts zu bei\u00dfen hat, kann es den Himmel bedeuten. Denn Hunger tut weh. Hunger kann um den Verstand bringen und in den Wahnsinn treiben. Hunger kann den Menschen zum Tier machen. Ernst Bloch hat Recht: \u201eDer Magen ist die erste Lampe, auf die \u00d6l gegossen werden muss.\u201c<\/p>\n<p>Bei den n\u00e4chsten Wahlen werden wir es wieder erleben, wir, das Volk, werden uns selbst nach dieser Devise verhalten: Die politische Macht geht durch den Magen des Volkes. Wer Brot verspricht: Arbeit und Wirtschaftswachstum, wird die Wahl gewinnen. Arbeit, Wirtschaft, Bildung, Familie, Gesundheit &#8211; als Themen der Daseinsf\u00fcrsorge und -vorsorge sind das jetzt in der Tat die wesentlichen und entscheidenden Themen. Aber ich bin in gro\u00dfer Sorge, dass wir sie wieder einmal falsch angehen. Fragen m\u00fcssen erlaubt sein:<\/p>\n<p>Ist es denn sinnvoll, ist es denn \u00fcberhaupt m\u00f6glich, den Konsum anzukurbeln, wo wir doch mehr haben als jemals eine Generation zuvor und als die weit \u00fcberwiegende Mehrheit der Menschen? Wenn ich ehrlich bin, brauche ich doch wirklich kaum die H\u00e4lfte von dem, was ich habe! Fahren wir, nachdem wir eine Weile an Fahrt gewonnen haben, den Wagen mit neuer Hochgeschwindigkeit an die Wand, wenn wir weiterhin unseren Wohlstand auf Kosten der Menschen in den arm gemachten L\u00e4ndern mehren? Sind nicht alle Konzepte und Projekte von vornherein zum Scheitern verurteilt, die nicht zugleich und konsequent eine \u00f6kologische Erneuerung bedeuten, die Ressourcen schonen und das Klima sch\u00fctzen? Nur eine Welt in Balance bedeutet auch f\u00fcr uns eine positive Bilanz.<\/p>\n<p>Vermutlich sind Sie \u00fcberrascht \u00fcber solche politischen T\u00f6ne gleich zu Beginn der Predigt zu diesem wunderbaren Text. Aber er baut ja auf eine Begebenheit auf, die durchaus <em>auch<\/em> eine brisante politische Botschaft enth\u00e4lt: Jesus s\u00e4ttigt f\u00fcnftausend Menschen. Er stillt den Hunger ihrer Seelen <em>und <\/em>ihrer Leiber. Er versorgt sie mit Lebenswort <em>und<\/em> mit Lebensbrot. Jesus l\u00e4sst Brot und Fisch an die hungernde Menge austeilen und bringt sie dadurch zum Teilen untereinander. Damit kommt er Bertolt Brechts Wort, Gerechtigkeit sei das Brot des Volkes, lange, lange zuvor &#8211; und r\u00fcckt dabei den Grund und den Geber von allem in den Blick: \u201eGerechtigkeit ist das Brot Gottes\u201c (Friedrich Schorlemmer). F\u00fcnf Brote und zwei Fische reichen ihm daf\u00fcr, mit Gottes Lebensgabe dem menschlichen Lebenshunger zuvorzukommen.<\/p>\n<p>Wer dabei war oder sp\u00e4ter von der Speisung der F\u00fcnftausend erfuhr, musste und sollte sich daran erinnern, wie die r\u00f6mischen Kaiser durch Brotfeste nach der Gunst des Volkes schielten und es sich gef\u00fcgig machen wollten. Als der selbstgef\u00e4llige Vasallenk\u00f6nig Herodes Antipas es ihnen gleichtun und durch Brotspenden seine Sorge um das Wohl der Armen unter Beweis stellen und sie auf seine Seite ziehen wollte, fiel er beim r\u00f6mischen Kaiser in Ungnade. Brotgeber, Brotkaiser, Brotgott zu sein &#8211; das war <em>sein <\/em>Vorrecht. Wer also als Brotgeber auftrat, galt sogleich als Rivale bestehender politischer Autorit\u00e4t. Es geh\u00f6rte Mut dazu und war <em>auch <\/em>eine klare politische Aussage, Jesus als Brotgeber darzustellen. Damit bestreitet jedenfalls die fr\u00fche Christenheit den politischen Brotf\u00fcrsten, sie k\u00f6nnten wirklich und wollten ehrlich den Lebenshunger stillen.