{"id":10611,"date":"2005-07-07T19:49:21","date_gmt":"2005-07-07T17:49:21","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10611"},"modified":"2025-07-10T11:14:24","modified_gmt":"2025-07-10T09:14:24","slug":"jesaja-21-5-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-21-5-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 2,1-5"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">8. Sonntag nach Trinitatis | 17. Juli 2005 |\u00a0Jesaja 2,1-5 | Christine Hubka |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Vorbemerkung:<strong><br \/>\n<\/strong> Im Gottesdienst werden an diesem Sonntag ein S\u00e4ugling und ein zehnj\u00e4hriges Kind getauft.<br \/>\nAus der Sandkiste unseres Kindergartens nehme ich ein Gurkenglas mit Sand mit auf die Kanzel.<br \/>\n<strong><br \/>\n<\/strong>Dies ist\u2019 s, was Jesaja, &#8230;, geschaut hat \u00fcber Juda und Jerusalem:<br \/>\nEs wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, h\u00f6her als alle Berge und \u00fcber alle H\u00fcgel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele V\u00f6lker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem.<br \/>\nUnd er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele V\u00f6lker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spie\u00dfe zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu f\u00fchren. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn! Jes 2, 1-5<\/p>\n<p>Eine Handvoll Sand:\u00a0Was kann man damit alles machen:\u00a0Man kann damit einen Sandkuchen backen.\u00a0Man kann damit Meuter anrichten f\u00fcr den Hausbau.\u00a0Man kann damit eisige Wege weniger rutschig machen.\u00a0Man kann den Sand in einen Blumentopf geben,\u00a0und einen Kaktus pflanzen.\u00a0Man kann \u2013 ganz altmodisch \u2013 im Keller Karotten darin einlagern.\u00a0Man kann&#8230;<br \/>\nihn nehmen und dem N\u00e4chstbesten ins Gesicht schmei\u00dfen.\u00a0Lange bevor Menschen entdecken, \u00a0was f\u00fcr wunderbare Dinge man mit Sand machen kann,\u00a0entdecken sie die Wirkung von einer Handvoll Sand, wenn man sie jemandem ins Gesicht, am besten in die Augen, schmei\u00dft.<\/p>\n<p>Wir alle hier haben das irgendwann zwischen unserem ersten und unserem zweiten Geburtstag entdeckt. Wenn ich den Kindern in der Sandkiste zusehe bei dieser Entdeckung, dann muss ich annehmen:\u00a0wahrscheinlich hat es mir damals ebensoviel Spa\u00df gemacht wie den lieben Kleinen heute.<\/p>\n<p>Was soll man machen,\u00a0wenn ein anderes Kind ausgerechnet dann diese Entdeckung macht,\u00a0wenn das eigene Kind, das Enkelkind neben ihm in der Sandkiste sitzt?<\/p>\n<p>Sag ich: la\u00df dir nix gefallen \u2013 schmei\u00df zur\u00fcck?<\/p>\n<p>Sag ich: wenn es dir Sand in das eine Aug geschmissen hat, halt ihm auch noch das andere hin<\/p>\n<p>Sag ich: Geh zur Oma, geh zur Mami, zum Papi, die werden es dem b\u00f6sen Kind schon geben.<\/p>\n<p>Sag ich: Lauf einfach davon. \u00dcberlass dem Sandschmei\u00dfer die Sandkiste und spiel halt was anderes?<\/p>\n<p>Was immer wir sagen,\u00a0es hat etwas mit unserem Bild von der Welt und von den Menschen zu tun.\u00a0Die gesamte europ\u00e4ische Philosophiegeschichte hockt jetzt mit in der Sandkiste und schaut neugierig zu, was passiert.<\/p>\n<p>Und was ist mit dem Kind,\u00a0das den Sand geschmissen hat?\u00a0Wer glaubt, dass der Mensch nur durch handfeste Erfahrung lernt, wird vielleicht zur angeblich so \u201egesunden Watschen\u201c greifen.\u00a0Wer meint, dass der Mensch durch Vernunft und Nachdenken lernt, wird ein langes Gespr\u00e4ch mit dem Kind f\u00fchren und ihm am Ende das Versprechen abnehmen, das nie nie nie wieder zu machen.<\/p>\n<p>Was meint ihr:\u00a0Gibt es eine Methode, die so wirksam ist,\u00a0dass das Kind garantiert nie wieder mit Sand schmei\u00dfen wird?<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir auf das, was Jesaja zu sagen hat:<\/p>\n<p><strong>Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spie\u00dfe zu Sicheln machen.<br \/>\n<\/strong>schreibt Jesaja.<\/p>\n<p>Auf die kleine Welt der Sandkiste reduziert\u00a0\u00fcbersetze ich:\u00a0Dann werden sie nur noch Sandburgen bauen\u00a0und Kuchen backen und Gatschkn\u00f6del machen\u00a0und niemandem mehr Sand in die Augen schmei\u00dfen.<\/p>\n<p>Aber Achtung:\u00a0Auch Gatschkn\u00f6del kann man schmei\u00dfen.\u00a0So wie in den Bauernkriegen der Reformation\u00a0Sicheln, Sensen und Dreschflegel als Waffen benutzt wurden,\u00a0einfach deshalb,\u00a0weil die aufst\u00e4ndischen Bauern keine Schwerter zur Verf\u00fcgung hatten.<\/p>\n<p><strong>Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spie\u00dfe zu Sicheln machen.