{"id":10620,"date":"2005-07-07T19:49:13","date_gmt":"2005-07-07T17:49:13","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10620"},"modified":"2025-07-10T11:37:25","modified_gmt":"2025-07-10T09:37:25","slug":"matthaeus-7-24-27-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-7-24-27-4\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 7, 24-27"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">9. Sonntag nach Trinitatis | 24. Juli 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 7, 24-27 | Karl W. Rennstich |<\/span><\/b><\/h3>\n<p><em>(In jener Zeit sprach Jesus zu seinen J\u00fcngern:)<br \/>\n<\/em><em>Wer diese meine Worte h\u00f6rt und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute.<br \/>\n<\/em><em>Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die St\u00fcrme tobten und an dem Haus r\u00fcttelten, da st\u00fcrzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut.<br \/>\n<\/em><em>Wer aber meine Worte h\u00f6rt und nicht danach handelt, ist wie ein unvern\u00fcnftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute.<br \/>\n<\/em><em>Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die St\u00fcrme tobten und an dem Haus r\u00fcttelten, da st\u00fcrzte es ein und wurde v\u00f6llig zerst\u00f6rt.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Auf die Frage, wie man die <em>falschen<\/em> von den <em>wahren<\/em> Propheten unterscheiden kann, antwortet Jesus am Ende der Bergpredigt, dass man Propheten an ihren Fr\u00fcchten erkennt.<\/p>\n<p>\u201dSchafskleider\u201c sind eine Form der <em>Heuchelei <\/em>und diese ist das Krebs\u00fcbel der Fr\u00f6mmigkeit, auch wenn \u00a0sie gerne als Eifer f\u00fcr Gott im Gewande des G\u00f6ttlichen auftritt.<\/p>\n<p>Doch wie k\u00f6nnen wir die <em>Gl\u00e4ubigen<\/em> von den <em>Gottlosen<\/em> unterscheiden?<\/p>\n<p>Als Erkennungszeichen der Gl\u00e4ubigen gibt Jesus ein ganz einfaches Mittel an: \u201dAn ihren Fr\u00fcchten\u201c sollt ihr sie erkennen. Untr\u00fcgliches Kennzeichen daf\u00fcr ist: \u201dTrachtet zuerst nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Dietrich Bonhoeffer entfaltet am14. Januar 1935 in einem Brief an seinen Bruder die in ihm gereifte Einsicht, dass das Christentum zu seinem Vollzug kommt, wo es im Tun die Wirklichkeit ver\u00e4ndert:<\/p>\n<p><em>&#8222;Als ich anfing mit der Theologie, habe ich mir etwas anderes darunter<br \/>\n<\/em><em>\u00a0vorgestellt &#8211; doch vielleicht eine mehr akademische Angelegenheit. Es <\/em><em>\u00a0ist nun etwas ganz anderes daraus geworden. Aber ich glaube nun endlich zu wissen, wenigstens einmal auf die richtige Spur gekommen zu sein, und das macht mich sehr gl\u00fccklich. Ich glaube zu wissen, dass ich eigentlich erst innerlich klar und aufrichtig sein w\u00fcrde, wenn ich mit der Bergpredigt wirklich anfinge, Ernst zu machen. Hier sitzt die Kraftquelle. Es gibt doch nun einmal Dinge, f\u00fcr die es sich lohnt, kompromisslos einzustehen und mir scheint, der Friede und soziale Gerechtigkeit oder eigentlich Christus, sei so etwas.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>Zum Dienst der Nachfolge geh\u00f6ren die Taten, die den Willen Gottes realisieren. Was der Wille Gottes ist, zeigt sich in den Worten und Taten Jesu. Dieser Jesus wird uns von den ersten Kapiteln des Matth\u00e4usevangeliums an als der verk\u00fcndet, der auf der Seite der Ohnm\u00e4chtigen, Benachteiligten und Gef\u00e4hrdeten steht.<\/p>\n<p>In der Nachfolge geht diese seine Sorge auf die Christen \u00fcber. Der Wille des himmlischen Vaters ist die Tat der Liebe, der handfeste, solidarische Einsatz zum Wohl der nahe und fernen Menschen.<\/p>\n<p>Es sind die beherzten Taten in unserem Alltagsgeschehen, zu denen wir gerufen sind. Beispielsweise die Hand zur Vers\u00f6hnung ausstrecken. Um ein gutes Miteinander ringen. Fair umgehen mit den anvertrauten Menschen. Tr\u00f6stend denen beistehen, die alt, krank und sterbend sind. Das Wort sagen, das wieder in Verbindung bringt. Schw\u00e4cheren aufhelfen. Benachteiligten zu Recht und Ausgleich verhelfen.