{"id":10629,"date":"2005-07-07T19:49:27","date_gmt":"2005-07-07T17:49:27","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10629"},"modified":"2025-07-10T14:24:38","modified_gmt":"2025-07-10T12:24:38","slug":"johannes-2-13-22-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-2-13-22-2\/","title":{"rendered":"Johannes 2, 13-22"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">10. Sonntag nach Trinitatis | 31. Juli 2005 |\u00a0Johannes 2, 13-22 | Sibylle Reh |<\/span><\/b><\/h3>\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Im Judentum wird im Sommer, am 9. Aw, der Zerst\u00f6rung des zweiten Tempels durch die R\u00f6mer und auch der Zerst\u00f6rung des ersten Tempels durch die Babylonier gedacht. Das Christentum hat diesen Gedenktag \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Da die Texte der Perikopenordnung dieses Tages eine antijudaistische Auslegungstradition haben, kamen sie in den 60er Jahren in die Diskussion und wurden mit der Einf\u00fchrung des &#8222;Evangelischen Gottesdienstbuches&#8220; durch andere ersetzt, die die bleibende Erw\u00e4hlung Israels zum Thema haben (Israelsonntag), nicht mehr die Tempelzerst\u00f6rung. Gleichzeitig schl\u00e4gt das neue Gottesdienstbuch vor, die Texte zum Thema &#8222;Juden und Christen&#8220; zu verwenden. Dies hat zur Folge, dass drei Lesereihen parallel zu diesem Tag in der evangelischen Kirche in Gebrauch sind.<\/p>\n<p>Die Redaktion von &#8222;G\u00f6ttinger Predigten im Internet&#8220; w\u00fcnschte sich ausdr\u00fccklich eine Predigt \u00fcber den Text der &#8222;alten&#8220; Lesereihe, mit Gedenken an die Tempelzerst\u00f6rung.<\/p>\n<p><strong>Predigt <\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>am 10. Sonntag nach Trinitatis, mitten im Sommer, wird in unserer Kirche traditionell der Zerst\u00f6rung des Tempels in Jerusalem um 70 nach Christus durch die R\u00f6mer gedacht. Dies steht in der Tradition des Judentums, denn im Judentum gibt es ebenfalls im Sommer solch einen Gedenktag. F\u00fcr Juden ist dies ein Trauertag.<\/p>\n<p>Die Zerst\u00f6rung des Tempels, das ist zun\u00e4chst ein Gedanke, der mit Schmerz und Trauer verbunden ist, denn der Tempel war der Mittelpunkt des religi\u00f6sen Lebens f\u00fcr viele Menschen.<\/p>\n<p>Der Tempel in Jerusalem hat eine Geschichte von etwas mehr als 1000 Jahren. Er wurde von K\u00f6nig Salomo erbaut, um einen Ort f\u00fcr die Bundeslade zu schaffen. Etwa 400 Jahre sp\u00e4ter wurde er zerst\u00f6rt, als die Babylonier Jerusalem eroberten. Nach dem Babylonischen Exil wurde er wieder aufgebaut und im Jahre 515 vor Christus geweiht. Mehr als 500 Jahre hindurch stand dieser zweite Tempel, durch alle St\u00fcrme der Geschichte hindurch bestand er. Zur Zeit Jesu lie\u00df Herodes der Gro\u00dfe den Tempel erweitern, eine Arbeit, die Jahrzehnte dauerte. Er baute um den Tempel herum, den eigentlichen Tempel und das Allerheiligste lie\u00df er unber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Im Jahr 70 nach Christus, im zweiten j\u00fcdischen Krieg, wurde dieser Tempel zerst\u00f6rt. Das war ein tiefer Schock. Da haben die Menschen jahrhundertelang den Tempel als Zentrum ihres Lebens, ihres Glaubens, ihres F\u00fchlens angesehen, und pl\u00f6tzlich gibt es ihn nicht mehr.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, das ist das Thema dieses Tages. Ein Trauertag, aber auch ein Tag, der davon erz\u00e4hlt, wie die Menschen damit umgehen, mit dieser Leere, die durch den Verlust entsteht. Ein Tag, der von Versuchen erz\u00e4hlt, diese Katastrophe zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Christen ist die Zerst\u00f6rung des Tempels ein Verlust. Auch die christliche Gemeinde zur Zeit der Apostel versammelte sich zun\u00e4chst t\u00e4glich im Tempel, zumindest diejenigen, die in Jerusalem wohnten.