{"id":10653,"date":"2005-08-07T19:49:13","date_gmt":"2005-08-07T17:49:13","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10653"},"modified":"2025-07-10T14:50:44","modified_gmt":"2025-07-10T12:50:44","slug":"jesaia-29-17-24-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaia-29-17-24-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 29, 17- 24"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">12. Sonntag nach Trinitatis | 14. August 2005 |\u00a0Jesaja 29, 17- 24 | Heinz Behrends |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Vorbemerkung<\/p>\n<p>Eine Vision schafft immer ein Gegen-Bild zur aktuellen Realit\u00e4t. Je st\u00e4rker ich die Realit\u00e4t erlebe oder beschreiben kann, desto kraftvoller die Vision. Die Vision zeigt ein Leben, wie es werde kann und wirkt schon jetzt in die Gegenwart hinein.<br \/>\nDer Prophet bezieht seine Vision auf das Volk. Sie darf in der Predigt nicht individualisiert werden.<\/p>\n<p>Hallo, liebe Gemeinde!<br \/>\nHallo, so er\u00f6ffnet der Prophet Jesaja den Predigttext. Wohlan\u201c \u00fcbersetzt Martin Luther. Hallo hei\u00dft es auf Hebr\u00e4isch. Mit Hallo kommt Jesaja schwungvoll daher und k\u00fcndigt an, da\u00df es bald so weit sein wird. \u201eEine kleine Weile noch\u201c, dann wird die Erde verwandelt sein. Wo felsiges Gebirge war, wird ein bl\u00fchender Garten sein. Wo sich ein Land fruchtbar d\u00fcnkt, w\u00e4chst Gestr\u00fcpp. Und dann wird er immer konkreter in seinem Bild von Zukunft. Leute, die weggeh\u00f6rt haben, h\u00f6ren zu, \u201eTaube h\u00f6ren die Worte des Buches.\u201c Menschen, die weggekuckt haben, nichts mit allem zu tun haben wollen, schauen hin und interessieren sich, \u201eBlinde werden sehen.\u201c Pr\u00e4sident Mugabe, der Tyrann in Sambia, wird seine Leute nicht mehr qu\u00e4len und vertreiben. \u201eEs wird ein Ende mit ihm haben.\u201c Sp\u00f6tter, die uns nachrufen \u201eWas glaubst du denn da als moderner Mensch f\u00fcr einen Kram!\u201c werden verstummen. Fanatisierte Menschen mit einer Bombe im Rucksack, die Schrecken verbreiten wollen, werden nicht mehr sein. Sie haben sich alle selbst \u201evertilgt.\u201c Verfassungsrichter werden nicht bedr\u00e4ngt. Menschen, die \u201eim Tor zurechtweisen\u201c, wird nicht mehr nachgestellt. Die Korruption in den Vorstandsetagen und L\u00fcgen in den Ministerien sind nicht mehr. Jugendliche haben ihre Orientierung gefunden, niemand greift mehr hilflos nach jedem Sinn, der ihm angeboten wird.<br \/>\n\u201eWelche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen.\u201c Die ewigen N\u00f6rgler h\u00f6ren auf zu n\u00f6rgeln und lassen sich zur Sache rufen. \u201eWelche murren, werden sich belehren lassen.\u201c<\/p>\n<p>Hallo, liebe Gemeinde, so wird es sein. Fruchtbares Land, lebenswertes Leben. Das Wirken Gottes wird wieder erkannt und gesch\u00e4tzt werden. Sein Name wird geheiligt sein.