{"id":10600,"date":"2005-07-07T19:49:13","date_gmt":"2005-07-07T17:49:13","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10600"},"modified":"2025-07-10T10:57:23","modified_gmt":"2025-07-10T08:57:23","slug":"markus-8-1-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-8-1-9\/","title":{"rendered":"Markus 8, 1-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">7. Sonntag nach Trinitatis | 10. Juli 2005 |\u00a0Markus 8, 1-9 | Kirsten B\u00f8ggild | <\/span><\/b><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung, alte Reihe)<\/p>\n<p>HUNGER<\/p>\n<p>Wir haben das Gl\u00fcck, in einer Zeit und Gesellschaft zu leben, wo niemand wei\u00df, was Hunger wirklich ist. Nicht viele von uns haben ihn am eignen Leib erfahren. Wir leben in einer Gesellschaft des Wohlstandes und \u00dcberflusses, in der wir es als Selbstverst\u00e4ndlichkeit betrachten, dass wir satt zu Bett gehen. Obwohl wir von Hunger und Not in anderen Gegenden der Welt h\u00f6ren, kennen wir den k\u00f6rperlichen und seelischen Zustand, der <em>Hunger<\/em> hei\u00dft, nicht. Aber es ist noch gar nicht so lange her, dass Hunger auch hier in den nordeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern Wirklichkeit war. Jedenfalls f\u00fcr die Armen. Wie das ist, beschreibt der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun in einem autobiographischen Roman \u00fcber einen mittellosen Dichter in Kristiania, dem heutigen Oslo, am Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Roman mit dem Titel Hunger. Darin wird der k\u00f6rperliche und seelische Zustand eines Menschen beschrieben, wenn er \u00fcberhaupt kein Geld hat und sich also kein Essen kaufen kann und also auch tagelang nichts zu Essen bekommt. Er wird krank \u2013 ja todkrank. Er wird wunderlich und seltsam bis zum Wahnsinn. Zuletzt ist es ihm fast egal, ob er stirbt. All das k\u00f6nnten wir uns auch selbst sagen. Aber da ist etwas, was wir uns vielleicht doch nicht selbst sagen k\u00f6nnen: es ist die <em>Scham<\/em>, die damit verbunden ist. Der <em>Stolz<\/em>, der den Weg versperrt und ein Bein stellt, sodass Andere einfach nicht helfen k\u00f6nnen. Fast v\u00f6llig ohne R\u00fccksicht darauf, wie es um ihn bestellt ist, verbirgt der junge Dichter seine menschliche Trag\u00f6die und Entw\u00fcrdigung Anderen gegen\u00fcber. Er sch\u00e4mt sich seiner Armut und nimmt keinen Almosen an. Ganz im Gegenteil. Sobald er Geld in der Tasche hat, verschenkt er es. Wie um seine eigene W\u00fcrde zu bewahren, sein humanit\u00e4res Gef\u00fchl, seine Ehre als ein liebevoller Mitmensch. Es kann irrational wirken, dass ein Mann, der drauf und dran ist, an Hunger zu sterben, sein letztes Geld einem anderen armen Ungl\u00fccklichen schenkt, der jedoch nicht so hungert wie er selbst. Unbewusst aber ist das Ehrgef\u00fchl st\u00e4rker als der k\u00f6rperliche Hunger. Wie ja die Scham \u00fcber eigene Armut oft st\u00e4rker ist als der Drang, die Hilfe eines anderen Menschen in Anspruch zu nehmen. Es ist die menschliche W\u00fcrde, die auf dem Spiele steht, wenn der Hunger Leib und Seele zu vernichten droht.