<\/p>\n<p><strong>Sand und Fels <\/strong><\/p>\n<p><em>Wer diese meine Worte h\u00f6rt und danach handelt, ist wie ein kluger Mensch, der sein Haus auf Fels baute.<br \/>\n<\/em><em>Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die St\u00fcrme tobten und an dem Haus r\u00fcttelten, da st\u00fcrzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. <\/em><\/p>\n<p>Unvergesslich ist mir ein Ereignis aus den 1970ger Jahren in Sabah, Ostmalaysia, wo ich als junger Pfarrer arbeitete. Damals hatte es an einem Tag so viel geregnet wie beispielsweise im ganzen Jahr in Berlin. Das Langhaus mit etwa 250 Einwohnern erhob sich pl\u00f6tzlich und wurde durch die rei\u00dfenden Fluten des kleinen Baches in die H\u00f6he gehoben und schwamm mitsamt den Einwohnern davon. Langh\u00e4user sind oft auf h\u00f6lzernen Pf\u00e4hlen neben einem Bach errichtet. Die chinesischen Baumeister, die unser Wohnhaus errichtet hatten, waren kl\u00fcger und hatten unser Haus etwas erh\u00f6ht auf festen Grund gebaut. Deshalb blieb unser Haus stehen und wir konnten die von den Fluten bedrohten Einwohner retten.<\/p>\n<p>Doch das Wort \u201dHaus\u201c hat in der Bibel noch einen tieferen Sinn. Darauf weisen auch die in unserer Umgangsprache gel\u00e4ufigen Worte noch hin. Wir reden vom Wohngeb\u00e4ude, aber auch vom Firmenkomplex (unser Haus produziert!), vom Kaufhaus und Rathaus und vom Haus der Familie. Ableitungen wie <em>h\u00e4uslich, unbehaust, hausen<\/em> lassen die Bedeutung des Begriffs Haus erst richtig deutlich werden. Die indogermanische Sprachwurzel (bedecken) weist auf die Anf\u00e4nge menschlichen Zusammenlebens in einem gesch\u00fctzten Raum hin. Daraus entstand dann die Vorstellung vom festen organisch gewachsenen Verband; das ist das entscheidende Wesensmerkmal der menschlichen Existenz \u00fcberhaupt. Das griechische Wort <em>oikos<\/em> umschreibt Geb\u00e4ude und Stammesverband bis hin zur gegenw\u00e4rtig alles bestimmenden \u00d6konomie mit der <em>B\u00f6rse<\/em> als ihrem neuen Tempel.<\/p>\n<p>\u201dWer aber meine Worte h\u00f6rt und nicht danach handelt, ist wie ein unvern\u00fcnftiger Mensch, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die St\u00fcrme tobten und an dem Haus r\u00fcttelten, da st\u00fcrzte es ein und wurde v\u00f6llig zerst\u00f6rt\u201c.<\/p>\n<p>Prophetisch und erstaunlich pr\u00e4zise beschreibt Friedrich Nietzsche im Jahre 1874 unsere gegenw\u00e4rtige Zeit als entwurzelte Kultur. \u201dDie Gew\u00e4sser der Religion fluthen ab und lassen S\u00fcmpfe und Weiher zur\u00fcck (&#8230;) Die Wissenschaften, ohne jedes Maas und im blindesten laisser-faire betrieben, zerplittern und l\u00f6sen alles Festgeglaubte auf; die gebildeten St\u00e4nde und Staaten werden von einer gro\u00dfartig ver\u00e4chtlichen Geldwirtschaft fortgerissen\u201c. (Friedrich Nietzsche: Schopenhauer als Erzieher, in S\u00e4mtliche Werke, Bd. 1 ed Colli, Giorgio\/ Montinari, Mazzino; M\u00fcnchen 1988, S. 366).<\/p>\n<p>Wir stecken mitten drin im Prozess der kulturellen Entm\u00e4chtigung des europ\u00e4ischen Christentums. Von der einstigen Hoffnung der Wissenschaft ist nur noch die Problematisierung und Hypothetisierung des Daseinsverst\u00e4ndnisses \u00fcbrig geblieben. Un\u00fcbersehbar ist die<em> Macht der Geldwirtschaft.<\/em> Europas neue real existierende Religion ist der Kapitalismus.<\/p>\n<p><em> Der Globalismus<\/em> hat eine quasireligi\u00f6se Bedeutung. Diese neue Lehre entwickelte sich parasit\u00e4r aus dem Christentum der Reformationszeit. Den wahren Geist des Kapitalismus sieht Walter Benjamin ausgepr\u00e4gt auf den Dollarnoten und M\u00fcnzen: \u201eIn God we trust\u201c. In welchen Gott? Erl\u00f6sung und Rettung haben eine ganz andere inhaltliche Bedeutung als in den drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam.<\/p>\n<p>Friedrich Nietzsche beschreibt das als<em> \u201dSterbebett des Christenthums\u201c. <\/em>Die \u201d<em>bedachtsameren Menschen des geistigen Mittelstandes besitzen nur noch ein zurechtgemachtes, n\u00e4mlich ein wunderlich vereinfachtes Christenthum. Ein Gott, der in seiner Liebe Alles so f\u00fcgt, wie es uns schlie\u00dflich am besten sein wird<\/em>\u201c, Die <em>Resignation und Bescheidenheit wird zur Gottheit erhoben, <\/em>Damit ist das Christentum <em>in einen sanften Moralismus \u00fcbergetreten.<\/em> Nietzsche nennt das \u201d<em>Euthanasie des Christenthums\u201c <\/em>(Friedrich Nietzsche: Morgenr\u00f6the. Aphorismen 92, Kritische Studienausgabe, Bd. 3; M\u00fcnchen 1988, S. 85f)<\/p>\n<p><strong> \u00a0<\/strong>Wir sind mitten drin in diesem gro\u00dfen Fall. Der Regen und die St\u00fcrme nagen an dem auf Arroganz und Stolz gegr\u00fcndeten Haus Europa. Das Fundament erweist sich immer deutlicher als sandiger Untergrund. Und auf dem alles bestimmenden Markt sucht der <em>tolle Menschen mit einer Laterne nach Gott und ruft mit verzweifelter Stimme: \u00bbWohin ist Gott. St\u00fcrzen wir nicht fortw\u00e4hrend? Und r\u00fcckw\u00e4rts, seitw\u00e4rts, vorw\u00e4rts, nach allen Seiten?\u201c. <\/em><\/p>\n<p>Gibt es noch Hoffnung? Ganz am Schluss der gro\u00dfen Rede hei\u00dft es:<br \/>\n<em>Und es geschah, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass die Massen \u00fcber seine Lehre staunten: denn er lehrte als Einer, der Vollmacht hat und nicht wie die Schriftgelehrten<\/em> .\u201c (7, 28-29)<\/p>\n<p><strong>Vollmacht<\/strong> bedeutet, dass Jesus von Gott aus redet. Gott ist die Kraft, die alles bestimmt. Nicht die menschliche S\u00fcnde, sondern der Sch\u00f6pfer Himmels und der Erde bestimmt, was mit dieser Welt geschehen wird. Und wir? Wir k\u00f6nnen uns klug oder unvern\u00fcnftig verhalten und unser Lebensgeb\u00e4ude auf Fels oder Sand bauen.<\/p>\n<p>Unvergesslich sind mir die Bilder vom gro\u00dfen Tsunami an Weihnachten. Da war W\u00fcste und Chaos. Und mitten drin standen Moscheen, Tempel und Kirchen, denn sie waren auf festem Grund gebaut.<\/p>\n<p>In der Tat: einen anderen Grund kann niemand legen als den, den Gott gelegt hat. Jesus Christus. Wir k\u00f6nnen und sollen <em>Wissen um Gott<\/em>, Glauben praktizieren. Die klarste und pr\u00e4gnanteste Umschreibung dessen, was das bedeutet finden wir bei Jeremia 22, 13- 16 wo es hei\u00dft:<\/p>\n<p align=\"center\"><em>Wehe dem, der sein Haus mit Unrecht baut<br \/>\n<\/em><em>und seine S\u00f6ller mit Unehrlichkeit<br \/>\n<\/em><em>der seinen N\u00e4chsten umsonst arbeiten l\u00e4\u00dft<br \/>\n<\/em><em>und ihm den Lohn nicht bezahlt!<br \/>\n<\/em><em>der da spricht:<br \/>\n<\/em><em>\u00bbIch will mir ein weites Haus und luftige Hallen bauen!\u00ab<br \/>\n<\/em><em>der Fenster darein brechen l\u00e4\u00dft,<br \/>\n<\/em><em>es mit Zedern t\u00e4felt und rot bemalt.<br \/>\n<\/em><em>Meinst du ein K\u00f6nig zu sein,<br \/>\n<\/em><em>weil du in Zedernbauten wetteiferst?<br \/>\n<\/em><em>Hat nicht dein Vater auch gegessen und getrunken<br \/>\n<\/em><em>und sich`s wohl sein lassen?<br \/>\n<\/em><em>Aber er \u00fcbte Recht und Gerechtigkeit,<br \/>\n<\/em><em>den Elenden und Armen verhalf er zum Recht.<br \/>\n<\/em><em>Hei\u00dft nicht d a s , mich erkennen?<br \/>\n<\/em><em>spricht der Herr. <\/em><\/p>\n<p align=\"left\">Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Karl W. Rennstich<br \/>\nLerchenstrasse 17<br \/>\nD-72762 Reutlingen<br \/>\nEmail: <a href=\"mailto:kwrennstich@gmx.de\">kwrennstich@gmx.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>9. Sonntag nach Trinitatis | 24. Juli 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 7, 24-27 | Karl W. Rennstich | (In jener Zeit sprach Jesus zu seinen J\u00fcngern:) Wer diese meine Worte h\u00f6rt und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. 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