<br \/>\nHallo, hallo, kann ich da nur sagen. H\u00f6rt und merkt auf. Wie forsch, kraftvoll, vollmundig und warmherzig kommt der Prophet daher. Er spricht f\u00fcr Menschen, die das Elend ihrer Zeit sehen. Menschen, die sich um den Garten des Menschlichen sorgen. Die sich nichts vormachen. Dem\u00fctige und Arme. Sie sind auf grund ihrer Lebenssituation gewohnt, nicht um die Dinge herumzureden. Wer im Dreck sitzt, wei\u00df, was Dreck ist. Er will da raus. Hoffnung hat nur, wer die Realit\u00e4ten sieht. \u201eEin sattes Volk stirbt, weil es keine Visionen mehr hat,\u201c hat Dorothee S\u00f6lle, die wache und kritische Theologin, einmal gesagt. Visionen als ein Bild vom Morgen kann nur entwickeln, wer sich ein Bild vom Heute gemacht hat.<br \/>\nF\u00fcr den Propheten und seine Leute war das damals relativ eindeutig, wie sie ihre Lebenssituation deuten sollten. F\u00fcr uns ist das alles viel undeutlicher und mehrschichtiger geworden.<br \/>\nMeine Frau, ich und unsere J\u00fcngste sitzen diese Woche abends mit unserer \u00c4ltesten in entspannter und konzentrierter Atmosph\u00e4re zusammen. Katrin macht zu Hause ein paar Tage Urlaub von ihrer anstrengender Examensvorbreitung. Sie packt das alles mit viel Kraft und Entschlossenheit an. Sie ist \u00fcber die Pr\u00fcfung hinaus schon mit ihrer Zukunft besch\u00e4ftigt.<br \/>\n\u201eWenn ich an die Zukunft denke, k\u00f6nnt ich mich sch\u00fctteln,\u201c bricht es aus ihr heraus, \u201eich sehe lauter rumh\u00e4ngende, schlaffe, kraftlose Jugendliche vor mir und muffelige Alte, die sich ungerecht behandelt f\u00fchlen und nur noch ihre knapper werdende Rente beklagen. Besserung wird von allen nur durch eine andere \u00d6konomie, durch eine florierende Wirtschaft erwartet.<br \/>\nIn so einer Welt m\u00f6chte ich nicht leben.\u201c<br \/>\nSchon sind wir mit unseren unterschiedlichen Erfahrungen mitten drin im Gespr\u00e4ch \u00fcber unsere aktuelle Situation. \u201eMehr Mut\u201c schreibt eine der Parteien in unserem Land seit letzter Woche auf ihren gro\u00dfen Wahlplakaten. \u201eNutzen wir die Chancen unseres Landes\u201c, schreibt eine andere. Gleichzeitig erkl\u00e4ren diese Woche in einer Umfragung 79 % der Bev\u00f6lkerung, dass ihr Vertrauen in die Parteien immer mehr sinkt. Das Leben in unserem Land f\u00e4hrt allm\u00e4hlich fest. Wir zehren noch von einem Wohlstand, der sich in den letzten 50 Jahren \u00fcber viele in unserem Land ausgebreitet hat. Er hat aber auch vielen die Kraft und die Kenntnis vom \u00dcberleben in schwer werdenden Zeiten geraubt.<br \/>\nMarie f\u00e4delt sich mit ihren Erfahrungen als 19j\u00e4hrige Sch\u00fclerin ins Gespr\u00e4ch ein. \u201eIn meiner Klasse kommt die H\u00e4lfte mit einem eigenen Auto zur Schule\u201c, sagt sie, \u201cals ich erz\u00e4hlt habe, dass ich Kilometergeld bezahlen muss, wenn ich Euer Auto benutze, haben die mich gefragt, was ich denn f\u00fcr Raben-Eltern habe.\u201c Aus guter Absicht werden sie alle gut versorgt von ihren Eltern und lernen das Leben nicht kennen. \u201eMeine Kommilitonin bereitet sich seit 14 Tagen erst auf ihr Examen vor und st\u00f6hnt und st\u00f6hnt,\u201c f\u00fcgt Katrin hinzu, \u201eals wenn das unm\u00f6glich w\u00e4re, sich mal 10 Stunden am Tag an die B\u00fccher zu setzen. Da geht f\u00fcr sie eine Welt unter. Die hat ne richtige Sinn-Krise bekommen.