{"id":10630,"date":"2005-07-07T19:49:26","date_gmt":"2005-07-07T17:49:26","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10630"},"modified":"2025-07-10T14:23:05","modified_gmt":"2025-07-10T12:23:05","slug":"exodus-191-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-191-6\/","title":{"rendered":"Exodus 19,1-6"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">10. Sonntag nach Trinitatis | 31. Juli 2005 |\u00a02. Mose 19,1-6 | Stefan Knobloch |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"center\"><strong>\u201eErfahrungen <em>am Fu\u00dfe<\/em> des Berges Sinai\u201c <\/strong><\/p>\n<p>Es f\u00e4llt uns schwer und gelingt uns wohl kaum, Texte der Bibel \u2013 wie den eben geh\u00f6rten aus 2. Mose 19,1-6 (oder wie man im Raum der katholischen Kirche eher zu sagen gewohnt ist, aus Ex 19,1-6) \u2013 immer sofort in ihrer historischen Ereignisebene zu verstehen. Von dieser sind wir meist zu weit weg. Und obendrein liegen diese geschichtlichen Ereignisebenen meist nicht ganz eindeutig vor. So auch bei 2. Mose 19,1-6 nicht. Nicht nur, da\u00df wir die Zeit des Auszugs aus \u00c4gypten, auf den hier Bezug genommen ist, nicht genau auf einen Termin eingrenzen k\u00f6nnen. Man gibt etwa den Zeitrahmen der zweiten H\u00e4lfte des 13. Jahrhunderts vor Christus an. Hinzukommt, da\u00df unser Text zwei grundlegende Erz\u00e4hlelemente der Volkgottesbildung, n\u00e4mlich die Exodustradition und die Sinaitradition, die urspr\u00fcnglich selbstst\u00e4ndig f\u00fcr sich stehen, zu einem einzigen Erz\u00e4hlstrang zusammenkomponiert hat. Das alles macht es f\u00fcr uns schwer, diesen Text einfach zu verstehen.<\/p>\n<p>Obendrein ist es ja immer so, da\u00df wir Texte mit unseren Ohren, im Rahmen unserer aktuellen Aufmerksamkeiten h\u00f6ren. Geh\u00f6rtes \u2013 wenn es denn \u00fcberhaupt geh\u00f6rt wird und also \u00fcberhaupt bei uns aktuelle Assoziationen ausl\u00f6st \u2013 verbindet sich immer mit den aktuellen Bildern unserer Tage. Und die d\u00fcrften in unserem Fall in diesen Tagen und Wochen gepr\u00e4gt sein von der von der Regierung Scharon beschlossenen und jetzt zu vollziehenden R\u00e4umung j\u00fcdischer Siedlungen im Gazastreifen. Hier handelt es sich um einen von oben, aus Gr\u00fcnden der Vers\u00f6hnung mit den Pal\u00e4stinensern von der Regierung beschlossenen \u201eExodus\u201c, dem sich j\u00fcdische Siedler wie Orthodoxe im Lande widersetzen, da sie darin einen Verrat des ihnen von Jahwe \u00fcbergebenen Landes erblicken. Und da ist nun kein Gottesberg in der N\u00e4he, von dem her Gott die Gem\u00fcter bes\u00e4nftigen k\u00f6nnte. Und da bietet Jahwe keine Adlerfl\u00fcgel an, um die Siedler ger\u00e4uschlos und wohlbehalten durch die L\u00fcfte umzusiedeln.<\/p>\n<p>Jenseits dieser aktuellen Assoziation, die sich gewisserma\u00dfen von selbst einstellt, stellt sich f\u00fcr uns die Frage, was uns unser Text sagen will, sagen kann. Er beginnt damit, da\u00df er sagt, \u201eim dritten Monat\u201c nach dem Auszug aus \u00c4gypten seien sie in der W\u00fcste Sinai angekommen. \u201eIm dritten Monat\u201c \u2013 das h\u00f6rt sich wie nach einer Schwangerschaft an. Denn sonst sprechen wir kaum von Monaten als Zeitangabe. Und so unzutreffend w\u00e4re diese Assoziation mit der Schwangerschaft in unserem Fall nicht. Denn unser Text liefert nicht eigentlich eine Zeitangabe, sondern eine Qualit\u00e4tsangabe. Er k\u00fcndet an, da\u00df Gott im Umgang mit seinem Volk Gro\u00dfes vorhat, da\u00df er mit etwas schwanger ist, was er an seinem Volk erf\u00fcllen will. Er will sich ihnen kund tun, er will sie zu seinem Eigentum nehmen, ihnen seine besondere N\u00e4he und Verl\u00e4\u00dflichkeit angedeihen lassen. \u201eBund\u201c lautet hier der Begriff f\u00fcr dieses Vorhaben.