{"id":10632,"date":"2005-07-07T19:49:24","date_gmt":"2005-07-07T17:49:24","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10632"},"modified":"2025-07-10T11:50:37","modified_gmt":"2025-07-10T09:50:37","slug":"lukas-1941-48-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1941-48-5\/","title":{"rendered":"Lukas 19,41-48"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">10. Sonntag nach Trinitatis | 31. Juli 2005 | Lukas 19,41-48 | Kirsten B\u00f8ggild |<\/span><\/h3>\n<p align=\"center\">FRIEDEN<\/p>\n<p>Damals, zur Zeit Jesu, wie heute, in unserer eigenen Zeit, <em>sprach<\/em> man \u00fcber <em>Frieden<\/em>. Dieses oft gebrauchte, um nicht zu sagen verbrauchte Wort. Mi\u00dfbraucht ohne Ende. Dennoch k\u00f6nnen wir es nicht entbehren. Aber es ist ein Wort, das durch seinen Gebrauch im Kampf um die Macht, durch seinen wiederholten Gebrauch als Vorwand f\u00fcr Gewaltanwendung allm\u00e4hlich allen Inhalt verliert und sich geradezu in sein Gegenteil verkehrt. \u2013 Als Jesus in Jerusalem einzog und seine Anh\u00e4nger ihm als Erl\u00f6ser und Befreier huldigten, als dem lange ersehnten Messias, da weinte er \u00fcber die Stadt und sagte: \u201eWenn doch auch du erkenntest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient! Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen.\u201c Auch er <em>sprach<\/em> also vom Frieden. Man beachte aber, wie viel Gewalt herrscht um das, was er sagt. Er hat gerade einen Streit mit den Pharis\u00e4ern gehabt, die von ihm verlangten, er solle seine jubelnden Anh\u00e4nger zum Schweigen bringen. Jetzt weint er \u00fcber Jerusalem, das von Krieg bedroht ist und seinem sicheren Untergang entgegengeht, weil es mit seiner Umwelt nicht in Frieden leben will oder kann. Weil es nicht wei\u00df, was dazugeh\u00f6rt, um Frieden zu erlangen. Dann geht er in den Tempel und f\u00e4ngt an, die Kaufleute hinauszujagen, er nennt sie R\u00e4uber und Banditen. \u2013 Schlie\u00dflich schmieden die f\u00fchrenden M\u00e4nner der Volkes, die Hohenpriester und die Schriftgelehrten Pl\u00e4ne, wie sie diesen Jesus t\u00f6ten k\u00f6nnen! \u2013 Mit anderen Worten: Da ist nicht viel Frieden in diesem Text; da ist fast nichts Anderes als Unfrieden und Gewalt. Vom Frieden <em>reden<\/em> ist also <em>eine<\/em> Sache, aber die <em>Wirklichkeit<\/em> ist etwas <em>Anderes<\/em>, die Welt, in die hineingesprochen wird, <em>die Welt der Gewalt<\/em>. Frieden ist nur ein Wort, ein Wunschtraum. Gewalt ist die rohe Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, die den Traum und das Wort zu Schanden macht.<\/p>\n<p>Es ist ein unheimlich aktueller Text, den wir heute geh\u00f6rt haben. Und es scheint mir, dass ich das wohl schon oft gesagt habe. Jerusalem ist heute Zentrum der Gewalt. Buchst\u00e4blich! Selbstmordbomben und darauf folgende Vergeltung. Die Spirale der Gewalt. Immer wieder siegt die Logik der Rache \u00fcber die Logik des Friedens. Jerusalem ist die Quelle des Unfriedens. Man wundert sich, wenn man daran denkt, dass das so viele Male vorher gesagt und geschrieben worden ist, ja, schon in den Psalmen im Alten Testament. T\u00e4glich wird in dem Gebiet vom Frieden <em>gesprochen<\/em>. Die ganze Welt diskutiert, was seinem Frieden dient \u2013 aber unterdessen nimmt die Gewalt zu und bedroht nicht nur Jerusalem und diese ganze Ecke der Welt mit Tod und Untergang, Krieg und B\u00fcrgerkrieg, einer neuen Berliner Mauer und allen m\u00f6glichen anderen Dingen, die Menschen trennen, anstatt sie zu vereinen. Aber die Gewalt bedroht auch den Frieden in der Welt. Terror ist nicht etwas, was nur Jerusalem trifft, und Rache ist nicht etwas, was nur die Pal\u00e4stinenser trifft, er ist eine Bedrohung sozusagen aller Gesellschaften in der Welt. Auch wir haben das ganz konkret erfahren durch den Krieg im Irak. Unweigerlich stellt man sich selbst die Frage, ob Menschen \u00fcberhaupt Frieden <em>wollen<\/em>? Oder fehlt uns nur die F\u00e4higkeit, Frieden zu <em>schaffen<\/em>? Hat die h\u00e4ufige Gewaltanwendung