<\/p>\n<p>Das geh\u00f6rt meiner Meinung nach dazu, wenn wir heute eines der Speisungswunder Jesu als Thema haben. Die Menschen, deren sich Jesus erbarmt, waren hungrig und hatten keine M\u00f6glichkeit, sich selbst Essen zu verschaffen. Ihre menschliche W\u00fcrde stand auf dem Spiel. Nicht so ausgesprochen wie in Hamsuns Roman oder in den Konzentrationslagern w\u00e4hrend des Zweiten Weltkireges oder in den Gegenden der Welt, die noch heute von Hungersnot oder Krieg gepeinigt werden \u2013 aber immerhin: Wenn der Hunger grassiert, tut er etwas an Menschen, was nicht gut ist. Er bedroht die Solidarit\u00e4t zwischen Menschen, die Mitmenschlichkeit, all die guten humanit\u00e4ren Prinzipien, denen wir normal huldigen. Aber verstehen wir das auch, wenn wir es denn nicht am eigenen Leibe erfahren?<\/p>\n<p>Es gibt allerdings eine Art des Hungers, die wir kennen und die wir in unserem Teil der Welt vielleicht besonders <em>gut <\/em>kennen: Es ist die Sehnsucht, die aus Mangel an Lebensinhalt erw\u00e4chst. Es ist der Lebenshunger, der mitten in einem Gef\u00fchl von totaler <em>Leere<\/em> entsteht. Ein Gef\u00fchl, das oft vom Mangel an Zusammengeh\u00f6rigkeit mit anderen Menchen herr\u00fchrt. In einer armen Gesellschaft kann es mehr Gemeinsamkeit zwischen Menschen geben als in einer modernen Gesellschaft, wo jeder seines eigenen Gl\u00fcckes Schmied sein muss oder es auch nur sein lassen kann, gl\u00fccklich sein zu wollen. Denn in einer modernen Gesellschaft kann jeder sich selbst genug sein und sich zurechtfinden. Nur vermag er nicht sich selbst das zu geben, was die F\u00fclle in einem jeden Leben ist. Er kann sich nicht selbst Liebe schenken. Liebe kann er von Gott bekommen, von anderen Menschen, niemals aber von sich selbst. Deshalb dieses Gef\u00fchl von <em>Leere<\/em>, daher dieser Hunger nach Lebensf\u00fclle, die er sich nicht selbst geben kann. Auch Hamsuns bettelarmer Dichter ist tief einsam. Einige wenige versuchen ihm zu helfen, aber niemand liebt ihn \u2013 auch nicht die Frau, die ihn begehrt, bis sie entdeckt, wie elend er lebt. Da kehrt auch sie ihm den R\u00fccken und findet einen anderen Mann. Ist das nicht ein genauso gro\u00dfes Elend wie der k\u00f6rperliche Hunger? Der Hunger danach, gl\u00fccklich zu sein, gl\u00fccklich geliebt zu sein?<\/p>\n<p>Einmal wendet er sich zu Gott hin und gibt ihm die Schuld. In einer Mischung aus Zorn und Verachtung und dem\u00fctigem Gebet. Ja, auf dem ganzen Weg seiner Leiden ruft er unwillk\u00fcrlich Gott im Himmel um Hilfe an. Aber nicht systematisch. Nur als Aufschrei, wenn er in \u00e4u\u00dferster Not ist. Zuletzt wendet er sich rasend gegen ihn und leugnet ihn \u2013 ob er nun existiert oder nicht. Er findet Genugtuung daran, ihn zu verh\u00f6hnen und seiner zu spotten. \u2013 Aber wer hat die Schuld an dem Elend, und wer vermag zu helfen? Sind es nicht die Menschen, die einander dem Hunger und dem Elend \u00fcberlassen? Die Reichen, die die Armen arm sein lassen? Sind es nicht die Menschen, die kein Mitgef\u00fchl f\u00fcreinander haben? Die Menschen, die einen Dichter Hungers sterben lassen? Die Liebe der Frau, die abstirbt, als sie entdeckt, welch einen elenden Menschen sie liebt? War es denn nicht das Mitgef\u00fchl der Menschen, um das er betteln m\u00fcsste? Aber in Wirklichkeit richtet der Notleidende seine Gebete und seinen Zorn gegen den Gott, der ihm das Leben geschenkt hat. So grundlegend ist das Ungl\u00fcck, dass es der Sch\u00f6pfer des Lebens sein muss, der die Antwort daf\u00fcr hat. So fassen wir es unwillk\u00fcrlich auf. Nicht als das Ergebnis philosophischer Erw\u00e4gungen, sondern als Ausdruck eines spontan erlebten Verh\u00e4ltnisses zu der Macht, die das Leben und die Lebensbedingungen, so wie sie sind, geschaffen hat. Die Menschen haben nicht nur ein Verh\u00e4ltnis zueinander. Sie haben vor allem ein Verh\u00e4ltnis zu Gott.