<\/p>\n<p>Wieder d\u00fcrfte uns beim Begriff \u201eBund\u201c, \u201emein Bund\u201c etwas ganz anderes einschie\u00dfen. Vor allem denen, die beim \u201eBund\u201c gedient haben, aber auch den Angeh\u00f6rigen, die zur Zeit ihre Familienmitglieder in Auslandseins\u00e4tzen wissen, im Kosovo, in Afghanistan, auf hoher See vor dem Horn von Afrika oder anderswo. In unserem Text aber hat der \u201eBund\u201c eine ganz andere Bedeutung.<\/p>\n<p>\u201eMir geh\u00f6rt zwar die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk angeh\u00f6ren.\u201c \u201eIhr werdet unter allen V\u00f6lkern mein besonderes Eigentum sein.\u201c Den damals so von Jahwe \u2013 \u00fcber die Vermittlung Moses \u2013 Angesprochenen mag das ans Herz gegangen sein. F\u00fcr sie waren das Worte, die in ihre Situation pa\u00dften. F\u00fcr sie waren das keine leeren Worte, auch keine belastenden Worte, sondern Worte, die ihnen eine Lebensperspektive er\u00f6ffneten. Sie h\u00f6rten sie auf dem Hintergrund der erfolgten Rettung aus \u00c4gypten, \u00fcber die sie nicht genug staunen konnten. Hinter ihnen hatte sich doch die Truppe des Pharao formiert, und vor ihnen hatte das t\u00f6dliche Schilfmeer gelegen. Eine ausweglose Situation war das. Und irgendwie waren sie davongekommen, waren sie durchgekommen und finden sich jetzt am Fu\u00dfe des Berges Sinai, des Gottesberges. Sich um Jahwe, um Gott zu scharen, ihn zu verehren, war ja das eigentliche Motiv ihres Auszugs. Mose war vor den Pharao getreten mit der Ansage im Namen Jahwes: \u201e La\u00df meinen Sohn ziehen\u201c \u2013 Jahwe spricht hier von Israel als seinem erstgeborenen Sohn \u2013 \u201ela\u00df mein Volk ziehen, damit es mich verehren kann\u201c (2. Mose 4,23). Und der Pharao gab schlie\u00dflich seine Einwilligung: \u201eGeht, verehrt Jahwe, euren Gott.\u201c Und Mose hatte geantwortet: \u201eJa, denn wir feiern ein Jahwefest\u201c (2. Mose 10,8-9).<\/p>\n<p>Die Israeliten haben also ein starkes Motiv, f\u00fcr die Eigentumserw\u00e4hlung durch Jahwe dankbar zu sein. Denn gerade waren sie wunderbar errettet worden. Was sonst als Durchzug bezeichnet wird, wird hier im Bild der rettenden Adlerfl\u00fcgel Jahwes ausgedr\u00fcckt. Ein im Alten Testament verbreitetes Bild. Es findet sich unter anderem in 5. Mose 32,11 und in den Psalmen, von denen her dieses Bild auch in das Kirchenlied \u201eLobe den Herren\u201c Eingang gefunden hat: \u201eLobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich <em>auf Adelers Fittichen<\/em> sicher gef\u00fchret.\u201c Das Volk am Fu\u00df des Gottesberges hatte ein entscheidendes Etappenziel seines Auszugs erreicht und war dankbar daf\u00fcr, da\u00df Gott mit ihm zog und es nicht seinem Schicksal \u00fcberlie\u00df.<\/p>\n<p>Soweit die Situation damals. Aber heute geht es ja um uns. Wie erschlie\u00dft sich uns dieser Text? Hier k\u00f6nnte sich uns eine Schwierigkeit in den Vordergrund schieben, die uns als erstes besch\u00e4ftigt, bevor wir auf anderes kommen k\u00f6nnen. Wir k\u00f6nnten Schwierigkeiten damit haben, da\u00df Gott hier ein Volk besonders erw\u00e4hlte und es damit anderen gewisserma\u00dfen vorzog. Bleibt damit, wenn man das zu Ende denkt, nicht die Universalit\u00e4t Gottes f\u00fcr alle Menschen auf der Strecke? Und ist das nicht der m\u00f6gliche Beginn der \u00dcberheblichkeit der einen Religion \u00fcber andere Religionen? Ja, stehen wir damit nicht zuletzt ganz aktuell bei der Erfahrung der mi\u00dflingenden Multikulturalit\u00e4t unserer offenen Gesellschaften? England stellt sich in diesen Tagen eben diese Frage nach den Londoner Terroranschl\u00e4gen vom 