{"id":10603,"date":"2005-07-07T19:49:20","date_gmt":"2005-07-07T17:49:20","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10603"},"modified":"2025-07-10T10:48:55","modified_gmt":"2025-07-10T08:48:55","slug":"johannes-6-30-35-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-6-30-35-3\/","title":{"rendered":"Johannes 6, 30-35"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">7. Sonntag nach Trinitatis | 10. Juli 2005 | Johannes 6, 30-35 | Wilhelm v. der Recke |<\/span><\/h3>\n<p><em>Liebe Gemeinde, <\/em><\/p>\n<p>der Schwiegersohn ist vielleicht Muslim, der Arbeitskollege ist in der DDR aufgewachsen und \u00fcberzeugter Atheist, die beste Freundin macht mit Hingabe buddhistische Meditations\u00fcbungen. So \u00e4hnlich erleben es viele von uns. Andere Glaubenstraditionen kennen wir nicht nur vom H\u00f6rensagen, wir begegnen ihnen t\u00e4glich. Das Zeitalter der Globalisierung spart die Religionen nicht aus.<\/p>\n<p>Wie gehen wir damit um? &#8211; Wahrscheinlich ist es den meisten ziemlich egal. Soll doch jeder nach seiner Fasson selig werden. Manche aber beunruhigt die Frage: Welche Religion hat nun recht? Oder zumindest: Welche kommt der Wahrheit am n\u00e4chsten? Darauf gibt es eine Antwort, die aus der fern\u00f6stlichen Tradition kommt und geradezu bestechend ist:<\/p>\n<p>Die Wahrheit wird mit einem riesigen Elephanten verglichen. Die Gl\u00e4ubigen aus verschiedenen Religionen sind wie blinde Bettler, die sich an die Wahrheit herantasten. Der eine greift nach den gewaltigen Beinen und denkt dabei an S\u00e4ulen. Ein anderer ber\u00fchrt den massigen Bauch, der dritte kriegt die Quaste des Schwanzes zu fassen, der n\u00e4chste den R\u00fcssel und ein weiterer die gro\u00dfen Ohrlappen. Jeder macht sich darauf seinen eigenen Reim. Er meint, er wisse nun, wie ein Elephant aussehe, er kenne die Wahrheit. &#8211; Aber das stimmt nicht. Er kriegt ja nur einen Teil des Ganzen zu fassen, nur einen Ausschnitt der Wahrheit.<\/p>\n<p>Wie gesagt, der Vergleich ist bestechend, er ist verf\u00fchrerisch. Denn in der Tat, so k\u00f6nnte es sein. Es w\u00e4re sch\u00f6n und vers\u00f6hnlich, wenn es so w\u00e4re. Wenn sich also alle Religionen gegenseitig erg\u00e4nzten und nur gemeinsam der Wahrheit nahe k\u00e4men. So m\u00fcsste es ein, &#8211; aber wer sagt, dass es auch so ist? Wer sagt, dass dieses Bild mehr ist als ein einleuchtender Vergleich, als ein Wunschdenken?<\/p>\n<p>Genau besehen ist diese Erkl\u00e4rung ziemlich anma\u00dfend: Alle Religionen sind wie blinde Bettler. Nur ich \u2013 der weise Erz\u00e4hler &#8211; habe den \u00dcberblick, die tiefere Einsicht. Wer diesen Vergleich anstellt, tut selbst, was er anderen vorwirft: Er meint schlauer zu sein als die anderen. Er behauptet, die Wahrheit gepachtet zu haben.<\/p>\n<p>Viele Religionen erheben den Anspruch darauf, die Wahrheit zu besitzen. Wer hat recht, wer kommt ihr wenigstens am n\u00e4chsten? &#8211; Schon die Zuh\u00f6rer Jesu waren von dieser Frage beunruhigt: Woran erkennen wir, dass das stimmt, was Du sagst?<\/p>\n<p>H\u00f6ren Sie einen Ausschnitt aus einem Gespr\u00e4ch, das im Johannes-Evangelium im 6. Kapitel festgehalten ist (Textlesung).<\/p>\n<p>Die Fragen dieser Menschen sind nur allzu verst\u00e4ndlich. Es reicht ihnen nicht, wenn Jesus von sich sagt: <em>Ich bin das Brot des Lebens<\/em>. Das kann jeder behaupten. Darum stellen sie die Frage: <em>Womit untermauerst Du diesen Anspruch? Was tust Du f\u00fcr Zeichen, an denen wir ablesen k\u00f6nnen, dass das auch stimmt? <\/em><\/p>\n<p>Doch was Jesus von sich behauptet, ist nicht aus der Luft gegriffen: Am Tage vorher hat er auf wunderbare Weise f\u00fcnftausend Menschen satt gemacht. F\u00fcnf Brote und zwei Fische haben f\u00fcr alle gereicht. Warum sind die Zuh\u00f6rer nicht zufrieden mit diesem Zeichen? Ist es ihre materielle Einstellung? <em>Brot vom Himmel<\/em> wie das Manna, das h\u00e4tten sie schon gerne, <em>Lebensbrot, das nie ausgeht<\/em>. Aber daf\u00fcr ihr Leben \u00e4ndern? <em>Wir wollen erst einmal abwarten, <\/em>sagen sie<em>. Wir wollen uns das genauer ansehen. Wir wollen uns erst einmal ein Bild machen. \u2013 Nein so geht das nicht,<\/em> sagt Jesus. <em>Ihr m\u00fcsst euch schon bewegen. Ihr m\u00fcsst aus der Deckung heraus kommen. Ihr m\u00fcsst es riskieren.