<\/p>\n<p>In der Erz\u00e4hlung des Markusevangeliums ist es Jesus, der mit den Hungrigen f\u00fchlt. Jesus handelt. Jesus kommt den Notleidenden zu Hilfe. Er handelt wie ein wahrer Mitmensch, aber es ist noch mehr als das: er handelt wie Gott selbst! Denn es ist keinem Menschen beschieden, aus fast nichts Speise zu schaffen. Gott sch\u00f6pft aus dem Nichts, wenn er will. Jesus handelt, wie wenn er Gott selbst ist. Er zeigt, dass Gott gut ist. Dass Gott uns mit Brot und Fisch und Liebe segnet. Dass Gott Mitgef\u00fchl mit den Hungernden und Sehns\u00fcchtigen hat. Dass Gott F\u00fcrsorge f\u00fcr den Menschen zeigt. Niemand hatte darum gebeten. Es geschah von selbst, durch Jesu Eingreifen. Was will der Evangelist damit sagen? Dass Gott gut ist. Dass wir Gott im Menschen Jesus begegnen. Dass Gott nicht fern und gleichg\u00fcltig ist. Der sehnsuchtsvolle Mensch, der meint, nichts anderes zu erleben als Leere, wird dar\u00fcber belehrt, dass er in einem Verh\u00e4ltnis zu einem liebenden Gott lebt und dass dies Lebensf\u00fclle f\u00fcr alle Zeit und Ewigkeit ist. Der verzweifelte Mensch kann Gott, soviel er will, verleugnen, Gott verleugnet ihn nicht. Im Bericht des Evangeliums s\u00e4ttigt er die Hungernden mit Hilfe eines Menschen \u2013 und das ist ein weiteres Zeichen daf\u00fcr, wo der g\u00f6ttliche Eingriff stattfindet: Im Menschen und seiner F\u00fcrsorge f\u00fcr den anderen Menschen.<\/p>\n<p>In Hamsuns Roman kommt ein beherzter Kapit\u00e4tn vor, der dem halbtoten Dichter eine Heuer auf seinem Schiff gibt. Er rettet sein Leben. Unsentimental, unmittelbar, mit einer verborgenen, unausgesprochenen Liebe und Mitmenschlichkeit. Wir erfahren nicht, aber der Dichter Gott dankt, aber wir h\u00f6ren nun nichts mehr \u00fcber seine Verfluchung Gottes im Himmel.<\/p>\n<p>Ja, aber, werden manche einwenden wollen: Es gibt doch Menschen, die tats\u00e4chlich Hungers sterben, und Menschen, die mit Leere im Herzen sterben. Wo ist da die G\u00fcte Gottes? Niemand kann eine Antwort geben. Wir verstehen das Ungl\u00fcckliche, das B\u00f6se nicht. Aber das schlie\u00dft nicht aus, dass wir die G\u00fcte und den Segen im Leben nicht sehen k\u00f6nnten. Wenn wir auch Leid und Schmerz nicht zu fassen verm\u00f6gen, k\u00f6nnen wir doch sehen, dass das Leben ein Wunder ist und dass es voller Wunder ist. Unser Leben ist nicht eindeutig gl\u00fccklich, aber es ist von Gott geschaffen, und es ist daher in einem engen Verh\u00e4ltnis zu ihm und seinem Willen zu leben. Und dann ist da etwas B\u00f6ses, das wir nicht verstehen und nicht anerkennen, aber wir haben nur zu tun, was wir selbst tun k\u00f6nnen und uns in der Perspektive der Ewigkeit auf den Gott zu verlassen, den wir nur teilweise verstehen. So zornig und so ungl\u00fccklich zu werden, dass wir Gott verleugnen, ja