{"id":10641,"date":"2005-08-07T19:49:20","date_gmt":"2005-08-07T17:49:20","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10641"},"modified":"2025-07-10T14:36:09","modified_gmt":"2025-07-10T12:36:09","slug":"lukas-18-9-14-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-18-9-14-6\/","title":{"rendered":"Lukas 18, 9-14"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">11. Sonntag nach Trinitatis | 7. August 2005 |\u00a0Lukas 18, 9-14 | Niels Henrik Arendt | <\/span><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Das Christentum handelt davon, aus seiner Finsternis herausgeholt zu werden und sich in der Welt umsehen und auch anderen Menschen in die Augen sehen zu k\u00f6nnen, weil sie weder diejenigen sind, mit denen man sich vergleichen soll, noch diejenigen, die Gericht \u00fcber einen halten sollen. Gott setzt den Ma\u00dfstab f\u00fcr unser Leben, Gott wird das Urteil dar\u00fcber f\u00e4llen. Das ist zun\u00e4chst einmal eine ernste, eine ersch\u00fctternde Botschaft, die wir da bekommen. Das Evangelium behauptet, dass wir nichts Erfreulicheres zu h\u00f6ren bekommen k\u00f6nnten; zum einen, weil es besser ist, von Gott gerichtet zu werden als dem Urteil von Menschen ausgeliefert zu sein, zum Andern, weil Gott barmherzig ist.<\/p>\n<p>Wir kennen nicht viele Pharis\u00e4er beim Namen, aber einen kennen wir nun doch. Ihm begegneten wir in einem anderen Text heute (1. Kor. 15,1-10), n\u00e4mlich dem Pharis\u00e4er Paulus. Das ist eine denkw\u00fcrdige Begegnung. Wir pflegen ihn den Apostel Paulus zu nennen, aber am Anfang war er Pharis\u00e4er. In dem Text, den wir vorhin vom Altar h\u00f6rten, spricht Paulus unstreitig von sich selbst auf eine Art und Weise, die eher an den Z\u00f6llner erinnert. Er bezeichnet sich selbst als eine <em>Missgeburt.<\/em> Das hei\u00dft: im Verh\u00e4ltnis zu dem, was er h\u00e4tte sein wollen, ist er unentwickelt, nicht der ganze Mensch, der zu sein ihm bestimmt war.<\/p>\n<p>Der Pharis\u00e4er Paulus bringt damit eine gro\u00dfe Demut zum Ausdruck. Er hatte sehr wohl Gr\u00fcnde, so von sich selbst zu reden, nicht zuletzt weil er wusste, dass diejenigen, an die er schrieb, seine Vergangenheit kannten. Er hatte Grund, sich schuldig zu f\u00fchlen, er hatte Christen verfolgt, er hatte sich verschworen, um sie auszurotten, er hatte Plane ausgearbeitet, die ihm selbst Einfluss und Macht verschaffen und einen todbringenden Schlag gegen die noch junge christliche Kirche f\u00fchren sollten.<\/p>\n<p>Man kann gut verstehen, dass Paulus sich verlegen f\u00fchlte, beispielsweise gegen\u00fcber den klugen Menschen in Korinth, an die er schreibt. Aber trotzdem sieht er ihnen ganz freim\u00fctig in die Augen, ja ihnen und allen Anderen, auch den leitenden Personen in der jungen Kirche, Simon Petrus und den \u00fcbrigen Aposteln. Bei mehreren Gelegenheiten tritt er ihnen sogar sehr nahe. Das liegt an der Botschaft, deren Diener er geworden ist. Paulus wei\u00df sehr wohl, dass die Leute in Korinth sich ihre eigenen Gedanken \u00fcber ihn machen: was bildet der sich ein, mit <em>der<\/em> Vergangenheit, die er hat? Aber seine Antwort lautet: ja, ich habe eine Vergangenheit, ich war in einer tiefen Finsternis, ich bin eine Missgeburt, der Geringste unter den Aposteln. \u201eAber,\u201c so f\u00e4hrt er fort, \u201emir, der Missgeburt, dem Schuldigen, ist Christus erschienen.