ihre Ursache darin, dass wir von der Gewalt und der Spannung, die damit verbunden ist, angelockt werden, oder hat sie ihre Ursache darin, dass wir ganz einfach nicht klug genug sind, darauf zu kommen, was einem Leben in Frieden miteinander am besten dient? Ich muss wie alle anderen Menschen die Antwort schuldig bleiben. Ich wei\u00df es nicht. Es ist unlogisch, es ist ein Selbstwiderspruch, dass wir eine Welt schaffen, die durch Waffengewalt regiert wird. Aber wir tun es trotzdem. Und die zahlreichen Versuche, eine Alternative zu der tyrannischen Macht der Waffen aufzustellen, haben alle nur relativen Erfolg gehabt. Was sind wir nur f\u00fcr Menschen? Warum k\u00f6nnen wir nicht damit aufh\u00f6ren, einander zu erschlagen? Das ist eine furchtbar naive Frage, aber wir sind gezwungen, sie zu stellen! Auch wenn wir m\u00f6glicherweise selbst keine Antwort geben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Jesus weinte \u00fcber Jerusalem und rief: \u201eWenn doch auch du erkenntest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient!\u201c Er sprach, wie wenn er es selbst w\u00fcsste. Wie wenn er etwas w\u00fcsste, was Andere nicht wussten. WAS? Was dient denn einem Leben in Frieden, hier und dort, jetzt und einst? K\u00f6nnten wir etwas lernen, was wir nicht wissen und nicht verstehen, etwas was noch heute verborgen ist vor unseren Augen? Was war das wohl f\u00fcr ein Frieden, an den er dachte? \u2013 Er selbst kam auf einem Esel reitend in die Stadt. Er sollte einen K\u00f6nig vorstellen. Einer, der mit Frieden kommt. Aber er sah l\u00e4cherlich aus auf seinem armen Arbeitstier. Und Waffen, mit denen er sich selbst und seine Leute und den Frieden, mit dem er kam, h\u00e4tte verteidigen k\u00f6nnen, hatte er nicht. Aber war vielleicht gerade das die Pointe? Er besa\u00df keine Waffen! Er kam nicht, um seine Feinde totzuschlagen. Das war nicht die Art und Weise, wie er Frieden schuf. Ist das buchst\u00e4blich zu verstehen? Dass Waffen und Frieden unvereinbare Gr\u00f6\u00dfen sind? Ja, in der Welt, mit der Jesus kommt, sind sie unvereinbar. Der Frieden, f\u00fcr den Jesus spricht, ist ein Frieden, der aus Liebe kommt und in dem Waffen ausgeschlossen sind. Er bringt eine andere Welt in die altbekannte Welt der Gewalt. Und das tut er auch heute. In der Welt als solcher ist im Gro\u00dfen und Ganzen alles beim Alten. Aber in diese wohlbekannte Welt bringt Jesus immerfort eine andere Welt, seine eigene Welt und die Welt Gottes. Es ist das Reich der Liebe. Hier erwirkt man Frieden, indem man den Feind liebt. Nicht indem man ihn totschl\u00e4gt. Nicht durch Rache. Sondern indem man liebt. Du sollst deinen Feind lieben \u2013 das ist eine radikale Forderung aus der Bergpredigt, an die wir uns erinnern und die unsere Ruhe und Selbstsicherheit das eine \u00fcber das andere Mal anficht. Und sie klingt heute genauso unm\u00f6glich und unwirklich wie damals. Aber sie ist eine Versicherung, die unserem Frieden dient. K\u00f6nnten wir das nur verstehen!<\/p>\n<p>Es war nicht so, dass Jesus ohne Zorn gewesen w\u00e4re, ohne Temperament. Er war kein blasser, weichlicher Mann, der weder ja noch nein sagen konnte. Und er nahm sich denn auch sogleich der Kr\u00e4merseelen im Tempel an und warf sie hinaus. Das ist wohl das einzige Mal, dass wir davon h\u00f6ren, dass er Gewalt anwendete. Aber es war eine milde Form von Gewaltanwendung. Sie war nicht t\u00f6dlich, nur zurechtweisend. Sie hatte ein Ziel: <em>Frieden im Haus Gottes<\/em>. Es war wie eine notwendige Kritik an dem, was in der Kirche geschieht, an dem, was nicht geschehen darf. Es gibt Situationen, in denen es ein feiges Vers\u00e4umnis w\u00e4re, wenn man nicht seine Stimme erh\u00f6be und den notwendigen Protest formulierte. \u2013 Gottes Haus ist ein Bethaus \u2013 kein Ort, an den man kommt, um aneinander zu verdienen. Kein Ort, an dem man um des eigenen Vorteils willen betr\u00fcgt und hintergeht. Gottes Haus ist kein Ort f\u00fcr Kr\u00e4merseelen irgendeiner Provenienz. Wir suchen ihn auf, um