<\/p>\n<p>Diese politische Aussage erw\u00e4chst aus einer spirituellen Einsicht und Erfahrung. Die Kaiser gaben von ihrem \u00dcberfluss etwas ab. Jesus teilt, obwohl er selbst nur wenig hat. F\u00fcr ihn gilt wie wohl f\u00fcr keinen anderen sonst: Sich zu sorgen um das eigene t\u00e4gliche Brot, ist eine materielle, sich zu k\u00fcmmern um das Brot f\u00fcr den N\u00e4chsten, eine spirituelle Frage. Erst wo aus freien St\u00fccken gegeben wird, mit H\u00e4nden, die nichts zur\u00fcckhaben wollen, wird aus der Brotgabe ein Liebesbeweis. Dann ist Brot wirklich mehr. Dann ist Erdenbrot eine Himmelsgabe. F\u00fcnf Brote und zwei Fische &#8211; gerade in diesem Wenigen steckt ein gro\u00dfer Mehrwert und N\u00e4hrwert.<\/p>\n<p>Davon muss das Volk etwas begriffen haben, als es Jesus fragt: \u201eWas tust du f\u00fcr ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was f\u00fcr ein Werk tust du? Unsere V\u00e4ter haben in der W\u00fcste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 79,24): \u201aEr gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.\u2018\u201c Es wird gesp\u00fcrt haben, wie gut es ist, etwas von <em>Jesus<\/em>, diesem ganz anderen Brotgeber, zu erwarten und ihren Hunger mit seiner Hoffnung zu verbinden. Denn sie waren ja dabei, als er f\u00fcr das Brot dankte, bevor er es teilte und austeilte. So brachte er wieder Gott ins Spiel, verband mit IHM allen Mangel und alles Genughaben. Sie sind noch ganz unsicher, ob Jesus nun wirklich der Messias, der Lebensretter ist. Deshalb bitten sie ihn um ein sichtbares Zeichen. Auch wenn sie daraufhin erst noch glauben <em>wollen<\/em>, sind sie f\u00fcr mich doch keine Ungl\u00e4ubigen mehr. Denn unter ihnen werden Menschen sein, denen man schon das Blaue vom Himmel herunter gelogen hatte und die deshalb nach Beglaubigung und Glaubw\u00fcrdigkeit verlangen. Oder es sind sogar Menschen unter ihnen, die sich, nachdem sie Jesu Lebensbrot und Lebenswort \u201egeschmeckt\u201c haben, nicht l\u00e4nger den Bauch vollschlagen wollen, nur um ihre Leere zuzudecken.<\/p>\n<p>Durch den Hinweis auf das Manna in der W\u00fcste rufen sie sich &#8211; gewollt oder ungewollt &#8211; in Erinnerung, wie man richtig und wie man falsch mit dem Hunger einerseits und mit dem Genughaben andererseits umgehen kann. Es <em>ist<\/em> zwar so, man kennt das ja: Je leerer der Magen, desto verquerer die Seele. Aber es f\u00fchrt in die Irre, Gottes in die Freiheit weisendes Wort wieder gegen die Knechtschaft an den Fleischt\u00f6pfen \u00c4gyptens eintauschen zu wollen. Ohnehin waren die Fleischt\u00f6pfe \u00c4gyptens nur ein Traum- und Trugbild. Denn das Brot der Sklaverei war vermischt mit dem Salz der Tr\u00e4nen, die in harter Fronarbeit vergossen wurden. Und man geht, hat man genug und reichlich, damit schlecht um, wenn man es hortet. Denen verdarb alles, die damals in der W\u00fcste \u00fcber ihren Essbedarf, ihren eigentlichen Lebensbedarf hinaus etwas f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag gehortet hatten. Aus mangelndem Gottvertrauen f\u00fcrchteten sie, am n\u00e4chsten Morgen werde nichts mehr da sein (2. Mose 16,19+20).