{"id":10628,"date":"2005-07-07T19:49:13","date_gmt":"2005-07-07T17:49:13","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10628"},"modified":"2025-07-10T14:26:18","modified_gmt":"2025-07-10T12:26:18","slug":"johannes-2-13-22-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-2-13-22-3\/","title":{"rendered":"Johannes 2, 13-22"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">10. Sonntag nach Trinitatis | 31. Juli 2005 |\u00a0Johannes 2, 13-22 | Friedrich Seven |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Johannes 2, 13-22<br \/>\n<em>Und das Passahfest Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Und er fand im Tempel sitzen die da Ochsen, Schafen und Tauben verkauften, und die Wechsler. Und er machte eine Gei\u00dfel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus, samt den Schafen und Ochsen, und versch\u00fcttete den Wechslern das Geld und stie\u00df die Tische um und sprach zu denen, welche die Tauben feilhielten: \u201eTraget das von dannen! Machet nicht meines Vaters Haus zum Kaufhause!\u201c Seine J\u00fcnger aber gedachten daran, da\u00df geschrieben steht: \u201eDer Eifer um dein Haus hat mich gefressen.\u201c.(Psalm 69, 10). Da hoben nun die Juden an und sprachen zu ihm: \u201eWas f\u00fcr ein Zeichen zeigst du uns, weil du solches tun darfst?\u201c Jesus antwortete und sprach zu ihnen: \u201eBrechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.\u201c Da sprachen die Juden: \u201eIn sechsundvierzig Jahren ist dieser Tempel erbaut; und du willst ihn in drei Tagen aufrichten?\u201c Er aber redete von dem Tempel seines Leibes. Da er nun von den Toten auferstanden war, gedachten seine J\u00fcnger daran, da\u00df er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und dem Worte, das Jesus gesagt hatte.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>vor einigen Wochen war ich mal wieder nach langer Zeit in einem Gerichtssaal. Es ging in der Verhandlung nicht um mich, sondern es war ein Termin in einem schon \u00fcber Jahre dauernden Asylverfahren, von dem ich als Fl\u00fcchtlingsbeauftragter bisher selbst nur geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p>Ungl\u00fccklicherweise konnte die Kl\u00e4gerin, die Asylsuchende, bei diesem Termin schon gar nicht mehr dabei sein, ihre gesundheitliche Situation lie\u00df das nicht zu, und in ihrer Krankheit lag auch einer der Hauptgr\u00fcnde, warum sich ihre Gemeindepastorin und eine \u00c4rztin so sehr darum bem\u00fchten, da\u00df diese Frau nicht abgeschoben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Als ich die Stimme des Richters h\u00f6rte, erinnerte ich mich pl\u00f6tzlich wieder an das Telefonat, das ich vor schon langer Zeit einmal mit ihm in dieser Angelegenheit gef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p>Wie schon bei dem Telefongespr\u00e4ch fiel mir auch jetzt auf, wie sehr den Richter selbst dieser Fall zu besch\u00e4ftigen schien. Doch wie damals, so konnte er auch jetzt in der Verhandlung nur das erkl\u00e4ren, was es ihm unm\u00f6glich machte, auf die Gr\u00fcnde einzugehen, die von meiner Kollegin und der \u00c4rztin vorgetragen wurden: das Gericht k\u00f6nne in diesem Asylverfahren nur die Gr\u00fcnde ber\u00fccksichtigen, die im Herkunfstland l\u00e4gen, und keine noch so stichhaltigen Einwendungen aufnehmen, die mit dem Leben der kranken Frau hier zu tun h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Zum einen war deutlich, er wollte einen juristischen Sachverhalt erkl\u00e4ren, zum anderen aber auch: Er wollte uns zeigen, wie er selbst in den Schranken des Gerichts fests\u00e4\u00dfe, uns aber etwa die M\u00f6glichkeit einer Petition noch offenstehe.<\/p>\n<p>Zum ersten mal wurde die Verhandlung etwas unruhig, als mehrere Personen, darunter einer mit einer Robe auf dem Arm, den Saal betreten wollten und unseren Richter daran erinnerten, da\u00df wir die Zeit bereits \u00fcberschritten hatten. Doch der nahm sich weiterhin die Zeit zuzuh\u00f6ren, immer wieder zu erkl\u00e4ren, und als er uns am Ende das Urteil in Aussicht stellte, konnten wir wohl wissen, da\u00df er die Klage abweisen w\u00fcrde, aber wir f\u00fchlten uns nicht mutlos. Vielleicht gerade auch deswegen, weil er uns nicht, als seine Zeit doch zu dr\u00e4ngen schien, aus den \u201eheiligen Hallen\u201c des Gerichts weggeschickt hatte.