<br \/>\n<\/strong><br \/>\nWenn ein biblischer Text zur Orientierung verhelfen soll, muss auch das Kleingedruckte gelesen werden.\u00a0Und so lese ich in unserem Abschnitt zu allererst:<\/p>\n<p><strong>Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, h\u00f6her als alle Berge&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Zur letzten Zeit \u2013\u00a0das ist das Ende der Welt.\u00a0Der Prophet hat eine Vision, wie das Ende aussehen wird.\u00a0Das Ende, von dem so viele meinen,\u00a0es wird ein schreckliches Ende sein.\u00a0Ein Schrecken,\u00a0der in Filmen gen\u00fc\u00dflich ausgemalt wird: Jesaja sagt: Das Ende der Welt wird von Gottes Frieden bestimmt sein.\u00a0Damit beschreibt er indirekt auch,\u00a0wie die Welt zu seiner Zeit und bis heute aussieht.\u00a0Und wie Menschen sich derzeit verhalten:\u00a0N\u00e4mlich ganz und gar nicht friedlich.<\/p>\n<p>Es ist typisch f\u00fcr biblische Texte,\u00a0dass sie uns keine einfachen L\u00f6sungen in die Hand geben.\u00a0Weil das Leben nicht einfach ist.\u00a0Und wir Menschen nicht einfach sind.\u00a0Und Beziehungen nicht einfach sind.\u00a0Und auch die Einteilung in gut und b\u00f6se zu einfach ist, um der Wirklichkeit gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Weil ich dem Jesaja seine Vision glaube,\u00a0bedeutet das f\u00fcr mich zweierlei:\u00a0Das eine ist:\u00a0Ich brauche das Ende nicht zu f\u00fcrchten, und kann mich daher ganz dem hier und heute zuwenden und das Ende der Welt in Gottes Hand lassen.<\/p>\n<p>Das andere ist: Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass es bis zu diesem friedvollen Ende Situtionen geben wird, in denen Friede ein sch\u00f6ner Traum bleibt.\u00a0Es wird manchmal nicht drum gehen,<br \/>\nzwischen gut und b\u00f6se, richtig und falsch zu w\u00e4hlen. Sondern es bleibt unter Umst\u00e4nden nur die Wahl zwischen zwei \u00dcbeln:\u00a0einem gr\u00f6\u00dferen und einem kleineren.<\/p>\n<p>Ein Beispiel zum Gedenkjahr:\u00a0Wie w\u00fcrde die Welt, wie w\u00fcrden Wien und \u00d6sterreich,\u00a0heute aussehen,\u00a0wenn die Alliierten Streitkr\u00e4fte damals ihre Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet h\u00e4tten bevor sie in der Normandie gelandet sind.\u00a0Und wenn sie dort nach der Landung\u00a0zu pfl\u00fcgen begonnen h\u00e4tten statt zu k\u00e4mpfen?\u00a0Vieles w\u00e4re hier bei uns heute anders.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Frage:\u00a0Was lehren wir unsere Kinder?\u00a0Jesaja sagt \u2013 und meint damit nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart:<\/p>\n<p><strong>Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDas hei\u00dft f\u00fcr mich:\u00a0lehren wir unsere Kinder den Repekt vor der Gef\u00e4hrlichkeit des Schwertes und anderer Waffen.\u00a0Die Gef\u00e4hrlichkeit \u00a0aber wissen die am besten einzusch\u00e4tzen,\u00a0die gelernt haben, damit umzugehen.\u00a0Dann werden sie nicht einfach damit herumfuchteln und sich und andere gef\u00e4hrden \u2013 nur so zum Spa\u00df.<\/p>\n<p>Lehren wir sie,\u00a0nicht im Affekt dreinzuhauen,\u00a0sondern die Wahl der Mittel sorgsam zu \u00fcberlegen\u00a0und mit dem gelindesten zu beginnen.<\/p>\n<p>Lehren wir sie die Kunst der Verhandlung und der Geduld,\u00a0die auf vordergr\u00fcndig einfache L\u00f6sungen verzichtet.<\/p>\n<p>Lehren wir sie den Respekt vor der demokratischen Verteilung der Macht,\u00a0auch wenn diese zuweilen weniger schlagkr\u00e4ftig erscheint als paramiliti\u00e4rische Selbsthilfegruppen,\u00a0wie sie vor einiger Zeit in einer unserer Landeshauptst\u00e4dte gebildet wurden.<\/p>\n<p>Zuletzt ein Blick zur\u00fcck in die Sandkiste:\u00a0Wie ich reagieren werde in der Situation,\u00a0die ich geschildert habe,\u00a0kann ich hier und jetzt gar nicht sagen.\u00a0Es gibt keine L\u00f6sung, die immer stimmt.\u00a0Denn welche Reaktion angemessen ist,\u00a0h\u00e4ngt ja von der tats\u00e4chlichen Situation ab,\u00a0die vielschichtiger und vielseitiger ist,\u00a0als meine kleine konstruierte Geschichte.<\/p>\n<p>Und darum \u2013 und auch das nehme ich aus dem Wort des Jesaja mit,\u00a0wird es bis zu dem gro\u00dfen Frieden Gottes\u00a0in unserer kleine Welt und in der gro\u00dfen Politik n\u00f6tig sein,\u00a0jedes Mal neu zu entscheiden und abzuw\u00e4gen und danach f\u00fcr die gefundene L\u00f6sung die Verantwortung zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Dass Gottes Geist dabei die Leitung \u00fcbernimmt,\u00a0darum bitte ich.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Christine Hubka<br \/>\n<a href=\"mailto:christine.hubka@gmx.at\">christine.hubka@gmx.at <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>8. 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