<\/p>\n<p>Als sich die Nachricht von der Zerst\u00f6rung des Tempels den christlichen Gemeinden \u00fcber all in der Welt bekannt wurde, waren sie sehr betroffen. Aber man erinnerte sich auch daran, was Jesus \u00fcber den Tempel gesagt hatte.<\/p>\n<p>Man erz\u00e4hlte sich die Geschichte, die Johannes aufgeschrieben hat. Man erz\u00e4hlte, wie Jesus einst die H\u00e4ndler im Zorn aus dem Tempel vertrieb, und wie er von der Zerst\u00f6rung und dem Wiederaufbau des Tempels sprach.<\/p>\n<p>Als Jesus in den Tempel kam, sah er dort nicht nur Menschen, die zum Gebet kamen, sondern viele, die dort auf irgendeine Weise Geld verdienten. So gab es Geldwechsler, die den Menschen ihre M\u00fcnzen in den syrischen Silberschekel wechselten, damit sie damit ihre Tempelsteuern bezahlen konnten. Er sah H\u00e4ndler, die den Menschen Opfertiere verkauften, direkt im Tempel und sicherlich zu \u00fcberh\u00f6hten Preisen. Da wurde Jesus zornig.<\/p>\n<p>2, 5 Und er machte eine Gei\u00dfel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und sch\u00fcttete den Wechslern das Geld aus und stie\u00df die Tische um. 16 und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus!17 Seine J\u00fcnger aber dachten daran, dass geschrieben steht \u00bbDer Eifer um dein Haus wird mich fressen.\u00ab<\/p>\n<p>Jesus handelt hier aus Liebe zum Tempel. Damit machte sich er sicher nicht nur Feinde, denn ich denke, viele hatten \u00fcber die \u00fcberh\u00f6hten Preise und Wechselkurse gest\u00f6hnt. Frommen Leuten war diese Art von Handel im Tempelbereich schon lange nicht recht.<\/p>\n<p>Unter der Gruppe der Sadduz\u00e4er, die an diesem System verdienten, machte sich Jesus aber Feinde, Todfeinde, die ihn sp\u00e4ter den R\u00f6mern zur Kreuzigung auslieferten.<\/p>\n<p>Vorerst h\u00e4lt aber niemand Jesus auf. Viele andere Juden, auch Pharis\u00e4er, waren durchaus beeindruckt von dem, was Jesus im Tempel tat.<\/p>\n<p>Sie wollten mehr von ihm wissen, sie fragten nach seiner Vollmacht und sie wollten ein Zeichen, dass er tun durfte, was er getan hatte. Halb waren sie schon auf seiner Seite. Wenn sie es nicht gewesen w\u00e4ren, dann h\u00e4tten sie nicht gefragt, sondern die Polizei geholt oder ihn sofort gesteinigt. Diese Leute taten nichts gegen ihn. Im Gegenteil: Sie sagen: &#8222;Wir m\u00f6chten dir gerne glauben, gib uns ein Zeichen, dass wir Glauben k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Jesus gab ihnen ein Zeichen, aber eines, das sie nicht verstanden, eines, das sogar seine J\u00fcnger erst viel sp\u00e4ter verstanden:<\/p>\n<p>19 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. 20 Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? 21 Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.<\/p>\n<p>Diese Worte verstanden die J\u00fcnger Jesu erst nach seinem Tod und seiner Auferstehung, noch besser verstanden sie die Worte, als der Tempel zerst\u00f6rt war, etwa 40 Jahre sp\u00e4ter. Zur Zeit Jesu erschien den meisten eine Zerst\u00f6rung des Tempels undenkbar, und doch geschah es. Etwa 40 Jahre sp\u00e4ter gab es Krieg zwischen Juden und R\u00f6mern, den sogenannten &#8222;J\u00fcdischen Krieg..