<\/p>\n<p>Pr\u00fcfen wir uns doch selbst: Sollte mancher \u00dcberdruss aus schierem \u00dcberfluss kommen? Sollte, weil der Gaumen immer Feineres schmecken will, unserem Gem\u00fct der Geschmack am <em>wirklichen <\/em>Leben verg\u00e4llt sein? Sollten deshalb manche erlebnishungrigen Feinschmecker am gedeckten Tisch verhungern? Die Neigung, alles genie\u00dfen zu wollen &#8211; und zwar sofort -, k\u00f6nnte genau die Krankheit sein, f\u00fcr deren Therapie sie sich h\u00e4lt! Man hat von einer \u201eMacDonaldisierung\u201c unserer Gesellschaft gesprochen. Da ist etwas dran. Denn Fastfood, sei es auf dem Teller oder im TV, macht mehr s\u00fcchtig als satt. Vielleicht sind deshalb so viele Gourmets pure Nihilisten und Genie\u00dfer Ver\u00e4chter des Lebens. Geschmacksverst\u00e4rker k\u00f6nnen einem die Geschmacksnerven auf Dauer verderben. Lebenssattheit kann zu Lebensmattheit f\u00fchren &#8211; und der Versuch, mit eigenen Mitteln die Erde zum Himmel zu machen, f\u00fchrt auf kurzem Weg zu den Pforten der H\u00f6lle.<\/p>\n<p>Davor will Jesus das noch unsichere, fragende Volk bewahren. Deshalb holt er es heraus aus dem himmlischen Widerschein seiner selbst, der sich gerne im Streben nach Brot und nichts als Brot, im Mehr-als-genug-haben-Wollen und Nicht-teilen-K\u00f6nnen zeigt, zum Licht, mit dem Gott den Weg erhellt: \u201eNicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.\u201c Brot ist eben mehr. Brot ist mehr als eine kalkulierbare und manipulierbare Masse. Auch wo es bezahlt werden muss, ist es mehr wert als ein bilanzierungsf\u00e4higer Mehrwert. Es ist einfach notwendig. Wir sind darauf angewiesen. Jeder Brotbissen zeigt uns, wie sehr wir von Voraussetzungen leben, die uns vorgegeben sind, wie sehr wir von Gottes Lebensgabe und Lebensgaben existieren, wie der Anfang &#8211; und deshalb gewiss auch das Ende &#8211; unseres Lebens nicht der selbstbehobene menschliche Mangel, sondern die g\u00f6ttliche F\u00fclle ist. Wie wird Brot richtig gebraucht? Indem es verstanden wird als Verweis auf den Geber aller Gaben, auf Gottes F\u00fclle.<\/p>\n<p>Sogar bei nur f\u00fcnf Broten und zwei Fischen ist genug f\u00fcr alle da. Also ist immer mehr da, als wir im Blick haben, Kr\u00e4fte und Mittel, die zur Entfaltung dr\u00e4ngen, die erst noch entdeckt werden wollen, auch wo wir uns einschr\u00e4nken m\u00fcssen. Gottes Gaben haben unsere menschlichen Bed\u00fcrfnisse immer schon \u00fcberholt. Weit \u00fcber unseren unmittelbaren Essbedarf hinaus. Denn beim Kampf ums Brot bleibt allzuvielen Menschen nur noch ein Gnadenbrot. Darum brauchen wir alle mit dem t\u00e4glichen Brot das Brot der Gnade: Brot vom Himmel, das nicht verdirbt.<\/p>\n<p>Mit dem Verweis auf Gott anstelle von Mose als Manna- und damit Brotgeber warnt Jesus das Volk vor dem Irrtum, sich auf Mose, auf den menschlichen Mittler statt auf die g\u00f6ttliche Mitte zu fixieren. In den blo\u00dfen Lebensmitteln ist die Lebensmitte noch nicht zu finden. Beim Brot geht es wirklich um mehr, gerade weil es um das Leben selbst geht. Beim Brot geht es um das, was die W\u00fcrde von Menschen wahrt, die um keinen Preis sollen hungern m\u00fcssen, was also \u00fcber den Tag und seine kurzfristigen Anspr\u00fcche hinaus ist, was das ganze Leben umgreift und letztlich das Leben selbst \u00fcbersteigt.<\/p>\n<p>Brot ist mehr. Aber damit es wirklich mehr sein kann, geh\u00f6rt zum N\u00e4hrwert des Brotes der Mehrwert der Gnade und der Liebe. Zum Brot geh\u00f6rt der Geber aller Gaben &#8211; und zum Brot geh\u00f6rt ein Mensch. Beides ist verbunden in der Gestalt Jesu Christi: \u201eJesus aber sprach zu ihnen: \u201aIch bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr d\u00fcrsten.