\u201d Das hei\u00dft: Ich bin in Gottes Augen etwas wert, sonst h\u00e4tte er seinen Sohn nicht zu mir gesandt, mag ich auch noch so unvollkommen sein. Durch die Gnade Gottes bin ich etwas wert. \u2013 Daher seine Freim\u00fctigkeit. Er sollte nicht von Anderen gerichtet werden, sondern mit ihnen zusammen sollte er durch den Christus gerichtet werden, den er abgelehnt hatte, der aber dennoch zu ihm gekommen war und ihn in Gnaden angenommen hatte. Gott selbst hatte sich seiner angenommen und ihn zurechtgewiesen.<\/p>\n<p>Von Gott angenommen und zurechtgewiesen zu werden, davon handelt auch die kleine Erz\u00e4hlung von dem Pharis\u00e4er und dem Z\u00f6ller im Tempel.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung spricht nicht davon, dass der Pharis\u00e4er ein Heuchler und der Z\u00f6llner ein Held ist; nein, sie ist ein Einspruch gegen die ganze Art und Weise, wie wir \u00fcber uns selbst denken, und sie ist ein Einspruch gegen unsere Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Wir benehmen uns im Gro\u00dfen und Ganzen wie der Pharis\u00e4er, wie sehr wir uns auch von ihm abgesto\u00dfen f\u00fchlen m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Der Pharis\u00e4er behauptet sich selbst, indem er sich an denjenigen misst, die geringer sind als er selbst. Das ist etwas, was wir alle tun. Unsere Gesellschaft ist durchwachsen von dieser Art des Vergleichens, die uns selbst erh\u00f6hen soll. Wir sehen heimlich auf die Anderen, wir machen die Meinung Anderer \u00fcber sie oder deren Meinung \u00fcber uns zum Ma\u00dfstab des Lebens. Innerhalb dieser Art, die Welt und die Anderen aufzufassen, ist reichlich Platz f\u00fcr Minderwert und Hochmut, f\u00fcr Neid und Schadenfreude.<\/p>\n<p>In unserem gemeinsamen Leben ist das leider ungeheuer h\u00e4ufig. Wenn man irgendetwas besitzt oder etwas kann, bekommt dies oft seine Bedeutung aus der Tatsache, dass Andere einen darum beneiden m\u00fcssen. Der eigene Wert und das eigene Selbstgef\u00fchl h\u00e4ngen oft davon ab, dass man sich umfassend mit Anderen vergleicht. Man st\u00e4rkt seinen eigenen Glauben daran, dass man f\u00fcr etwas steht, indem man Andere heruntermacht. Das ist schon im Kindergarten so; unter jungen Menschen; unter denen, die den Ton angeben; es gilt im Grund von uns allen: Man behauptet sich im <em>Vergleich<\/em> mit Anderen. Es ist wie die Luft, die wir von Kindesbeinen geatmet haben. Der Vergleich ist ehrlich gesagt eine Pest in unserem Leben.<\/p>\n<p>Der Fehler des Pharis\u00e4ers war es <em>nicht<\/em>, dass er ordentlich zu leben versuchte, ja, nicht einmal, dass er seinem Streben Wert beima\u00df. Sein Fehler war es, dass er diesen Wert aus einem Vergleich mit den Anderen zog. Er meinte, er k\u00f6nne sich f\u00fcr sein Leben mit dem Ma\u00dfstab begn\u00fcgen, der in einem armen Z\u00f6llner bestand. Er meinte, mit ihm sei alles in Ordnung, wenn er nur besser war als die Geringsten. Wenn wir uns heute immerzu mit den Augen Anderer sehen, wenn wir herabsetzend \u00fcber die Anderen reden oder ihnen die Schuld geben, aber nur selten die Ehre zuerkennen, es sei denn, dies k\u00f6nnte uns noch weiter \u00fcber sie erhaben erscheinen lassen, dann ist das Ausdruck