&#8220;<\/p>\n<p>Der Tempel war das Zentrum des Judentums und die R\u00f6mer glaubten, wenn sie ihn zerst\u00f6rten, dann h\u00e4tten sie das Judentum ein f\u00fcr alle mal vernichtet.. Aber da irrten sich die R\u00f6mer. Das Judentum unter der F\u00fchrung der Pharis\u00e4er sammelte sich neu um ein anderes Zentrum, das es vorher schon gegeben hatte. Man erinnerte sich daran, was das Volk Israel getan hatte, als der erste Tempel zerst\u00f6rt war und man sammelte sich neu um die Heilige Schrift. Die Heilige Schrift ist das Zentrum des Glaubens. Die Idee des Tempels wurde wichtiger als der Tempel selbst. Fast 2000 Jahre lang, konnten Juden sagen: &#8222;N\u00e4chstes Jahr in Jerusalem&#8220;, ohne dass sie damit rechneten, dass sich der Wunsch erf\u00fcllte. Die Trauer blieb, nicht umsonst hei\u00dft die einzige erhaltene Mauer des Tempels &#8222;Klagemauer&#8220;. Aber das Judentum besteht weiter, auch ohne Tempel.<\/p>\n<p>Auch das Christentum sammelt sich seitdem ausschlie\u00dflich um das Wort Gottes. Um das Wort Gottes und um Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Der Evangelist Johannes versteht Jesus als das Fleisch gewordene Wort Gottes. Im ersten Kapitel des Johannesevangelium hei\u00dft es: &#8222;Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.&#8220;<\/p>\n<p>Christus wurde gekreuzigt und ist am dritten Tage auferstanden von den Toten. Vorher sagte er: &#8222;Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichte.&#8220; Das, was die christliche Gemeinde zusammenh\u00e4lt, kann kein Feuer, kein Schwert und auch keine Bombe zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, Christen und Juden leben und glauben heute ohne den Tempel in Jerusalem. Das Wort Gottes ist das, worum wir uns sammeln: das Wort Gottes in Gestalt der Bibel f\u00fcr Juden und Christen und in Gestalt Jesu f\u00fcr uns Christen.<\/p>\n<p>Damit erinnern wir uns an unsere Urspr\u00fcnge, an den Anfang des Tempels als Ort f\u00fcr die Bundeslade, die das Wort Gottes enthielt.<\/p>\n<p>Als der erste Tempel zerst\u00f6rt wurde, wurden die meisten Biblischen Schriften gesammelt oder geschrieben. Es wurde erkannt, dass das Volk Gottes nur bestehen kann, wenn es auf Gottes Wort h\u00f6rt. Die Menschen erkannten aber auch, dass sie auf das Wort Gottes \u00fcberall h\u00f6ren konnten, nicht nur im Tempel.<\/p>\n<p>Als der zweite Tempel zerst\u00f6rt wurde, 600 Jahre sp\u00e4ter, da erinnerte man sich daran, wie man damals mit Hilfe des Wortes Gottes die Krise \u00fcberwunden hatte.<\/p>\n<p>Eine Neubesinnung auf Gottes Wort hilft, mit der Trauer umzugehen. Aus der Besinnung auf Gottes Wort ensteht der Gedanke: Auch wenn alles zerst\u00f6rt wird, Gottes Wort bleibt. Daran k\u00f6nnen wir uns festhalten.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, R\u00fcckbesinnung auf die Anf\u00e4nge und das, was uns bis hierher getragen hat, hilft, mit Trauer umzugehen. Wir Christen k\u00f6nnen uns nicht auf die Anf\u00e4nge besinnen, ohne uns mit dem Judentum zu besch\u00e4ftigen. Denn Jesus war Jude, lebte als Jude und ging wie alle Juden damals regelm\u00e4\u00dfig zum Tempel.<\/p>\n<p>Der Tag, an dem der Tempel zerst\u00f6rt wurde, war ein trauriger Tag f\u00fcr Juden und f\u00fcr Christen. Das Gedenken an diesen traurigen Tag gibt Anlass, dar\u00fcber nachzudenken, was bleibt, wenn alles vergeht, was st\u00e4rker ist als Krieg, Bomben und Selbstmordattent\u00e4ter.<\/p>\n<p>Was bleibt, wenn alles vergeht, ist Gottes Wort.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Sibylle Reh<br \/>\n<a href=\"mailto:sreh@gmx.de\">sreh@gmx.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Sonntag nach Trinitatis | 31. 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