\u2018\u201c Wie kann er so etwas sagen? Wie kann er sich selbst als \u201aBrot in Person\u2018 bezeichnen? Weil in ihm tats\u00e4chlich zwei Seiten zusammenkommen: unmittelbare Gottesn\u00e4he und unmittelbare Lebensn\u00e4he, Gottvertrauen auch in Hungerzeiten und Hingabe seines eigenen Lebens. Wenn heute wieder nach geistlicher Nahrung und Heilung gesucht wird, dann kann ich f\u00fcr mich nur sagen: Ich kenne kein besseres, kein menschlicheres <em>und<\/em> g\u00f6ttlicheres Bild, das meine Seele ausf\u00fcllt, als Jesus Christus, der Brot austeilt, bis er am Ende sein eigenes Leben gibt. Seine ausgebreiteten Arme mitten im hungrigen Volk und sein Blick, mit dem er mich ansieht vom Kreuz her!<\/p>\n<p>Dieser Jesus ist wie das t\u00e4gliche Brot, ist selbst <em>das <\/em>Grundnahrungsmittel. In ihm nehmen wir Gott wahr, der von Beginn an mit seinen Gesch\u00f6pfen zusammensein wollte, der deshalb Leben austeilte und immer wieder Leben mit uns Menschen teilt. Und wie sich in ihm Brot und Liebe verbinden, h\u00e4lt er die Einsicht wach: Wahres Leben hast du nur, wenn auch der Hunger deiner Seele gestillt ist. Denn wir alle k\u00f6nnen weder ohne Brot noch vom Brot allein leben. So weckt Jesus neuen Appetit aufs Leben, ohne dass wir das Himmelsbrot mit einer G\u00f6tterspeise verwechseln. Der Mehrwert und der N\u00e4hrwert, den er uns vermittelt, l\u00e4sst n\u00e4mlich auch karge Zeiten durchstehen. In Jurek Beckers Roman \u201aJakob, der L\u00fcgner\u2018, f\u00e4llt unter den schwer drangsalierten Bewohnern eines j\u00fcdischen Gettos der Satz: \u201eDu kannst l\u00e4nger ohne Brot als ohne Hoffnung leben.\u201c Eine Hoffnung gibt es nur da, wo ein Glaube ist. Ein Glaube kann sich nur entfalten, wenn er in einer Liebe wurzelt.<\/p>\n<p>Davon erz\u00e4hlt Jesu Leben &#8211; vor allem sein Kreuzestod und das neue Leben, zu dem er erweckt wurde. Gerade dieser Blick aufs Leben &#8211; in der Perspektive eines Lebens ganz bei Gott, gest\u00e4rkt vom Himmelsbrot: vom Brot, das nie verdirbt, und vom Leben, das von Beginn an geteilt wurde &#8211; l\u00e4sst das manchmal trockene Brot von der Erde als Brot des Himmels wahrnehmen. Daraus entstehen dankbare Freude an der Lebensgabe und den Lebensgaben Tag f\u00fcr Tag und \u00fcber den Tag hinaus. Und daraus erw\u00e4chst ein Respekt gegen\u00fcber dem Brot, wie es ihn gegeben hat, als man Brot noch f\u00fcr etwas Heiliges hielt und jeder Laib Brot als Grund genug f\u00fcr ein Gebet galt. Im Abendmahl, in dem Lebensbrot und Lebenswort zusammenkommen, im gebrochenen Brot ist diese Heiligkeit bewahrt. Vielleicht kommen wir wieder einmal dahin, dass uns das Brot erst schmeckt, wenn wir zu Tisch gebetet haben. Das Tischgebet ist, recht verstanden, kein Appetitz\u00fcgler, sondern ein Appetitanreger.<\/p>\n<p>\u201eIch bin das Brot des Lebens.\u201c Eine Person ist es, ein Mensch. Einer, der selbst Hunger hat, der sich um den Hunger der Menschen sorgt und ihnen so ihre W\u00fcrde zur\u00fcckgibt, der sein Leben ganz aus Gottes Hand nimmt und dem deshalb das \u201aTeilen und Austeilen\u2018 als Lebensweise ganz eingestiftet ist. Von dem deshalb niemand hungrig und durstig weggeht, weil er immer etwas mit bekommt von seiner einmaligen Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Gott, aus der ihm eine unverwechselbare Solidarit\u00e4t mit seinen Mitmenschen erw\u00e4chst. Eben Brot, das mehr ist. Sich gen\u00e4hrt zu wissen von diesem Brot, das hei\u00dft, der Einsicht zu folgen: \u201eWenn mehr Menschen w\u00fcssten, dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt, h\u00e4tten mehr Menschen Brot zum Leben.