<\/em><\/p>\n<p>Oder wollen die Zuh\u00f6rer ein bisschen mehr Sicherheit haben? Ist Jesus wirklich der Messias, fragen sie vielleicht? Wie viele andere haben das schon von sich behauptet und ihren Anspruch mit gro\u00dfen Worten und wunderbaren Taten unterstrichen. Am Ende waren es nur falsche Propheten. &#8211; Es ist schlie\u00dflich keine Kleinigkeit, den alten, vertrauten und bew\u00e4hrten Glauben aufzugeben und sich einem neuen zu verschreiben. Das w\u00e4re eine gewagte, eine folgenschwere Entscheidung.<\/p>\n<p>Es ist nur zu verst\u00e4ndlich, dass die Menschen z\u00f6gern. <em>Was t u s t Du, <\/em>fragen sie<em>, was kriegen wir daf\u00fcr? \u2013 Nicht was ich tue z\u00e4hlt, sondern was ich b i n , <\/em>antwortet Jesus<em>. Ich bin in Person das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; wer an mich glaubt, den wird nimmermehr d\u00fcrsten. <\/em>\u2013 Es gibt keine Garantie im Voraus. Im sicheren Abstand kriegt man nicht wirklich Einblick. Man muss sich schon darauf einlassen und es ernsthaft ausprobieren.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, genauer als hier im Johannes-Evangelium kann man die schwierige Situation von suchenden Menschen nicht beschreiben. Im Grunde ist es immer so gewesen, auch wenn es nicht immer so offensichtlich ist und so bedr\u00e4ngend empfunden wird. In der Regel \u00fcbernehmen wir ja mehr oder weniger blind den Glauben von anderen. Wir glauben, weil die Tradition es uns so vorgibt. Wir glauben, was uns Vater und Mutter weitergegeben und vorgelebt haben. Wir glauben, was alle anderen Menschen in unserer Umgebung auch f\u00fcr richtig halten.<\/p>\n<p>Aber was machen wir, wenn das nicht mehr so eindeutig ist? Wenn es so etwas wie einen religi\u00f6sen Markt gibt mit einem reichhaltigen Auswahl? Was machen wir, wenn wir nicht einfach mitlaufen, sondern uns ein eigenen Bild machen wollen? Mehr noch \u2013 wenn wir einen Halt suchen, der wirklich h\u00e4lt; einen Glauben, der uns im Leben und Sterben tr\u00e4gt? Dann m\u00fcssen wir selbst die Entscheidung wagen. \u2013 Doch keiner muss sich darum auf gut Gl\u00fcck entscheiden. Es gibt <em>Zeichen<\/em>, wie es im Johannes-Evangelium hei\u00dft. Es gibt Anhaltspunkte, Hinweise, Hilfen:<\/p>\n<p>Jede der gro\u00dfen Menschheitsreligionen, die auf Jahrtausende zur\u00fcckblicken und zu der sich Millionen Menschen bekennen, verf\u00fcgt \u00fcber mehr Erfahrungen und ist besser begr\u00fcndet als irgendeine modische Splittergruppe oder als die Privatreligion, die sich mancher zusammenbraut. Die Hochreligionen haben sich bew\u00e4hrt, sie sind erprobt. Aber das ist nur ein Gesichtspunkt; damit allein w\u00e4ren wir wieder bei dem Vergleich mit dem Elephanten.<\/p>\n<p>Eine ganz wesentliche Hilfe f\u00fcr die Orientierung ist das Vorbild anderer Menschen, die in \u00fcberzeugender Weise ihren Glauben leben. Was f\u00fcr eine Kraft und Klarheit kann von ihnen ausgehen. Bei manchen beeindruckt die unbek\u00fcmmerte Lebensfreude. Sie wissen, woran sie sind. Bei anderen ist es der Ernst, mit dem sie um den Glauben ringen. Sie wissen, das ist es; auch wenn viele Fragen offen sind, sie bleiben am Ball. Und sie lassen sich das etwas kosten. Bei nicht wenigen Christen in der DDR war das so, in manchen L\u00e4ndern der Dritten Welt ist das noch heute der Fall.