{"id":10605,"date":"2005-07-07T19:49:24","date_gmt":"2005-07-07T17:49:24","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10605"},"modified":"2025-07-10T10:25:22","modified_gmt":"2025-07-10T08:25:22","slug":"johannes-6-30-35","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-6-30-35\/","title":{"rendered":"Johannes 6, 30-35"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">7. Sonntag nach Trinitatis | 10. Juli 2005 | Johannes 6, 30-35 | Tom Kleffmann |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute. Amen.<\/p>\n<p>Was brauchen wir zum Leben? Welches Lebensmittel brauchen wir wirklich? Fragt sich zuerst: was hei\u00dft Leben?<\/p>\n<p>Zum \u00dcberleben brauchen wir Luft, Nahrung, Wasser. Wir brauchen die Schwerkraft der Erde, das Licht der Sonne, ein Dach \u00fcber dem Kopf, Frieden auch. Leben wir dann?<\/p>\n<p>Vielleicht sieht es nach menschlichem Ermessen so aus, als h\u00e4ttest du alles, was du brauchst. Du sagst vielleicht: zum Leben brauche ich meine Frau. Meinen Mann. Du sagst. Ohne meine Kinder w\u00e4re es kein Leben. Oder: die Musik. Oder: Mein Beruf. Ich lebe daf\u00fcr. Oder: mein Haus \u2013 das spiegelt mein Wesen, das ist meine Identit\u00e4t. Das bin ich. Oder ein Simpel sagt: mein Auto.<\/p>\n<p>Aber gerade wenn wir alles haben, wenn wir satt sind und doch nicht schlafen und nicht l\u00fcgen, &#8211; dann kann es sein, da\u00df die Frage erst wieder anf\u00e4ngt. Wovon leben wir? Was ist Leben, wahres Leben, und was brauchen wir daf\u00fcr? L\u00e4\u00dft sich da \u00fcberhaupt etwas sammeln, in den Sack packen, aufschichten, einzahlen? Ich glaube nicht.<\/p>\n<p>Und wohl dem, der nicht \u00fcbersatt ist. Muss es Filet sein oder Hummer? Pastetchen, Prinze\u00dfb\u00f6hnchen, ged\u00fcnstet, pochiert? Und die Kinder werden magers\u00fcchtig. Womit f\u00fcllt ihr eure Seele, womit f\u00fcllt ihr eure Augen, wovon tr\u00e4umt ihr, womit f\u00fcllt ihr eure Herzen? Wi\u00dft ihr \u00fcberhaupt, was ihr wirklich braucht?<\/p>\n<p>Seid ihr schon satt, oder habt ihr noch Hunger? Ich meine nicht den Bauchhunger. Den andern Hunger meine ich. Den tiefen Hunger. Lebenshunger.<\/p>\n<p>Wer Hunger hat, wei\u00df da\u00df er lebt. Oder jedenfalls: da\u00df er leben will. Hunger. Mangel. Schmerz. Leben ist nicht f\u00fcr sich zufrieden sein. F\u00fcr sich zufrieden ist der Tod. Leben hei\u00dft das Andere brauchen, die Andere, den Anderen. Mit jedem Einatmen: die Luft, fremd und herrlich. Und ausatmen. Leben hei\u00dft Nehmen und Geben. Essen und Verdauen. H\u00f6ren und Reden. Leben hei\u00dft Streiten, Lernen, H\u00e4nde halten. Leben hei\u00dft Gemeinschaft, Treue.<\/p>\n<p>Immer hei\u00dft Leben das Andere brauchen, die Andere, den Anderen. Aber wenn das Andere am Ende nur der Tod ist, die Erde, zu der wir zerfallen? Wenn es nichts gibt, was dieses Leben zusammenh\u00e4lt? Gibt es ein gemeinsames Geheimnis unserer Atemz\u00fcge, unserer Seufzer, unserer Liebe? Was ist das Eine?<\/p>\n<p>Wir sind doch nicht hier, um uns etwas vorzumachen. Wir sind nicht hier, um ein paar Jahre gut zu fressen und zu saufen und uns auf den n\u00e4chsten Urlaub zu freuen.<\/p>\n<p>Wer nicht wei\u00df, welchen Hunger ich meine, wenigstens von Ferne, der kann vielleicht das ganze Evangelium nicht verstehen. Dem Satten sagt es nichts. Zu dem redet es nicht. Gibt es das?<\/p>\n<p>Aber dem, der einmal denkt: ich wei\u00df noch garnicht, was das ist, das Leben. Ich wei\u00df noch garnicht, ob es einen Sinn gibt. Oder ich ahne es erst. Dem, der sich vielleicht betrogen f\u00fchlt um das Leben, betrogen von leeren Versprechungen, von den ganzen Phrasen vom Luxusgl\u00fcck, betrogen von sich selbst und von falschen Tr\u00e4umen &#8211; &#8211; dem, dem mag es etwas sagen, das Evangelium. Brot des Lebens.