daf\u00fcr, dass wir die Anderen nicht als Br\u00fcder und Schwestern sehen k\u00f6nnen, weil wir sie alle geringsch\u00e4tzen oder uns selbst geringsch\u00e4tzen. Das Evangelium verwendet einen gr\u00f6\u00dferen Ma\u00dfstab, ja den gr\u00f6\u00dften. Es sagt: Gott existiert \u2013 er will dein Leben und er will etwas Bestimmtes damit. Wenn du dich selbst messen willst, dann messe dich selbst mit diesem Ma\u00dfstab \u2013 anstelle mit den Anderen. So dr\u00fcckt die Kirche eine einzigartige Achtung vor einem jeden Menschen aus. Ein jeder Mensch steht in einem Verh\u00e4ltnis zu Gott, jeder Mensch ist deshalb auch etwas ganz Besonderes, auch wenn er vielleicht im Verh\u00e4ltnis zu Anderen nichts ist. Dass Gott existiert, bedeutet, dass jeder Mensch nicht nur an den Anderen gemessen werden soll, sondern mit einem Ma\u00dfstab, der gr\u00f6\u00dfer ist. Gemessen mit diesem Ma\u00dfstab kommt der Mensch zu kurz. Dass sich der Mensch aber \u00fcberhaupt an diesem Ma\u00dfstab messen darf, das ist zugleich Ausdruck daf\u00fcr, wieviel der Mensch wert ist.<\/p>\n<p>Der Z\u00f6llner, der sich auf die Brust schl\u00e4gt und sagt, Gott, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig, war gewi\u00df, verglichen mit dem Pharis\u00e4er, ein armer Tropf. Das wu\u00dfte er sehr genau, es gab nicht viele, die geringer waren als er. Aber er begn\u00fcgte sich nicht damit, sich an dem bescheidenen Ma\u00dfstab zu messen, der da hei\u00dft: diejenigen, die geringer sind als ich; er wagte es, sich an dem gr\u00f6\u00dften Ma\u00dfstab zu messen, den es gibt, an Gottes Ma\u00dfstab. Es geh\u00f6rt einiges dazu, zu Gott hinzugehen und zu sagen: Gott, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig. Das verlangt einen Glauben daran, dass man kein Wurm ist, sondern ein Mensch. Es verlangt einen Glauben daran, dass Gott etwas mit seinem Leben gewollt hat, wie sehr man es auch verfehlt hat. Der Z\u00f6llner ist zu kurz gekommen gegen\u00fcber dem, was Gott mit ihm gewollt hatte \u2013 auch in seltenem Ausma\u00df. Aber er ging gerechtfertigt nach Hause, sagt Jesus. Das hei\u00dft: er ging nach Hause als ein Mann, der sein Haupt erheben durfte, auch wenn er zuf\u00e4llig an einem Pharis\u00e4er vorbeiging. Denn es war Gott gewesen, zu dem er seine Augen nicht zu erheben wagte, und das durfte er jetzt.<\/p>\n<p>Das Evangelium handelt davon, dass Gott sich unserer annimmt und uns zurechtweist. Das Evangelium holt uns aus unserer Finsternis, aus der Finsternis der Selbstverachtung oder des Hochmuts, und \u00f6ffnet die Welt von neuem f\u00fcr uns. So wie Paulus es empfand \u2013 der Mann mit der Pharis\u00e4ervergangenheit. Du bist etwas wert, unabh\u00e4ngig davon, ob du es in den Augen Anderer nicht bist. Du bist ein S\u00fcnder, vielleicht sogar ein gro\u00dfer S\u00fcnder. Aber das ist ein Adel, denn Gott hat seine Liebe S\u00fcndern zugewandt. Ganz einf\u00e4ltig gesagt: wer sich vor Gott beugt, braucht vor keinem anderen Menschen zu kriechen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\nRibe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<br \/>\nTel.: 74 52 20 25<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\">nha@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis | 7. 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