\u201c<br \/>\nDas ist das nicht selbst gew\u00e4hlte Schicksal unserer jungen Generation. Sie sind in eine ges\u00e4ttigte Gesellschaft hineingewachsen. Nun sind sie \u00fcberf\u00fcttert. Aus falscher R\u00fccksicht hat man sie unterfordert, den harten Anforderungen des Lebens nicht ausgesetzt. Das Ergebnis: Schlaffheit, Wehleidigkeit, Resignation. Um sich selber kreisen. Der Blick nach vorne ist selbst verbaut. Aber was rede ich von jungen Leuten. Sie sind nur Abbild meiner Generation, der Generation der Eltern.<\/p>\n<p>Wo sind die Kr\u00e4fte, die in unser Land Bewegung bringen?<br \/>\nSie m\u00fcssen glaubw\u00fcrdig sein. Dann h\u00f6rt man zu und schaut hin. Eltern und Lehrer, die zeigen, wo sie stehen und was sie lieben, werden gesch\u00e4tzt. Die den Dingen einen Namen geben k\u00f6nnen, die unsere namenlose Kultur nicht f\u00f6rdern. \u201e\u00d6konomische Hauruck-Rufe verhallen doch alle,\u201c sagte unsere Katrin.<\/p>\n<p>Ehrlichkeit haben sich die Parteien vor der Wahl auf ihre Fahnen geschrieben. Bisher dabei rausgekommen ist taktisches Gerede.<br \/>\nDie Voraussetzung, die Zukunft zu gewinnen, ist die Einsicht in die Realit\u00e4t. Ja, die Ehrlichkeit.<br \/>\nDie Antwort des Propheten ist relativ einfach. \u201eSie werden h\u00f6ren auf die Worte des Buches.\u201c<br \/>\nIch merke das in meiner Arbeit immer mehr, wie aufmerksam zugeh\u00f6rt wird, wenn ich Gedanken der Bibel in Gespr\u00e4chen oder auf nicht-kirchlichen Veranstaltungen \u00e4u\u00dfere. Je weiter weg sie von ihrem Wissen um die christlichen Gedanken sind, um so hellh\u00f6riger.<\/p>\n<p>Kirchliche Profis fragen sich etwas verzagt: Was hat denn die Vision des Jesaja \u00fcber die 2500 Jahre bewirkt? Hat sie Tyrannen verhindert, hat sie Elend aufgehalten? &#8211; Nein. &#8211; Ja, was soll ich denn heute noch von seinen Visionen reden! &#8211; Ja, warum hat sie denn damals nicht jemand vernichtet, die Papierrolle mit seinen Zukunftsbildern nicht verbrannt?<\/p>\n<p>Wir brauchen diese Bilder von einer Welt, die noch werden kann.<\/p>\n<p>Gott wird es richten, sagt der Prophet, dass es geschieht. Er wird daf\u00fcr sorgen, dass Jakob nicht mehr besch\u00e4mt dastehen muss ob seines Glaubens.<\/p>\n<p>Ich sehe f\u00fcr uns Christen in diesem Land eine unermesslich kostbare Aufgabe, dass wir die Kraft und die Bilder des Propheten vermitteln und leben. Vom wem soll ein Aufbruch, eine Verwandlung ausgehen, wenn nicht von uns, die wir Gott heiligen und f\u00fcrchten, ehren und anerkennen und lieben.<br \/>\n\u00dcbrigens, meine Erfahrung mit jungen Menschen ist, dass sie aufbl\u00fchen, wo sie gefordert und geliebt werden.<br \/>\nHallo! Wohlan! Ermutige uns der Prophet zu tieferem Glauben und zu st\u00e4rkerem Handeln. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Superintendent<br \/>\nHeinz Behrends<br \/>\nEntenmarkt 2<br \/>\n37154 Northeim<br \/>\n<a href=\"mailto:Heinz.Behrends@evlka.de\">Heinz.Behrends@evlka.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12. Sonntag nach Trinitatis | 14. August 2005 |\u00a0Jesaja 29, 17- 24 | Heinz Behrends | Vorbemerkung Eine Vision schafft immer ein Gegen-Bild zur aktuellen Realit\u00e4t. Je st\u00e4rker ich die Realit\u00e4t erlebe oder beschreiben kann, desto kraftvoller die Vision. 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