<\/p>\n<p>In der Geschichte hingegen, die wir gerade geh\u00f6rt haben, geht es um eine Vertreibung, zwar nicht aus einem Gericht, aber aus einem Haus, in dem es doch um soviel mehr gehen sollte als allein um das Recht zwischen Menschen: Jesus treibt H\u00e4ndler und Wechsler aus dem Tempel, und anders als unser Richter, der zwischen der Asylsache und seinem Mitgef\u00fchl unterscheiden mu\u00dfte, ist Jesus ganz als Person bei der Sache.<\/p>\n<p>Er nennt den Tempel das, was er ist, Haus Gottes, und der Sohn Gottes duldet in diesem Haus nichts, was dem Gespr\u00e4ch zwischen Gott und den Menschen im Weg stehen und ihre Erwartungen n\u00e4hren k\u00f6nnte, mit einer Opfergabe vor Gott zu bestehen. So im Handumdrehen, wie er aus den Stricken, mit denen die H\u00e4ndler ihre Tiere angebunden hielten, sich eine Gei\u00dfel machte, so schnell m\u00fcssen sie mit Schafen und Ochsen vor seiner Gei\u00dfel fliehen; ja auch die Wechsler sind vor Jesus nicht sicher, als er ihr Geld versch\u00fcttet: Offenbar gibt es keinen geordneten R\u00fcckzug mehr, wenn der Sohn Gottes zur Ordnung ruft.<\/p>\n<p>Aber das eigentlich \u00dcberraschende kommt noch: die Umstehenden, die das gerade erlebt haben und die doch, wie Jesus, ihr Gotteshaus lieben, sind vielleicht entr\u00fcstet, aber auf keinen Fall so emp\u00f6rt, da\u00df sie ihr Verlangen nach Wahrheit nicht mehr sp\u00fcrten. Wenn es bei Johannes hei\u00dft, da\u00df die Juden darauf zu Jesus sprachen: \u201e Was zeigst Du uns f\u00fcr ein Zeichen, da\u00df Du solches tun darfst?\u201c, dann ist hier doch etwas von dem heraus zu h\u00f6ren, was die Ohren- und Augenzeugen der Tempelreinigung geahnt haben m\u00fcssen: <strong>in diesem Menschen spricht und handelt Gott selbst.<\/strong><\/p>\n<p>Aber Jesus bleibt ihnen ein R\u00e4tsel, vor allem mit seiner Provokation, mit der er auf seine nahe Zukunft und damit auf sein Kreuz und seine Auferstehung anspielt: \u201eBrechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.\u201c Den Umstehenden bleibt der Sinn dieses Wortes verborgen, wie bis heute der Sinn des Kreuzes und seiner Auferstehung so lange verborgen bleibt, bis uns der Auferstandene begegnet und uns der Glaube geschenkt wird.<\/p>\n<p>In diese Begegnung kommt er nicht so, da\u00df er seine Person von meiner Sache getrennt hielte. Gerade dadurch aber begreife ich, da\u00df ich meine Sache vor ihm nicht selbst verhandeln kann und auch gar nicht verhandeln mu\u00df. Er tritt aus den Schranken des Gerichts zu mir, und wo er ganz zu mir kommt, will ich nicht nur halb dabei sein.<\/p>\n<p>Inzwischen ist die Asylsuchende von sich aus in ihr Land zur\u00fcckgekehrt. Die Pastorin und die \u00c4rztin haben kein gutes Gef\u00fchl dabei, aber sie haben ihren Willen respektiert.<\/p>\n<p>Ich wage aber auch nicht zu sagen, da\u00df die Ermutigung im Gerichtssaal durch den anschlie\u00dfenden schriftlichen Bescheid ganz dahin ist. Immerhin darf der gerade vollj\u00e4hrig gewordene Sohn bleiben und kann seine Ausbildung, in die auch die Mutter so viel Hoffnung gesetzt hatte, fortsetzen. Vor allem hoffe ich, in anderen Asylsachen wieder auf diesen Richter zu treffen.<\/p>\n<p>Im Blick auf die Geschichte bleibt nur zu sagen: der Tempel war und Synagogen und Kirchen sind Orte des Gottesdienstes und es ist nicht unwichtig, da\u00df wir den Gottesdienst auch als Amt bezeichnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dankbar und froh bin ich, da\u00df wir bei all den \u00c4mtern, in denen mit uns, ohne uns und oft genug auch gegen uns verhandelt wird, im Gottesdienst ein Amt feiern k\u00f6nnen, bei dem der eigentliche Amtsinhaber sich nicht hinter Amt und W\u00fcrden zur\u00fcckhalten mu\u00df.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Friedrich Seven<br \/>\nIm Winkel 6<br \/>\n37412 Scharzfeld<br \/>\n05521\/2429<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:friedrichseven@compuserve.de\"> friedrichseven@compuserve.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Sonntag nach Trinitatis | 31. 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