7. Juli. Ist es m\u00f6glicherweise so, da\u00df nicht nur der von au\u00dfen gesch\u00fcrte Ha\u00df der Al Qaida gegen alles Nichtislamische und Westliche als Ursache solcher Terrorakte zu gelten hat, sondern offenbar auch die nicht gelingende Multikulturalit\u00e4t innerhalb offener Gesellschaften, die zum Ausgangspunkt extremistischer Terrorakte wird? Wahrscheinlich ist unser gedankenloser Umgang mit dem Begriff der Multikulturalit\u00e4t zu wohlfeil, weil wir es nicht geschafft haben, da\u00df er innerhalb der offenen Gesellschaft zu einer wirklich fundierten, sich gegenseitig hochsch\u00e4tzenden, bis in den Alltag sp\u00fcrbaren Anerkennung der Mitb\u00fcrger anderer Kultur und Religion gef\u00fchrt h\u00e4tte. Erst dann k\u00f6nnte man beginnen, von gelungener Integration zu sprechen. Hier tun sich ernste Probleme und Aufgaben auf, die vor uns allen liegen.<\/p>\n<p>Von 2. Mose 19,1-6 her dazu nur noch soviel: Die Eigentumserw\u00e4hlung des Volkes durch Jahwe sollten wir in ihrer positiven Aussagerichtung lesen. Sie richtet sich positiv an das Volk am Sinai und ist \u2013 auch in ihrer vermeintlichen Exklusivit\u00e4t, und auch wenn das leicht paradox klingt \u2013 nicht gegen andere V\u00f6lker gerichtet. Im Gegenteil: Die Eigentumserw\u00e4hlung des Volkes am Sinai durch Jahwe will im Grund exemplarisch an diesem einen Volk zeigen, wie Gott zu allen V\u00f6lkern und zu allen Menschen steht.<\/p>\n<p>Aber stellen wir das zur\u00fcck, um nun endlich auf jene Beobachtung, aber auch schon Deutung, zu kommen, die 2. Mose 19 im Bild der Adlerfl\u00fcgel Gottes festgehalten hat. Sie f\u00fchlten sich damals wie auf Adlerfl\u00fcgeln gerettet. Und auch wir singen davon f\u00fcr uns im Lied. Haben wir diese Erfahrung aber f\u00fcr uns selbst schon einmal gemacht? Wenn wir diese Frage so an uns und unser Leben stellen, m\u00fcssen wir bedenken, da\u00df auch die Leute damals nicht wirklich auf Adlerfl\u00fcgeln gerettet worden waren, sondern sie ihre unerwartete Rettung in diesem Bild <em>deuteten<\/em>.<\/p>\n<p>Das sollten wir als Frage auch auf uns nehmen, ohne darauf je eine glasklare, andemonstrierbare wasserdichte Antwort zu erhalten: Ob und wo in unserem Leben Ereignisse ihren Lauf nahmen, die gewisserma\u00dfen \u00fcber uns kamen, wie ein Geschenk, wie durch eine Au\u00dfenleitung, wie durch eine g\u00fctige F\u00fcgung. Das m\u00fcssen gar keine dramatischen Dinge sein. Vielleicht waren es unscheinbare, aber doch bedeutsame Vorg\u00e4nge, in denen wir Gottes sch\u00fctzende und leitende Hand in unserem Leben erkennen d\u00fcrfen. Vielleicht sind wir auch noch nicht in der Lage, darin und dahinter Gott und seine Hand zu erkennen. Vielleicht deuten wir die Dinge ganz anders. Und selbst in solch anderer Deutung kann es sich in unserem Leben l\u00e4ngst in versteckter und von uns noch nicht erkannter Form um eine Erfahrung Gottes handeln.<\/p>\n<p>Es lohnt sich sicher, im eigenen Lebenstext nachzulesen und auf die \u201eInterpunktionen\u201c aufmerksam zu werden, die uns stolpern lassen und in denen wir Zusammenh\u00e4nge erfassen, die zeigen, da\u00df unser Leben zuletzt nicht nur in uns, sondern in Gott gr\u00fcndet und verankert ist. Irgendwie leben wir alle <em>am Fu\u00dfe<\/em> des Berges Sinai, in den Niederungen unseres Lebens. Und sie sind l\u00e4ngst durchwaltet von seiner \u2013 von Gottes \u2013 leitender Hand.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Stefan Knobloch, Mainz<br \/>\n<a href=\"mailto:dr.stefan.knobloch@t-online.de\">dr.stefan.knobloch@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Sonntag nach Trinitatis | 31. Juli 2005 |\u00a02. 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