verfluchen, \u2013 das ist eine nicht notwendige Verzweiflung \u2013 wenn man das so sagen kann. Eine ungerechte Verzweiflung. Deshalb mag es sehr wohl geschehen, dass wir trotzdem hin und wieder von ihr getroffen werden. Aber ich glaube nicht, dass sie in einem Menschen andauert und Bestand hat. Weil sie sich nicht im Pakt mit dem Leben selbst befindet. Das Leben ist positiv, es kann unm\u00f6glich negativ sein, denn dann w\u00fcrde es sich selbst aufl\u00f6sen, vereinfacht gesagt \u2013 von dem, dessen Umfang \u2013 oder Usprung \u2013 wir nicht zu begreifen verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Wenn ich die phantastische Geschichte von dem Speisungswunder drau\u00dfen in den \u00f6den Bergen wieder lese, dann ist es, wie wenn mir besonders zwei Bedeutungen in Erinnerung bleiben: Die eine, dass das Leben von Gottes wunderbarer G\u00fcte gesegnet ist. Dass Gott das Menschenleben aufrecht erh\u00e4lt, weil er es liebt. \u2013 Die andere, dass der Mensch sich in der Liebe spiegeln kann, um sie seinerseits an seinen N\u00e4chsten weiterzugeben. Dass diese Liebe die Antwort auf Hunger und Gef\u00fchr der Leere, Hunger nach Lebensf\u00fclle ist.<\/p>\n<p>In der Kirche haben wir eine rituelle Speisung im Gottesdienst. Das Abendmahl ist eine Form des wiederholten Speisungswunders. Brot und Wein sind eine g\u00f6ttliche Liebesmahlzeit. Eine Mahlzeit zur Erinnerung an die Liebe, die Jesus uns in seinem Tod um unseretwillen gezeigt hat. Diese Mahlzeit ist eine Segnung wie jene Mahlzeit drau\u00dfen in den Bergen. Und sie zeigt uns, was wir tun sollen: Wie die 4000 M\u00e4nner, Frauen und Kinder die sieben Brote und einige kleine Fische teilten, so sollen wir die vorhandene Speise und die empfangene Liebe miteinander teilen. Vielleicht war es die Solidarit\u00e4t unter den versammelten Menschen, die die Brotk\u00f6rbe \u00fcberlaufen lie\u00df und die leeren B\u00e4uche f\u00fcllte? Und wie wir Brot und Wein am Altar teilen, so auch in der Welt drau\u00dfen au\u00dferhalb der Kirche. K\u00f6nnte es nicht vielleicht ganz einfach sein \u2013 wenn wir daran glaubten?<\/p>\n<p>Aber glauben wir denn nicht daran? Die Frage muss ein jeder f\u00fcr sich selbst beantworten. In der Welt kann es so aussehen, als ob es viel Zweifel und Gleichg\u00fcltigkeit g\u00e4be. Aber es gibt auch Glauben. Wenn sich n\u00e4mlich jemand um das Leben und Schicksal anderer Menschen Sorgen macht. Wenn jemand sein Leben mit hungrigen und sehnsuchtsvollen Menschen teilt, dann ist da Glaube. Glaube daran, dass das Leben, das Gott will, ein gesegnetes Leben f\u00fcr uns alle ist. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrerin Kirsten B\u00f8ggild<br \/>\n<\/strong><strong>Thun\u00f8gade 16<br \/>\n<\/strong><strong>DK-8000 \u00c5rhus C<br \/>\n<\/strong><strong>Tel. +45 86124760<br \/>\n<\/strong><strong>E-mail: <a href=\"mailto:kboe@km.dk\">kboe@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7. Sonntag nach Trinitatis | 10. Juli 2005 |\u00a0Markus 8, 1-9 | Kirsten B\u00f8ggild | (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung, alte Reihe) HUNGER Wir haben das Gl\u00fcck, in einer Zeit und Gesellschaft zu leben, wo niemand wei\u00df, was Hunger wirklich ist. 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