zu Gott zu beten, nicht um einander auszunutzen. Was bedeutet das f\u00fcr den Frieden, von dem Jesus spricht. Beten hei\u00dft, sich zu Gott zu verhalten. Sich dem hinzugeben, was Gott mit dir will. Beten hei\u00dft dem\u00fctig fragen, was Gott will, dass ich es tue. Es ist eine Form der Selbsthingabe, das genaue Gegenteil von Selbstbehauptung. Zu dem barmherzigen Gott beten hei\u00dft, sich angesichts der Fragen, die die Welt stellt, zu der Antwort der Barmherzigkeit zu bekennen. Im Haus Gottes verhalten wir uns nicht zu dem Gott der Rache, sondern zu dem Gott der Barmherzigkeit. Deshalb sind die Antworten, die wir in diesem Haus bekommen, immer Antworten der Barmherzigkeit, niemals Antworten der Rache. Rache geh\u00f6rt der Vergangenheit, den G\u00f6ttern der Vergangenheit an. Der christliche Gott, der Vater Jesu Christi, befindet sich jenseits der Logik der Rache. Er ist Liebe \u2013 und Liebe und Rache sind unvereinbar. Sie k\u00f6nnen nicht im selben Zimmer sein.<\/p>\n<p>Aber Jesu Einzug in Jerusalem endete doch mit dem Gericht \u00fcber ihn, mit Tortur, Kreuzigung, Tod. Der Geist des Friedens, mit dem er kam, erlitt eine Niederlage, die allen v\u00f6llig klar war. Vielleicht einen Augenblick lang auch ihm selbst, als er rief: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c \u2013 Er bekam nicht Recht in seiner Verk\u00fcndigung der Gewaltlosigkeit und Feindesliebe. Oder vielleicht doch? Seine Auferstehung am Ostersonntag ist eine Verk\u00fcndigung, dass er trotzdem Recht bekam. <em>Der Geist des Friedens<\/em> stand aus dem Grab auf, in das seine Feinde ihn gelegt hatten. Die gewaltt\u00e4tige Welt, in der wir noch immer leben, ist wie das Grab, in das man Jesus legte. Aber das Grab war leer. Die Welt der Gewalt war nicht das letzte Wort. Es war das Wort Jesu, das den Sieg davontrug. Und das ist das Wort, das der Grundstein unserer Kirche ist. Der Geist des Friedens ist der Beginn der Hoffnung, die weiter in uns lebt. Dass die andere Welt, das Reich Jesu Christi, auch in dieser Welt immer deutlicher werden wird. Dass die beiden Welten mit der Zeit miteinander verschmelzen und eins werden. Dies ist etwas von dem Sinn der Tatsache, dass wir eine Kirche haben, einen Glauben, eine Hoffnung. Um im Glauben an den Geist des Friedens ermuntert zu werden, an den Geist der Barmherzigkeit und der Liebe, \u2013 darum h\u00f6ren wir das Evangelium und versuchen wir zu verstehen, was wir zu tun haben. \u2013 Der Franzose Renee Girard, der wegen seiner Theorien \u00fcber Religion und Gesellschaft weltber\u00fchmt ist und sich selbst zum Christentum bekennt, meint, dass die Menschen dank der Religion geschichtlich betrachtet weniger gewaltt\u00e4tig geworden sind. Er ist der Meinung, es bestehe Hoffnung, dass die Menschen sich st\u00e4ndig in der Richtung von geringerer Gewalt in ihrer Natur entwickeln. Dass sich die Menschheit \u2013 u.a. dank der Leidensgeschichte in den Evangelien von Jesu Tod am Kreuz als unschuldiger S\u00fcndenbock der Menschheit \u2013 bewusst geworden ist, dass wir einander so nicht mehr behandeln d\u00fcrfen. Wir d\u00fcrfen die anderen nicht totschlagen, und wenn jeder Mensch das einsieht, dann wird die Gewalt aufh\u00f6ren. Es klingt unm\u00f6glich, aber es ist ein sch\u00f6ner Glaube und eine zarte Hoffnung, und ist es nicht das, was wir alle empfinden, wenn wir daran glauben, was Jesus wollte, als er in Jerusalem einzog und sich selbst als S\u00fcndenbock hingab f\u00fcr diese Stadt und f\u00fcr die Welt? Damit hat er ja offensichtlich gemacht, wie grausam es ist, einen unschuldigen Menschen zu t\u00f6ten, ja \u00fcberhaupt, irgendeinen Menschen totzuschlagen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrerin Kirsten B\u00f8ggild<br \/>\nThun\u00f8gade 16<br \/>\nDK-8000 \u00c5rhus C<br \/>\nTel. +45 86124760<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:kboe@km.dk\">kboe@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Sonntag nach Trinitatis | 31. 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