<\/p>\n<p>[Lesung Joh.6,30-35.] Evangelium des Johannes, Kap.6.<\/p>\n<p>Brot. Brot des Lebens.<\/p>\n<p>Es geht nicht um irgendeine wunderbare Vergangenheit. Keine Wahrheit von Gestern. Kein Manna aus den Wolken, vor 3000, 2000 Jahren. Die alten Wundergeschichten machen uns nicht satt. Manna ist nicht wirklich Brot vom Himmel. Manna war f\u00fcr den Bauchhunger. Und wenn es mehr war, oder so etwas wie heute diese Lust am Unerkl\u00e4rlichen, Esoterik, die Faszination des Paranormalen &#8211; dann stillte es den Hunger h\u00f6chstens f\u00fcr den Augenblick.<\/p>\n<p>Brot vom Himmel hei\u00dft: Brot f\u00fcr den Lebenshunger. Keine wunderbare Vergangenheit. Kein Heiliger, kein Wundert\u00e4ter, kein Mose hat es gegeben, irgendwann, und wir h\u00e4tten nur die sch\u00f6ne Geschichte. Der <em>Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel<\/em>, &#8211; nicht gab, gibt!, jetzt, heute, oder garnicht. <em>Herr, gib uns allezeit solches Brot. <\/em><\/p>\n<p>Den ewigen Sinn, der den Himmel hoch macht und das Lachen tief, vielleicht. Der sich noch im Leid bew\u00e4hrt. Der unsere Liebe bewahrt, auch wenn wir einmal alle tot sind. Den Sinn, der unsere Bestimmung ist. Den Sinn, der unser Leben vollendet, von innen heraus, auch wenn wir in der Zeit unter Schmerzen zugrunde gehen.<\/p>\n<p>Aber wieso dieser Mensch? Dieser Mensch sagt: <em>Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern.<\/em> Aber er litt doch selbst. Er starb doch selbst ! Selbst wenn er unendlich mehr wu\u00dfte vom Leben, vom Sinn, von Gott \u2013 wie kann er das sagen: <em>wer zu mir kommt&#8230;<\/em><\/p>\n<p><em> Da murrten sie \u00fcber ihn, weil er sagte: Ich bin das Brot, das vom Himmel gekommen ist, und sprachen: Ist dieser nicht Jesus, Josefs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wieso spricht er dann: Ich bin vom Himmel gekommen? <\/em> [Joh.6,41f.]<\/p>\n<p>Es geht nicht einfach um einen Menschen, der vor 2000 Jahren lebte. Der ginge uns auch nicht mehr an als Manna vor 3000 Jahren.<\/p>\n<p>Brot vom Himmel \u2013 das ist ein Wort, eine Gewi\u00dfheit, ein Geheimnis. Es ist unserm Verstand zu hoch, dieses Geheimnis, aber am Ende k\u00f6nnen wir nur davon leben. Wir f\u00fcrchten uns fast davor, es zu sagen, weil unsere Worte so d\u00fcrr sind. Christus. Da\u00df Gott gekommen ist. Geboren, geliebt, gelacht, gelitten, gestorben und begraben. <em>Der sterbliche Mensch, der mit Gott lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit<\/em>. Da\u00df ein ewiges Wort ist an uns. Und Sinn noch im letzten Atemzug des Sterbenden. Verzeihung und Heimat. Keine Angst mehr. Die Liebe des Einen, die den Himmel hoch macht und das Lachen frei. Die erinnert, wenn wir vergessen. Die unsere Liebe bewahrt, auch wenn wir einmal alle tot sind.<\/p>\n<p>Es ist so: es ist unserem Verstand zu hoch; war es vielleicht immer. Und auch die Bilder des Ewigen sind uns verschwommen. Und seit Jahrhunderten ist unsere Vernunft auf einem neuen Weg, und wir wissen noch nicht, wohin es mit ihr geht. Aber wir teilen das Brot. Wir haben ein Wort, das die Welt umfa\u00dft. Wir haben den Geist eines Geheimnisses, das wir nie mehr vergessen &#8211; den Frieden Gottes, welcher h\u00f6her ist als aller Verstand. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>PD Dr. Tom Kleffmann<br \/>\n<a href=\"mailto:tkleffm@gwdg\">tkleffm@gwdg<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7. Sonntag nach Trinitatis | 10. Juli 2005 | Johannes 6, 30-35 | Tom Kleffmann | Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute. Amen. Was brauchen wir zum Leben? 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