<\/p>\n<p>Es kann auch die Gemeinschaft von Christen sein, die einladend ist. Sie stehen f\u00fcreinander ein. Sie wissen, zusammen ist es leichter. <em>Seht, wie sie einander lieb haben<\/em>, haben die Heiden von den alten Christen gesagt. Aber nicht nur das, diese f\u00fchlten sich &#8211; und sie tun es noch heute &#8211; verantwortlich f\u00fcr alle, die Hilfe brauchen. Die Diakonie oder Brot-f\u00fcr-die-Welt fragen nicht nach dem Glauben des Empf\u00e4ngers. Darin unterscheidet sich das Christentum von manchen anderen Religionen. Das spricht f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich gibt es auch negative Zeichen, z.B. Fanatiker, \u2013 Menschen, die die Wahrheit gepachtet haben und sie anderen aufdr\u00e4ngen wollen; Menschen, die sich gegen die \u201ab\u00f6se Welt\u2019 abschotten; die ihren von Gott gegebenen Verstand in Glaubensdingen abschalten. Sie k\u00f6nnen nur abschrecken.<\/p>\n<p>Das sind Hinweise und Zeichen, aber es sind keine Beweise. Manchmal sind es unklare Hinweise, weil auch gl\u00e4ubige Christen keine Engel sind, &#8211; ganz abgesehen von all den Christen, die eher Mitl\u00e4ufer sind und wenig Mut zum Glauben machen. &#8211; An solchen und anderen Zeichen orientieren wir uns, um uns eine Meinung zu bilden. Aber sie ersetzen nicht den eigenen Glauben. Den entscheidenden Schritt mu\u00df jeder f\u00fcr sich selbst tun: sich auf Jesus einlassen, ihm Glauben schenken und seinen Spuren folgen. Das ist nicht unbedingt mit einer pl\u00f6tzlichen Erleuchtung verbunden. Das ist vielmehr der Anfang eines lebenslangen, manchmal steinigen Weges, auf dem wir immer neue Erfahrungen machen und tiefer und tiefer in den Glauben eindringen.<\/p>\n<p>So m\u00fchsam das gelegentlich ist, keiner steht damit allein. Es gibt ja viele andere auf dem selben Weg, manchmal mehr als wir meinen. Die brauchen wir, so wie sie uns brauchen. Denn keiner kann f\u00fcr sich allein Christ sein. Miteinander teilen wir das Brot des Lebens. Dazu geh\u00f6rt auch das Abendmahl. Da geschieht es auf besonders greifbare Weise. Zun\u00e4chst aber geht es um das t\u00e4gliche Brot \u2013 f\u00fcr den Leib und f\u00fcr die Seele.<\/p>\n<p><em>Ich bin das Brot des Lebens<\/em>, sagt Jesus. <em>Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; wer an mich glaubt, den wird nimmermehr d\u00fcrsten.<\/em> Der hat genug Wegzehrung. Der wei\u00df, mir wird nichts mangeln. Auch in Trockenzeiten finde ich zur gr\u00fcnen Aue und zum frischen Wasser. Auch in den dunklen T\u00e4lern des Lebens mu\u00df ich kein Ungl\u00fcck f\u00fcrchten. Denn Du bist bei mir. Ich wei\u00df, zu wem ich geh\u00f6re; ich wei\u00df, wohin die Reise geht.<\/p>\n<p>Und was ist mit dem Elephanten und der Frage, wer nun Recht hat? Das mu\u00df uns nicht allzu sehr beunruhigen. Wir sind keine Richter. Wer das Brot des Lebens gefunden hat, beansprucht nicht, der Weise zu sein, der den richtigen \u00dcberblick hat.<\/p>\n<p>Er hat nicht den \u00dcberblick, sondern \u2013 was viel besser ist \u2013 den Einblick. Er sieht die Dinge nicht mehr von au\u00dfen, sondern von innen. Er wei\u00df, woran er ist. Er sucht nicht mehr Zeichen und Wegweiser, er hat den Glauben gefunden. Er macht jetzt seine eigenen Erfahrungen. Von diesen Erfahrungen wird er gerne berichten, &#8211; aber nicht als einer, der den Stein der Weisen gefunden hat, sondern als einer, der das Brot des Lebens schmeckt und davon satt wird.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Wilhelm v. der Recke, Cuxhaven<br \/>\nPastor im Lektorendienst<br \/>\ne Mail: <a href=\"mailto:Wilhelm.v.der.Recke@t-online.de\">Wilhelm.v.der.Recke@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7. Sonntag nach Trinitatis | 10. Juli 2005 | Johannes 6, 30-35 | Wilhelm v. der Recke | Liebe Gemeinde, der Schwiegersohn ist vielleicht Muslim, der Arbeitskollege ist in der DDR aufgewachsen und \u00fcberzeugter Atheist, die beste Freundin macht mit Hingabe buddhistische Meditations\u00fcbungen. So \u00e4hnlich erleben es viele von uns. 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