\u201c (Heinz Zahrnt)<\/p>\n<p>Denke ich an IHN, kommt mir die Frau aus der Kurzgeschichte \u201aDas Brot\u2018 in den Sinn. Darin erz\u00e4hlt Wolfgang Borchert aus der Zeit kurz nach dem Krieg, als es Brot nur rationiert auf Lebensmittelkarten gab:<\/p>\n<p>Ein \u00e4lteres Ehepaar, Jahrzehnte in Zuneigung und Ehrlichkeit miteinander verbunden, hat nur das wenige, amtlich zugeteilte Brot. Eines nachts wacht die Frau auf: Geraschel in der K\u00fcche, das Bett neben ihr leer. Sie geht in die K\u00fcche &#8211; und sieht den Brotteller auf dem Tisch, daneben das Brotmesser und Brotreste, obwohl sie doch jeden Abend alles wegr\u00e4umt, jeden Brotkr\u00fcmel aufliest und aufbewahrt. Daneben steht &#8212; ihr Mann. Die Frau l\u00f6scht das Licht. Nur nicht mehr sehen m\u00fcssen, was sie l\u00e4ngst gesehen hat! Der Mann, die Frau &#8211; beide gehen wieder zu Bett. Dort wiederholt der Mann noch einmal, womit er sich schon in der K\u00fcche herausreden wollte: Da waren Ger\u00e4usche, deshalb sei er aufgestanden. Vielleicht ein Dieb. Aber es war wohl nur der Wind. Ja, der Wind habe an der wackligen Dachrinne ger\u00fcttelt. Das Gespr\u00e4ch verstummt. Jetzt h\u00f6rt die Frau nur noch, wie ihr Mann langsam kaut &#8211; das bisschen Brot n\u00e4mlich, das er noch im Mund hat. Am n\u00e4chsten Abend, beim Abendbrot, blicken sie voller Scham auf ihre Teller. Die Frau hat ihrem Mann eine Scheibe mehr zugeteilt: \u201eI\u00df du man eine mehr.\u201c &#8211; \u201eNein, du kannst doch nicht nur eine Scheibe essen.\u201c &#8211; \u201eDoch. Abends vertrag ich das Brot nicht gut. I\u00df man. I\u00df man.\u201c<\/p>\n<p>L\u00fcge. Scham. Bitternis. Und dennoch Liebe. Und dennoch Himmel mittendrin. Auf irgendeine verborgene Weise ist Jesus Christus dabei. Von diesem \u201eBrot des Lebens\u201c scheint die Frau sehr viel abbekommen zu haben. Denn sie versteht die Sorge um das Brot ihres N\u00e4chsten, ihres Mannes, als Frage an sich. Sie lebt so, als sei <em>f\u00fcr sie<\/em> schon gesorgt. Und das ist ja auch die Botschaft, die uns beim Abendmahl in jedem St\u00fcck Brot entgegenkommt: F\u00fcr dich ist gesorgt, f\u00fcr alles, was du dir nicht selbst geben kannst: den Glauben und die Hoffnung und die Liebe, die Gnade und die Vergebung und das Leben selbst, \u00fcber Tag und Tod hinaus.<\/p>\n<p>In diesem Sinn ist Brot wirklich mehr. In ihm verbindet sich die spirituelle und die materielle Seite unseres Daseins: was uns immer schon gegeben ist und gegeben wird und was wir immer wieder brauchen und zu teilen berufen sind. So ist Glaube die Hand, die empf\u00e4ngt und betet, und die Hand, die weitergibt und zupackt, wo Not ist. Die dankbar empfangende und die ebenso dankbar weitergebende Hand geh\u00f6ren zusammen. Das erfahren wir durch den, der sagt: \u201eIch bin das Brot des Lebens.\u201c Durch Jesus Christus. Er sagt vor allem immer wieder: \u201eI\u00df man! I\u00df man!\u201c Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Hans Joachim Schliep<br \/>\nPastor am Ev. Kirchenzentrum Kronsberg<br \/>\nSticksfeld 6, 30539 Hannover<br \/>\nTel. + Fax: 0511 &#8211; 52 75 99<br \/>\ne-Mail: <a href=\"mailto:Hans-Joachim.Schliep@evlka.de\">Hans-Joachim.Schliep@evlka.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7. Sonntag nach Trinitatis | 10. Juli 2005 | Johannes 6,30-35 | Hans Joachim Schliep | \u201e 30Da sprach &gt;das Volk&lt; zu ihm: \u201aWas tust du f\u00fcr ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? 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